Magazinrundschau - Archiv

The Nation

164 Presseschau-Absätze - Seite 7 von 17

Magazinrundschau vom 17.02.2015 - The Nation

Der 1979 geborene Dichter und Schriftsteller Ben Lerner gilt nach zwei Romanen als der neue junge Romancier, der unsere Zeit erfasst. Jon Baskin ist leicht überrascht. Ihm erscheinen die Protagonisten in beiden Romanen als bemerkenswert selbstbesessene, an anderen nur vage interessierte Figuren. "Dass beide Bücher aus einer so begrenzten und partiellen Perspektive aus geschrieben sind muss nicht notwendig gegen sie sprechen. Seit dem Modernismus wissen wir, dass literarische Meisterwerke gänzlich aus dem Gespräch eines Protagonisten mit sich selbst bestehen können. Betrachtet man jedoch den allgemeinen Konsens, dass Lerners Roman etwas über unser gegenwärtiges literarisches Klima aussagen, ist es interessant zu analysieren, worauf das hindeutet." Was Baskin dann auch in aller Ausführlichkeit tut.

Magazinrundschau vom 23.12.2014 - The Nation

Der Historiker Piotr H. Kosicki feiert Polens junge Intelligenzija, die der polnischen Geschichte ein besseres Denkmal setzt als all die neuen historischen Museen, die an die Solidarność oder den Warschauer Aufstand erinnern. Und die sich besonders in den neuen Zeitschriften findet: "Krytyka Polityczna stellt den Versuch dar, das Erbe der alten Dissidenten so gut wie möglich zu bewahren, und zugleich nationale polnische Traditionen mit sozialer Gerechtigkeit zu verbinden - ohne Fremdenfeindlichkeit, Klerikalismus und politischen Illiberalismus. Das Programm der Krytyka Polityczna unterstreicht die Schwierigkeit, über sprachliche und kulturelle Grenzen hinweg uniforme politische Begriffe wie Links und Rechts anzuwenden. In Polen muss "links" nicht Antinationalismus implizieren, während "rechts" nicht das Eintreten für soziale Gerechtigkeit ausschließt. Ganz im Gegenteil: Links und Rechts konkurrieren in ihrem wohlfahrtsstaatlichen Engagement. Ebenso faszinierend ist die Nähe der jungen Aktivisten von Krytyka Polityczna und Polens zu den selbsterklärten jungen Liberalen um die Zeitschrift Kultura Liberalna."

Tim Weiner macht für die Folterpraktiken der CIA vor allem den Kongress verantwortlich, der sich mit dem 11. September von allen Kontrollaufgaben verabschiedet hat: "Der Präsident war ein Schurke, und der Kongress hat nicht den Mut aufgebracht, ihn für die geheimen Operationen zu verurteilen, nicht einmal für die eindeutig illegalen. Es war nicht so, dass CIA-Beamte in Afghanistan am Lagerfeuer saßen und einer sagte: "Hey, ich habe eine prima Idee. Lasst uns die Jungs foltern!" Nein, das waren der Präsident, der Vizepräsident, ihre Anwälte und die smarten CIA-Chefs, die - allzeitbereit! - ihre Befehle ausführten."

Magazinrundschau vom 16.12.2014 - The Nation

Barry Schwabsky denkt über Künstler nach, die ihre Kunst nicht erklären können, die ihr Geheimnis für sich behalten. Albert York zum Beispiel, der kaum je mehr als "Ja", "Nein" und "Vielleicht" sagte. Oder Judith Scott, die taubstumm war und mit dem Down-Syndrom geschlagen. Ihre Skulpturen lassen sich leicht in die moderne Kunst einordnen, und doch sind sie davon völlig unberührt. Scott, 2005 gestorben, galt jahrzehntelang als schwachsinnig und fing erst mit 43 Jahren an, als Künstlerin zu arbeiten. Wie soll man ihre Kunst verstehen? Vielleicht lag Wittgenstein doch falsch, als er verkündete, so etwas wie eine private Sprache gebe es nicht, überlegt Schwabsky: "Wenn ich richtig liege und Scotts Kunst durch ihre Erfindung einer privaten Sprache möglich wurde, dann heißt das, dass sie eine Sprache hatte, in der es keine Geheimnisse gab: Alles, was es in dieser Sprache zu wissen gab, wurde von allen gewusst, die diese Sprache beherrschten. Darum wirkt Scotts Arbeit so offen, als habe sie nichts zu verbergen, als habe sie keinen dunklen Kern, obwohl sie mysteriös bleibt - denn dieses Mysteriöse ist nicht Stück eines gefährlichen Wissens, das ausgedrückt oder zurückgehalten werden kann, sondern eben die Sprache, in der dieses Wissen wohnt. Es liegt eine Art Furchtlosigkeit in ihrer Arbeit - in der Bestimmtheit, mit der Entscheidungen getroffen wurden und in der Richtigkeit. Zumindest in ihrer Kunst kann Scott niemals missverstanden werden."

(Scotts Arbeiten sind derzeit im Brooklyn Museum zu sehen. Bild: Judith Scott, Untitled, 2003-4. Fiber and found objects. Collection of Orren Davis Jordan and Robert Parker. © Creative Growth Art Center. Foto: Addison Doty, Brooklyn Museum)

Besprochen werden Joseph O"Neills neuer Roman "The Dog", der Peter C. Barker ziemlich enttäuscht hat, und zwei Bücher über das Militär in Pakistan.

Magazinrundschau vom 04.11.2014 - The Nation

Oje, noch ein Interview mit Snowden? Jetzt ist mal gut, denkt man. Fängt an zu lesen, in den ersten Absätzen könnte ja was neues stehen, tut es nicht und liest weiter, weil dieser Typ einfach so intelligent ist. Hier spricht er über zivilen Ungehorsam: "Wir sind eine repräsentative Demokratie. Aber wie kam es dazu? Durch direkte Aktion. Und das ist eingraviert in unsere Verfassung und unsere Werte. Wir haben das Recht auf Revolution. Eine Revolution muss nicht immer mit Waffen geführt werden, es geht auch um revolutionäre Ideen. Es geht um die Prinzipien, die wir hochhalten, weil sie die Welt repräsentieren, in der wir leben wollen. Ein Befehl kann jederzeit gegen diese Werte verstoßen. Ich denke, dass wir diese Dynamik gerade sehen. ... Aber wenn der Staat sagt: "Nun, damit dies ein rechmäßiger ziviler Ungehorsam ist, musst du diese und jene Regeln befolgen." Sie stecken uns in "Zonen für freie Rede", sie sagen, wir dürfen etwas nur zu einer bestimmten Zeit tun und nur auf eine bestimmte Art und man dürfe das Regierungshandeln nicht stören. Sie beschränken die Auswirkungen, die ziviler Ungehorsam haben kann. Wir müssen uns daran erinnern, dass ziviler Ungehorsam ungehorsam sein muss, um erfolgreich zu sein. Wenn wir einfach nur den Regeln folgen, die der Staat aufstellt, während er gleichzeitig dem öffentlichen Interesse entgegenarbeitet, dann werden wir nichts verbessern. Wir werden nichts verändern."

Außerdem: Die Kulturanthropologin Gabriella Coleman, Autorin eines demnächst erscheinenden Buchs über Anonymous, empfiehlt fünf Bücher übers Hacken.

Magazinrundschau vom 18.11.2014 - The Nation

Als militärisches Kampfmittel finden Drohnen mittlerweile auch ihren Niederschlag in der Literatur und den Künsten, schreibt Jenna Krajeski. Doch während Drohnen in den USA vor allem die Fantasie von Thrillerautoren beschäftigen oder zu aktivistischer Kunst anregen, sind die landay, eine spezifisch in der pakistanisch-afghanischen Grenzregion von Frauen kultivierte Gedichtform, von der sehr konkreten Bedrohung im Alltag geprägt. Unter dem Titel "I am the Beggar of the World" hat Eliza Griswold kürzlich eine landay-Sammlung veröffentlicht. Diese "trennt ein ganzes Universum von [Richard A. Clarkes Thriller] "Sting of the Drone", obwohl sich beide im Kern mit bewaffneten Dronen und dem "Krieg gegen den Terror" befassen. Dies nicht allein deshalb, weil Clarke sich denkbar stark von den Sängerinnen der landay unterscheidet, die einer distinkt fremden Literaturtradition angehören, oder weil er andere Ziele verfolgt (eines davon sehr wahrscheinlich, Bücher abzusetzen). Drohnen sind zwei unterschiedliche Objekte in der amerikanischen und afghanischen Imagination. In den USA figurieren sie allzuoft als Metaphern, mit einer Vermitteltheit, die noch stärker durch die Distanz zwischen dem Vehikel und seinem Piloten unterstrichen wird. Drohnen symbolisieren hier viel, richten aber nur wenig an. In Afghanistan jedoch existiert die Drohne als eine Tatsache des Lebens, die reale Tragödien verkörpert. Eine Drohne ist dort eine Drohne."

Magazinrundschau vom 12.08.2014 - The Nation

In The Nation stellt André Naffis-Sahely den 2013 verstorbenen italienisch-libyschen Autor Alessandro Spina vor, dessen Romanzyklus "I confini dell"ombra" er gerade ins Englische übersetzt. Spina wurde 1927 in Bengasi, Libyen, geboren. Sein Vater, ein Kaufmann, kam aus einer maronitischen Familie in Syrien und war nach Libyen gegangen, um sein Glück zu machen. Es folgten die Annektion Libyens durch Italien, der Zweite Weltkrieg und die Unabhängigkeit Libyens 1951. Spina, den sein Vater 1939 nach Italien auf die Schule geschickt hatte, kehrte 1953 nach Bengasi zurück - um in den siebziger Jahren mit dem Putsch Gaddafis seine italo-arabisch-ottomanische Welt endgültig untergehen zu sehen. "Wie Joseph Roth, ein anderer unerbittlicher Chronist eines bröckelnden Kaiserreichs, machte es sich Spina schon in jungen Jahren zur Aufgabe, seine verlorene Welt auf dem Papier zu bewahren, und so ihr Überleben in unserem Gedächtnis zu sichern... Wie Chateaubriand einst schrieb: "In einer Gesellschaft, die sich auflöst und reformiert, formt der Kampf zweier Genies, der Clash zwischen Vergangenheit und Zukunft und die Mischung aus alten Sitten und neuen, ein vorübergehendes Amalgam, das keinen Raum für Langeweile lässt." Es ist genau dieser fließende Augenblick in Zeit und Gewohnheit, der Spinas kultivierte Prosa durchdringt mit so einem grenzenlosen Sinn für Abenteuer. Er war nicht nur die "richtige" Person für diesen Job, sondern auch zur rechten Zeit am rechten Ort."

Magazinrundschau vom 22.07.2014 - The Nation

Adam Shatz erzählt in einem lesenswerten Artikel, wie er die festen Gewissenheiten, die er als linker Autor pflegte, über Bord warf und so auch lernte, den Nahost-Konflikt und sein eigenes Urteil besser zu verstehen: ""Wissen Sie, warum wir so berühmt sind", fragte Mahmoud Darwisch den israelischen Autor Helit Yeshurun in "Palästina als Metapher". "Weil ihr unsere Feinde seid. Das Interesse an der Palästinafrage kommt aus dem Interesse an der jüdischen Frage ... An euch sind sie interessiert, nicht an mir! ... Wir haben das Pech, in Israel einen Feind zu haben, mit dem so viele Menschen auf der Welt sympathisieren und wir haben das Glück, dass unser Feind Israel ist, denn die Juden sind das Zentrum der Welt. Ihr habt uns unsere Niederlage, unsere Schwäche, unseren Ruhm gegeben." Darwisch behauptet zu Recht, dass die Sorge um Palästina keine Frage des Antisemitismus ist, wie Israelfreunde behaupten, sondern eher eine Beschäftigung mit sich selbst widerspiegelt: Die Palästinenser sind wichtig für den Westen, weil ihre Unterdrückung durch israelische Juden sie zu Protagonisten einer westlichen Erzählung macht."

Magazinrundschau vom 15.07.2014 - The Nation

Aaron Cohen bespricht zwei neue Bücher über Stax-Label. Greg Kots Familien-Biografie über die Staple Singers "I"ll Take You There" und Robert Gordons "Respect Yourself" über die Geschichte des Labels selbst: "Gordon setzt die Geschichte des Stax-Labels in den Kontext der Bürgerrechtsbewegung in Memphis ein. Jim Stewart, ein weißer Bankangestellter und Country-Geiger baute die Firma in den späten Fünfzigern zusammen mit seiner Schwester Estelle Axton auf. Sie öffneten ihren Landen in einem schwarzen Stadtviertel jedem, der bei ihnen vorspielen oder einen Song aufnehmen wollte. Drei Jahre, bevor die Studenten der Stadt ihre Mensa integrierten." Hier hat die New York Times Kots Buch besprochen.

Und "Respect Yourself" ist bekanntlich auch einer der größten Hits der Staple Singers:

Magazinrundschau vom 28.03.2014 - The Nation

Im letzten Jahr, 35 Jahre seiner der Ermordung durch eine vergifteten Regenschirmspitze, verjährte der tödliche Anschlag auf den bulgarischen Schriftsteller Georgi Markow in London. Sein Cousin Luben versucht zwar immer noch, Beweise für die Verantwortung des Geheimdienstes SSS zu finden, aber Dimiter Kenarov erscheint das in seinem riesigen Text über Markow für nicht sehr aussichtsreich. ""In Bulgarien gab es keine echte Dekommunisierung, keine Lustration und die Geheimdienstakten des SSS wurde sehr spät geöffnet, um einen kontrollierten Übergang in die Demokratie zu erreichen", sagt der Journalist Hristo Hristov. "Aber im Endergebnis wird die Gesellschaft immer noch durch die selben Apparate manipuliert, in denen die ehemaligen Mitgliedern des SSS präsent sind - in der Politik, in der Wirtschaft, in den Medien. Das ist der Grund, warum wir keine Erinnerung an Georgi Markow haben. Und die Erinnerung an Markow fehlt, weil es insgesamt keine Erinnerung an die Opfer des Kommunismus gibt." In Bulgarien sei es viel einfacher die Memoiren des ehemaligen kommunistischen Staatschefs Todor Schiwkow zu finden als Markows Romane "Das Porträt meines Doppelgängers" oder "Die Frauen von Warschau".

Magazinrundschau vom 19.04.2014 - The Nation

Barry Schwabsky ist in einer großen Doppelbesprechung für The Nation nur mäßig begeistert von den künstlerischen Hervorbringungen des italienischen Futurismus, dem gerade eine große Ausstellung im New Yorker Guggenheim-Museum gewidmet ist. Im zweiten Teil seines Artikels wendet er sich darum der jüngsten Whitney Biennale zu, die viele früh verstorbene Künstler der jüngsten Vergangenheit zeigt und Schwabsky zu einer tiefsinnnigen Bemerkung veranlasst: Stellt er zu Beginn seines Artikels fest, dass sich junge Kunsthistoriker immer weniger für die Kunst der Vergangenheit interessieren, "so haben sich Künstler immer eifriger in Historiker verwandelt, ja in Archivare und sogar Sammler. Stilistisch hat die neueste Kunst ihr Auge fest auf die Vergangenheit geheftet und ist darum nicht schlechter. Dawoud Beys Schwarzweißporträts über die Zeit der Bombenattentate in Birmingham, Alabama, 1963 haben den nüchternen und doch empathischen Blick August Sanders; Alma Allens biomorphe Skulpturen blicken zurück zu Arp und Brancusi."