Magazinrundschau - Archiv

The New Statesman

191 Presseschau-Absätze - Seite 10 von 20

Magazinrundschau vom 16.01.2018 - New Statesman

Regierungen sind frustriert, die Internet-Konzerne desinteressiert, und Peter Pomerantsev muss feststellen, dass es auch mit langwierigsten Recherchen unmöglich ist, den Hackern, Trollen und Botnets beizukommen, die mit ihren Kampagnen für Rechtspopulisten, den Kreml oder den IS die Öffentlichkeit vergiften und Stimmung gegen die westlichen Demokratien machen. Noch unbehaglicher wird ihm mit David Patrikarakos' Buch "War in 140 Characters": "Er macht uns mit den Leuten an der Front der digitalen Kämpfe bekannt, den Menschen hinter den Internet-Konten: russische Trolle mit Schuldgefühlen, vom IS online angeworbene junge Frauen, Facebook-Detektive, die Putins Lügen aus den Schlafzimmern ihrer englischen Vororte entlarven. Das sind allerdings nicht bloße Touristen im Informationskrieg. Patrikarakos hat eine provokante These: Er glaubt, dass Soziale Medien sowohl den Nationalstaat als auch den Krieg transformieren. Wir können nicht mehr davon sprechen, dass eine Nation eine andere durch Propaganda bekämpft: Auf dem Feld wimmelt es von einzelnen Akteuren, jeder ein kleiner Propagandastaat für sich. In dieser postnationalen Landschaft ist auch die Idee des Kriegs verändert. Es gibt keine klare Trennung mehr zwischen Krieg und Frieden, diese Vorstellung gehört zu einer Logik internationaler Beziehungen, nach der allein Nationen über die Autorität verfügen, einen Krieg zu erklären und Frieden zu schließen. Stattdessen gibt es ein Knäuel von Spannungen, unentwirrbar und voller Ungewissheiten."

Magazinrundschau vom 14.11.2017 - New Statesman

Ewiges Leben, Verjüngung, Erschaffung des Supermenschen - in den letzten hundert Jahren haben sich die Vorstellungen von der Zukunft nicht wesentlich geändert, stellt John Gray nach der Lektüre von Peter Bowles "History of the Future" fest, die untersucht, wie unterschiedliche Zukunftsvorstellungen in den ersten zwei Dritteln des 20. Jahrhunderts Literatur, Wissenschaft und öffentliche Wahrnehmung prägten. In dem an interessanten Anekdoten reichen Buch, erfährt Gray nicht nur, dass der Schweizer Arzt Paul Niehans in den sechziger Jahren Fötengewebe von frisch geschlachteten Schafen in die Pobacken von Somerset Maugham, Charlie Chaplin, Marlene Dietrich, Thomas Mann, Konrad Adenauer oder Papst Pius XII spritzte, sondern er liest hier auch, dass viele progressive Denker die neuen Technologien gern aufnahmen, um sie für regressive Zwecke zu nutzen, wie Bowler am Beispiel von H.G. Wells Einstellung zur Eugenik zeigt: "Wie Bowler bemerkt, freute sich Wells auf eine Zukunft, in der 'die Unfähigen schmerzlos beseitigt, die psychisch Kranken zum Selbstmord aus Pflichtgefühl ermuntert und die unterlegenen Rassen der Welt aussterben würden'. Als er in seiner 1901 erstmals veröffentlichten, wissenschaftlichen Studie 'Anticipations' über die Zukunft der 'Schwärme von schwarzen und gelben und braunen Menschen', die aus Gründen der Effizienz in einem wissenschaftlich geordneten Weltstaat 'nicht gebraucht' würden, nachdachte, kam Wells zu dem Schluss, dass diese und andere 'ineffizienten' menschlichen Gruppen verschwinden müssten: 'Die Welt ist keine gemeinnützige Einrichtung, und ich nehme an, sie werden gehen müssen.' Hier drückte Wells eine Sicht auf den menschlichen Fortschritt aus, die er nie revidierte."

Magazinrundschau vom 25.07.2017 - New Statesman

Im Sauseschritt düst David Marquand durch die Geschichte des Populismus, dessen Beginn er auf Robespierres Ausspruch datiert: "Das Volk ist erhaben, der einzelne Mensch ist schwach": "Populisten verklären nicht nur die Vergangenheit, sondern auch das Volk. Diejenigen, für die sie zu sprechen vorgeben, sind einheitlich, homogen und unveränderlich. Populisten haben nichts als Verachtung übrig für Tocquevilles Einsicht, dass die stets drohende Tyrannei der Mehrheit nur durch eine Vielzahl ausgleichender Institutionen unter Kontrolle gehalten werden kann, durch Gemeinden, Gerichte und eine freie Presse, und vor allem durch die Teilung der Gewalten. Für Populisten ist die Tyrannei der Mehrheit eine Schimäre, erfunden von abgehobenen und ängstlichen Eliten. Gerichte, die dem unmittelbaren Willen des Volkes im Weg stehen, werden zu 'Feinden des Volkes', wie die Daily Mail schrieb. Dabei besteht keine Notwendigkeit, Minderheiten zu beschützen: Entweder sind sie Teil des Ganzen, dann brauchen sie keinen Schutz, oder sie schließen sich selbst aus, dann verdienen sie ihn nicht."

Weiteres: In höchsten Tönen preist Stuart Kelly Brian Dillons Band "Essayism" als elegische Studie über Literatur, Schönheit und Melancholie.

Magazinrundschau vom 04.07.2017 - New Statesman


Wyndham Lewis: The Crowd (1914-15).Tate, London 2017

Michael Prodger begrüßt im New Statesman die Rehabilitierung des lange verfemten englischen Autors und Malers Wyndham Lewis durch eine große Schau im Imperial War Museum in Manchester. Als Mensch hatte sich Lewis durch einen kurzen Flirt mit dem Faschismus denkbar unbeliebt gemacht, Hemingway unterstellte ihm gar "den Blick eines erfolglosen Vergewaltigers". Aber als Künstler, betont Prodger, war Lewis nicht weniger als der Begründer des Vortizismus, Großbritanniens einziger echter Avantgarde: 'The Crowd' (1914-15) ist das reinste Beispiel des Vortizismus, es zeigt ein schemenhaftes Metropolis - halb Fritz Lang und halb ein verunglückter Mondrian -, durch das winzige, nur angedeutete Figuren krabbeln. Eine Fahne und Männer mit Spruchbändern deuten auf einen Aufstand hin, doch man spürt auch Lewis' Überzeugung, dass der moderne Mann im Grunde ein entmenschlichter Automat ist, getrieben von seinen niedersten Leidenschaften."

Magazinrundschau vom 11.07.2017 - New Statesman

John Gray, der dunkle Prinz des Konservatismus in der britischen Philosophie, nutzt den Horror des entfesselten Irrationalismus, den Keith Lowe in seinem Buch "The Fear and the Freedom" über den Zweiten Weltkrieg reflektiert, um seine alte Leier zu wiederholen, dass es eigentlich Aufklärungsideeen gewesen seien, die im 20. Jahrhundert in Horror umschlugen - als sei Vernunft, die den Zweifel abschaltet, immer noch Vernunft: "Sowjetischer Kommunismus und Maoismus waren beides Träume der Vernunft, die die willkürlichen gewachsenen Gesellschaften der Vergangenheit durch bewusst gestaltete Alternativen ersetzen wollten. Die menschlichen Kosten dieser Regimes - die vielleicht nicht ganz so groß waren wie die des Zweiten Weltkriegs, aber annähernd - mussten bezahlt werden, weil ganze Bevölkerungen gezwungen wurden, ein rationales Modell von Gesellschaft zu akzeptieren, das nicht funktionieren konnte." Gray ist so verliebt in seine These, dass er nicht fragt, was rational an einem Modell sein soll, von dem klar ist, dass es nicht funktioniert.

Magazinrundschau vom 13.06.2017 - New Statesman

Kenan Malik liest neue Bücher zur Aufklärung in der islamischen Welt. Wenn Tariq Ramadan  in "Islam. The Essentials" die Sklaverei verteidigt, kann er nur mit den Augen rollen, deutlich interessanter findet er Christopher de Bellaigues Buch "The Islamic Enlightenment": Bellaigue erinnert daran, dass die islamische Welt längst ihre oft eingeforderte Aufklärung hatte. Denn Napoleon hatte nicht nur Soldaten nach Ägypten gebracht, sondern auch Gelehrte, die eine ganze Generation inspirierten: "Aus dieser neuen Generation sticht vor allem Rifaa al Tahtawi hervor, ein ägyptischer Kleriker, der es sich zur Lebensaufgabe machte, die Vereinbarkeit von Islam und Vernunft zu beweisen. Nachdem er einige Zeit in Paris verbracht hatte, kehrte er 1831 nach Kairo zurück, um an Ägyptens Modernisierung mitzuarbeiten. Er gründete in Kairo die Schule der Sprachen und initiierte die Übersetzung von über 2.000 Büchern ins Arabische - die größte Übersetzungsanstrengung seit jener der Abbessiden ein Jahrtausend zuvor. Auch seine eigenen Werke brachten einem neuen Publikum die Ideen der Aufklärung nahe, Säkularismus, Rechte, Freiheiten. Und nicht nur die intellektuelle Sphäre war in Aufruhr. Die physischen und gesellschaftlichen Welten wurden ebenfalls umgewandelt, in einer für Europa unvorstellbaren Geschwindigkeit. Von der Druckerpresse bis zu Frauen an der Universität, von Dampflokomotiven bis zu oppositionellen Zeitungen, von der Sklavenbefreiung bis zur Bildung von Gewerkschaften: In einem Zeitraum von wenigen Jahrzehnten brachte die Moderne Veränderungen nach Ägypten, die in Europa über ein Jahrhundert gedauert hatten, und sie verwandelte Kairo, Istanbul und Teheran von halb-mittelalterlichen Märkten in halb-industrialisierte Städte."

Magazinrundschau vom 09.05.2017 - New Statesman

Der New Statesman erinnert mit einer Sonderausgabe an die Russische Revolution vor hundert Jahren. John Gray fächert aus diesem Anlass das ganze Spektrum an Unverstand auf, das Linke und Intellektuelle nach Moskau pilgern ließ und zu Lenins berühmten nützlichen Idioten werden: Zynismus, Sentimentalität, innere Zensur oder - wie im Falle der New-Statesman-Gründer Beatrice und Sidney Webb - eine Arte angeborener Führungsanspruch: "Die Webbs hielten es für selbstverständlich, dass sie und ihresgleichen, wenn der Sozialismus nach Britannien käme, weiterhin das Sagen hätten. Anthony Eden dachte ähnlich. Der Glaube, dass sie Teil der neuen herrschenden Klasse würden, trieb auch die Cambridge-Spione an. Als Kim Philby über Rekrutierung für den NKWD schrieb, erklärte er, dass er ohne Zögern das Angebot annahm, einer Elitetruppe anzugehören. Während seines langen Exils in der Sowjetunion trug Guy Burgess seine alte Eton-Krawatte zusammen mit dem Rotbannerorden, der ihm für seine Dienste verliehen worden war. Für diese und andere Spitzen des britischen Lebens in den dreißiger Jahren stand fest, dass die Macht des britischen Empires im Niedergang begriffen war. Indem sie sich mit der Sache der Sowjetunion identifizierten, sicherten sie sich ihren Platz in der neuen Weltordnung."

Im Print schreiben Catherine Marridale über Lenins Gnadenlosigkeit, Eimear McBride über Ossip Mandelstam und Michael Prodger über die sowjetische Kunst.

Magazinrundschau vom 22.11.2016 - New Statesman

Mit seinen düsteren Prognosen liegt John Gray im Moment ja leider oft ganz richtig. Nach dem Brexit erklärte er bereits Globalisierung und Neoliberalismus für erledigt. Mit Donald Trumps Wahlsieg sieht Gray allerdings auch noch die gesamte internationale Ordnung in Gefahr: "Die Welt, in die wir jetzt übergehen, ähnelt nicht so sehr der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhundert als vielmehr dem Ende des 19. Jahrhunderts, und unter anderem in dieser Hinsicht muss Trump als bemerkenswert zeitgenössische Figur gelten. Betrachtet man auch die Beziehungen zwischen Staaten in Begriffen von Kosten und Nutzen, mag er besser gewappnet sein, mit den Realitäten des 21. Jahrhunderts umzugehen als die Ideologen vor ihm. Die ideologischen Konflikte der dreißiger Jahre, die in den neokonservativen neunziger Jahren ein anachronistisches Wiederauftauchen erlebten, sind ersetzt durch altmodische geopolitische Rivalitäten. Die Weltpolitik ist nicht mehr in widerstreitende säkulare Glaubenssysteme geteilt, sondern beherrscht von Religion, Nationalismus, Ethnizität und dem Kampf um Ressourcen."

Magazinrundschau vom 15.11.2016 - New Statesman

Warum werden eigentlich keine Verrisse mehr geschrieben?, fragt D.J. Taylor, dessen erster Roman vor zwanzig Jahren noch brutal abgekanzelt wurde, in einer Zeit mithin, als Kritiken noch als blutiger Sport galten. In der Sunday Times nannte Stephen Amidon das Buch so "überflüssig wie einen Einbeinigen in einem Arschtrittwettbewerb". Das einzige Horrende an Kritiken sei inzwischen ihre Sanftmut, meint Taylor und wird kiebig: "Es könnte sein, sein, dass Verrisse das einzige Mittel gegen das große Versagen des modernen Literatur-Establishment und seiner Mildtätigkeit gegenüber seinen Altvorderen sind. Drei- oder viermal im Jahr ertönen die Fanfaren der Verlagstrompeten und eine Eminenz, die ihre Schriftsteller-Karriere mit der Granta Liste der besten jungen Britischen Romanautoren von 1983 begann, bringt ein neues Werk von bescheidener, wirklich bescheidener Könnerschaft heraus - nur um von den Kritikern Girlanden um den Hals gelegt zu bekommen. Gegen dieses demografische Sektion der Buchwelt sollten die Nachfahren von Stephen Amidon ihre Haubitzen richten."

Außerdem: John Gray erkundet mit John Stubbs' Biografie "Rhe Reluctant Rebel" Jonathan Swifts humanistische Vernunft.

Magazinrundschau vom 27.09.2016 - New Statesman

Der New Statesman ruft in einem ganzen Dossier "eine Neue Zeit" aus: Labour in der Krise, Brexit, und der Zusammenschluss von städtischen Liberalen und sozial eher konservativen Arbeitern ist aufgekündigt.

Für John Gray sind auch Neoliberalismus und Globalisierung erledigt, und er hält fest, dass der Bruch mit der EU und Freihandel von rechts betrieben wurde, während sich die Linke an "tote Ideen" klammere: "Wenn die Spannung zwischen globalem Kapitalismus und dem Nationalstaat einer der Widersprüche des Thatcherismus war, dann hat der Konflikt zwischen Globalisierung und Demokratie die Linke erledigt. Mit Bill Clinton und Tony Blair verschrieb sich die linke Mitte dem globalen freien Markt mit demselben glühenden Enthusiasmus wie die Rechte. Im Ergebnis durften große Teile der Bevölkerung in Stagnation oder Armut verrotten, ohne Aussicht auf einen produktiven Platz in der Gesellschaft. Die Geschichte mag in Hillary Clintons Kampf um die Präsidentschaft den letzten Akt des neoliberalen Experiments sehen. Mehr als das Misstrauen, das sie bei vielen Wählern auslöst, mehr als ihre Gesundheit oder ihre Mitt-Romney-hafte Verachtung für den 'beklagenswerten Haufen' der Trump-Wähler, wird ihre Kandidatur überschattet von der Tatsache, dass sie mit einem gescheiterten Experiment identifiziert wird - und mit denjenigen, die am meisten davon profitiert haben."

David Runciman sieht dagegen den Staat zerrieben zwischen den Profiteuren der digitalen Revolution: den Individuen und den Netzwerken. "Die zunehmenden Wahlmöglichkeiten machen es viel schwieriger, die Bürger zufriedenzustellen. Viele haben sich an ein Mikromanagement des Lebens gewöhnt, das jede Regierung klumpfüßig und träge erscheinen lässt, egal wie sehr sie sich bemüht. Zugleich stehen den globalen Netzwerken Staaten gegenüber, die keine Vorstellung davon haben, wie sie diese kontrollieren sollen. Die Finanzwelt ist eines dieser Netzwerke."

Neben einem guten Dutzend weiterer Autoren schreiben zudem John Harris, Mariana Mazzucato und Paul Mason.