Andrew Sullivanlegt einen seiner ausufernden Essays zur politischen Lage in den USA vor - aber es lohnt sich, ihn zu lesen, auch wenn man ihm nicht in allen Punkten zustimmen mag. Statt des Begriffs des Populismus benutzt er den Begriff der Reaktion, um Trumps Regime und Ideenwelt zu beschreiben. Die Medien und sozialen Medien und der Reality-TV-Glamour, die Trump umgeben, spielen für Sullivan keine Rolle. Statt dessen analysiert er die Äußerungen einiger 'reaktionärer' Intellektueller, die Trump nahe stehen und nennt einige Namen, die hier noch nicht so bekannt sind wie Charles Kesler, Michael Anton und Curtis Yarvin. Interessant liest sich auch, wie sich Sullivan als Konservativer von der Reaktion absetzt: "Wo Konservative pessimistisch sind, sind Reaktionäre apokalyptisch. Wo Konservative Eliten schätzen, verfolgen Reaktionäre sie mit Verachtung. Wo Konservative an Institutionen glauben, wollen Reaktionäre sie in die Luft jagen. Wo Konservative sich radikalem Wandel widersetzen, wollen Reaktionäre eine Revolution. Obwohl es einige Zeit brauchte, bis es offenbar wurde: Die heutige Republikanische Partei - von Newt Gingrichs 'Republican Revolution' bis Trump heute - ist keine konservative Partei. Sie eine reaktionäre Partei, deren Macht jetzt in größter Blüte steht."
In einem zweiten, ebenso langen Artikel gibt eine ganze Gruppe von Autoren einen Überblick über die Alt-Right-Bewegung in ihrer ganzen bizarren Buntheit.
Geradezu entsetzt fragt Andrew Sullivan "Is Intersectionality a Religion?" - Intersektionalität ist die neueste Theorie der akademischen Linken in den USA, die die Verwobenheit von Diskriminerungen herausstreicht - der Begriff verbreitet sich auch in Deutschland, wie unser heutiges 9punktzeigt. Anlass des Entsetzens ist für Sullivan ein Protest am Middlebury College in Vermont gegen einen Auftritt Charles Murrays. Nicht dass man protestiert, stört ihn - Murray ist ein äußerst umstrittener Autor, dem vorgeworfen wird, mit Statistiken rassistische Theorien stützen zu wollen. Sulllivan bestürzt aber die Form des Protests, und er belegt diese Bestürzung mit einem Video der Veranstaltung, das zeigt, wie die Studenten sich, in dem Moment, als Murray anhebt zu reden, von ihm abwenden und anfangen einen Text zu skandieren. Und man muss sagen: Das klingt in der Tat wie das satanistische Gemurmel in "Rosemarys Baby":
Sullivan zitiert aus dem Glaubensbekenntnis der Studenten, die schon eine bloße Diskussion mit Murray als Pakt mit dem Teufel anzusehen scheinen. "Und dann dies: 'Wissenschaft wurde stets dazu benutzt, Rassismus, Sexismus, Klassismus, Transphobie, Behindertenfeindlichkeit und Homophobie zu legitimieren und dies als rational und faktisch auszugeben, unterstützt von Regierung und Staat. In der Welt von heute gibt es wenig wahre 'Fakten'.' Hier, so scheint mir, kommen wir zum Kern der Frage - das Problem ist nicht, dass die Studenten eine Rede unterbrachen, sondern warum sie es taten. Ich zweifle nicht an ihren guten Absichten. Aber in bizarrer Analogie zur trumpianischen Rechten beharren sie auf der Überlegenheit ihrer Orthodoxie über 'Fakten'. Wie alle Fundamentalisten hassen sie Wissenschaft, weil sie ihre Doktrin widerlegen könnte."
Kann es sein, dass J.M. CoetzeesLiteratur ihre Kraft aus der Apathie zieht? Christian Lorentzen hat Coetzees neuen Roman "Schooldays" gelesen und bleibt mit allergrößtem Misstrauen gegenüber seinen eigenen Leidenschaften zurück. Auf die Spur der Apathie hat den Kritiker David Attwell gebracht, der in "Coetzee and the Life of Writing" die Romane des Nobelpreisträgers als eine Art geistige Exerzitien beschreibt: "'Ernsthaft betrieben', zitiert Attwell Coetzee, 'kann Literatur keinerlei Voraussetzungen akzeptieren wie 1) das Verlangen zu schreiben, 2) ein Thema, 3) eine Aussage. Es muss Raum geben für eine Literatur, die gleichgültig ist gegenüber der Aufgabe des Schreibens, dem Stoff und dem Sinn.' Das ist eine seltsame Idee - Apathie nicht als Hindernis, sondern als Quell der Bedeutsamkeit. Wir kennen Autoren, die schreiben auf der Suche nach Rausch, in Treue zum alltäglichen Leben, aus einem quasi-therapeutischen Impuls, aus politischem Zorn (D.H. Lawrence, Philip Roth), aus Narzissmus oder gar aus Feindseligkeit gegenüber der eigenen Aufgabe (Thomas Bernhard). Aber Apathie? Das ist natürlich eine anti-romanhafte Eigenschaft, aber sie scheint Sinn zu ergeben für Coetzees Werk und den kühlen, unbeteiligten, verkopften Charakter seiner meisten Helden: Apathie als Selbstschutz. Es widerspricht unserer traditionellen Vorstellung von Inspiration, von der Muse, die vom Dichter Besitz ergreift und durch ihn spricht. Aber was, wenn der Dichter in dieser Gleichung ein apathischer Partner wäre? Was, wenn wir uns den Autor als apathischen Diener einer Geschichte und ihrer Figuren vorstellen? Und warum müssen Figuren überhaupt leidenschaftlich sein? Sie wurden schließlich nie gefragt, ob sie Teil der Geschichte sein wollen."
In einem Liebesbrief an Amerika - trotz Trump - beschreibt Andrew Sullivan, geborener Brite und heute amerikanischer Staatsbürger, wie ihn Amerika schon in den ersten Monaten von der Bürde britischer Identitätszuschreibungen befreite: "Niemand stellte mir die aufgeladenen Fragen, die mich am College in England geplagt hatten: 'Auf welcher Highschool warst du?', 'Was macht dein Vater?' Alles nicht sehr subtile Nachforschungen in meine Vergangenheit oder vielmehr meine Klasse. Meistens natürlich mussten mich meine privilegierten, privat erzogenen Mitstudenten nicht mal nach meiner Herkunft fragen, den mein Akzent verriet das mit der nadelgenauen Akuratesse eines sozioökonomischen GPS. ... Identitätspolitik ist heute die überwältigende Obsession der meisten amerikanischen Bildungsanstalten und die dominante Ideologie der amerikanischen Linken. Aber sie erinnert mich daran, wie die Europäer sich identifizieren, nämlich durch das, was sie waren, nicht durch das, was sie werden können."
Außerdem: Michael Idov weiß was geschieht, wenn man den Glauben an seine Institutionen verliert: Lektionen aus Putins Russland.
Andrew Rice zeichnet ein ausführliches Porträt des Trump-Schwiegersohns Jared Kushner. Der 35-Jährige, den Donald Trump gerade zu seinem Chefberater ernannt hat, zeichnet sich durch einen fast mafiamäßigen Glauben an die Familie aus. Was völlig fehlt in diesem Artikel, sind Kushners politische Überzeugungen. Ursprünglich ein eher liberal denkender Unternehmer, der Klima und Umwelt wichtig nahm, wandelte er sich im Zuge der Trump-Kampagne. Doch in welche Richtung, bleibt völlig unklar. Arthur Mirane, der bei einem Immobiliendeal mit ihm arbeitete, "sagt, dass er ihm während des Wahlkampfs gelegentlich per Mail Fragen über Trumps anstößigere Statements stellte. 'Warum muss er das so machen, warum muss er das so sagen, etc.', erzählt er. 'Und ich bekam jedesmal die jaredtypische Antwort darauf: 'Sieh mal, es gibt ein größeres Bild, ich weiß, was er sagt, klingt vielleicht nicht gut, aber er meint es wirklich nicht so.' Das war die typische Erklärung von Jared, total unpolitisch. Nur, dass da Dinge laufen, die unsereiner nicht versteht, das aber alles gut ausgehen werde, man solle ihm vertrauen.'"
Gawker ist Geschichte, was vom einst wilden, gemeinen und selbstzerstörerischen Piratenschiff noch übrig ist, wird gerade von den Anwälten zerhackt. Max Read, der als Chefredakteur nicht das Hulk-Hogan-Sexvideo, dafür aber das Outing eines verheirateten Medienbosses verantwortete, rekonstruiert, wer das Klatschblog auf dem Gewissen hat. Nur Peter Thiel? Oder auch Nick Denton und er selbst? Ebenso wie die beiden dunklen Lords des Silicon Valley war es das Internet, meint Read: "Was 2012 okay, wenn auch ungehörig war, gilt 2016 als untragbar. Die enorme Verurteilung Gawkers macht klar, wo die öffentliche Meinung heute steht: Die Privatsphäre wird rigoros, wenn auch verworren verteidigt, selbst die öffentlicher Personen. Es haben sich jedoch nicht nur die Grenzen dessen verschoben, was veröffentlicht werden darf, sondern auch wo. Gawkers größter Fehler war, dass es nicht bemerkte, dass es nicht mehr am untersten Ende der medialen Nahrungskette stand. Twitter und Reddit und ein Dutzend anderer Netzwerke und Plattformen haben Gawker ausgegawkert, mit ihren niedrigen Schwellen und ihrem fehlenden Respekt für tradierte Standards. Vor allem verteilen sie die Haftung: Es gibt keine Autorenzeilen, keine Redakteure, keine Institution, die moralisch oder rechtlich Verantwortung für den Inhalt übernimmt. Das amerikanische Recht schützt Soziale Netzwerke vor einer Haftung für die von ihren Nutzern geposteten Inhalten. Diese Seite haben einen Raum unterhalb von Gawker ausgehöhlt, während Gawker ein richtiges Medium geworden ist, groß, reich und langsam genug, um zur Verantwortung gezogen werden zu können - und zu Fall gebracht."
Die große Diane Arbus-Schau im Met Breuer ist nun eröffnet und zeigt eine Menge bisher unbekannter Fotos aus der Frühzeit der großen Fotografin (wir haben bereits auf ein Gspräch mit dem Kurator der Ausstellung hingewiesen). Alex Mar erinnert aus diesem Anlass auch an ihre erste große Schau im Moma, "New Documents", wo sie 1967 zusammen mit Lee Friedlander und Garry Winogrand ausstellte. Hier ergab sich eine seltsame Künstlerdialektik, die für Mar auch ausschlaggebend war für ihren Selbstmord vier Jahre später: "Die Ausstellung war ein Durchbruch für das Medium - und Diane stand im Zentrum aller Kritiken. Aber in einem Rückschlag, den viele Künstler kennen, folgte dem Triumph der Ausstellung schnell die Realität der Frage: Was jetzt? Obwohl Diane eine der angesehensten Fotografinnen der Landes geworden war, gingen ihre Aufträge von Magazinen zurück. Die Redakteure fürchteten entweder, dass sie aus ihren Themen eine Freakshow machen würde, oder dass es mit all der Aufmerksamkeit, die sie erhalten hatte, schwierig wäre, mit ihr zu arbeiten."
Christopher Paynes Geschichte über Jeff Bezos und die Washington Post liest sich paradoxer Weise interessant und abtörnend zugleich. Interessant, weil Payne Zugang zu allen Hierarchen der Zeitung hatte, auch zu Marty Baron, dem Vorbild für den Chefredakteur in dem Film "Spotlight". Abtörnend, weil all der Innovation Speak mit Ausnahme des Clinches, den die Zeitung gerade mit Donald Trump hat, nicht von publizistischen, sondern ausschließlich von technologischen Strategien handelt, die die "Konsumerfahrung" der Leser immer nur noch glatter und intransparenter machen sollen. So etwas wie journalistische Distanz lässt Bezos-Fan Payne dabei nicht walten: "Daten stehen nun im Zentrum fast aller Strategie-Diskussionen. Letztes Jahr baute die Post ein Analyse-System namens Loxodo, das so gut wie alle Rezeptionsweisen der Leser tracken kann. Es testet, welche Überschriften und Fotos die größte Leserschaft bringen - ein Service den auch die weithin benutzte Mediensoftware Chartbeat bietet. Aber der Loxodo-Algorithmus publiziert automatisch die Testsieger, so dass die Redakteure nicht permanent darüber wachen müssen." Und die von Payne begeistert zitierten siegreichen Überschriften lauten dann: "As a Trans Muslim, I Used to Feel Vulnerable All the Time" und "Low Testosterone Makes You a Better Dad".
Wer ist Hillary Clinton? In einem ausführlichen Porträt sucht Rebecca Traister zu verstehen, warum die Hochachtung, die viele ihrer Mitarbeiter für sie haben, sich so selten überträgt. Das hat wohl auch mit Clintons schwieriger Beziehung zur Presse zu tun, die Traister als Ursprung der "Dichotomie zwischen ihrer öffentlichen und ihrer privaten Darstellung" erkennt: "Clintons ganzheitliche Sicht auf sich überschneidende Herausforderungen und vielfältige Lösungen - Steueranreize, Subventionen , Lohnerhöhung, Zahlungssicherheiten - begeistert durch ihren Scharfsinn. Aber sie passt eben nicht auf ein T-Shirt. Sie klingt nicht gut auf einer Kundgebung, man kann sie nicht einmal wirklich in den lokalen Nachrichten zitieren, weil es nicht so einfach ist wie zu sagen: 'Freie Universitäten!'. Wie Joe Scarborough es neulich ausgedrückt hat: 'Du willst heute Nacht gut einschlafen? Geh auf Hillary Clintons Webseite und fang an, politische Stellungnahmen zu lesen.'" Ironischerweise, meint Traitor, könnte gerade der Wahlkampf gegen Donald Trump ihr geben, was sie braucht: "Symbolik. Sie muss nicht über sich selbst reden, sie muss nur sie selbst sein, um ihr Argument anzubringen, dass sie für Inklusion, Gleichheit und Forstschritt steht. In Trump findet sie ihre Kontrastfigur: Amerikas repressive Vergangenheit."
Der Serienboom der letzten Jahre wirkt sich maßgeblich auf die Strukturen des Medienbetriebs aus, erfahren wir in einer epischen, aber in jedem Absatz lesenswerten und informativen Reportage von Josef Adalian und Maria Elena Fernandez. Binnen weniger Jahre hat sich die Zahl der produzierten Serien von etwa 200 auf über 400 verdoppelt, was einerseits mehr Arbeit für mehr Leute bedeutet sowie für einige Kinostars neue Arbeit für grandiose Honorare. Das Nachsehen haben die alten Fernsehschauspieler und viele Drehbuchautoren, da die Sender und Studios die gestiegenen Kosten durch kürzere Staffeln ausgleichen. Vor allem aber steht das Konzept der Syndizierung, das es den Showrunnern auch mittelmäßiger Serien im Falle einer Wiederholung in den Kabel- und Lokalsendern gestattete, fürstliche Tantiemen einzustreichen, mit der gewachsenen Marktkraft von Netflix und Co zur Disposition: Denn "Netflix, wo man sehr betont, dass es ihnen gleich ist, ob die Nutzer sich eine neue Serie am Erscheinungstag oder erst ein Jahr später ansehen, hat kein Interesse daran, die eigenen Serien zu syndizieren. Serien wie 'House of Cards' oder 'Orange is the New Black' sollen auf Jahre hinweg auf Netflix stattfinden und zwar ausschließlich auf Netflix. 'Es geht ihnen nicht darum, ein Geschäft auf der Grundlage einer Anlage aufzubauen', erklärt ein Mitarbeiter einer Agentur über den Streaming-Riesen. 'Es geht ihnen darum, ein Geschäft mit monatlichen Mitgliedsbeiträgen aufzubauen, also Netflix selbst zu dieser Anlage zu machen. Der ganze, langfristig abschöpfbare Wert, der aus den Serien entsteht, geht ein in den Gesamtwert des Programmanbieters. Das ist ein enormer Unterschied zu dem, wie der Rest der Branche funktioniert.'"
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