Magazinrundschau - Archiv

Osteuropa

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Magazinrundschau vom 19.04.2011 - Osteuropa

Das neue Osteuropa-Heft ist der Arktis gewidmet. Der Schriftsteller und Fotograf Wassili Golowanow erzählt von seiner Reise zur Insel Kolgujew in der östlichen Barentssee, Siedlungsgebiet der nomadischen Nenzen, die ihre Standplätze vor dem Verlassen mit Gänsefedern sauber fegten: "Nun stehen wir auf dem sandigen Küstenstreifen am Landende. Ringsumher die Wasser des Nordpolarmeers. Irgendwo hinter dem Horizont liegt die Welt. Mitunter tragen die von weither anrollenden Wellen Dinge heran und lassen sie auf dem Ufer zurück. Würden wir diese Dinge wie Schriftzeichen aneinanderlegen, so könnten wir vielleicht eine wichtige Botschaft lesen, die uns erlaubte, diese Welt zu begreifen. Doch einstweilen fehlen noch viele Buchstaben, und wir durchkämmen mit zerstreuter Hand diesen Fundus des Weltalphabets. G - Geschoss, Geschosskisten, Gasmaske, Geschirrverpackungen. F - Fässer, Flaschen. S - Schnüre und Stricke (verheddert), Schwimmer. H - Holzteile (mit Nägeln), Hubschrauberverkleidung (ein abgerissenes Stück). B - Bierdosen ..." (Golowanows Buch "Die Insel oder Rechtfertigung des sinnlosen Reisens" erscheint nächstes Jahr bei Matthes und Seitz).

Der Historiker Philipp Felsch blickt auf die jahrhundertealte Vorstellung von einem eisfreien Polarmeer zurück. Was jetzt dank schmelzender Polkappen eine schiffbare Nordwestpassage und zugängliche Rohstoffe verheißt, war im 19. Jahrhundert ein fataler Irrtum, der die großen Polarforscher wie Sir John Franklin in den tragischen Tod trieb: "Ihre Schiffe waren Bastionen englischer Lebensweise: von der zwölfhundert Bände umfassenden Bordbibliothek über feines Porzellan bis zu den gefütterten Winteruniformen der Königlichen Marine, dazu zum ersten Mal bleiverlötete Fleischkonserven - der Zuschnitt der Franklin-Expedition offenbart die ganze Hybris des viktorianischen Welteroberungsprojekts. Allerdings sagt sich das leicht, wenn man weiß, dass Franklin grandios scheiterte. Statt zur ersehnten Beringstraße durchzubrechen, froren seine Schiffe im Eis ein und mussten nach mehreren tatenlosen Wintern schließlich aufgegeben werden. Der Versuch, zu Fuß nach Süden zu entkommen, schlug fehl und endete in einem verzweifelten Todesmarsch, ein kannibalistisches Finale inklusive."

Magazinrundschau vom 20.07.2010 - Osteuropa

Das neue Heft von Osteuropa ist ganz dem fast vergessenen polnisch-jüdischen Komponisten Mieczyslaw Weinberg gewidmet, der nach dem deutschen Überfall auf Polen in die Sowjetunion ging und dort von Dmitri Schostakowitsch entdeckt und gefördert wurde. "Es ist ein Rätsel, wie die Musik eines der kreativsten Komponisten des 20. Jahrhunderts derart lange ignoriert werden konnte", schreiben Manfred Sapper und Volker Weichsel im Editorial. Weinbergs erste Sinfonie war der Roten Armee gewidmet, später wurden seine Werke wurden von Mstislaw Rostropowitsch und Dawid Oistrach aufgeführt, dann fiel er bei Stalin in Ungnade und kam ins Gefängnis.

Der britische Musikwissenschaftler David Fanning führt ins Werk ein, das nicht von dem biografischen Hintergrund überlagert werden dürfe: "Weinbergs Werke beziehen sich oft direkt auf die Außenwelt, besonders als Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen. Ebenso viele seiner Werke richten sich nach innen, auf Themen wie Liebe und Sehnsucht, Sterblichkeit und Sinnsuche. So mühsam sich das in Worte fassen lässt, so erhebend ist das Erlebnis im Konzertsaal. Es mag verlockend sein, Weinberg als eine Art moralischen Leitstern zu präsentieren, aber seine Botschaft hat nichts mit Kommunismus, Antikommunismus oder politischem Engagement irgendwelcher Art zu tun. Nur das Etikett 'Antifaschist' hätte er wohl akzeptiert. Seine Botschaft, wenn wir sie denn so nennen wollen, handelt vom Mensch- und Künstlersein in den Turbulenzen Mitte des 20. Jahrhunderts."

Hier spielt Rostropowitsch das Cellokonzert:



Außerdem: Die Auschwitz-Überlende Zofia Posmysz, aus deren Novelle "Die Passagierin" Weinberg eine Oper komponiert hat, erinnert sich an ihre Zeit im Konzentrationslager, die Arbeit am Buch und den verschlossenen Weinberg. Reinhard Flender schreibt über die Freundschaft zwischen Weinberg und Dmitri Schostakowitsch. Stefan Weiss behandelt die Repressionen gegen sowjetische Komponisten und Verena Mogl stellt Weinbergs Filmmusiken vor.

Magazinrundschau vom 22.06.2010 - Osteuropa

In einem Interview mit Osteuropa spricht der Übersetzer (u.a. von Kertesz, Bartis, Örkeny und Darvasi) und Regisseur Laszlo Kornitzer über Ungarns Rechte und die träge politische Kultur, in der sie gedeihen konnte: "Einige Schriftsteller setzen sich zur Wehr, nicht zuletzt die fortwährend angefeindeten. Es gibt aber auch noch andere hochbegabte Leute, Künstler, Wissenschaftler, Handwerker, Theaterleute. Warum sie keine Front gegen rechts bilden, ist mir ein Rätsel. Die massive Resistenz gegen die Notwendigkeit aufzuklären, erscheint mir irgendwie uneuropäisch, weit entfernt von demokratischen Strukturen... Andererseits gibt es eine ganze Reihe von Schriftstellern, Journalisten und anderen Nihilisten, die von vornherein mit den Rechten am gleichen Strang ziehen und mit am großen, tödlichen Nichts weben. Rechte Medien und Internetforen beherrschen weitgehend die öffentliche Meinung. Zu ihren offen erklärten Feinden zählen neben Zigeunern, Juden sowie Linken auch Intellektuelle, und sie tragen erheblich dazu bei, dass Esterhazy, Nadas, Konrad, Lajos Parti Nagy, Laszlo F. Földenyi und etliche andere vom ungarischen Normalverbraucher gehasst werden; ob für ihr Weltbürgertum oder ihre Brillanz als Intellektuelle und Schriftsteller weiß ich nicht."

Magazinrundschau vom 27.04.2010 - Osteuropa

Das aktuelle Osteuropa-Heft widmet sich gewohnt lehrreich dem "Zwischenland" Ukraine. Online zu lesen ist eine sehr schöne Erzählung des Autors Serhij Zadan, der mit seinem Freund, dem Fotografen Christoph Lingg, durch das östliche Bergbaurevier des Donbass gereist ist. Hier der Anfang: "Sind wohl gerade nicht die besten Zeiten für die Kohleindustrie, der junge ukrainische Kapitalismus verschlingt sich selbst, also muss man Kompromisse machen, eigenes Territorium abtreten, Fremde hineinlassen. Die Industrieriesen sterben wie Dinosaurier und lassen Ruinenanmut und den herben Geschmack von Arbeitslosigkeit zurück. Das Revier durchläuft die sieben Vorhöfe der Produktionshölle und wird zum Totrevier, wenn die alten Fabrikhallen wie katholische Kirchen in Touristenhochburgen zu historischen Stätten und Orten des Showbusiness werden. Das Totrevier muss fixiert, auf Filmen festgehalten, mit Videokameras aufgenommen werden, jedes zerfallene Gebäude und jede zugeschüttete Zeche, an der du vorbeikommst, muss beschrieben und katalogisiert werden."

Nur im Print: Katherina Raabe schreibt über ukrainische Literatur. Andrej Kurkow denkt über Politiker und Pragmatiker nach und hält fest: "Die Naturgesetze werden selbst in der Ukraine zu 100 Prozent eingehalten." Charles King fragt sich, ob die Hafenstadt Sewastopol, in der die Russen bis 2017 militärische Einrichtungen unterhalten dürfen, Europas nächster Krisenherd werden könnte.

Magazinrundschau vom 16.02.2010 - Osteuropa

Osteuropa druckt den Briefwechsel zwischen dem inhaftierten vom Oligarchen zum Putin-Kritiker gewandelten Michail Chodorkowski und der Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja nach. Es geht um Dissidenz, die Jelzin-Jahre und das Gefängnis: "Das Gefängnis ist ein Ort der Antikultur, der Antizivilisation. Hier ist Gutes böse, Lüge Wahrheit. Pack erzieht Pack, und anständige Leute sind zutiefst unglücklich, weil sie innerhalb dieses abscheulichen Systems nichts tun können. Nein, das ist übertrieben, natürlich können sie etwas tun und tun es auch, aber es ist schlimm mit anzusehen, wie jeden Tag nur Einzelne es schaffen, während Dutzende menschlicher Schicksale untergehen. Und wie langsam und mit wie vielen Rückschlägen Veränderungen vorankommen. Mein Überlebensrezept lautet verstehen und verzeihen lernen. Je besser und tiefer du verstehst, dich in einen anderen hineinversetzt, desto schwerer wird das Verurteilen und desto leichter das Verzeihen. Am Ende geschieht manchmal ein Wunder: Ein Gebrochener richtet sich auf und wird ein Mensch im eigentlichen Sinne. Die Gefängnisaufseher fürchten das sehr."

Magazinrundschau vom 26.01.2010 - Osteuropa

Die Zeitschrift Osteuropa fragt in einem Themenheft, was von der slawischen Idee nach dem Panslawismus geblieben ist. Der Historiker Stefan Troebst freut sich in einem jetzt online gestellten Text zwar über die neue Slawisierung der Europäischen Union, macht aber deutlich, dass der Slawismus eine Konstruktion ist: "Die Annahme eines sämtliche Slaw(ischsprachig)en in Raum und Zeit verbindenden kulturellen, gar biologistischen Elements hat viele Gesichter: Periodisch fungiert sie als politisch wirksames transnationales Identifikationsmuster; sie stellt einen Bezugsrahmen kulturwissenschaftlicher Forschung dar; und sie ist bis heute ein höchst produktiver Mythos in Kunst und Literatur. Die essentialistische Vorstellung einer ethnogenetischen 'Verwandtschaft' aller Slawen, der Existenz einer slawischen Urheimat ('Allslawien') samt slawischer Ursprache, gar der Herausbildung einer natio slavica sind dabei frühneuzeitlichen Ursprungs."

Magazinrundschau vom 25.08.2009 - Osteuropa

Aus dem sehr interssanten Osteuropa-Heft zum Hitler-Stalin-Pakt sind jetzt einige Artikel online zu lesen. Unter anderem beschreibt der russische Philosoph Michail Ryklin, welch Schock der Pakt für Walter Benjamin war (Kollektivierung, Schauprozesse und Großer Terror hatten ihn noch nicht vom Kommunismus abgebracht): "Walter Benjamin lebte damals in Paris, in einer winzigen Wohnung in der Rue de Dombasle. Ein Jahr vor dem Hitler-Stalin-Pakt hatten die Nationalsozialisten ihm die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen... Benjamins Reaktion auf den Hitler-Stalin-Pakt beschreibt der Schriftsteller Soma Morgenstern, der nach dem Anschluss Österreichs an das Reich aus Wien nach Paris geflohen war, in zwei Briefen an Gershom Scholem. Der erste datiert vom 2. November 1970 und gibt eine Vorstellung von der Verfassung Benjamins unmittelbar nach Bekanntwerden des Pakts - und vom Ursprung seiner Thesen 'Über den Begriff der Geschichte'. 'Nach dem Hitler-Stalin-Pakt war Benjamin so niedergeschlagen, dass er fast täglich zu mir kam, um Trost zu suchen, den ich ihm nicht geben konnte, vor allem, weil mich dieser Pakt nicht so entsetzt hat wie ihn. Ich habe so etwas zwar nicht Hitler, aber Stalin zugetraut. Nachdem sich Benjamin von dem Schock erholt hatte, bat er mich eines Tages zu sich zum Essen und las mir 'Zwölf Thesen zur Revision des Historischen Materialismus' vor. Ich erinnere mich an die Erste These. Die war über die Schachspielmaschine, die alle Schachmeister besiegt.'"

Online ist auch die Erklärung der russischen Menschenrechtsorganisation Memorial zu der von Präsident Medwedjew eingesetzte Kommission gegen angebliche Geschichtsfälscher: "Welche Bedeutung die Kommission für den Staat hat, zeigt schon ihre Zusammensetzung. Da finden sich der Inlandsgeheimdienst FSB, der Auslandsnachrichtendienst, der Sicherheitsrat, das Außen- und das Justizministerium, ja sogar der Generalstabschef der Armee. Vorsitzender ist der Chef der Präsidialverwaltung Sergej Naryskin. Die professionellen Historiker unter den 28 Kommissionsmitgliedern kann man an einer Hand abzählen."

Auf der Seite von Eurozine dürfen wir Stefan Troebsts ein wenig verwickelten, aber sehr interessanten Artikel über den Hitler-Stalin-Pakt als lieu de memoire lesen, der vielleicht in Westeuropa und in Russland ignoriert wird, nicht aber in Mittelosteuropa und den baltischen Ländern: "Gewicht und Inhalt des europäischen Erinnerungsortes 'Hitler-Stalin-Pakt' werden also in den verschiedenen Teilen Europas ganz unterschiedlich bemessen und interpretiert. Im Westen herrscht Ignoranz vor, im Osten Verdrängung und in der Mitte wirkt dieser lieu de memoire als weiterhin stark schmerzende gesellschaftliche Narbe."

Magazinrundschau vom 17.03.2009 - Osteuropa

Mit einem großen Themenheft erinnert Osteuropa an den europäischen Aufbruch von 1989.

Online lesen dürfen wir ein Interview mit dem tschechischen Schriftsteller Jachym Topol, der sich darüber wundert, dass Osteuropa auch zwanzig Jahre nach der Wende noch so anders ist als der Westen: "Zum Beispiel eine Fahrkartenkontrolle in der U-Bahn. Hier in Berlin zeigen sämtliche Fahrgäste einfach ihre Fahrkarte vor. In Prag wäre das undenkbar, dort nesteln viele Leute absichtlich möglichst umständlich und langwierig in ihren Taschen herum, denn der Kontrolleur wird als Vertreter einer öffentlichen Institution nach wie vor als Feind betrachtet - und darum gilt es, ihn möglichst lange hinzuhalten, damit sich der Schwarzfahrer, der sich sicherlich auch in diesem Waggon befindet, rechtzeitig aus dem Staub machen kann... Ein zweites Phänomen, mit dem ich 1989 nicht gerechnet habe, ist die Tatsache, dass viele kommunistische Verbrechen auch zwanzig Jahre später noch immer nicht gesühnt, die Täter nicht bestraft worden sind."

Katharina Raabe zeichnet nach, wie die mitteleuropäische Autoren von Peter Nadas, Aleksandar Tisma und Imre Kertesz bis Andrzej Stasiuk , Slavenka Drakulic und Dubravka Ugresic die Welt erschütterten und erklärt einen wichtigen Unterschied: "Wer Osten sagt, meint Moskau; wer von 'Mitteleuropa' spricht, denkt an Wien. Es ist die historische Bestimmung Mitteleuropas, schreibt Juri Andruchowytsch, 'zwischen Russen und Deutschen eingezwängt zu sein'. Es gibt die mitteleuropäische Angst: vor den Deutschen, vor den Russen. Den mitteleuropäischen Tod: im Lager, im Gefängnis; ein kollektiver, ein gewaltsamer Tod. Und schließlich die mitteleuropäische Reise: die Flucht. Dass es unvermeidlich ist, von Todesarten zu erzählen, gibt der Literatur die bis heute in dieser Gegend geschrieben wird, ihre Schwere."

Weiteres: Der slowenische Dichter Ales Steger geht hart mit der europäischen Kulturpolitik ins Gericht, die ihn in ihrem Harmonisierungswahn geradezu titoistisch anmutet und die eine bloße PR an die Stelle eines europäischen Diskurses gerückt habe. Zu lesen ist auch Adam Michniks Rede zur Eröffnung der großen Osteuropa-Konferenz "Freiheit im Blick". Zudem schreiben György Konrad, Petr Pithart, Ivaylo Ditchev und Karl Schlögel über die Ameisenhändler vom Bahnhof Zoo (der Text ist in der Welt zu lesen).

Magazinrundschau vom 10.07.2007 - Osteuropa

Ein großartiges Heft legt Osteuropa in diesem Monat vor. Es ist ganz dem russischen Schriftsteller Warlam Schalamow gewidmet, der von seinen 18 Haftjahren unfassbare 14 Jahre im Arbeitslager von Kolyma verbringen musste. Anders als Solschenizyns "Archipel Gulag" haben seine "Erzählungen aus Kolyma" in Deutschland nie Aufmerksamkeit auf sich gezogen, was sich nun, ändern wird. Zu Schalamows hundertstem Geburtstag wird der erste Band seiner Erzählungen "Durch den Schnee" auf Deutsch herausgegeben.

Ulrich Schmid erklärt, was Schalamows Schreiben von Solschenizyns unterscheidet: "Schalamow geht der emotionalen Komplizenschaft mit dem Leser konsequent aus dem Weg. In Schalamows Lagerprosa fehlt jede Anklage. Grausamkeiten und Demütigungen werden kaum direkt beschrieben, sondern nur als gewöhnliche Begebenheiten registriert. Oft bedarf es sogar einer erhöhten Aufmerksamkeit, damit der Leser einen Vorfall überhaupt in seiner ganzen Tragweite wahrnehmen kann."

Der russische Philosoph Michail Ryklin zeichnet anhand von Schalamows und Solschenizyns Aufzeichnungen nach, wie nachhaltig sich die politische Macht in Russland mit dem Berufsverbrechertum gemein gemacht hat: Die Welt des Gulag "war eine Welt der Knechte im Hegelschen Sinne, sie bestrafte für das große unbekannte Verbrechen, das virtuell auf jedem lastete. Das aus vergangenen Epochen geerbte menschliche Material galt in dieser Welt als wertlos und musste radikal umgearbeitet werden. Genau wie die Sowjetmacht verachteten auch die Kriminellen alle Formen menschlicher Solidarität, und wie diese bekämpften sie das Privateigentum. Sie verschwendeten, verprassten und verzockten es, bestachen mit ihrem Diebesgut Ärzte und die Lagerverwaltung. Die Annäherung der sowjetischen Ideologie an dieses Milieu, seine idealisierende Überhöhung, ist kein Missverständnis, kein Fehler; sie ist dieser Ideologie inhärent, die eine totale Enteignung zum Ziel hat."

Außerdem finden sich in diesem Heft zahlreiche Texte von Schalamow selbst, Briefe von Solschenizyn, ein Manifest von Memorial zur Gegenwart des Jahres 1937 und zahlreiche weitere unglaubliche Geschichten, etwa über den Buntmetallkonzern von Norilsk, der vom Gulagbetrieb zum heutigen Weltmarktführer aufstieg, oder den Komponisten Wsewolod Saderazki, der das Lager nur überlebte, weil Dscherschinski ihm den entsprechenden Aktenvermerk spendierte.