
Die russischen Behörden setzen gerade das renommierte russische
Levada-Zentrum unter Druck. Dessen Leiter, der Soziologe
Lev Gudkov,
beschreibt in einem recht bitteren Text, wie der sowjetische Totalitarismus in
Putins Autoritarismus überging: "Zentrale Pfeiler der sowjetischen totalitären Herrschaft wie die Geheimdienste, die Armee, die Staatsanwaltschaft und das Gerichtswesen bestehen fort. Auf ihnen gründet der autoritäre Staat, der unter Putin entstanden ist. Die Schule, die zentralen Medien und die Wehrpflichtarmee reproduzieren Werte und Praktiken der Sowjetunion. Auf Rechtsnihilismus und Gewalt reagieren die Menschen wie in der Vergangenheit: mit Anpassung."
Hier kann man gegen die Etikettierung des Instituts als
feindlichen Agentenapparat protestieren.
In einem hochkonzentrierten Essay macht sich der Historiker
Gerd Koenen (leider nicht online) daran, den
Kommunismus in seiner Zeit und Vielgestaltigkeit zu verorten. Eine seiner vielen Beobachtungen: "Kommunisten haben in keinem Land der Welt auf der Grundlage von
Klassenkämpfen industrieller Arbeiterschaften gegen die kapitalistischen Ausbeutung und Verelendung oder auf Grund der krisenhaften Ausweglosigkeit und '
Fesselung der Produktivkräfte' durch eine herrschende Kapitalistenklasse - kurzum: auf Grund all der Phänomene, an die die Revolutionserwartungen eines marxistisch inspirierten Sozialismus historisch geknüpft waren - irgendwelche bedeutenden Erfolge oder gar die politische Macht errungen ... Die wirklichen Sternstunden der Kommunisten aller Länder waren die beiden Weltkriege. Ohne die
imperialistischen Weltkriege kein Weltkommunismus."
Die Berliner Übersetzerin
Olga Radetzkaja versucht sich die Faszination zu erklären, die der nationalbolschewistische
Autor und früheren Tschetschenien-Kämpfer
Zakhar Prilepin auf den hiesigen Literaturbetrieb ausübt - doch ganz gelingen kann es ihr nicht: "
Stichwort '
Revolution und Sex'. Einerseits gilt Prilepin als einer der prominentesten und entschiedensten Oppositionellen in Russland - 'er hasst Putin' früher Teil des Systems - und zwar nicht irgendwie, sondern im Krieg, unter Einsatz seines Lebens. Wenig ist für den westlichen Kulturbetrieb so reizvoll wie
echte Waffenträger -die RAF-Ikonen Baader, Meinhof, Ensslin sind dafür ein Beispiel -, und politisch ist man dabei umso weniger wählerisch, je weiter das Land, in dem die betreffende Revolte sich vollzieht oder vollziehen soll, entfernt ist."