Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

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Magazinrundschau vom 10.01.2023 - New Yorker

Ausgesprochen unbefriedigt liest die Historikerin Jill Lepore den Kongress-Bericht zur Erstürmung des Kapitols am 6. Januar 2021. Warum zum Beispiel spricht der Bericht an Dutzenden Stellen von einer Verschwörung, gibt dann aber allein Donald Trump die Schuld? Noch fataler findet sie, dass er nicht der entscheidenden Frage nachgeht: Warum glauben so viele Menschen nach wie vor Trumps Märchen von der gestohlenen Wahl? "In den letzten zwei Jahrzehnten ist die allgemeine Zustimmung zum Kongress von achtzig Prozent auf zwanzig Prozent gesunken. Könnte es sein, dass der Kongress keinen wirklichen Einfluss mehr auf die amerikanische Erfahrung hat und nicht mehr für eine Nation und ein Volk spricht, das Richard Hofstadter einmal ein 'riesiges, unverständliches Biest' nannte? Dem Bericht fehlt nicht nur der Sinn für die Vergangenheit, sondern auch für die Gegenwart … Nirgendwo wird die Tatsache anerkannt, dass der 3. November 2020 wirklich ein seltsamer Wahltag war. Mitten in einer Pandemie wählten so viele Menschen wie nie zuvor per Briefwahl. Und selbst wenn man sich zu den Wahllokalen schleppte, wurde man mit dem allgemeinen Elend von Masken und Einsamkeit und Verlust und, so empfanden es viele Menschen, einem Gefühl des drohenden Untergangs konfrontiert. Während des gesamten Zeitraums, über den in diesem Papier berichtet wird, hatten viele Amerikaner das Gefühl, dass ihnen vieles gestohlen wurde: ihre Arbeitsplätze, ihre Mitarbeiter, das Gefühl von Gerechtigkeit und Fairness in der Welt, vorhersehbares Wetter, die Idee von Amerika, die Menschen, die sie lieben, menschliche Nähe. Der Bericht vom 6. Januar lässt in keiner Weise die nationale Stimmung von Verwundbarkeit, Angst und Trauer erahnen, nicht einmal einen kleinen Schauer."

Außerdem: Alexis Okeowo forscht dem Schicksal von Migranten nach, die auf dem Weg nach Europa verschwanden. Joshua Rothman geht den verschiedenen Wegen des Denkens nach. Jennifer Gonnerman fragt nach, warum UPS-Mitarbeiter streiken wollen, obwohl es der Firma gut geht und sie Mittelklassejobs wie früher anbietet. Becca Rothfield liest eine ungekürzte Ausgabe der Tagebücher Franz Kafkas. Und Anthony Lane sah Alice Diops Film "Saint Omer" im Kino.

Magazinrundschau vom 13.12.2022 - New Yorker

Wer bringt den ersten Quantencomputer zum laufen? Die USA, Russland oder China? Und wozu brauchen wir den überhaupt? Stephen Witt gibt sich in seiner Reportage alle Mühe, das auch einem Laien zu erklären. Ein Quantencomputer kann unglaublich schnell rechnen und so "die militärischen Fähigkeiten des Verlierers nahezu irrelevant machen und seine Wirtschaft zum Erliegen bringen". Das heißt, da steckt ein Haufen Geld drin. Interessanter ist die Forschung selbst: Die Grundlage der Quantencomputerforschung ist ein wissenschaftliches Konzept, das als "Quantenverschränkung" bekannt ist. Sie ist gewissermaßen das, was die Kernspaltung für Bombenmaterial war, so Witt. "Die wissenschaftliche Gemeinschaft hat fast ein Jahrhundert gebraucht, um ihre Auswirkungen zu verstehen. Wie so viele Konzepte in der Physik wurde auch die Verschränkung erstmals in einem von Einsteins Gedankenexperimenten beschrieben. Die Quantenmechanik besagt, dass die Eigenschaften von Teilchen erst dann feste Werte annehmen, wenn sie gemessen werden. Davor existiert ein Teilchen in einer 'Superposition' von vielen Zuständen gleichzeitig, die durch Wahrscheinlichkeiten beschrieben werden." Einstein war die Sache so ungeheuer, dass er sie zu widerlegen suchte. Doch John Clauser, gerade mit dem Nobelpreis ausgezeichnet, fand Ende der Sechziger in einem Experiment heraus, "dass verschränkte Teilchen mehr als nur ein Gedankenexperiment waren. Sie waren real, und sie waren noch seltsamer, als Einstein gedacht hatte. Ihre Seltsamkeit erregte die Aufmerksamkeit des Physikers Nick Herbert, einem Doktoranden und LSD-Enthusiasten aus Stanford, zu dessen Forschungsinteressen mentale Telepathie und die Kommunikation mit dem Jenseits gehörten. Clauser zeigte Herbert sein Experiment, und Herbert schlug eine Maschine vor, die mit Hilfe der Verschränkung schneller als mit Lichtgeschwindigkeit kommunizieren und dem Benutzer ermöglichen würde, Nachrichten rückwärts durch die Zeit zu senden. Herberts Entwurf für eine Zeitmaschine wurde letztendlich als undurchführbar erachtet, aber er zwang die Physiker, die Verschränkung ernst zu nehmen."

Weitere Artikel: Die Schauspielerin Molly Ringwald erzählt, wie sie als Teenager mit Jean-Luc Godard "King Lear" filmte. Sheelah Kolhatkar porträtiert Weihwasser verspritzend den Biotech-Gründer Vivek Ramaswamy, der affirmative action für Rassismus hält. James Wood liest Cormac McCarthys jüngsten Roman.

Magazinrundschau vom 29.11.2022 - New Yorker

Gesundheit ist teuer in den USA. Aber erst sterben! Private Hospize kassieren jährlich zweiundzwanzig Milliarden Dollar für ihre Leistungen, der Steuerzahler in Form der Regierung zahlt brav, ohne zu kontrollieren. Der Zynismus dieses Systems, das Ava Kofman in ihrer Reportage beschreibt, ist brutal. Marsha Farmer, die lange Sterbebegleitung für einen Konzern verkauft hat, bevor sie ihn verklagte, erzählt ihr, wie das lief: Sie suchte die Ärmsten der Armen auf, "ungebildete Menschen, wenn man so will, weil man ihnen etwas bieten und einen Bedarf decken kann. Farmer, die Rehaugen und ein nonchalantes Lächeln hat, trug auf ihren Verkaufstouren oft einen Kittel, obwohl sie keinen medizinischen Hintergrund hat. Auf diese Weise, sagt sie, 'wurde ich automatisch als Hilfe angesehen werden'. Sie bemühte sich, nicht den Tod zu erwähnen, auch nicht das Hospiz, wenn es sich vermeiden ließ. Stattdessen beschrieb sie eine erstaunliche staatliche Leistung, die Medikamente, Krankenbesuche, Nahrungsergänzungsmittel und eine leichte Haushaltshilfe bot - alles kostenlos." Sobald ein potenzieller Patient sein Interesse bekundet hatte, wird seine Prognose überprüft, die nicht länger als sechs Monate Lebenszeit betragen darf - allerdings kann die Prognose nach Ablauf von sechs Monaten bei jedem Patienten immer wieder neu aufgestellt werden. "Es mag kontraintuitiv sein, ein Unternehmen zu führen, das vollständig von Kunden abhängt, die nicht mehr lange leben werden, aber Unternehmen in der Hospizbranche können mit den größten Erträgen für den geringsten Aufwand in irgendeinem Sektor des amerikanischen Gesundheitswesens rechnen. Medicare zahlt den Anbietern einen festen Satz pro Patient und Tag, unabhängig davon, wie viel Hilfe sie leisten. Da die meiste Hospizpflege zu Hause stattfindet und die Krankenschwestern nicht öfter als zweimal im Monat zu Besuch kommen müssen, ist es nicht schwierig, die Kosten niedrig zu halten und den Großteil der Arbeit an unbezahlte Familienmitglieder auszulagern - vorausgesetzt, es sind willige Familienmitglieder vorhanden. Bis zu einem gewissen Grad belohnt die Art und Weise, wie Medicare die Hospizleistung konzipiert hat, Anbieter dafür, dass sie Patienten rekrutieren, die nicht unmittelbar im Sterben liegen. Lange Hospizaufenthalte führen zu größeren Gewinnspannen, und stabile Patienten benötigen weniger teure Medikamente und Hilfsmittel als Patienten im Endstadium ihrer Krankheit. Obwohl zwei Ärzte zunächst bescheinigen müssen, dass die Krankheit eines Patient unheilbar ist, kann sie immer wieder neu als solche bescheinigt werden."

Weiteres: Jill Lepore schreibt über Mick Herron, Autor von Spionageromanen. Amanda Petrusich begleitet Metallica auf Tour. Maggie Doherty liest Kathy Acker.

Magazinrundschau vom 06.12.2022 - New Yorker

Kein soziales Netzwerk ist in den letzten Jahren so rasant gewachsen wie TikTok. Und kein soziales Netzwerk ist derart jung. Während die Generation unter 30 dem (aus ihrer Sicht) Seniorenheim Facebook mehr oder weniger geschlossen den Rücken gekehrt hat, feiern sie auf TikTok ihr Jungsein, ihre Popkultur, ihre Codes, ihre Musik - und das oft im Sekundentakt schneller Videos und Remixes. Das macht die Plattform auch für die Musikindustrie interessant, schreibt John Seabrook. Nicht nur, um gerade in den konzertelosen Pandemiejahren neue Talente zu rekrutieren, sondern auch als Durchlauferhitzer: Jene Musik, die unter tausendfach remixten und aufgegriffenen Videos liegt, geht in der Regel auch auf anderen Plattformen wie Spotify und in den Charts steil, wo sich der virale Erfolg in bare Münze übersetzt - völlig gleich, ob es sich dabei um alte Songs wie "Dreams" von Fleetwood Mac und (als Kuriosität) der Deutschpunk-Song "Fahrradsattel" von Pisse handelt, oder um frische Neuware. Die Folge? Ging es früher beim Youtube-Streit noch darum, wieviel Geld Youtube Musikern dafür bezahlt, wenn deren Musik in Videos auftaucht, hat sich die Dynamik nun ins glatte Gegenteil verkehrt - längst haben sich Agenturen gebildet, die Kreative auf TikTok managen, auffällig oft gegründet von Überläufern aus der Musikbranche. Eine davon ist Barbara Jones. "Sie führt mich durch die Preise, die Kreative dafür veranschlagen, um Songs zu boosten. Unterschieden wird dabei zwischen 'Initiatoren', die unter einem Lied gut Feuer legen können, und 'Akzeleratoren', die dann noch ordentlich Öl hineinspritzen. Kreative mit überschaubarerer Reichweite, also einer Gefolgschaft im Bereich von 20.000 bis zu einer Million, können 250 bis 1000 Dollar pro Video berechnen. Im mittleren Bereich mit Followerzahlen von einigen Millionen liegt der Preis zwischen 1000 und 3000 Dollar. Im oberen Segment, wo sich die TikTok-Elite wie D'Amelio aufhält, werden bis zu 75.000 Dollar pro Video fällig. Doch Jones warnt: 'Es ist immer noch alles riskant. Man kann nichts einfach so viral gehen lassen.'" Denn Glaubhaftigkeit ist das A und O in dieser Welt. "Wäre Nathan Apodacas Video 'Dreams' viral gegangen, wenn er ein bezahlter Influencer gewesen wäre? Alles, was ein digitaler Vermarkter tun kann, ist, einen genauen Blick darauf zu haben, was auf TikTok gerade organisch geschieht, um dann Kreative anzuwerben, die den Trend melken."

Weiteres: Eren Orbey stellt in einem Brief aus Michigan die Aktivistin Rebecca Kiessling vor, die Vergewaltigung als Abtreibungsgrund abschaffen möchte. Thomas Mallon erzählt, wie er im aidsgeplagten Manhattan der Achtziger lebte. Sam Knight schreibt über die Fußball-WM in Katar. Jerome Groopman liest ein Buch, das ihm die Nützlichkeit vom Parasiten erklärt. versucht zu verstehen, warum Parasiten nützlich sein können. Alex Ross hörte Kevin Puts' neue Oper "The Hours" in der Met. Anthony Lane sah im Kino Darren Aronofskys "The Whale".

Magazinrundschau vom 22.11.2022 - New Yorker

Der Thwaite-Gletscher in der westlichen Antarktis wird gern als Doomsday-Gletscher tituliert, weil sein mögliches Abrutschen den Meeresspiegel über einen Meter ansteigen lassen könnte. Für Forscher ist der schneller als erwartet fließende Gletscher schwer zu erreichen, Expeditionen dorthin sind nur mit Eisbrechern durch die Amundsen-See und von dort mit Hubschraubern möglich. David Brown hat jede Minute ausgekostet, die er mit dem Piloten John Bishop und dem Nasa-Wissenschaftler Jamin Greenbaum verbrachte, um Messgeräte per Torpedo zu versenken: "Wir flogen am Morgen los. Es dauerte eine Stunde, bis wir das Kerosindepot erreichten, das sich zunächst als einzelner roter Punkt in einer weißen, unscheinbaren Ebene abzeichnete. Bishop landete, der Motor verstummte, und eine beeindruckende Stille machte sich breit. Wir waren vom antarktischen Nichts umgeben. 'Ist alles in Ordnung bei Dir', fragte mich Bishop. Der Flug war sehr holprig gewesen, und ich hatte Mühe gehabt, mein Frühstück zurückzuhalten. 'Mir geht's gut', sagte ich, taumelte in meinem Neoprenanzug aus dem Hubschrauber und zog die Kapuze so schnell ab, dass ich einige meiner Haare herausriss. Ich lehnte mich nach vorne und stützte meine Hände auf die Knie. 'Also nicht in Ordnung', sagte Bishop... Die Übelkeit verging, und ich sah mich um. Ein flatterndes Stück sonnenverbrannten Stoffs, das an einen Bambuspfahl gebunden war, markierte den Standort des Depots. Der düstere Mount Murray ragte im Südwesten in den Himmel. Sieben rote Kerosinfässer lagen auf der Seite, halb verschüttet. Bishop und ich brauchten fünfzehn Minuten, um eines mit unseren behandschuhten Händen auszugraben. Er brachte einen Schlauch zwischen dem Fass und dem Hubschrauber an und begann zu tanken. Dann setzten wir unseren Flug fort. Unter uns wurden die kilometerlangen Risse im Eis immer größer, als hätte ein riesiges Wesen den Boden mit seinen Krallen aufgeschlitzt. Schließlich erreichten wir das, was Glaziologen 'die Melange' nennen. Dort war das Eis zerkleinert, geometrisch geformt und von Schneematsch umgeben. Eisberge, die vom gefrorenen Ozean eingeschlossen waren, hatten sich aufgetürmt, und flache Gebilde von der Größe eines Stadions ragten aus der Landschaft heraus. Das zerkleinerte Eis rutschte ins Meer und schuf ein Chaos aus klumpigen Alabasterbergen, Tälern, Schluchten, Ausläufern und vereisten Seen. Es gab Klippen und Felsvorsprünge, Abgründe mit blau schimmerndem Innern. Es war ein Science-Fiction-Ödland, fremdartig und entsetzlich."

Außerdem: Elizabeth Kolbert hat Geschichten über den Klimawandel von A bis Z zusammengetragen. Emily Witt erzählt von der Gefahr, die der Klimawandel für die Existenz Insel Kivalina darstellt. Kathryn Schulz liest Ted Conovers "Cheap Land Colorado". Manvir Singh widmet sich den Huxleys. Und Anthony Lane sah im Kino Rian Johnsons Sequel zu "Knives Out".

Magazinrundschau vom 15.11.2022 - New Yorker

Den ganzen Sommer über ließ China gegenüber Taiwan die Muskeln spielen, die USA reagierten auf die militärischen Drohkulisse mit demonstrativer Unterstützung für die Insel. Die Taiwaner selbst zeigen sich seltsam unbeeindruckt von dem Getöse, wie Dexter Filkins bei seinem Besuch auf Taiwan bemerkte und was auch die amerikanische Regierung etwas pikierte. Immerhin würde sie über Taiwan in den Krieg gegen China ziehen müssen. Aber wie wahrscheinlich ist dieses Szenario? "Seit den frühen achtziger Jahren sind die USA rechtlich nicht mehr verpflichtet, Taiwan zu verteidigen, aber da die amerikanische Marine über eine überwältigende Dominanz verfügte, war die Frage nicht dringlich. Mit Chinas zunehmender Macht und Xis bedrohlicher Rhetorik hat sich die Frage verschärft. In den letzten Monaten hat Biden bei vier Gelegenheiten öffentlich versprochen, Taiwan zu verteidigen. Bidens Erklärungen haben taiwanesische Beamte Mut gemacht - 'zum vierten Mal!', schrieb mir einer nach der letzten Zusage -, aber Beamte des Weißen Hauses erklären öffentlich, dass die amerikanische Politik unverändert bleibe. Das Weiße Haus unter Biden scheint sich der Konsequenzen bewusst zu sein, die ein Scheitern bei der Sicherung der Unabhängigkeit Taiwans hätte. Würde man den Fall der Insel zulassen, hätte die chinesische Marine uneingeschränkten Zugang zu den offenen Ozeanen und würde die Seewege im westlichen Pazifik beherrschen, durch die jedes Jahr Waren im Wert von mehr als drei Billionen Dollar transportiert werden. Es würde auch Amerikas demokratischen Verbündeten in der Region - darunter Südkorea, Japan und die Philippinen - signalisieren, dass die USA sie nicht schützen können. Viele der pro-westlichen Länder in der Nähe stehen ohnehin schon unter Druck von China. 'China ist einflussreich in der Region, aber man traut ihm nicht', sagte mir Bilahari Kausikan, ein ehemals hochrangiger Diplomat aus Singapur. 'Sobald man seine Feindseligkeit offen zur Schau stellt, vergessen die Menschen das nicht.' Er fügte hinzu: 'Die Führer in Südostasien wollen eine amerikanische Führung.' Das bedeutet jedoch nicht, dass diese Länder Hilfe leisten würden, wenn die USA in einen Krieg mit China zögen. Weder Japan noch Südkorea - die über ein hervorragendes Militär verfügen und große amerikanische Stützpunkte beherbergen - haben sich zu einer Unterstützung verpflichtet. 'Bei den Japanern würde selbst ein Angriff auf den US-Stützpunkt in Okinawa nicht unbedingt eine Selbstverteidigung auslösen', sagte die Pazifik-Strategin der Air Force, Oriana Skylar Mastro. Die Sorge besteht zum Teil darin, dass die USA einen Kampf gegen China nicht gewinnen würden. Die Ironie, so Mastro, ist, dass eine japanische Entscheidung, sich anzuschließen, wahrscheinlich entscheidend wäre. 'Wir würden jedes Mal gewinnen', sagte sie."
Stichwörter: Taiwan, Südkorea, Pazifik, Philippinen

Magazinrundschau vom 08.11.2022 - New Yorker

Sehr interessiert liest David Treuer, der offenbar selbst von amerikanischen Ureinwohnern abstammt, die Studie "Indigenous Continent" des Oxford-Historikers Pekka Hämäläinen. Dieser wendet sich darin gegen die von der heutigen Position aus formulierte These, die europäischen Kolonialisten hätten die Ureinwohner des amerikanischen Kontinents einfach überrollt und an die Peripherie gedrängt. Stattdessen fächert Hämäläinen die Perspektive auf, erfahren wir: Nicht nur geht es um die komplexe, innere Vorgeschichte vor der Kolonialisation, sondern auch um den chaotischen Prozess danach. "Der große Punkt, den Hämäläinen macht, ist, dass die Völker der Neuen Welt lange vor der Ankunft der Europäer nicht in jenem statischen Zustand lebten, wie ihn ein Ethnograf schildern würde. Sie erlebten einen tumultartigen Prozess anhaltenden Wandels - was einfach nur heißt: Sie handelten gesellschaftlich und politisch. Im 16. Jahrhundert haben fünf Millionen Natives mehr oder weniger jeden Teil Nordamerikas besiedelt. Die gängige Geschichte beschreibt sie als im Einklang miteinander und der Natur in einer Art kulturellen und ökologischen Garten Eden, der schließlich von den Europäern zerschlagen wurde. Hämäläinen zeigt allerdings, wie sie Wasser umleiteten, um Wüsten zu bewässern, wie sie Pflanzen durch Auswahl von Samen kultivierten und Macht ausübten und dies manchmal auch gewaltvoll, um ihre Nachbarn zu unterwerfen. Sie lebten nicht in Harmonie, sondern in der Historie. So wie die erste Besiedelung der Neuen Welt von Beweglichkeit charakterisiert war, so waren dies auch die indigenen Formen der Dominanz. Dies ist eine These, die Hämäläinen in seinem einflussreichen Vorgängerbuch formuliert hatte, 'The Comanche Empire' von 2008: Während die europäischen Imperien zu Sesshaftigkeit neigen und Macht durch permanente Strukturen definieren, waren die der dominierenden Natives 'kinetische Imperien', in denen alles - Märkte, Missionen, politische Versammlungen - fluide und in Bewegung blieben."

Außerdem gibt Weird Al Yankovic dem New Yorker ein entspannt-unterhaltsames Gespräch. Anlass ist das von Yankovic selbst verfasste Biopic "Weird" über sich selbst (verkörpert wird er übrigens von Daniel "Harry Potter" Radcliffe), in dem der große Popkultur-Parodist natürlich auch die Gepflogenheiten des Biopics genüsslich durch den Kakao zieht und mit historischen Fakten alles mögliche treibt, nur nicht, bei ihnen bleibt: Unter anderem erdichtet er sich eine Amour Fou mit Madonna in den Achtzigern, die natürlich nie stattgefunden hat. Muss man sich für solche Stunts nicht juristisch wappnen? "Die Rechtsanwälte sagten uns, dass wir von all den Leuten, die wir in den Film gepackt haben, kein grünes Licht einzuholen brauchen - und tatsächlich sogar, dass wir das am besten auch gar nicht erst tun sollten. Die sind alle Personen des öffentlichen Lebens und damit hat sich das erledigt. Und im übrigen, nur am Rande: 1985, also bevor meine Parodie auf den Markt kam, sagte Madonna zu einem ihrer Freunde: 'Ich frage mich ja echt, wann Weird Al 'Like a Surgeon' bringt'. Und ihr Freund wiederum kannte meinen Manager. Also kam das bei mir an. Und ich dachte mir, oha, keine schlechte Idee, dann mach ich das wohl mal. Die Idee kam also tatsächlich von ihr. Diesen kleinen Tatsachen-Nugget nahmen wir und bliesen ihn zu diesem völlig psychotischen Erzählstrang auf." Wir amüsieren uns derweil mit Yankovics Klassiker "Amish Paradise":

Magazinrundschau vom 18.10.2022 - New Yorker

Wenn es heißt, die USA haben Waffen an die Ukraine geliefert oder der Ukraine mit Geheimdienstinformationen ausgeholfen, dann klingt das einfacher als es ist. Joshua Yaffa erzählt mit vielen Insiderinformationen von dem komplexen Verhältnis zwischen den Regierungen, deren Interessen sich überschneiden, aber nicht ineinander aufgehen. Die Ukraine hat zum Beispiel sehr lange auch gegenüber den USA ihre Verteidigungstaktik geheimgehalten. Als die Erfolge sich einstellten, haben sich die Beziehungen wiederum intensiviert. Man erfährt eine Menge Details. So informieren die USA die Ukraine zum Beispiel nicht über die Aufenthaltsort feindlicher Generäle, weil das von Russland als Kriegsakt angesehen werden könnte. "Dennoch hat die Ukraine bisher acht Generäle getötet, die meisten von ihnen aus großer Entfernung durch Artillerie- und Raketenbeschuss. Die hohe Zahl der Todesopfer ist zum Teil auf die russische Militärdoktrin zurückzuführen, die hierarchische Operationen von oben nach unten vorsieht. In den meisten Fällen sind russische Offiziere und Soldaten mittleren Ranges nicht befugt, Entscheidungen zu treffen. Darum müssen Generäle näher an der Front positioniert werden. "Sie müssen da sein, um die Truppen zu kontrollieren und zu führen', sagte der US-Militärbeamte. 'Operativ ist das eine Riesenkatastrophe.'"

Weitere Artikel: Evan Osnos untersucht den Einfluss des chinesischen Tycoons Guo Wengui auf die Republikaner. Louis Menand schreibt mit viel Gefühl über Paul Newman, über den gerade eine Biografie erschienen ist. Julian Lucas liest Abdulrazak Gurnah. Carrie Batton stellt das Countrymusik-Duo The Plains vor. Und Anthony Lane sah im Kino Martin McDonaghs "The Banshees of Inisherin".

Magazinrundschau vom 11.10.2022 - New Yorker

Wo ideologisch motiviertes Anschwärzen hinführen kann, erfährt man in Samanth Subramanians Reportage über Bollywood, wo immer öfter Filmemacher und Schauspieler von nationalistischen Hindus schikaniert, angezeigt oder gar verprügelt werden, weil sie sich beleidigt fühlen. "'Erst in den späten Achtzigerjahren und immer häufiger in den Neunzigerjahren beginnen Mainstream-Filme, Muslime als Gangster, Schmuggler und dann als Terroristen zu zeigen', meint der Filmwissenschaftler Ira Bhaskar. Es sei kein Zufall, dass dies auch die Jahrzehnte seien, in denen die BJP als Wählergruppe wachse. ... Im Jahr 2010 traf Bhaskar den Regisseur Yash Chopra, der zwischen den sechziger und achtziger Jahren viele streng säkulare Filme gedreht hatte. 'Diese Art von Filmen könnten wir heute nicht mehr machen', sagte er ihr. Das pluralistische Ideal sei zu sehr verwelkt. "Damals haben wir daran geglaubt.' Aber vielleicht war es ein Fehler, das Kino als moralischen Kompass zu betrachten, es als etwas anderes zu behandeln als das, was es ist: eine Maschine, die Geld verdient, indem sie so viele Menschen wie möglich zufriedenstellt. 'Ein Teil der Kritik, Bollywood sei frivol oder frauenfeindlich, kommt von der wohlmeinenden liberalen Linken, die auf die Form herabschaut', sagte mir Nandini Ramnath, eine Filmkritikerin für die indische Nachrichten-Website Scroll.in. Ramnath ist der Meinung, dass Bollywoods beliebtestes Produkt, die Familienunterhaltung, das Publikum nicht trotz, sondern gerade wegen seiner Vanille-Universalität anspricht. 'Wenn die Linke besorgt war, dass solche Filme nicht präskriptiv oder edel genug waren - nun, die Rechte will, dass Filme auf ihre eigene Art präskriptiv sind', sagte sie. Die Führer der BJP sind 'brillant darin, den Eindruck zu erwecken, dass sie allwissend und allmächtig sind', fügte sie hinzu. 'Und ich denke, das deutlichste Signal ist: Überlegt es euch zweimal, bevor ihr etwas sagt oder tut, denn ihr wisst nicht, wen ihr damit verletzen werdet, und ihr könnt davon ausgehen, dass es uns verletzen wird.'"

Im New Yorker der letzten Woche erzählt David Kortava die Geschichte von Taras, einem Ukrainer aus Mariupol, der zusammen mit etwa 40 anderen Ukrainern von russischen Soldaten in ein Filtrationslager verschleppt wurde. Im Lager Kozatske konnte Taras den russischen Oppositionsjournalisten Eduard Burmistrow über Telegram kontaktieren. "Taras schickte eine Reihe von Nachrichten an Burmistrow: 'Eine Person hatte einen Mini-Schlaganfall. . . Wir werden alle krank... . . Jeder hustet. Wir gehen auf dem Feld auf die Toilette. Wir essen mit Löffeln, die nicht mehr gewaschen werden. Es gibt kein fließendes Wasser. . . . Es gibt keine Antworten auf unsere Fragen, warum wir festgehalten werden und wann wir freigelassen werden.' Mit der Erlaubnis von Taras plante Burmistrov, Teile des Berichts zu veröffentlichen. 'Dies kann nicht aufgeschoben werden', schrieb Taras. 'Wenn uns etwas zustößt, sollte die Welt davon erfahren!!!!!!!'. Aus Angst, dass sein Telefon kontrolliert werden könnte, löschte Taras den gesamten Austausch." Nach sechs Wochen wurden Taras und seine Mithäftlinge freigelassen. Doch viele verschwinden für immer in den Lagern. "Die genaue Zahl der Ukrainer, die in Filtrationszentren in Russland und den besetzten Gebieten festgehalten werden, ist nicht bekannt", so Kortava. "Nach russischen Angaben wurden bereits fast vier Millionen Ukrainer in irgendeiner Form gefiltert und nach Russland 'evakuiert', einige davon bis nach Wladiwostok im Osten, nahe der russischen Grenze zu Nordkorea. (Die USA schätzen die Zahl auf zwischen neunhunderttausend und 1,6 Millionen.) Ilja Nusow, ein in Russland geborener Rechtsanwalt und Leiter der Abteilung Osteuropa und Zentralasien der Internationalen Föderation für Menschenrechte, bezeichnete das russische Filtersystem als 'ein Programm zur Erleichterung der Zwangsumsiedlung eines großen Teils der Bevölkerung, das auf Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit hinauslaufen könnte'."

Weitere Artikel: Rivka Galchen überprüft die Akkustik im renovierten Lincoln Center. Alex Ross feiert den Genius des Tenors Lawrence Brownlee. Anthony Lane sah Park Chan-wooks "Decision to Leave" im Kino. Peter Schjeldahl besucht die große Tillmans-Schau im Moma.

Magazinrundschau vom 27.09.2022 - New Yorker

So kann Shakespeare klingen, staunt Alex Ross nach der Uraufführung von John Adams Oper "Antony and Cleopatra" in San Francisco. Das Libretto ist kein moderner Text, sondern "überwiegend Shakespeare pur, mit einigen Einschüben aus Plutarch und Vergil", so Ross. "Adams schreibt seit den achtziger Jahren Opern und hat längst ein außerordentliches Talent dafür entwickelt, aus der englischen Sprache Musik zu machen. Anstelle fester Singsang-Muster hat er eine formbare Gesangslinie perfektioniert, die den unregelmäßigen Rhythmen von Gedanken und Sprache folgt. Man denke nur an den Satz 'The Eastern hemisphere beckoned to us' in seiner Oper 'Nixon': Ein schnelles Triolenmuster auf 'hemisphere' lässt das Wort über dem Beat schweben und verzögert den nächsten Akzent. Je reicher die Sprache, desto stärker die Reaktion von Adams. ... Gleichzeitig verfügt er über eine melodische Handschrift, die unabhängig ist von seinen literarischen Quellen. Der Schlüsselmoment in 'Harmonielehre', dem Stück, mit dem ihm 1985 der Durchbruch gelang, ist ein ausuferndes, auf- und abschwellendes Thema für Streicher und Hörner in der Mitte des ersten Satzes, mehr oder weniger in der Tonart es-Moll. Es ist eine sehr theatralische, gestische Musik, ein Monolog ohne Worte. In 'Antony and Cleopatra' tauchen im Orchester ähnlich umherschweifende Adams'sche Linien auf, die sich nun an der Vertonung eines ehrwürdigen Textes orientieren. Die Kollision mit Shakespeare scheint unvermeidlich gewesen zu sein."

Athiopiens Staatschef Abiy Ahmed fährt tagelang mit Jon Lee Andersen durchs Land, zeigt und erklärt seine ambitionierten Entwicklungsprojekte. Nur über eins will er nicht reden: den Krieg mit Tigray, bei dem seine Truppen, unterstützt von Eritreern und Amharen, ebenso wie die Tigray gut dokumentierte Verbrechen gegen die Menschlichkeit begingen. Andersons Reportage informiert ausführlich über die Hintergründe und gipfelt im deprimierenden Satz: "'Was hier passiert, ist ein Bürgerkrieg', sagte mir ein hochrangiger westlicher Beamter. 'Ich glaube, es gibt eine absolut zwingende Logik, nicht zu kämpfen, aber sie werden es trotzdem tun.'"