Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

851 Presseschau-Absätze - Seite 11 von 86

Magazinrundschau vom 09.05.2023 - New Yorker

Scheich Mohammed bin Rashid, Herrscher der Vereinigten Arabischen Emirate, hat kein Problem damit, sich zwanzig minderjährige Prostituierte gleichzeitig in seine Privaträume zu bestellen. Aber wehe, seine Töchter wollen frei und selbstbestimmt leben. Seit zwanzig Jahren versuchen die Schwestern Shamsa und besonders Latifa ihrem Vater zu entkommen, erzählt Heidi Blake, und haben auch versucht, die Öffentlichkeit einzubeziehen. Anlass zur Sorge gibt nun ein vermeintlicher Sinneswandel Latifas, die kürzlich verlauten ließ, sie sei glücklich und frei in ihrer Heimat. Vorher hatte sie ihren Helfern zu verstehen gegeben, eine solche Aussage würde bedeuten, dass ihr Vater es geschafft habe, sie gefügig zu machen, so Blake. "Im April habe ich Latifa geschrieben und sie dringend gebeten, mit mir zu sprechen. Ich habe einen Brief einer Londoner Kanzlei erhalten, die diese Bitte verneint. Am gleichen Tag tauchte ein neuer Instagram-Account unter dem Namen Latifa Al Maktoum auf. 'Ich wurde kürzlich über Anfragen von Medien informiert, die einen Artikel bringen wollen, der Zweifel an meiner Freiheit säen soll', stand dort, dazu ein Bild von Latifa in Österreich, wie sie vor dem Swarovski Crystal Worlds Park posiert, in Steppjacke und Schneestiefeln. 'Ich kann nachvollziehen, wieso es von außen merkwürdig aussieht, dass jemand, der sich vorher so offen geäußert hat, von der Bildfläche verschwindet und andere für sich sprechen lässt, besonders nach allem, was passiert ist. Ich bin aber völlig frei und lebe ein unabhängiges Leben.' Eine Krankenschwester, die zwei Jahre im Team derer gearbeitet hat, die sich um Shamsa kümmern, hat mir erzählt, Latifa lebe eigenständig und bewege sich alleine durch Dubai, ohne die Abaya zu tragen. 'Ich glaube, sie hat etwas ausgehandelt und kann nun ihr eigenes Leben leben, in gewissen akzeptablen Grenzen', hat sie mir erzählt. Diese Grenzen, vermutet sie, beinhalten, dass 'familiäre Angelegenheiten privat bleiben.' (Die Krankenschwester hatte, wie viele andere, mit denen ich gesprochen habe, 'keine Ahnung', was mit Shamsa passiert ist.) Sie hält Latifa für 'eine brillante Frau', ist aber auch der Meinung, dass sie selbst für ihre Probleme verantwortlich sei. 'Es wird doch in jeder Familie unangenehm, wenn man die Regeln bricht', meinte sie. Latifa hat allerdings jahrelang ausgeschlossen, dass ihre Suche nach Hilfe so enden könnte. 'Es wird niemals ein Happy End geben, bei dem 'Latifa glücklich bei ihrer Familie in den Emiraten ist', niemals', schrieb sie kurz nach der Kontaktaufnahme zu den Helfern. 'Ich möchte leben, existieren und sterben als emanzipierte Person. Nur so werde ich glücklich sein. Ich brauche das. Es ist mein Schicksal und der einzige Ausgang, den ich akzeptieren werde.'"

Weiteres: Jackson Arn besucht die Georgia-O'Keefe-Ausstellung im Moma. Im neuen Heft schreibt Suzy Hansen über die möglichen Folgen des Erdbebens für die Wahlen in der Türkei.

Magazinrundschau vom 18.04.2023 - New Yorker

Reproduktionsmedizin ist ein Milliarden-Dollar-Business, lernt Emily Witt bei den Recherchen für ihre Reportage, eines, das möglicherweise kurz davor ist, eine weitere biologische Schallmauer zu durchbrechen. In-Vitro-Fertilisation ermöglicht seit mehr als vierzig Jahren, einen Embryo außerhalb des Körpers zu zeugen, mithilfe der In-Vitro-Gametogenese könnten nun sogar Geschlechtszellen künstlich aus anderen Zellen hergestellt werden, wie die Autorin bei ihren Besuchen mehrerer Biotechnologie-Firmen lernt, die sich diese Technik zu Nutze machen wollen - mit ganz verschiedenen Zielen. "Das Labor hat den IVG-Vorgang mit Mäusen wiederholt, in diesem Falle hat es befruchtete Embryos zustande gebracht, deren Geschlechtszellen mit Stammzellen männlicher Mäuse hergestellt wurden - 'Mäuse mit zwei Dads', wie ihre Publikation im akademischen Journal Nature es nennt. Futuristen spekulieren bereits über weitere Einsatzmöglichkeiten, zum Beispiel Embryos, die aus der DNA von vier Menschen statt zweien geschaffen werden, oder sogar sogenannte 'Unibabies', als Resultat einer Person, die sich mit sich selbst reproduziert." Während das eine mit diesen Innovationen und möglichen Entwicklungen beschäftigte Unternehmen sich fragt, welche ethischen und sozialen Fragen ein solch futuristischer und auch teurer Prozess aufwirft, sieht eine andere CEO die biotechnologischen Neuerungen mehr als mögliche Lifestyle-Optimierung: "Wir haben Grund zur Hoffnung, dass diese Innovation Frauen ermöglicht, eine künstliche Befruchtung mit weit weniger Nebenwirkungen zu überstehen, weniger Zeitaufwand und weniger Kosten - so, dass man die Eizellenentnahme praktisch in einer Art Gefrorene-Eizellen-Kiosk durchführen kann. Für mich ist es fast wie eine Art Erweiterung des klassischen Kosmetikstudios, in der es ein Akt der Selbstfürsorge ist, sich um die eigene Reproduktions- und Fruchtbarkeitsgesundheit zu kümmern", wird sie von Witt zitiert. Die Frage, ob die (mögliche) Zukunft der Fruchtbarkeit eher als Utopie oder doch mehr als Dystopie zu betrachten ist, lässt die Reporterin offen.

Außerdem: Adam Gopnik liest ein Buch über die Folgen des Königsmords in England. Louis Menand denkt über das Konzept der "Kreativität" nach. Clare Bucknell amüsiert sich mit vergessenen Drogentrips im 19. Jahrhundert. Laura Miller liest Dennis Lehanes Roman "Small Mercies" über die Rassenunruhen in Boston 1974, nachdem dort die Rassentrennung in den öffentlichen Schulen aufgehoben worden war. Und Anthony Lane sah im Kino Ari Asters Film "Beau is afraid" mit Joaquin Phoenix.

Magazinrundschau vom 28.03.2023 - New Yorker

Der 66-jährige Komponist und Violonist Dave Soldier, der tagsüber als Psychiater und Neurologe David Sulzer arbeitet, hat ein eigenes Musikensemble zusammengestellt, erzählt uns Burkhard Bilger. Aus Elefanten. Sie sollen ihm helfen die Frage zu klären, was genau eigentlich Musik ist. "'Wenn mich jemand fragt, worauf ich mich wirklich konzentriere, sage ich, dass es die Basalganglien sind', erzählte mir Sulzer eines Nachmittags. 'Dort laufen die sensorischen Informationen aus dem Tastsinn, dem Gehör und dem Sehen zusammen. Wir standen in seinem Labor mit Blick auf den Hudson, an der Ecke Riverside Drive und 168th Street, und starrten auf ein Plastikgehirn. Die Verarbeitung von Klängen ist nur ein Anfang. Um der Musik einen Sinn zu geben, muss das Gehirn Verbindungen herstellen, die Sulzer in seinem Labor an der Columbia noch nicht nachvollziehen kann. Er muss auf andere wissenschaftliche Bereiche zurückgreifen. Als er im Jahr 2000 nach Thailand flog, um das Elefantenorchester zu gründen, ging er als Dave Soldier, Musiker. Seitdem arbeitet er bei seiner Arbeit mit Tieren meist als David Sulzer mit Experten für Vögel und Affen zusammen." Elefanten, fand Sulzer heraus, sind "instinktive Musiker, die ein so tiefes und klares Gespür für Timing und Ton hatten, dass es ihrer Biologie inhärent zu sein schien. Jeder Elefant im Orchester hatte seine ganz eigenen Talente und Interessen. Mei Kot konnte nicht aufhören, den Gong zu spielen. Phong bevorzugte die Ranat, eine Art riesiges Marimbafon. (Als Sulzer das zweite Album des Orchesters aufnahm, ging Phong mit seinem Schlägel auf die Ranat zu, improvisierte ein langes, kompliziertes Solo, ließ dann den Schlägel fallen und ging weg.) Prathida hatte ein exzellentes Timing - manche meinten, es sei sogar besser als das von Luk Kop - und eine Gabe, den Sweet Spot eines Instruments zu finden, wo es am besten klingt... Die Welt ist voller Musik, die wir nicht hören können, sagt Sulzer, versteckt in Botschaften und Melodien, Mustern und Harmonien, die sich die ganze Zeit durch und um uns herum bewegen, jenseits unserer Wahrnehmung. Sie steckt in den hohen Obertönen der wirbelnden Atmosphäre und den unterirdischen Akkorden der sich verschiebenden Erdplatten. In den Stimmen von Lebewesen, die auf Frequenzen weit oberhalb und unterhalb unserer Sprache kommunizieren. Mäuse, die einander mit Ultraschall anquieken, während sie sich auf gepolsterten Füßen durch unsere Wände bewegen. Vögel, die so schnell vorbeiflattern, dass wir ihre Lieder kaum hören - erst wenn wir ihre Melodien verlangsamen, klingen sie wie unsere... 'Wir stehen erst am Anfang', sagte mir Sulzer. 'Es gibt eine ganze akustische Welt um uns herum, die wir bisher ignoriert haben.' Nicht ganz die Harmonie der Sphären, aber Musik genug für diese eine."

Weiteres: Elizabeth Colbert liest über die Trickbetrüger unter den Tieren. Jill Lepore taucht in die Geschichte des Datensammelns ein. Kelefa Sanneh versucht dem christlichen Nationalismus in den USA auf die Spur zu kommen. Und Joanna Biggs stellt den amerikanischen Lesern Brigitte Reimann vor.

Magazinrundschau vom 21.03.2023 - New Yorker

Demna Gvasalia, seit einigen Jahren Chefdesigner von Balenciaga, ist berühmt für seine überdimensionale Sportswear und seine Gimmicks, die mit der letzten Werbekampagne spektakulär in die Hose gingen. Dem Designer drohte kurz das Ende seiner Karriere, aber er scheint sich wieder gefangen zu haben und setzt jetzt auf, ähm, Nähkunst. So weit, so vorhersehbar. Trotzdem ist das Porträt, das Lauren Collins von ihm zeichnet, lesenswert, weil es einiges von seinem Hintergrund erzählt: Demna wurde in der Sowjetunion geboren, in Suchumi. Der Vater ist Georgier, die Mutter Russin. Ihren schwulen Sprössling fand die Großfamilie seltsam. "In der Schule verkürzte Demna seine Hose, so dass seine Socken zu sehen waren. Der Schulleiter warf seinen Eltern vor, kapitalistische Werte zu propagieren. Als Mitglied der Jungen Pioniere musste er ein rotes Halstuch tragen. Das ärgerte ihn: die Konformität, das Deppenhafte. In seinem 'ersten konzeptionell aktiven Akt des Modevandalismus' kritzelte er mit schwarzem Filzstift den Text eines Stücks der sowjetischen Rockband Kino, 'Blood Type', auf den Stoff. ('Meine Blutgruppe, auf meinem Ärmel / Meine Dienstnummer, auf meinem Ärmel / Wünscht mir Glück im Kampf!') Der Zusammenbruch der Sowjetunion brachte ein Durcheinander von Reizen. Es war schwer, Fakten von Fiktion zu unterscheiden, das Verlockende vom Verächtlichen." 1992, als Demna zehn Jahre alt war, griffen abchasische Separatisten, die von Russland unterstützt wurden, Suchumi an. Die Familie floh fast 300 Meilen zu Fuß, bis ein Hubschrauber sie nach Tiflis brachte. Dort "trug Demna abgelegte Kleidung und ausrangierte Sachen. Seine Eltern sparten, indem sie ihm Kleidung kauften, die ihm mehrere Jahre lang tragen konnte. Der übergroße Look passte zu ihm, denn er verdeckte die Haare, die ihm seit seiner Jugend an den Händen wuchsen. Er trägt immer noch hauptsächlich T-Shirts und Sweatshirts, wobei er die Ärmel zu lang lässt, als Hommage an seine frühesten Anfänge der Selbstdarstellung und Selbstverteidigung. Selten hat sich jemand so intensiv mit den schützenden Aspekten der Mode auseinandergesetzt".

Die Hoffnung, dass sich durch die (vermeintliche) Wunderdroge Ozempic etwas an der Wahrnehmung und Bewertung von Körpern ändert, hält Essayistin Jia Tolentino für verfrüht. Der Wirkstoff Semaglutid verspricht durch seine das Hungergefühl hemmende Wirkung zwar große Erfolge in der Behandlung von Diabetes-bedingtem chronischen Übergewicht, kann allerdings von Übelkeit bis Erschöpfung unangenehme Nebenwirkungen haben - die größte Gefahr besteht aber vielleicht in der Zweckentfremdung des Medikaments zum Erreichen eines dünnen Traumkörpers. Tolentino beschreibt eine besorgniserregende Sorglosigkeit, mit der profitorientierte Medizinunternehmen das Medikament einfach so verschreiben - und mit der völlig Normalgewichtige Risiken auf sich nehmen: "Als ich anderen Leuten von meinem Semaglutid-Vorrat erzählt habe, waren sie sehr interessiert. 'Soll ich es mal ausprobieren und dein Versuchskaninchen sein?', hat mich ein Freund gefragt. Ich habe ihn daran erinnert, dass er sowieso schon dünn ist. 'Ich bin eher schlank wie Gigi Hadid', hat er geantwortet, 'aber ich könnte so dünn sein wie Bella Hadid.' Es war scherzhaft gemeint, zumindest so halb. Ich war neugierig, ob ich auch dann ein Rezept dafür bekommen könnte, wenn ich nicht über mein Gewicht lüge. Ich habe die Website eines Telehealth-Unternehmens gefunden, das Semaglutid bewirbt und dieses Mal meine richtige Größe und mein tatsächliches Gewicht eingegeben, das einer Frau, die Größe 36 trägt. Ein Arzt hat mich am nächsten Morgen angerufen; ich habe ihm erzählt, ich hätte 2020 ein Baby bekommen und würde gerne 15 Pfund abnehmen. 'Genau für solche Fälle gibt es unser Programm', hat er behauptet. Er hat die möglichen Nebenwirkungen mit mir diskutiert - 'das einzige, das man befürchten muss, wäre eine leichte Übelkeit' - und erklärte mir, ich müsste während der Behandlung weder ärztlich begleitet werden noch Blut abgenommen bekommen. 'Es ist total harmlos, es sind doch nur Peptide', beschwichtigt er. 'Damit alles wieder ins Gleichgewicht kommt.'"

Magazinrundschau vom 07.03.2023 - New Yorker

Masha Gessen porträtiert russische Journalisten im Exil in Riga, die trotz ihrer Kremlkritischen Haltung skeptisch betrachtet werden. Immerhin hat Lettland - anders als viele Nachbarländer - den Redaktionen von TV Rain (Doschd), Meduza und natürlich der Novaja Gazeta großzügig Aufnahme geboten: "Der Medientheoretiker Jay Rosen schreibt, dass der Journalismus seine Autorität aus dem Anspruch zieht, am Ort des Geschehens zu sein, wo der Leser oder Zuschauer nicht ist: 'Voraussetzungen für die Berichterstattung ist eine gemeinsame Welt, ein Geflecht gemeinsamer Annahmen, das Reporter und Rezipienten verbindet', erklärt Rosen. 'Wenn das auseinanderbricht, ist auch die Möglichkeit von Journalismus dahin'. Aber genau das, was TV Rain in die Lage versetzt, mit Russen in Russland zu sprechen, macht es auch außerhalb Russlands verdächtig. Galina Timtschenko, die 2014 das Internetportal Meduza ins Leben rief, leistete Pionierarbeit mit dem Modell der Berichterstattung aus dem Exil. Die technischen und redaktionellen Mitarbeiter von Meduza arbeiteten von Riga aus, während die Journalisten aus Russland berichteten. Auf diese Weise konnte der Kreml, auch wenn einzelne Journalisten manchmal mit Einschüchterungen und Drohungen konfrontiert waren, die Publikation selbst nicht verfolgen... Aber Meduza hat immer noch einen Weg, aus Russland zu berichten: Meduza beauftragt vier oder fünf verschiedene Personen vor Ort mit der diskreten Beschaffung von Informationen; Autoren und Redakteure in Riga fügen dann die Geschichte zusammen. 'All unsere Quellen und all unsere Journalisten sind jetzt anonym', sagte Timtschenko. Die Meduza-Leser in Russland müssen virtuelle private Netzwerke (VPN) nutzen, um die Zensur des Kremls zu umgehen. Sie lesen das Medium, um sich über den Krieg in der Ukraine zu informieren, aber auch um praktische Informationen zu erhalten. Nach Beginn der Einberufung im Herbst veröffentlichte Meduza eine Reihe von Beiträgen in der Art von 'Wie man nicht im Krieg landet' und 'Was passiert, wenn man sich nicht bei der Rekrutierungsstelle meldet'... Andere Journalisten im Exil äußerten sich ähnlich. 'Unser kurzfristiges Ziel ist es, dass diejenigen, die im Land sind und gegen den Krieg sind, nicht den Verstand verlieren', sagte mir Denis Kamaljagin, Herausgeber von Pskowskaja Gubernija, einer seit langem umkämpften unabhängigen Regionalzeitung. Kamaljagin, der aus Russland floh, nachdem die Polizei sein Büro und seine Wohnung durchsucht hatte, überraschte mich mit der Aussage, er verstehe die Letten, die russische Journalisten als Bedrohung ihrer Sicherheit ansähen. 'Soll Lettland begeistert sein, dass wir hierher kommen und die russische Geheimpolizei mitbringen, vor der wir fliehen?', sagte er. 'Was ist, wenn sie hier anfangen, uns zu töten?'"
Stichwörter: Gessen, Masha, Lettland, Meduza, Vpn

Magazinrundschau vom 28.02.2023 - New Yorker

An den amerikanischen Universitäten nimmt die Zahl der Studenten in den Geisteswissenschaften, besonders Literaturwissenschaften, rapide ab, berichtet Nathan Heller. Das hat mehrere Gründe: Geringere staatliche Zuschüsse, es wird generell weniger gelesen, die Job- und Verdienstaussichten sind längst nicht so gut wie bei einem Abschluss in Wirtschaftswissenschaften, Geld wird generell immer wichtiger. Die Kritik in den Geisteswissenschaften hat inzwischen ihren Gegenstand fast schon abgeschafft, und eine Wissenschaft ohne Statistik ist ein Konzept, dass von vielen nicht mehr verstanden wird. "'Die Geisteswissenschaften werden der kleine Vogel auf dem Nilpferd sein'", sagt eine Geschichtsprofessorin zu Heller. Für viele Studenten sind sie das bereits: "Tiffany Harmanian studiert im Hauptfach Neurowissenschaften an der A.S.U. ('Ich stamme aus einer Arztfamilie - ich bin aus dem Nahen Osten!', sagte sie mir), hat aber Englisch als Nebenfach. Als sie aufwuchs, lebte sie in Romanen und Gedichten. Dennoch wäre es ihr nie in den Sinn gekommen, Englisch im Hauptfach zu studieren. 'Leute, die sich mit Geisteswissenschaften befassen, müssen vielleicht nicht einmal zur Schule gehen, um das zu tun, was sie tun wollen', sagt sie; sie versteht nicht, inwiefern das Studium von 'The Waste Land' helfen kann, als Dichterin erfolgreich zu werden. 'Außerdem gibt es in der Welt, in der wir leben, diesen verzweifelten Wunsch, in jungen Jahren Geld zu verdienen und früh in Rente zu gehen', fügt sie hinzu. Ich frage sie, was sie damit meint. 'Vieles davon hat damit zu tun, dass wir diese Leute sehen - man nennt sie online 'Influencer'', sagte Harmanian und sprach das Wort für mich extra langsam aus. 'Ich bin einundzwanzig. Leute in meinem Alter haben Krypto. Sie haben Agenten, die sich um ihre Bankgeschäfte und den Handel kümmern, anstatt von neun bis fünf Uhr für fünfzehn Dollar Mindestlohn zu arbeiten.' Sie und ihre Altersgenossen sind in einer Zeit aufgewachsen, in der sich die Versprechen, die Firmen ihren Angestellten gemacht haben, als Lüge entpuppten, also machen sie sich selbständig. 'Das liegt daran, dass unsere Generation sehr viel fortschrittlicher denkt', sagte sie mir."

Jetzt dringen die viel besungenen und beklagten künstlichen Intelligenzen und Chatbots schon in innerste Gefilde vor, stellt der Arzt und Journalist Dhruy Khullar fest: Mittlerweile kann man sich nicht nur von ChatGPT Poeme dichten lassen, sondern sich auch mit psychischen Problemen an Programme wenden, die mit aufmunternden Botschaften oder gezielten Nachfragen Hilfe zur Selbsthilfe geben sollen. Ganz überzeugt ist Khullar nicht, dass KIs wie die amerikanische Support-App Woebot den für den Therapieerfolg so wichtigen zwischenmenschlichen Kontakt ersetzen können, Er fragt sich aber auch, ob die eigene Profession nicht sowieso droht, diesen Apps ähnlich zu werden: "Je mehr klinische Fertigkeiten Du Dir aneignest, desto einfacher wird es, menschliche Eigenschaften zu ignorieren - Mitgefühl, Empathie, Neugierde. A.I.-Sprachmodelle werden zwar effektiver, was die Auswertung unserer Worte angeht, aber sie werden uns nicht wirklich zuhören, und wir sind ihnen egal. Ein Arzt, den ich kenne, hat einem sterbenskranken Patienten mal ein Bier ins Zimmer geschmuggelt, um ihm eine Freude in einer ansonsten freudlosen Zeit zu machen. Diese Idee kam nicht aus irgendeinem Manual und sie ging weit über Worte hinaus - eine einfach menschliche Geste."

Weitere Artikel: Ben Taub rollt nochmal den Skandal von Wirecard auf. Amanda Petrusich hört radikale New Age Musik von Laraaji Nadabrahmananda. Merve Emre liest Calvino. Thomas Mellon stellt die serbisch-britische Autorin Vesna Goldsworthy vor. Anthony Lane sah im Kino Elizabeth Banks' Film "Cocaine Bear".

Magazinrundschau vom 21.02.2023 - New Yorker

Itamar Ben-Gvir ist im Kabinett Netanjahus Israels neuer Minister für Nationale Sicherheit. Er ist außerdem Vorsitzender der rechtsextremen Partei Otzma Yehudit (Jüdische Kraft), Nachfolgeorganisation der ebenso rechtsextremistischen Kach, und vorbestraft in mindestens acht Fällen, "unter anderem wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung und Aufstachelung zum Rassismus", schreibt Ruth Margalit in einem wirklich beunruhigenden Porträt. "'Sein Strafregister ist so lang, dass wir die Tinte des Druckers austauschen mussten, als er vor den Richter trat', sagte mir Dvir Kariv, ein ehemaliger Beamter des Geheimdienstes Shin Bet. Noch im Oktober letzten Jahres weigerte sich Netanjahu, mit ihm die Bühne zu teilen oder sich mit ihm auf Fotos zu zeigen. Doch eine Reihe enttäuschender Wahlen hat Netanjahu dazu bewogen, seine Meinung zu ändern." Und auch die Wähler haben ihre geändert. Vor einigen Jahren noch wurde die Bewegung "als marginal betrachtet. 'Es war ein Witz, wie klein sie war', sagte Kariv, der ehemalige Shin Bet-Beamte. Inzwischen hat sie sich zu einer politischen Partei (Jewish Power), einem finanziellen Arm (Fund to Save the People of Israel) und einer militanten Anti-Assimilationsgruppe (Lehava, oder Flamme) entwickelt. Bei der letzten Wahl stimmte nach einer Schätzung ein Drittel aller israelischen Soldaten für Ben-Gvir. Als er in die Regierung eintrat, betonte er, dass er gemäßigter geworden sei, und versicherte einem Publikum, dass er nicht mehr der Meinung sei, dass 'Araber getötet werden sollten'. Zwei seiner Mentoren von der extremen Rechten brachen sogar mit ihm, weil sie das als inakzeptable Zugeständnisse ansahen. ... Ein Insider sagte mir, dass die Kluft real sei: Marzel ist eine mürrische Figur, ein 'Kahanist der ersten Generation'. Ben-Gvir ist ein 'Kahanist der zweiten Generation', der seine Bigotterie mit einem internetfreundlichen Sinn für Humor abmildert. Einige seiner Aktivisten tragen T-Shirts mit dem Aufdruck 'Notorious I.B.G.'. (In einem seiner TikTok-Videos, das 1,3 Millionen Mal angesehen wurde, tritt er einen Fußball, der seiner Meinung nach arabische Politiker repräsentiert. 'Ich übe gerade, Odeh, Tibi und Abbas nach Syrien zu kicken', sagt er.) Aber die Spaltung half Ben-Gvir auch bei den Wahlen. Er konnte nun plausibel behaupten, dass er nicht mehr das äußerste Ende der israelischen Rechten vertritt."

Kimon de Greef begab sich für den New Yorker in die Hölle von Südafrikas illegalen Minen: "Als der Bergbau in Welkom in den neunziger Jahren zusammenbrach, entstand an seiner Stelle eine dystopische kriminelle Wirtschaft mit Tausenden von Männern, die in die verlassenen Stollen eindrangen und mit rudimentären Werkzeugen nach dem verbliebenen Erz gruben. Da es kaum Kosten oder Sicherheitsstandards gab, konnten diese illegalen Bergleute in einigen Fällen reich werden. Viele andere blieben in Armut oder starben unter Tage. Die Bergleute wurden als Zama-Zamas bekannt, ein Begriff aus der Zulu-Sprache, der frei übersetzt so viel wie 'ein Risiko eingehen' bedeutet. ... Da es schwierig ist, in die Minen einzudringen, bleiben die Zama-Zamas oft monatelang unter der Erde, wo sie von Scheinwerfern beleuchtet werden. Unter Tage können die Temperaturen auf über hundert Grad ansteigen, und die Luftfeuchtigkeit ist erdrückend. Steinschläge sind keine Seltenheit, und die Retter haben schon Leichen gefunden, die von Felsbrocken von der Größe eines Autos erdrückt wurden. 'Ich glaube, sie gehen alle durch die Hölle', sagte mir ein Arzt in Welkom, der Dutzende von Zama-Zamas behandelt hat. Die Männer, die er sah, waren grau geworden, weil ihnen das Sonnenlicht fehlte, ihre Körper waren abgemagert, und die meisten von ihnen hatten Tuberkulose, weil sie den Staub in den unbelüfteten Tunneln eingeatmet hatten. Nach der Rückkehr an die Oberfläche waren sie stundenlang geblendet. ... In keinem anderen Land der Welt findet der illegale Bergbau in so riesigen Industrieschächten statt. Analysten schätzen, dass etwa ein Zehntel der jährlichen Goldproduktion Südafrikas auf den illegalen Bergbau entfällt, obwohl die Bergbauunternehmen, um die Investoren nicht zu beunruhigen, das Ausmaß des kriminellen Handels eher herunterspielen. Die Aktivitäten im Untergrund werden von mächtigen Syndikaten kontrolliert, die das Gold dann in legale Lieferketten einschleusen."

Die erste englische Übersetzung des Berichts von Jacques Besse über seine Schizophrenie und einen höchst imaginativen Spaziergang, der ihm die Musikalität des Straßenlärms offenbart, nimmt Marco Roth zum Anlass, sich diesem schwebenden Text zu widmen, der den Psychoanalytiker Félix Guattari und den Philosophen Gilles Deleuze zu ihrer großen Abrechnung mit der Institution der Psychiatrie und der freudianischen Psychoanalyse inspiriert hat. Nicht nur über die ganz anders strukturierten Denkweisen des Schizophrenen denkt Roth nach, auch darüber, was es bedeutet, sich als Resultat einer krankheitsbedingten Vereinsamung viel auf den Straßen zu bewegen und ständig mit Ordnungsmächten wie Polizei und Psychiatrie konfrontiert zu sein. Aus den von Besse beschriebenen Ereignissen der 1960er Jahre zieht er Parallelen zur heutigen Zeit: "Der New Yorker Bürgermeister, Eric Adams, hat eine aggressivere Durchsetzung des bestehenden Rechts angekündigt, insbesondere durch das New York Police Department, das psychisch Kranken - um in der Bürokratensprache zu bleiben - 'unfreiwillige Unterstützung' leisten soll, auch wenn gar keine direkte Gefahr besteht, dass sie gegen sich oder andere gewalttätig werden. Konkret bedeutet diese 'Unterstützung', dass Menschen, denen das Label 'verrückt' verpasst wird - so wie Jacques Besse - aus dem öffentlichen Raum entfernt und in überfüllten, finanziell unterversorgten und inadäquat ausgestatteten Psychiatrien, Obdachlosenunterkünften oder Gefängnissen verwahrt werden."

Weitere Artikel: Rebecca Mead besucht die Vermeer-Schau im Rijksmuseum. Und Adam Gopnik liest ein Buch über die Gefahren der Lichtverschmutzung.

Magazinrundschau vom 07.02.2023 - New Yorker

David Remnick erzählt noch einmal die Geschichte des indisch-britischen Schriftstellers Salman Rushdie, der sich nach der Messerattacke am 11. August langsam erholt hat. Rushdie war 1989 vom Ayatollah Khomeini mit einer Fatwa für sein Buch "Die satanischen Verse" belegt worden, das Khomenei nach Aussage seines eigenen Sohnes nie gelesen hat. Seitdem ist ein Preisgeld auf seinen Kopf ausgesetzt. Nach elf Jahre des Versteckspiels ging Rushdie nach New York und lebte sein Leben: Er ist gerade zum fünften Mal verheiratet, schrieb Buch auf Buch, unterrichtete, reiste, traf Leser und tanzte die Nacht durch im Moomba. Klingt gut, aber einfach war das nicht. Die Fatwa mit ihrem Todesurteil schwebte über seinem Kopf und mehrere seiner Übersetzer wurden attackiert, einer sogar getötet: "Seit 1989 musste Rushdie nicht nur die Drohungen gegen seine Person abwehren, sondern auch die ständigen Verunglimpfungen seiner Person in der Presse und darüber hinaus. 'Es gab einen Moment, in dem ein 'Ich' im Umlauf war, das erfunden wurde, um zu zeigen, was für ein schlechter Mensch ich war', sagte er. 'Böse. Arrogant. Schrecklicher Schriftsteller. Niemand hätte ihn gelesen, wenn es nicht einen Angriff auf sein Buch gegeben hätte. Et cetera. Ich musste mich gegen dieses falsche Selbst wehren. Meine Mutter pflegte zu sagen, dass ihre Art, mit Unglücklichsein umzugehen, darin bestand, es zu vergessen. Sie sagte: Manche Leute haben ein Gedächtnis. Ich habe ein Vergessnis.' Rushdie fuhr fort: 'Ich dachte nur: Es gibt verschiedene Möglichkeiten, wie dieses Ereignis mich als Künstler zerstören kann.' Er könnte sich ganz vom Schreiben zurückziehen. Er könnte 'Rachebücher' schreiben, die ihn zu einem Geschöpf der Umstände machen würden. Oder er könnte 'Angstbücher' schreiben, Romane, die 'vor Dingen zurückschrecken, weil man sich Sorgen macht, wie die Leute darauf reagieren werden'. Aber er wollte nicht, dass die Fatwa zu einem entscheidenden Ereignis in seinem literarischen Werdegang wird: 'Wenn jemand von einem anderen Planeten kommt, der noch nie etwas von dem gehört hat, was mir passiert ist, und einfach die Bücher im Regal stehen hat und sie chronologisch liest, dieser Außerirdische würde glaube ich nicht denken: Diesem Schriftsteller ist 1989 etwas Schreckliches passiert. Die Bücher gehen auf ihre eigene Reise. Und das war wirklich ein Akt des Willens'. Einige Menschen in Rushdies Umfeld und darüber hinaus sind überzeugt, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Selbstzensur, die Angst, Anstoß zu erregen, zu oft zur Tagesordnung geworden ist. Sein Freund Hanif Kureishi sagte: 'Niemand hätte heute den Mut, 'Die Satanischen Verse' zu schreiben, geschweige denn, sie zu veröffentlichen.'" Die Schwedische Akademie, die den Literaturnobelpreis vergibt, erinnert Remnick, "lehnte es ab, eine Erklärung zur Unterstützung von Rushdie abzugeben. Dieses Schweigen wurde jahrzehntelang nicht gebrochen".

Weiteres: Joan Acocella würdigt den Monolog der Frau von Bath, die in Chaucers "Canterbury Tales" ihre höchst fortschrittlichen Ansichten über die Ehe darlegt. Rebecca Mead besucht die britische Aristokratin Lady Glenconner. Leslie Jamison analysiert das plötzlich so populäre Hochstaplersyndrom. Lawrence Wright macht sich in einem Brief aus Texas Gedanken über die plötzliche Popularität Austins, das sich zu einer Tech-Megalopolis entwickle. James Wood liest Gwendoline Riley. Carrie Battan hört The Fierce. Und Anthony Lane sah im Kino M. Night Shyamalans Thriller "Knock at the Cabin".

Magazinrundschau vom 24.01.2023 - New Yorker

Auf Jair Bolsonaro gibt in Brasilien niemand mehr viel, der Angriff auf die Regierungsgebäude war kaum mehr als ein Instagram-Coup, erzählt John Lee Anderson in einer ellenlangen Reportage aus Brasilien. Und dass Bolsonaro nach Florida Reißaus genommen hat, werde weithin mit Verachtung quittiert: Es kursieren schon Fotos, auf denen Bolsonaro allein beim KFC hockt und sein Hühnchen aus der Pappschachtel mampft. Aber natürlich dröselt Anderson vor allem ausführlich Aufstieg, Fall und Wiederaufstieg von Luis Lula da Silva auf, den er nicht unbedingt rückhaltlos zu bewundern scheint: "Als wir uns 2019 trafen, sprach er ausführlich über den Hunger, und bei seinen Wahlkampfauftritten im vergangenen Jahr wurde er immer emotionaler. In unserem Interview nach seinem jüngsten Sieg kam das Thema zur Sprache, als ich ihn zur Ukraine befragte. Einige Monate zuvor hatte er sich bissig über Wolodimir Selenski geäußert und wie Wladimir Putin angedeutet, dass die Vereinigten Staaten für den Konflikt mitverantwortlich sind. Offensichtlich wollte Lula das Thema beiseite schieben und sagte mir, er wolle mit Selenski und Putin und auch mit Biden sprechen, ihm gehe es nur um den 'Weltfrieden'. Bald darauf kam er auf das Thema Hunger zurück. 'Ich kann nicht, ich kann nicht, ich kann diese Menschen nicht verraten', sagte er mit Tränen in den Augen. 'Ich werde mit den Märkten kämpfen müssen, aber die Menschen müssen wieder essen können. Ich will nicht viel, aber die Menschen müssen wieder Hoffnung haben und einen vollen Bauch, Kaffee am Morgen, Mittag- und Abendessen.' Lula ist nach wie vor ein überzeugter Linker Lateinamerikas. Aber, wie José Eduardo Cardozo, Justizminister unter Dilma Rousseff, mir sagte: 'Lula ist kein Mann, der über Politik theoretisiert wie Lenin oder Trotzki. Er ist ein Pragmatiker, ein Gewerkschafter.' Er fügte hinzu: 'Er ist auch ein politisches Genie und ein charismatischer Mann. Unter Lula kämpft in der Partei jeder gegen jeden, aber nicht gegen ihn. So sichert er seine Macht.'"

Außerdem: Männer fallen immer weiter zurück, in Schule und Universitäten und am Arbeitsplatz. Sie werden früher arbeitslos, schneller süchtig und sterben früher. Woran liegt's, fragt Idrees Kahloon und sucht Antworten in Richard V. Reeves' Buch "Of Boys and Men: Why the Modern Male Is Struggling, Why It Matters, and What to Do About It". Elif Batuman liest russische Klassiker. Anthony Lane sah im Kino Jesse Eisenbergs Regiedebüt "When you finish saving the world".

Magazinrundschau vom 17.01.2023 - New Yorker

Mit seinem Essayband "Professing Criticism" legt John Guillory eine wahre Soziologie der Literaturkritik vor, freut sich Merve Emre, auch wenn die Professionalisierung der Kritik eigentlich kein Anlass zur Freude sei, wie sie feststellt. Denn jede professionelle Formierung gehe einher mit einer Deformation. Mit jeder Ausbildung gehe das Wissen um die eigene Könnerschaft einher, verloren aber gehe der Sinn dafür, dass man die Welt auch auf andere Weise wahrnehmen könne. Die Akademisierung der Kritik sei besonders fatal: "Close Reading hat sich in viele Lesemethoden verzweigt - rhetorisches Lesen für die Dekonstruktivisten, symptomatisches Lesen für die Marxisten, reparatives Lesen für die Queer-Theoretiker - und gipfelte in dem, was als 'Methodenkrieg' bezeichnet wurde. Aber die Methodenkriege, so Guillory, bedeuteten in Wirklichkeit die Bereitschaft, sich mit 'überhaupt keiner Methode' zufrieden zu geben. Keine dieser Praktiken war in einem wissenschaftlichen Sinne reproduzierbar; kein Literaturwissenschaftler konnte versuchen, die Ergebnisse einer feministischen Kritik von 'Jane Eyre' zu bestätigen. Darüber hinaus interessierte sich die Kritik mehr für ihr eigenes Protokoll als für das, was Guillory 'das verbale Kunstwerk' nennt. Diskussionen darüber, wie ein Roman oder ein Gedicht funktionierte, waren weniger wertvoll als die historischen oder politischen Ereignisse, die sich darin manifestierten. Die Ziele der Kritik und der Wissenschaft gingen auseinander. Die letzte Phase in der Entwicklung der Kritik begann mit dem Aufstieg einer Figur, die Roger Kimball denkwürdig als 'Radikalen in Festanstellung' bezeichnete und die wir uns als 'akademischen Aktivisten' vorstellen könnten. Für sie bestand die eigentliche Aufgabe der Kritik darin, sich an sozialen Veränderungen außerhalb der Universität zu beteiligen. Der Kampf gegen die Ausbeutung könne geführt werden, indem man über Rassismus, Sexismus, Homophobie und Kolonialismus schreibe und dabei eine zunehmend verfeinerte Sprache des historischen Kontextes, der Identität und der Macht verwende. Literarische Artefakte (Gedichte, Romane und andere Spielereien der Eliten) könnten als Studienobjekte durch solche der Popkultur (Taylor Swift, Selfies und andere Spielereien der Massen) ersetzt werden."

Weiteres: Calvin Tomkins porträtiert die Künstlerin Tala Madani. Rebecca Mead liest Harry Windsors Erinnerungen.