Magazinrundschau - Archiv

The New Republic

168 Presseschau-Absätze - Seite 14 von 17

Magazinrundschau vom 12.08.2008 - New Republic

Das Leiden in Darfur ist keine Angelegenheit von gestern, schreibt Richard Just in einem ausführlichen Essay, der noch einmal en detail das Geschehen rekapituliert und darüber Klarheit zu gewinnen versucht, warum es niemand aufgehalten hat. "Niemals zuvor haben wir einen Genozid so aufmerksam beobachtet. Wir haben Filme gesehen, Bücher gelesen und Armbänder getragen. Unsere Politiker besuchten Friedenskonferenzen, gaben Ultimaten heraus und haben sogar eine internationale Truppe bereitgestellt. Doch nichts davon hat dem Morden ein Ende gesetzt. Was ist schief gelaufen? Sind wir mit der Zeit immun geworden gegenüber den Bildern und Berichten? Haben wir zu viel Gewicht auf die Komplexität des Konflikts gelegt und zu wenig auf auf das menschliche Leiden, das sich vor unseren Augen ereignete? Haben wir den Vereinten Nationen zu viel zugetraut und uns selbst zu wenig? Haben wir unseren gewählten Politikern erlaubt, die Verantwortung auf uns abzuwälzen, uns mit luftigen Äußerungen zu besänftigen und zu unserem Engagement zu gratulieren, wo sie sich doch mit ihren Generälen hätten beraten müssen, wie man so schnell wie möglich Soldaten dorthin bekommt?"

Magazinrundschau vom 05.08.2008 - New Republic

Sozusagen unbemerkt von der Öffentlichkeit ist Chicago in den vergangenen Jahren geradezu europäisch geworden, beobachtet Alan Ehrenhalt mit Entsetzen: "In den vergangenen drei Jahrzehnten haben sich in Chicago Veränderungen zugetragen, die üblicherweise als Gentrifizierung bezeichnet werden, aber tatsächlich sind sie komplizierter und grundlegender. Eine bessere Beschreibung wäre demografische Inversion. Chicago ähnelt mehr und mehr einer traditionellen europäischen Stadt - Wien oder Paris im 19. Jahrhundert, oder noch eher dem Paris von heute. Die Armen und Zugezogenen leben in den Vororten. In der Nähe des Zentrums leben wenige Schwarz oder Hispanics, zumeist Weiße - solche, die es sich leisten können."

James Kirchick stellt die "Advokaten des Teufels" vor, Lobbyisten, die in Washington für Afrikas Despoten arbeiten. Der frühere Vorsitzende des Black Caucus im Kongress, Mervyn Dymally, etwa vertrat für kurze Zeit das sklavenhalterische Mauretanien. Der berüchtigste von ihnen war Edward von Kloberg III ("Shame is for sissies"!), der für Saddam Hussein und Nicolae Ceausescu arbeitete und sich sogar vom Satiremagazine Spy ködern ließ, das angebliche deutsche Neonazis zu ihm schickte, denen er bei der Besatzung Polens helfen sollte.

Magazinrundschau vom 24.06.2008 - New Republic

Die neues Ausgabe der New Republic ist dem neuen China gewidmet, das sich kein bisschen vom alten unterscheidet, wie das Heft zeigt.

Philip P. Pan poträtiert in einer sehr ergreifenden Geschichte den "letzten Helden von Tienanmen": Den Notfall-Chirurgen Jiang Yanyong, der die chinesischen Behörden erst dazu gezwungen hat, die Verbreitung von SARS offenzulegen und im darauf folgenden Jahr, 2004, in einem Brief an die chinesische KP festhielt, wie er als Chirurg des Krankenhauses PLA No. 301 den 4. Juni 1989 miterlebt hat: "'Ich habe zuvor verwundete Soldaten behandelt, während meines Einsatzes als Arzt im Eisenbahn-Korps der Volksbefreiungsarmee , das die Chengdu-Kunming-Strecke baute. Deren Verletzungen resultierten aus unvermeidbaren Unfällen während der Konstruktionsarbeiten, doch hier in Peking, der wunderbaren Hauptstadt Chinas, lagen vor meinen Augen unsere eigenen Leute, getötet von unserer Volksarmee, mit Waffen, die wir dem Volk verdanken.' Jian schrieb auch darüber, wie er darum gekämpft hatte, einen jungen Athleten zu retten, der jedoch auf dem Operationstisch starb, weil das Krankenhaus nicht genügend Blutreserven hatte." Wie Pan weiter berichtet, dauerte es nur wenige Monate, bis Jiang Yanyong "zu seinem eigenen Schutz" von Militärs abgeholt wurde und in einem Gästehaus "auszuruhen, zu studieren und sein Verständnis zu verbessern".

Das Editorial diagnostiziert ein China-Syndrom, nach dem Präsidentschaftskandidaten immer recht harte Töne gegenüber Peking anschlagen, jedoch leisetreten, sobald sie im Amt sind.

Magazinrundschau vom 27.05.2008 - New Republic

Streit unter den Dschihadisten: Osama bin Laden ist plötzlich umstritten, berichten Peter Bergen und Paul Cruickshank. So hat Noman Benotman, ehemaliger Führer der Libyan Islamic Fighting Group, im letzten September einen im Westen kaum zur Kenntnis genommenen Offenen Brief an bin Laden geschrieben, "in dem er Al Qaida aufforderte, alle Operationen in den arabischen Ländern und im Westen einzustellen. Die Einwohner der westlichen Länder wären schuldlos und sollten nicht Ziel von terroristischen Attacken werden, sagt Benotman, der mit seinem englischen Akzent, eleganten Anzug, getrimmten Bart und lässigen Auftreten nur schwer die Vorstellung aufkommen lässt, dass er einst an der afghanischen Front stand. (...) Damit stimmte Benotman in einen wachsenden Chor des Ärgers gegen Al Qaida und seine Verbündeten ein, deren Opfer seit dem 11. September vor allem Muslime waren. Noch wichtiger: er schloss sich einer größeren Gruppe aus religiösen Wissenschaftlern, früheren Kämpfern und Militanter an, die einst großen Einfluss hatten auf die Führer Al Qaidas hatten und die sich - alarmiert durch die wachsende Bedrohung von Zivilisten im Westen, das sinnlose Töten in muslimischen Ländern und Al Qaidas barbarische Taktiken im Irak - gegen die Organisation wenden, viele erst im vergangenen Jahr."

Magazinrundschau vom 13.05.2008 - New Republic

Selten ist ein Buch in den letzten Jahren mit solcher Verve verrissen worden wie Nicholson Bakers (mehr hier) pazifistische Streitschrift "Human Smoke" (Auszug), die die Berechtigung des alliierten Kriegs gegen die Nazis in Frage stellt, durch die Gulag-Historikerin Anne Applebaum. Es ist eine doppelte Polemik, einerseits gegen Bakers Buch, andererseits gegen das Internet und einen ihrer Meinung nach hier grassierenden Unernst, der mit zusammengestoppeltem Wissen aus Google und Wikipedia Verschwörungstheorien fabriziert. Und Baker ist Wikipedia-Fan, wie er jüngst in der New York Review of Books unterstrich! Bakers Buch resümiert Applebaum so: "Man kann mit Bakers Argumentation nicht uneins sein, weil er keine hat. Er baut keine Beweisführung auf, er unterstellt und lässt den Leser raten, was. Meine beste Paraphrase seiner Ansichten geht so: Churchill war ein Tyrann und Trinker. Die Roosevelts waren Snobs und Antisemiten. Also waren sie nicht gut. Also war ihr sogenannter 'guter' Krieg reine Heuchelei. Also kämpften sie nur, weil sie Büttel des militärisch-industriellen Komplexes waren und und eine blutrünstige Vorliebe für Flächenbombardements hatten..." Und so weiter...

Nun sieht es so aus, als würde Barack Obama für die Demokraten ins Rennen gehen. Sicherlich gibt es heute weit weniger Rassismus als noch vor fünfzig Jahren, schreibt John B. Judis, aber es bleibt ein rassistisches Unterbewusstsein, das sich durch subtile soziologische Methoden ans Licht bringen lässt. Etwa 15 Prozent der Anhänger der Demokraten würden Obama nicht wählen, weil er schwarz ist, und die Frage ist in Judis' Artikel, ob und wie Obama dieses Hindernis überwinden kann. Die eher noch rassistischen Bevölkerungsteile findet Judis in der weißen Working Class, aber nicht nur dort: "Die einzigen Gruppen, die keine rassischen Aversionen gegen Schwarze zeigten, waren Weiße mit Universitätsabschluss und natürlich Afro-Amerikaner. Die Hispanics hatten fast so viele Vorurteile wie die Weißen, und dann gibt es da noch die als 'Andere' bezeichnete Gruppe, die Asian-Americans einschließt und die noch ausgeprochenere Ressentiments hegt - einer der Gründe, warum Obama in Kalifornien so schlecht abschnitt." Laut Judis sollte Obama die Rassenfrage im Wahlkampf eher vermeiden und sich auf die Themen Irak-Krieg und Wirtschaft konzentrieren.

Die New Republic ist auch sonst in Form, diese Woche: Cynthia Ozick schreibt einen großen Essay über Lionel Trilling. Francesca Mari erklärt, was "Cosmic Realism" ist. Gabriel Sherman analysiert Murdochs Strategie für das Wall Street Journal.

Magazinrundschau vom 01.04.2008 - New Republic

Die Schlacht um die demokratische Präsidentschaftskandidatur findet auch in Wikipedia statt, berichtet Eve Fairbanks. Da kann es schon passieren, dass ein Clinton-Foto gegen das eines Walrosses ausgetauscht wird oder dass Obama plötzlich als "Kenyan-American politician" bezeichnet wird. Aber das wird schnell korrigiert. Fairkanks hat den Schutzengel hinter dem Wikipedia-Artikel über Hillary Clinton aufgespürt, Jonathan Schilling, ein Programmierer aus New Jersey: "Schilling ist der Mann, der Hillarys Online-Ich vor den Hassattacken des Publikums beschützt. Er schätzt, dass er unter dem Nutzerpseudonym 'Wasted Time R' bis zu 15 Stunden in der Woche mit Redaktionsarbeit in Wikipedia aufbringt - das meiste mit Hillarys Seite. Kaum eine Nachricht oder Bemerkung, die nicht durch seine Hände geht: 77 mal hat er im letzten Monat die Seite aktualisiert, zumeist indem er Veränderungen löschte, die ihm als unangebracht erschienen." (Der Perlentaucher verlinkt nicht auf Wikipedia-Artikel - hier der Grund.)
Stichwörter: Clinton, Hillary, Wikipedia

Magazinrundschau vom 22.01.2008 - New Republic

Auch in den USA ist Irene Nemirovsky zur literarischen Heroine avanciert. Nach "Suite francaise" und "Der Ball" erscheint dort nun der Roman "David Gobler" über einen habgierigen jüdischen Ölmagnaten, und Ruth Franklin ist entsetzt über den Antisemitismus und das reaktionäre Gedankengut der in Auschwitz ermordeten Autorin: "Nemirovsky hat 1935 zugegebenermaßen erklärt, 'dass sie "David Golder" abgemildert hätte, wenn es Hitler schon gegeben hätte'. Sie wusste also, was sie dort verfertigt hatte. Und sie wiederholte es 1939: 'Wie konnte ich so etwas nur schreiben? Das Klima hat sich doch sehr gewandelt!' Nemirovskys Distanzierung von ihrem eigenen Roman macht es nur umso schockierender, dass irgendjemand ihn heute noch zu verteidigen versucht. Und vielleicht hätte ein überlegter Beobachter auch bemerkt, dass es bereits 1929 eine gefährliche Zeit war, das rechte Feuer anzufachen."

Die Titelgeschichte ist dem demokratischen Präsidentschaftsbewerber Barack Obama gewidmet, der Noah Schreiber an dessen einmalig enttäuschenden Vorgänger Howard Dean erinnert.

Magazinrundschau vom 11.12.2007 - New Republic

Die Titelgeschichte ist der amerikanischen Literaturkritik gewidmet, der die frühere Kritikerin der Boston Review, Gail Pool, in ihrem Buch "Faint Praise" ein ganz miserables Zeugnis ausstellt. James Wolcott möchte ihr da gar nicht widersprechen, doch findet er die Bestandsaufnahme zu kleinteilig. Es fehle nicht an Platz oder Qualitätskontrolle, sondern vor allem an Persönlichkeit: "Wenn für einen Kritiker gutes Benehmen darin besteht, jede Phrase in einen Messbecher zu geben, können wir gleich unseren Zauberkoffer abgeben. Diese Erkundung des literarischen Flachlands lässt einen nicht mal erahnen, welch Blitz und Donner Rezensionen erzeugen können, wenn der richtige Kritiker frontal auf das richtige Buch stößt. Mit vollen Segeln kann Buchkritik ein kulturelles Ereignis werden: ein Werk der Begeisterung (Mary McCarthy über Nabokovs 'Fahles Feuer'), der sozialen Anwaltschaft (Dwight Macdonald über Michael Harringtons 'The Other America'), der Neubewertung (Brigid Brophy über Francoise Sagan), der restlosen Zertrümmerung (Macdonald über James Gould Cozzens' 'By Love Possessed', Wilfried Sheed über Norman Podhoretz' 'Making It'), der charakterlichen Wiederherstellungschirurgie (Clive James über Zachary Leaders Biografie von Kingsley Amis) und der literarischen Wiederauferstehung (Gore Vidal über Dawn Powell). Warum nicht nach den Sternen greifen?"

Magazinrundschau vom 09.10.2007 - New Republic

In einem ebenso lehrreichen wie unterhaltsamen Text erklärt der Evolutionspsychologe Steven Pinker, warum wir fluchen. Neurologisch, lernen wir dabei, wirkt ein braves Wort wie "Liebe machen" im Großhirn, "Ficken" dagegen zielt direkt ins limbische System. Semantisch dagegen sei völlig unklar, was "Fuck you" eigentlich heißt ("'Fuck yourself', 'get fucked' oder 'I will fuck you'."). Schwierig auch die Frage, ob 'fucking' ein Adverb ist ("Man kann sich den Dialog vorstellen 'Wie brillant war das? - Sehr'. Aber nicht 'Wie brillant war das - Fucking!'"): "Gekonnt eingesetzt, können Flüche wahnsinnig komisch, prägnant und unglaublich anschaulich sein. Mehr als jede andere Sprachform fordern sie unsere expressiven Fähigkeiten bis zum Äußersten: die kombinatorische Kraft der Syntax, den Beziehungsreichtum der Metapher, das Vergnügen an Alliteration, Metrum und Rhythmus sowie die emotionale Untermauerung unserer Attitüde. Es beschäftigt das Gehirn in all seinen Bereichen: linke und rechte, höhere und niedere, alte und jüngere. Shakespeare, der geerdeten Sprache nicht abgeneigt, ließ Caliban für die gesamte Menschheit sprechen mit den Worten: 'Ihr lehrtet Sprache mir, und mein Gewinn ist, dass ich weiß zu fluchen.'"

Magazinrundschau vom 18.09.2007 - New Republic

Ted Nordhaus und Michael Shellenberger vom Sozialforschungsinstitut American Environics und Autoren des Buchs "Break Through - From the Death of Environmentalism to the Politics of Possibility" legen in der TNR Online ein Manifest vor, in dem sie vom Katastrophismus a la Gore in der Klimadebatte abraten und stattdessen eine Verzehnfachung der staatlichen Forschungsgelder auf 300 Milliarden Dollar in zehn Jahren fordern, um Formen sauberer Energie zu entwickeln: "Einiges von diesem Geld sollte genutzt werden, um einen neuen militärisch-industriellen-wissenschaftlichen Komplex zu gründen, ähnlich dem Informatik-Komplex, der in den Fünfzigern und Sechzigern geschaffen wurde. Der Wandel von Silicon Valley von einer schläfrigen Ansammlung von Obstgärten und Kleinstädten zum heutigen Machtzentrum der Informationstechnologie war Ergebnis massiver Investitionen der Bundesregierung in eine Reihe miteinander verknüpfter militärischer, industrieller und akademischer Institutionen in der Region - eine Tatsache, die von vielen Hightechmanagern, die glauben wollen, dass alles in Bill Hewletts Garage anfing, lieber ignoriert wird."

Aufmacher der letzten Printausgabe ist ein Kapitel aus einem Buch des TNR-Redakteurs Jonathan Chait, das beschreibt, wie die amerikanische Politik unter den Bann einiger Superreicher geriet: "Die amerikanische Politik ist von einem winzigen Klüngel rechter Wirtschaftsextremisten gekapert worden, einige von ihnen sind Fanatiker, andere nur gierig, und manche womöglich verrückt."