
Mit einem großen Themenheft erinnert
Osteuropa an den europäischen
Aufbruch von 1989.
Online lesen dürfen wir ein
Interview mit dem tschechischen Schriftsteller
Jachym Topol, der sich darüber wundert, dass Osteuropa auch zwanzig Jahre nach der Wende noch so anders ist als der Westen: "Zum Beispiel eine
Fahrkartenkontrolle in der U-Bahn. Hier in Berlin zeigen sämtliche Fahrgäste einfach ihre Fahrkarte vor. In Prag wäre das undenkbar, dort nesteln viele Leute absichtlich möglichst umständlich und langwierig in ihren Taschen herum, denn der Kontrolleur wird als Vertreter einer öffentlichen Institution nach wie vor als
Feind betrachtet - und darum gilt es, ihn möglichst lange hinzuhalten, damit sich der Schwarzfahrer, der sich sicherlich auch in diesem Waggon befindet, rechtzeitig aus dem Staub machen kann... Ein zweites Phänomen, mit dem ich 1989 nicht gerechnet habe, ist die Tatsache, dass viele
kommunistische Verbrechen auch zwanzig Jahre später noch immer nicht gesühnt, die Täter nicht bestraft worden sind."
Katharina Raabe zeichnet nach, wie die mitteleuropäische Autoren von
Peter Nadas,
Aleksandar Tisma und
Imre Kertesz bis Andrzej Stasiuk , Slavenka Drakulic und Dubravka Ugresic die Welt erschütterten und erklärt einen wichtigen Unterschied: "Wer Osten sagt, meint
Moskau; wer von 'Mitteleuropa' spricht, denkt an
Wien. Es ist die historische Bestimmung Mitteleuropas, schreibt Juri Andruchowytsch, 'zwischen Russen und Deutschen eingezwängt zu sein'. Es gibt die mitteleuropäische Angst: vor den Deutschen, vor den Russen. Den
mitteleuropäischen Tod: im Lager, im Gefängnis; ein kollektiver, ein gewaltsamer Tod. Und schließlich die mitteleuropäische Reise: die Flucht. Dass es unvermeidlich ist, von Todesarten zu erzählen, gibt der Literatur die bis heute in dieser Gegend geschrieben wird, ihre Schwere."
Weiteres: Der slowenische
Dichter Ales Steger geht hart mit der
europäischen Kulturpolitik ins Gericht, die ihn in ihrem
Harmonisierungswahn geradezu
titoistisch anmutet und die eine bloße PR an die Stelle eines europäischen Diskurses gerückt habe. Zu lesen ist auch
Adam Michniks Rede zur Eröffnung der großen Osteuropa-Konferenz "Freiheit im Blick". Zudem schreiben György Konrad, Petr Pithart, Ivaylo Ditchev und Karl Schlögel über die
Ameisenhändler vom Bahnhof Zoo (der
Text ist in der
Welt zu lesen).