Magazinrundschau - Archiv

The New Yorker

851 Presseschau-Absätze - Seite 13 von 86

Magazinrundschau vom 20.09.2022 - New Yorker

Mit vielen lustigen Fotos garniert porträtiert Molly Fischer die Lebensmitteldesignerin Laila Gohar - wobei Lebensmitteldesignerin ihren Beruf höchstens technisch beschreibt. Tatsächlich ist Gohar eine Verführerin, die einen Calvin mit einer Kirsche in die Hölle locken könnte. Und es geht dabei nicht um die Kirsche. "Als die Galeries Lafayette 2019 hofften, Luxuskunden in ihren neuen Standort auf den Champs-Élysées zu locken, wandten sie sich an Gohar, um eine Eröffnungsparty zu veranstalten. Gohar lieferte (neben einer Himbeertorte mit Hula-Hoop-Reifen und überlebensgroßen Butterskulpturen einer Hand, eines Mundes und eines Ohres) eine Mortadella von der Größe eines Telefonmastes. Sie wurde mit Hilfe eines Krans durch die Fenster im zweiten Stock des Kaufhauses transportiert und kam auf einem Sockel aus schweinchenrosa Marmor, umgeben von passenden Blumen, zur Ruhe - ein Monument der kalten Pracht. ... Viele ihrer Arbeiten sind so kunstvoll, dass man nicht sofort weiß, wie oder ob man sie essen soll. Manchmal würde das die Art von Intervention erfordern, vor der ein schüchterner Partygänger zurückschreckt - zum Beispiel eine Schokoladenbüste mit einem Hammer zu zerschlagen. Aber Gohar begrüßt diese Momente der Unsicherheit. ... Wenn ich meine Arbeit in solche Räume bringe, wirken sie sofort wie ein Eisbrecher. Die Leute werden fast wie Kinder.' Die Gäste fangen an, miteinander zu reden und zu fragen: Was ist das? Kann ich das essen? 'Das Essen ist mir sehr wichtig', sagt Gohar. 'Aber das ist nicht der Punkt.'"

Weitere Artikel: Bono erzählt seine Lebensgeschichte. Sam Knight erzählt die Geschichte eines umstrittenen Lucian Freuds. James Wood liest Marlen Haushofers Roman "Die Wand". Claudia Roth Pierpont liest Marius Kociejowskis Neapelporträt "The Serpent Coiled in Naples". Und Anthony Lane sah Olivia Wildes Film "Don't Worry Darling".

Magazinrundschau vom 06.09.2022 - New Yorker

Jonathan Blitzer verfolgt geradezu ungläubig den Aufstieg des Nachtklubmanagers Nayib Bukele zum Präsidenten El Salvadors, der das Land mit seinen Bitcoin-Abenteuern an den Rand der Staatspleite geführt hat, sich aber mit populistischen Sprüchen seine Beliebtheit in der Bevölkerung sichert. Im April lancierte die Regierung eine gewaltige Offensive gegen die kriminellen Banden, die das Land tatsächlich seit zwei Jahrzehnten terrorisieren und im März ein Blutbad von bis dahin unbekanntem Ausmaß angerichtet hatten. Bukele verhängte den Ausnahmezustand und innerhalb von Wochen wurden 50.000 junge Männer inhaftiert, ohne Recht auf einen Anwalt. Doch die Zeitungen misstrauen dem Präsidenten, für ihre investigativen Geschichten wurden immer wieder Journalisten ausspioniert, bedroht und aus dem Land gejagt: "Die Regierung kann die Berichte dementieren, aber bestimmte Fakten bleiben bestehen. Letztes Jahr lehnte Bukele einen Antrag der USA auf Auslieferung von vierzehn hochrangigen Mitgliedern der MS-13 ab. Die salvadorianische Regierung ließ einige der Männer heimlich aus dem Gefängnis frei, sie sind nun auf freiem Fuß. Laut einer gemeinsamen Untersuchung von La Prensa Gráfica und InSight Crime ist einer der Gangster, der sich Crook of Hollywood nennt, im November letzten Jahres während einer Verbrechenswelle aus dem sichersten Gefängnis des Landes entkommen. Im darauf folgenden Monat gingen die Morde zurück. Kürzlich veröffentlichte der Journalist Carlos Martínez in El Faro eine Geschichte, die auf sieben aufgezeichneten Gesprächen zwischen MS-13-Mitgliedern und einem Unterhändler der Regierung beruht, der Bukele nahe steht. Als Codename für den Präsidenten verwenden sie Batman. Es gibt ausdrückliche Hinweise auf zwei Jahre geheimer Gespräche, und der Beamte gibt sich Mühe, alles zu beschreiben, was er für die Bande getan hat, um seine 'Loyalität und Vertrauenswürdigkeit' zu beweisen. Auslöser für die Mordwelle im März war nach Angaben von drei in dem Bericht zitierten Gangmitgliedern die Verhaftung einer Gruppe von Gangstern, die in einem Regierungsfahrzeug unterwegs waren. Sie fühlten sich betrogen, weil ihnen 'sicheres Geleit' versprochen worden war. Untypischerweise griff die Regierung den Artikel nicht an, als er erschien. "

Weiteres: Etwas besseres als die Demokratie finden wir allemal? Adam Gopnik hat zwei Bücher gelesen, "Two Cheers for Politics" (Basic Books) von Jedediah Purdy und "Isonomia and the Origins of Philosophy" von Kōjin Karatani, die nach Alternativen suchen. Und Jennifer Homans erzählt von der Tour des New York City Balletts mit George Balanchine durch die UDSSR 1962, wo der Choreograf Menschen wiederbegegnete, die er auf seiner Flucht Jahre zuvor hinter sich gelassen hatte.

Magazinrundschau vom 29.08.2022 - New Yorker

Margaret Talbot zeichnet ein ausführliches Porträt des Richters am Obersten Gerichtshof der USA, Samuel Alito, für den mit der Entscheidung Dobbs vs. Jackson Women's Health Organization ein Traum war wurde. Alito hatte - in unnötig scharfen Worten, die die Mehrheitsmeinung der Amerikaner missachtet - die Begründung für die Aufhebung von Roe vs. Wade geschrieben, den Präzedenzfall, der Amerikanerinnen ein Recht auf Abtreibung gab. In seiner Begründung "versprach Alito, dass andere Präzedenzfälle sicher seien und dass sich die Abtreibung von anderen persönlichen Entscheidungen unterscheide, weil sie 'zerstört', was das Gesetz von Mississippi als 'ungeborenes menschliches Wesen' beschreibt. Er betonte: 'Nichts in dieser Stellungnahme sollte so verstanden werden, dass Präzedenzfälle, die nicht die Abtreibung betreffen, in Frage gestellt werden.' Aber Alitos Behauptung über die einzigartige Kostbarkeit eines Fötus allein schafft keinen rechtlichen Standard. Neil Siegel, Juraprofessor an der Duke University, sagte mir: ' 'Weil ich es gesagt habe' ist kein Argument - nicht in der Kindererziehung und nicht im Recht.' Die Logik, die Alitos Meinung zugrunde liegt, besagt, dass Rechte, die nicht in der Verfassung verankert sind, nur dann zulässig sind, wenn sie seit langem Teil der Traditionen der Nation sind. Was soll nach diesem Maßstab die Aufhebung des durch Obergefell garantierten Rechts auf gleichgeschlechtliche Ehe ausschließen? Es ist bezeichnend, dass Alito in diesem Fall wütend widersprach und sagte, dass ein Recht auf gleichgeschlechtliche Ehe 'im Widerspruch zu einer lange etablierten Tradition' stehe. In der Tat argumentierte Clarence Thomas in seiner Dobbs-Zusatzerklärung, dass die besonderen Fälle, die die gleichgeschlechtliche Ehe und Intimität sowie die Empfängnisverhütung schützen, unbedingt neu überdacht werden sollten. (Thomas ließ 'Loving' aus, den Fall, der den Schutz der Ehe zwischen Schwarzen und Weißen zum Gegenstand hatte.) Die Minderheitenmeinung im Fall Dobbs vs. Jackson Women's Health Organization, die von Stephen Breyer, Elena Kagan und Sonia Sotomayor veröffentlicht wurde, stellte Alitos Zusicherungen scharf in Frage. 'Nehmen wir an, die Mehrheit [im Supreme Court] meint es ernst, wenn sie sagt, dass sie, aus welchen Gründen auch immer, so weit gehen wird und nicht weiter', schrieben sie. 'Pfadfinderehrenwort. Dennoch wird die zukünftige Bedeutung der heutigen Stellungnahme in der Zukunft entschieden werden. Und das Recht hat oft die Angewohnheit, sich ohne Rücksicht auf die ursprünglichen Absichten weiterzuentwickeln - es folgt tatsächlich der Logik.'"

Weitere Artikel: Keith Gessen liest Turgenjew, Katy Waldman liest Jonathan Escoffery, Alex Ross fragt: Wie radikal war Rachmaninow, und Anthony Lane sah im Kino George Millers "Three Thousand Years of Longing" mit Tilda Swinton und Idris Elba.

Magazinrundschau vom 16.08.2022 - New Yorker

Auch Adam Gopnik denkt über die Freiheit nach, die sich Rushdie zurückerobert hatte und die mit dem Attentat endet: "Im Laufe der Zeit ließ er mit einem Mut, der heute noch bemerkenswerter erscheint als damals, den Schutz fallen und ging ohne Begleitung und ohne Sicherheitspersonal umher - er beanspruchte seine eigene Menschlichkeit, indem er sich weigerte, zu einem Sonderfall gemacht zu werden, egal welcher Art. Er ließ sich weder auf die Karikatur reduzieren, die seine idiotischen Feinde aus ihm machen wollten, noch auf die ebenso karikaturistische Rolle eines Märtyrers für die Wahrheit. Er war ein Schriftsteller, mit den Tätigkeiten eines Schriftstellers und den Rechten eines Schriftstellers."

Wie wichtig ein funktionierender Kühlkreislauf für unsere Lebensmittel ist, das lernt man aus Nicola Twilleys Reportage über fehlende Kältetechnik in Ruanda. Die Ausfälle durch verdorbene Lebensmittel im subsaharischen Afrika werden auf immerhin Hunderte von Milliarden Dollar pro Jahr geschätzt. Der Erfindungsreichtum und Unternehmergeist, mit dem die Ruander diesem Problem begegnen, ist beeindruckend, aber es gibt noch einiges zu tun: Kühlung, wenn sie funktioniert, nützt vor allem großen Farmen, die für den Export pflanzen. Sie ist ein Klimakiller (an der Energieeffizienz arbeiten derzeit britische und ruandische Forscher). Und schließlich - etwas unerwartet - wollen viele Ruander keine gekühlten Lebensmittel: "Wie mir Alice Mukamugema, eine Analystin im ruandischen Landwirtschaftsministerium, erklärte, glauben die Verbraucher in Ruanda, dass gekühlte Lebensmittel nicht frisch sind. (Amerikaner im frühen 20. Jahrhundert äußerten ähnliche Befürchtungen.) 'Händler, die die Abfälle aus dem Eishaus des National Agricultural Export Development Board auf dem lokalen Markt verkaufen, müssen sie sogar eine Zeit lang in die Sonne legen, damit sie sich nicht kalt anfühlen', sagte sie."

Nach Jane Mayer letzte Woche (unser Resümee) blickt heute Louis Menand auf das Wahlsystem der USA und stellt fest, wie undemokratisch es ist. Und das, obwohl in den USA mehr Menschen zur Wahl gehen als je zuvor. Gerrymandering (das Menand ganz gut erklärt), Wahlmännerkollegium und Filibuster - diese drei Eigenheiten führen inzwischen dazu, dass eine kleine Minderheit über die Mehrheit herrscht. 1789 mag es für einige Regeln gute Gründe gegeben haben, die heute obsolet sind. Warum ist es aber so schwer, die Verfassung zu ändern? Der Glaube daran hat etwas Religiöses, meint Menand: "Wir leben in einem Land, das unter einem schweren Fall von Ahnenkult leidet (ein Symptom für Unsicherheit und Angst vor der Zukunft), der durch eine absurde, undurchführbare und manipulierbare Doktrin namens Originalismus noch verschärft wird. Etwas, das Alexander Hamilton in einer Zeitungskolumne geschrieben hat - die 'Federalist Papers' sind im Grunde eine Sammlung von Meinungsäußerungen -, wird wie eine Passage aus dem Talmud behandelt: Wenn wir sie richtig interpretieren könnten, würde sie uns den Weg weisen."

Weiteres: Adam Entous erzählt die unbekannte Geschichte der Familie Biden. Rebecca Mead schreibt über den finanziell ungeheuer erfolgreichen Künstler Anish Kapoor. Und Rachel Syme denkt über das Vermächtnis von Nora Ephron nach.

Magazinrundschau vom 09.08.2022 - New Yorker

So richtig versteht man auch bei der Lektüre von Jane Mayers Reportage zwar immer noch nicht, wie Gerrymandering in den USA funktioniert, aber die Folgen werden sehr klar: Es geht grob gesagt um das willkürliche Zuschneiden von Wahlbezirken, dass dazu führen kann, dass Extremisten, die in fairen Wahlen nie eine Chance hätten, Gesetze gegen die eigentliche Mehrheit in einem Bundesstaates durchsetzen können. Mayers Beispiel ist der Bundesstaat Ohio. Hier haben religiöse Fundamentalisten und Waffenfanatiker durchgesetzt, dass nicht einmal vergewaltigte Kinder abtreiben können und Waffen praktisch ohne Kontrolle erworben und besessen werden dürfen: "Wie konnte das passieren, wo doch die meisten Wähler in Ohio keine Ultrakonservativen sind? 'Es geht um Gerrymandering', sagte mir David Niven, Professor an der Universität von Cincinnati. Die Karten der Wahlbezirke in Ohio wurden absichtlich so gezeichnet, dass viele Republikaner praktisch nicht verlieren können, was der Partei eine vetosichere Supermajorität sichert. Infolgedessen sind die einzigen Wettbewerbe, um die sich die meisten republikanischen Amtsinhaber sorgen müssen, die Vorwahlen - und da Hardcore-Parteianhänger die Wahl in diesen Wettbewerben dominieren, besteht die einzige Bedrohung für die meisten republikanischen Amtsinhaber in der Möglichkeit, von einem Rivalen überflügelt zu werden, der noch weiter rechts steht."

Weiteres: Gideon Lewis-Kraus porträtiert den Philosophen William MacAskill, Mitbegründer einer von Peter Singer inspirierten Bewegung namens "effektiver Altruismus". Susan B. Glasser und Peter Baker geben in einem Brief aus Washington Einblicke in den Krieg Donald Trumps gegen seine Generäle. Klar, Billy Wilder ist großartig, aber Ernst Lubitsch war noch besser, findet Alex Ross. Carrie Battan hört Beyoncés neues Album. Lauren Michele Jackson liest ein Buch über Josephine Baker. Und Anthony Lane sah im Kino David Leitchs Actionthriller "Bullet Train".

Magazinrundschau vom 02.08.2022 - New Yorker

E-Autos mögen gut für die Umwelt sein, aber für Menschen kann ihre Lautlosigkeit tödlich sein. Seit 2010 fordert in den USA ein Gesetz, dass diese Fahrzeuge ihre Umwelt warnen. Aber wie? Das Ircam in Paris forscht genau auf diesem Gebiet, erzählt John Seabrook, "z. B. ob die Klänge von E.V. klangliche Metaphern für Verbrennungsgeräusche sein sollten, ähnlich dem synthetischen Klingeln eines Mobiltelefons oder dem beruhigenden Knistern von Papier, das anzeigt, dass man ein Dokument auf seinem MacBook abgelegt hat - eine Form des akustischen Designs, die als Skeuomorphismus bekannt ist. Eine andere Möglichkeit war die Verwendung von 'Ohr-Cons' - hörbare Symbole, wie das abstrakte Klicken eines Geigerzählers, das jeder als Zeichen für Radioaktivität kennt. Das Team von Misdariis entwickelte und testete Optionen in beiden Kategorien. Sie entdeckten, so Misdariis, dass 'Metaphern leicht zu verstehen, aber schwer zu merken sind, während Symbole schwerer zu verstehen, aber leichter einzuprägen sind". Das IRCAM-Team arbeitete mit Andrea Cera zusammen, einem italienischen Musikproduzenten und Komponisten. Cera sagte, dass er die Elektrifizierung der Mobilität als eine Chance sieht, die chaotische Akustik einer Stadt grundlegend zu überdenken. Er stellt sich eine urbane Klanglandschaft nach dem Vorbild des Vogelgezwitschers in der Natur vor, in der die verschiedenen Klänge nicht miteinander konkurrieren, sondern sich in ein übergreifendes akustisches Ökosystem einfügen. Durch die Analyse von Klanglandschaften auf der ganzen Welt hat Cera, wie er mir erzählte, 'diese kleinen Nischen ausfindig gemacht, in denen man einen kleinen Klang platzieren kann, so dass man präsent ist, ohne laut zu sein. Nur ein Ton, keine Melodie'. Die Klänge, die er und das IRCAM-Team für Renault entwickelt haben, sollen diese Nischen ergänzen. Er fügte hinzu: 'Wenn die Geräuschkulisse sehr chaotisch ist - Autos, Telefone, Hupen, Radios - kann man am besten wahrgenommen werden, wenn man still ist.'"

Masha Gessen erzählt in einem Brief aus der Ukraine, warum es so schwierig ist, russische Soldaten wegen Kriegsverbrechen anzuklagen, aber trotzdem notwendig: "'Westliche Politiker sagen immer wieder, dass wir einen Teil unseres Territoriums an Putin abtreten sollten', sagt Matwitschuk vom Center for Civil Liberties. 'Wir müssen sie daran erinnern, dass sie damit die Menschen den Schrecken ausliefern, die wir dokumentiert haben.'"

Außerdem: Calvin Tomkins porträtiert den schwulen Maler Salman Toor. Nikhil Krishnan fragt, wie universal unsere Emotionen sind. Zoe Heller liest neue feministische Romane.

Magazinrundschau vom 26.07.2022 - New Yorker

In einer bewundernswerten Reportage voll wirklicher Erfahrung berichtet Luke Mogelson vom Kriegsgeschehen im Donbass. Sehr eindrücklich zeigt er, dass die gezielten russischen Angriffe auf Zivilisten ebenso deren Moral unterminieren sollen wie die unaufhörlichen Bombardements, die Lärm, Chaos, Angst und Tod verbreiten. Mogelson hat vor dem Fall von Lyssytschansk mehrere Wochen in der Industriestadt verbrachtet, deren wirtschaftlicher Niedergang mit der russischen Invasion im Donbas 2014 begonnen hatte: "Der außergewöhnliche Zusammenhalt, der die ukrainischen Kämpfer während der Verteidigung von Kiew getragen hat, ist im Donbass deutlich schwächer. Mein Übersetzer und ich übernachteten im letzten noch offenen Hotel in Bachmut. Als wir eines Abends aus Lyssytschanks zurückkehrten, kamen vier Männer in Zivil auf uns zu. Es waren Soldaten aus der Westukraine, die zur Verstärkung nach Osten entsandt worden waren. In Bachmut wurde jedem von ihnen eine Kalaschnikow, vier Magazine sowie zwei Handgranaten ausgehändigt, dann wurden sie an die Front geschickt. Den Soldaten zufolge war die einzige Anweisung, die sie erhielten, nicht zurückzuweichen. Ihnen wurde nicht gesagt, zu welcher Einheit sie gehörten oder unter wessen Kommando sie stünden. Kurz darauf wurden drei ihrer Kameraden unter russischem Granatenbeschuss verwundet. Sie brachten sie zum nächsten Checkpoint, dann wussten sie nicht mehr, was sie tun sollten: Zu ihrer Position zurückzukehren, wäre Selbstmord. Aber von wem könnten sie sich Anweisungen holen? Schließlich nahm sie ein Militärlaster mit nach Bachmut, jetzt haben sie Angst, als Deserteure verhaftet zu werden. Sie erzählten uns das alles, weil sie unseren Rat wollten. Ich hatte keinen, konnte ihnen nur Zigaretten anbieten… Auch die normalen Büger beteiligen sich hier in keiner Weise so an den Kriegsanstrengungen wie in Kiew. Während die Hauptstadt angegriffen wurde, fanden viele Bewohner, die nicht zum Militär gehörten, andere Arten der Unterstützung: Sie knüpften Camouflage-Netze, füllten Sandsäcke, kochten und lieferten Essen, sammelten ausländische Spenden für Ausrüstung und Medizin. Diese Freiwilligen waren oft Studenten, Künstler, Unternehmer und Akademiker, die alle zusammen eine erstaunliche Fähigkeit bewiesen, zu netzwerken und Ressourcen zu mobilisieren. Für die Bergleute, Bauern und Fabrikarbeiter im Donbass überschatte das eigene Überleben alle anderen Belange."

Dhruv Khullar bilanziert die Hitze, die Indien in diesem Jahr traurige Rekorde bescherte und Vögel tot vom Himmel fielen ließ: "Hohe Temperaturen verstärken Unsicherheit und Aggressivität", sagt ihm ein Arzt: "Die Welt wird heißer und gefährlicher."
Stichwörter: Donbass, Ukraine-Krieg 2022

Magazinrundschau vom 19.07.2022 - New Yorker

Als Jacht gilt jedes Boot mit einer Crew an Bord, die Klassifizierungen für Super-, Mega- und Gigajachten variieren allerdings, lernt Evan Osnos in seinem großen Bericht aus der Welt der Superreichen. 2021 wurden 187 Superjachten verkauft, ein Rekord, zweimal mehr als im Jahr davor. Ihre Beliebtheit resultiert aber nicht nur daraus, lernt Osnos, dass sie einfach das Allerteuerste sind, was man derzeit kaufen kann (an Land kann man für ein Anwesen nicht mehr als 250 Millionen Dollar hinlegen), oder daraus, dass sie meist an den Behörden vorbei offshore registriert werden oder dass sie ein Symbol für den "faustischen Kapitalismus" geworden sind, der die Werte der Demokratie gegen kurzfristige Profite verhökert: "Für die Jachtbesitzer  und ihre Gäste bietet ein 'weißes Boot' einen diskreten Marktplatz für den Austausch von Vertrauen, Gunst und Anerkennung. Wie genau die Mechanismen dieses Handels funktionieren - die Regeln und Ängste, Strategien und Beleidigungen - ließ ich mir von Brendan O'Shannassy erklären, einem altgedienten Kapitän und eine Art Kurator für Jachtwissen. O'Shannassy wuchs in Westaustralien auf, ging als junger Mann zur Marine und fand schließlich seinen Weg als Skipper auf einigen der größten Jachten der Welt. Er arbeitete für Paul Allen, den verstorbenen Mitbegründer von Microsoft, sowie für einige andere Milliardäre, deren Namen er nicht nennen möchte. Jetzt, Anfang fünfzig, mit geduldigen grünen Augen und lockigem braunen Haar, hat O'Shannassy einen guten Überblick auf den gesellschaftlichen Verkehr: 'Es ist geht sehr liebenswürdig zu, jeder küsst jeden', sagt er, 'aber im Hintergrund spielt sich eine Menge ab'. O'Shannassy hat einmal für einen Jachtbesitzer gearbeitet, der die Anzahl der Zeitungen an Bord begrenzte, damit er seine Gäste beim Warten und sich Winden beobachten konnte. 'Es war ein Spiel unter Milliardären. Es gab sechs Paare und drei Zeitungen', sagte er und fügte hinzu: 'Sie haben ständig ihre Positionen bewertet.' Auf einigen Schiffen hat O'Shannassy in den unangenehmen Minuten nach der Ankunft der Gäste selbst den Gastgeber gespielt. 'Viele von ihnen sind genial, aber einige sind sehr unsozial", sagt er. 'Sie brauchen jemanden, der für sie das gesellschaftliche übernimmt. Sobald sich alle eingewöhnt haben, so hat es O'Shannassy erlebt, gibt es oft eine subtile Veränderung, wenn ein Mogul, ein Politiker oder ein Popstar anfängt, sich auf eine Art zu entspannen, wie es an Land kaum möglich wäre. 'Die Vorsicht lässt nach', sagt er. 'Man muss sich keine Sorgen wegen der Paparazzi machen. Man hat also all diesen Freiraum, sowohl physisch, aber auch mental.'"

Alice Gregory stellt das Kunstkollektiv Congolese Plantation Workers Art League vor, das mit Schokoladenskulpturen daran arbeitet, die Stadt Lusanga vom ausbeuterischen Erbe der Palmöl-Plantagen zu emanzipieren.

Magazinrundschau vom 28.06.2022 - New Yorker

Im New Yorker macht uns Anna Wiener vertraut mit der Welt der Foley-Künstler (Geräuschemacher), das sind besondere Tonleute, die maßgeschneiderte Soundeffekte für Film, Fernsehen und Videospiele herstellen. "'Ich sage immer, es gibt Soundeffekte, wie Schritte, und dann gibt es Musik', sagte der Regisseur David Lynch, dessen Filme für ihr einfallsreiches, stimmungsvolles Sounddesign bekannt sind. 'Und dann gibt es Soundeffekte, die wie Musik sind. ... Sie beschwören ein Gefühl herauf.' Traditionell umfassen 'harte Effekte' Umgebungsgeräusche wie Verkehr oder Regen oder die mechanischeren, brennenden Geräusche von Explosionen und Schüssen; sie werden normalerweise aus Bibliotheken entnommen oder elektronisch erzeugt. Foley-Effekte sind speziell auf einen Film zugeschnitten und werden mit den Bewegungen der Figuren synchronisiert. Dazu gehören Geräusche, die entstehen, wenn jemand durch einen Raum geht, sich im Bett umdreht, einen Topf umrührt, tippt, kämpft, tanzt, isst, fällt oder küsst. Die Grenze zwischen diesen beiden Arten von Effekten ist fließend: Foley-Künstler nehmen das Geräusch einer Hand auf, die einen Türknauf dreht, aber nicht das Geräusch des Mechanismus, der sich darin dreht. Die Geräusche sind subtil, aber suggestiv, sie fangen Bettfedern aus dem Off ein oder das Schlurfen eines ungeschickten Eindringlings. In den letzten hundert Jahren hat die Technologie die Aufnahme, Bearbeitung und das Engineering von Geräuschen verändert, aber die Techniken der Geräuschkulisse sind hartnäckig analog geblieben. Hinter jedem noch so komplexen Foley-Effekt stehen ein oder zwei Menschen, die in einem schalldichten Raum ihre Körper verrenken. Die Foley-Künstler arbeiten seit jeher zu zweit. (Bestimmte Geräusche sind so komplex, dass sie die Arbeit von vier Händen erfordern.) Roden und Roesch sind zwei der Meister ihres Fachs. Der Regisseur David Fincher sagte mir, dass Foley 'eine sehr seltsame Berufung' ist und 'eine dunkle Kunst', die für das Filmemachen grundlegend ist. 'Man versucht, schöne Geräusche zu machen, die einmal ihren Zweck erfüllen und dann wieder verschwinden', sagte Fincher. 'Die Leute, die das wirklich, wirklich gut können, sind rar gesät.'"

Hier gibt John Roesch eine kleine Einführung in sein Metier:



Das Projekt der Aufklärung begann mit der Trockenlegung von Sümpfen: Bis zum 17. Jahrhundert starben die Menschen in Europa am Sumpffieber wie die Fliegen. Aber vielleicht kann man auch vom Guten zu viel tun. Das glaubt jedenfalls die Schriftstellerin Annie Proulx, die das Verschwinden der Sümpfe auch als ökologische Katastrophe betrachtet: "Viele Menschen haben nur eine vage Vorstellung davon, dass Feuchtgebiete die Erde säubern. Tatsächlich sind sie Kohlenstoffsenken, die CO2 absorbieren, und sie sind unübertroffen im Herausfiltern von menschlichen Abfällen, Material von verrotteten Kadavern, Chemikalien und anderen Schadstoffen. Sie füllen unterirdische Grundwasserspeicher auf und erhalten die regionalen Wasserressourcen, indem sie die Auswirkungen von Dürren und Überschwemmungen abfedern. Insgesamt stabilisieren die wässrigen Teile der Erde ihr Klima. ... In den achtziger Jahren war etwa die Hälfte der amerikanischen Feuchtgebiete ausgerottet worden. ... Die Naval Station Norfolk in der Region Hampton Roads zum Beispiel - ein natürlicher Reedekanal mit tiefem Wasser in der Chesapeake Bay, der von den Flüssen James, Nansemond und Elizabeth gespeist wird - schwillt jetzt in einem noch nie dagewesenen Ausmaß an. Der Umweltjournalist Jeff Goodell besuchte die Station und schrieb: 'Auf der Basis gibt es keinen Hochstand, keinen Rückzugsort. Es fühlt sich an wie ein Sumpf, der ausgebaggert und zugepflastert wurde - und genau das ist es auch.'"

Weiteres: Andrew Marantz geht der Frage nach, ob amerikanische Konservative wirklich ausgerechnet Viktor Orbán als Vorbild sehen. David Remnick porträtiert die Gospelsängerin Mavis Staples. Anthony Lane sah im Kino Baz Luhrmanns Elvis-Biopic. Louis Menand erzählt, wie Picasso sich in Amerika durchsetzte. Und Alex Ross berichtet vom Ojai-Musikfestival.

Magazinrundschau vom 21.06.2022 - New Yorker

Wie zweischneidig das Recht auf Privatsphäre ist, lernt Jeannie Suk Gersen aus zwei Büchern: Amy Gajda beschreibt es in "Seek and Hide: The Tangled History of the Right to Privacy" als ein Recht, das immer vor allem "den Interessen reicher Männer und der Elitegesellschaft" gedient hat. "Gajda weist darauf hin, dass die Begeisterung für die Privatsphäre in der amerikanischen Geschichte immer mit einer Wahrheit verbunden war, die durch die #MeToo-Bewegung bekannt wurde: Die Privatsphäre schützt das Verhalten von Männern gegenüber Frauen" und es kollidiert oft genug mit einem "Recht auf Wissen" der Öffentlichkeit. Brian Hochmans "The Listeners: A History of Wiretapping in the United States" argumentiert laut Gersen dagegen, dass Privatsphäre im Zeitalter unbegrenzter Überwachungsmöglichkeiten so kostbar wie nie ist. "Für Hochman fügt sich die Geschichte des Abhörens letztlich in die größere rassistische Tragödie der Masseninhaftierung und Überkriminalisierung ein. Genauso wie die Bestrafung und die polizeiliche Überwachung einen unverhältnismäßig großen Einfluss auf schwarze Gemeinschaften hatten, so stellt er fest, dass Schlüsselmomente in der Geschichte des Abhörens die Überwachung schwarzer Individuen beinhalten. Die Bundesregierung hörte schwarze politische Führer und Bürgerrechtsgruppen ab, von Martin Luther King, Jr. und Malcolm X bis zu den Black Panthers und der Nation of Islam. Heute, so schreibt er, ist die elektronische Überwachung 'in Fällen von Drogenhändlern in Baltimore, Einwanderern ohne Papiere in Detroit und Black Lives Matter-Aktivisten in Chicago aufgetaucht'. Es ist auffällig, dass die beiden großen sozialen Bewegungen der letzten fünf Jahre, #MeToo bzw. Black Lives Matter, den Rahmen für Gajdas und Hochmans Projekte bilden: Zu viel Respekt vor der Privatsphäre dient einerseits dem männlichen Anspruch, andererseits dient ein unzureichender Respekt vor der Privatsphäre der weißen Vorherrschaft. Das Schwanken zwischen diesen beiden Gruppen von Anliegen spiegelt nicht nur unsere instabilen moralischen Intuitionen zu sozialer Gerechtigkeit wider, die oft davon abhängen, wer der Verletzer und wer der Verletzte ist, sondern auch die realen Abwägungen zwischen Privatsphäre und konkurrierenden Anliegen."