Magazinrundschau - Archiv

Osteuropa

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Magazinrundschau vom 08.03.2016 - Osteuropa

Die Zeitschrift Osteuropa befasst sich in einer verdienstvollen Sonderausgabe mit dem Kaukasus, wo Georgien, Armenien und Aserbaidschan ihren Platz in der Welt suchen - in ungelösten Konflikten verfangen, eingekeilt zwischen den Rivalen Russland und Türkei, für Europa und die USA nicht von besonderem Interesse. Gayane Novikova beschreibt das Dreieck Ankara, Eriwan und Baku als permanente "Blockade à trois".








Baku: Promenade der Unbeschwerten. Foto aus dem besprochenen Band.

Sevil Huseynova erkundet stadtgeschichtlich die spröde Schönheit Bakus, dem noch alle Autokraten ihren Stempel aufdrücken wollten "Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts und am Anfang des 20. Jahrhunderts war Baku nicht nur die Ölhauptstadt, sondern auch eine der größten Industriestädte des Russischen Imperiums. Es war eine Epoche der stürmischen Blüte und des dynamischen Wachstums. Viele Erinnerungsorte in der Stadt wie auch etliche Architekturensembles im historischen Zentrum der Stadt gehen auf die Zarenzeit zurück. Begreift man die Sowjetunion ebenfalls als Imperium, so gibt es weitere 'imperiale' Erinnerungsorte, die für das Zusammengehörigkeitsgefühl der Bürgerinnen und Bürger Bakus wichtig sind. Für die moderne Lebenswelt der Bewohner ist die Nachkriegszeit eine Periode, in der ihr städtisches Leben blühte und die Kultur einen Aufschwung erfuhr. Daher wird das 'umstrittene' architektonische Erbe bis heute oft positiv bewertet."

Magazinrundschau vom 26.05.2015 - Osteuropa

Osteuropa hat eine neue Internetseite, richtig modern sieht sie aus, und es gibt viel Karten und Archivmaterial! Aus der neuesten Ausgabe darf man den Text des amerikanischen Politikwissenschaftlers Mark N. Katz lesen. In dessen Augen agiert Russland in der Ukraine und gegenüber dem Westen mit einer Mischung aus Größen- und Verfolgungswahn. Schwierig, darauf eine Antwort zu finden, aber nicht unmöglich, meint Katz und schlägt unter anderem vor: "1. Wie im Fall Georgiens nach dem Krieg von 2008 sollte der Westen die Ukraine dazu anhalten, sich vor allem auf die ökonomischen und politischen Reformen zu konzentrieren, anstatt zu versuchen, verlorene Gebiete zurückzuerobern. 2. Die gegen hochrangige Politiker Russlands gerichteten Sanktionen sollten auf Putin ausgeweitet werden. Das gilt auch für Einreiseverbote. 3. Die im Westen angelegten Vermögen Putins und seiner Entourage sollten nicht nur eingefroren, sondern eingezogen werden. Sie sollten verwendet werden, um die Opfer der aggressiven Politik des Kreml in Georgien, der Ukraine und in Russland zu entschädigen..."
Stichwörter: Georgien, Ostukraine, Russland

Magazinrundschau vom 01.07.2014 - Osteuropa

Bisher war die Forderung nach Föderalisierung der Ukraine vor allem ein Instrument von lokalen Eliten oder Moskau, um die Kiewer Regierung zu schwächen. Der ukrainische Autor Mykola Rjabtschuk überlegt, ob mehr Autonomie und demokratische Selbstbestimmung das Land nicht auch stärken könnten: "Das kann möglich werden, wenn es einer Gruppe gelingt, der anderen Gruppe eine gewisse Autonomie mit der nötigen Achtung vor deren Werten zu garantieren. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass eine autoritäre Ukraine demokratisch gesinnten, europäisch orientierten Bürgern eine solche Autonomie bieten kann. Aber es ist gut möglich, dass eine demokratische Ukraine einen Weg finden würde, ihren paternalistisch, sowjetophil und russisch orientierten Landsleuten Rechnung zu tragen. Das haben Lettland und Estland für ihre sowjetophil, panslawisch gesinnten Mitbürger recht erfolgreich getan." Vielleicht hat Kiew aber auch gar keine andere Wahl: "Die Lage erinnert daran, dass man sich nachts auf der Straße auch nicht weigert, einem Fremden, der einen bedroht, einen Ziegelstein abzukaufen."

Auch als Ergebnis des wachsenden Zynismus in den russischen Medien betrachtet Johannes Voswinkel die Medienkampagne des Kremls gegen die Ukraine, die vor antiwestlicher Kampfpropaganda, gekauften Zeugen und gefälschten Reportagen über Konzentrationslager nicht zurückschreckt: "Die Hochphase der russischen Ukraine-Propaganda begann im Januar. Noch im Dezember reagierte nach Umfragen des Moskauer Levada-Zentrums die Mehrheit der Russen gelassen auf die Vorgänge in der Ukraine. Sie hielten das für eine innere Angelegenheit Kiews. Dann setzte eine beispiellose Kampagne ein. "Weder in Lebhaftigkeit und Aggressivität noch in Totalität und Demagogie kenne ich ähnliches aus der sowjetischen Zeit", urteilt der Direktor des Levada-Zentrums, Lev Gudkov. "Eine solch systematische Desinformation, 24 Stunden am Tag, gab es damals nicht." Eine Operation wie die Übernahme der Krim, das war den Polittechnologen im Kreml klar, musste von einer umfassenden Kampagne begleitet werden."

Magazinrundschau vom 19.04.2014 - Osteuropa

Osteuropa widmet sein neues Heft ganz dem Ersten Weltkrieg. Der Historiker Jörg Baberowski beschreibt sehr eindringlich, welche Umwälzungen der Krieg für das zaristische Russland bedeutete. Unter einer inkompetenten Militärführung und einem kopflosen Zaren brach das dreihundertjährige Vielvölkerreich wie ein Kartenhaus zusammen: "Der Krieg hatte das Zarenreich in Chaos und Anarchie gestürzt, Millionen waren entwurzelt, aus ihrer Heimat vertrieben und getötet worden, Flüchtlinge waren überall. Der Flüchtling war der Repräsentant der neuen Zeit. Mit ihm kamen Ressentiments, Hass, Elend und Epidemien in das Zentrum des Imperiums. Überall, wo Menschen einander unter solchen Bedingungen begegnen müssen, entstehen Konflikte. So war es auch in Russland. Die Revolution war ein großer Pogrom, der die europäische Elite und ihren Staat für immer aus der Welt schaffte. Sie verwandelte das Imperium in einen unkontrollierbaren Gewaltraum, der von verrohten Soldaten und Offizieren und ihren Waffen dominiert wurde."

In einem sehr lehrreichen Artikel beschreibt außerdem der Historiker Egbert Jahn, wie der Erste Weltkrieg als Katalysator für die Nationenbildung wirkte, die von den liberalen Demokratien, von Sozialdemokraten und Kommunisten vorangetrieben wurde: "Alle drei gesellschaftspolitischen Kräfte befürworteten das Selbstbestimmungsrecht der Völker. Faktisch wurde bereits die amerikanische Unabhängigkeit mit ihm begründet, auch wenn diese sprachliche Formel noch nicht gebraucht wurde."

Magazinrundschau vom 10.12.2013 - Osteuropa

In seiner neuen Ausgabe widmet sich Osteuropa der Homophobie im autoritären Staat, sprich in Russland. Es geht aber auch um die Situation von Schwulen und Lesben in Tschechien, Polen und der Ukraine. Nikolay Mitrokhin untersucht, welche Rolle die Russisch-Orthodoxe Kirche in der schwulenfeindlichen Kampagne des Kremls spielt und kommt zu dem Schluss, dass sie aller Hassrhetorik zum Trotz nur ein willfähriges Instrument ist, das dem Regimes den nötigen Weihrauch liefert: "Ihre Aufgabe ist es, dem Fernsehbildpublikum zu suggerieren, dass der jeweils gerade aktuelle Schlenker von Putins Politik der Stimmung in der Gesellschaft folge. Sobald das Regime sie nicht mehr braucht, versinken ihre Internetseiten wieder in der Irrelevanz. Wenn Putin sie allerdings wieder für die nächste xenophobe Kampagne benötigt, wird die ROK jedoch zweifellos erneut bereitstehen."

Martin Putna befasst sich in einem ausführlichen Text mit der Homosexualität in der tschechischen Literatur von Julius Zeyer und Otokar Brezina bis Jiří Kuběna, der als Kastellan auf der Burg Bitov im arkadischen Südmähren lebt. Doch bei aller Liebe muss Putna feststellen: Während in Westeuropa und den USA die Avantgardisten, Anarchisten und Revolutionäre die Mehrheit unter den schwulen Autoren stellen, sind es in Tschechien die Konservativen und Reaktionäre: "Jiří Karásek ze Lvovic war zunächst vom Katholizismus und vom Barock, dann vom Okkultismus und der Antike eingenommen. Jiří Langer klammerte sich an einen mystischen Chassidismus. Richard Weiner meditierte in seinen Werken über eine Art geheimer Weltordnung und wandte sich gegen Ende seines Lebens dem Christentum zu, wenn er sich auch nicht taufen ließ. Václav Krška gehörte der konservativen literarischen Strömung der 'Ruralisten' an. Vladimír Kolátor war Sprecher der noch konservativeren Bewegung der sogenannten 'Aktivisten'. Jetřich Lipanský wurde sogar Priester. Unter dem kommunistischen Regime bekannten sich Jiří Kuběna und Fanda Pánek offen zum Katholizismus, Josef Topol, Ladislav Fuks und Bořivoj Kopic im Privaten. Kuběna und Fuks ließen sogar ihre Sympathie für eine monarchische Staatsform und eine aristokratische Gesellschaft erkennen." (Der Link zum Volltext steht unten auf der Seite.)

Magazinrundschau vom 04.06.2013 - Osteuropa

Die russischen Behörden setzen gerade das renommierte russische Levada-Zentrum unter Druck. Dessen Leiter, der Soziologe Lev Gudkov, beschreibt in einem recht bitteren Text, wie der sowjetische Totalitarismus in Putins Autoritarismus überging: "Zentrale Pfeiler der sowjetischen totalitären Herrschaft wie die Geheimdienste, die Armee, die Staatsanwaltschaft und das Gerichtswesen bestehen fort. Auf ihnen gründet der autoritäre Staat, der unter Putin entstanden ist. Die Schule, die zentralen Medien und die Wehrpflichtarmee reproduzieren Werte und Praktiken der Sowjetunion. Auf Rechtsnihilismus und Gewalt reagieren die Menschen wie in der Vergangenheit: mit Anpassung." Hier kann man gegen die Etikettierung des Instituts als feindlichen Agentenapparat protestieren.

In einem hochkonzentrierten Essay macht sich der Historiker Gerd Koenen (leider nicht online) daran, den Kommunismus in seiner Zeit und Vielgestaltigkeit zu verorten. Eine seiner vielen Beobachtungen: "Kommunisten haben in keinem Land der Welt auf der Grundlage von Klassenkämpfen industrieller Arbeiterschaften gegen die kapitalistischen Ausbeutung und Verelendung oder auf Grund der krisenhaften Ausweglosigkeit und 'Fesselung der Produktivkräfte' durch eine herrschende Kapitalistenklasse - kurzum: auf Grund all der Phänomene, an die die Revolutionserwartungen eines marxistisch inspirierten Sozialismus historisch geknüpft waren - irgendwelche bedeutenden Erfolge oder gar die politische Macht errungen ... Die wirklichen Sternstunden der Kommunisten aller Länder waren die beiden Weltkriege. Ohne die imperialistischen Weltkriege kein Weltkommunismus."

Die Berliner Übersetzerin Olga Radetzkaja versucht sich die Faszination zu erklären, die der nationalbolschewistische Autor und früheren Tschetschenien-Kämpfer Zakhar Prilepin auf den hiesigen Literaturbetrieb ausübt - doch ganz gelingen kann es ihr nicht: "Stichwort 'Revolution und Sex'. Einerseits gilt Prilepin als einer der prominentesten und entschiedensten Oppositionellen in Russland - 'er hasst Putin' früher Teil des Systems - und zwar nicht irgendwie, sondern im Krieg, unter Einsatz seines Lebens. Wenig ist für den westlichen Kulturbetrieb so reizvoll wie echte Waffenträger -die RAF-Ikonen Baader, Meinhof, Ensslin sind dafür ein Beispiel -, und politisch ist man dabei umso weniger wählerisch, je weiter das Land, in dem die betreffende Revolte sich vollzieht oder vollziehen soll, entfernt ist."

Magazinrundschau vom 08.01.2013 - Osteuropa

Mit einem ganzen Heft über Witold Lutosławski wappnet Osteuropa uns bestens für dieses Jahr der polnischen Komponisten: Lutosławski wurde vor hundert Jahren geboren, vor achtzig Jahren Henryk Górecki und Krzysztof Penderecki.

Der polnische Autor und Filmkritiker Wojciech Kurczok widmet Witold Lutosławski einige unsortierte, aber sehr enthusiastische Bemerkungen: "Als ich unlängst nach vielen Jahren wieder Lutosławskis Musique funèbre (1958) hörte, begegnete ich mir selbst. Fünfzehn Jahre mochten vergangen sein, aber meine Begeisterung für dieses Werk ist unverändert geblieben: Vierzehn Minuten totaler Musik, wohl der höchste Flug einer polnischen Kompositionsidee, ein Meisterwerk, das für ältere Musikliebhaber das Wesen der elegischen Schönheit darstellt und für jüngere ein Beweis für Witolds souveräne Herrschaft ist. Ein piekfeiner Herr mit grauen Haaren und einer sanften Stimme, einem erstklassigen Intellekt und einem heiteren Gemüt." Das einzige, was Lutosławski zur Vollkommenheit fehlt, ist die oberschlesische Herkunft, lässt Kuczok durchblicken und hebt zu einer weiteren Hymne an, nämlich auf die Kattowitzer Kompositionsschule mit Szabelski, Górecki, Szalonek und Grazyna Bacewicz.

Weiteres: In einem sehr lehrreichen Artikel erklärt Sebastian Borchers die Bedeutung der polnischen Komponisten für die Neue Musik. Die Musikwissenschaftlerin Danuta Gwizdalanka beschreibt Lutosławskis Lebensweg und seine musikalische Entwicklung, von der Avantgarde zurück zu Melodie und Harmonie. Und die Geigerin Anne-Sophie Mutter erinnert im Interview mit Manfred Sapper daran, wie sie 1986 im Auftrag des Großmäzens Paul Sacher Lutoslawskis Stück "Chain II" uraufführte: "Lutosławski hat mir das Fenster in die Zukunft geöffnet. Es hätte nicht glückhafter sein können."

Magazinrundschau vom 02.10.2012 - Osteuropa

Die neue Osteuropa-Ausgabe ist ein veritables Trumm von 550 Seiten geworden und befasst sich aus allen erdenklichen Perspektiven mit Russlands gespaltener Gesellschaft: mit Aufbruch, Stagnation und Repression in den Metropolen wie in der rückständiger Peripherie.

Die Russland-Beobachterin Maria Lipman erklärt, warum die russische Protestbewegung von Putin so gefürchtet wird. Denn auch wenn die Proteste bisher keine geeinte politische Kraft hervorgebracht haben, so wurde mit ihnen der Nichteinmischungspakt ein für allemal aufgekündigt, der bisher den Kreml vor Kritik schützte: "Der Gesellschaftsvertrag mit der unabhängig denkenden Minderheit zielte auf Nicht-Einmischung. Er lautete: 'Ihr haltet euch aus der Politik raus, und wir mischen uns nicht in eure Angelegenheiten ein. Ihr müsst uns nicht mögen und auch nicht wählen, ihr könnt unsere Politik kritisieren; und wenn ihr uns tatsächlich hasst, da ist die Tür! Ihr könnt Russland verlassen.' Das hat der modernen Minderheit praktisch unbegrenzte individuelle Freiheiten und Möglichkeiten der Selbstverwirklichung eröffnet, ob in der Kunst, der Wissenschaft, im Show-Business oder beim Geldverdienen, Reisen und im Lebensstil - solange sich diese Minderheit nur nicht in die Politik einmischte."

Leider nur im Print teilt der Soziologe Lev Gudkov in einem instruktiven Text die russische Gesellschaft in drei verschiedene Milieus: das moderne urbane, das ländliche prämoderne und das antimoderne Milieu, das sich aus sowjetischer Anpassung ebenso speist wie aus Orthodoxie, Nationalismus und Konservatismus: "Die Gegner jeder Modernisierung bilden die soziale Basis des Putinschen Autoritarismus. Sie sind die Hüter der sowjetischen Vergangenheit, ihrer Symbole und Werte, ihrer Feiertage und Rituale. Letztlich bestimmt dieses sozialistische Reservat heute die grundlegende Ausrichtung Russlands."

Magazinrundschau vom 24.01.2012 - Osteuropa

Das neue Osteuropa-Heft ist Ungarn gewidmet, das sich gerade aus dem Westen zu verabschieden droht. Der Soziologe Balint Magyar beschreibt, wie unter Victor Orban erst die Fidesz-Partei und jetzt das ganze Land in die Falle des Populismus geraten ist - und jetzt zappelt: "Dem nationalen und dem sozialen Populismus ist gemein, dass sie die politische Verantwortung auf andere abwälzen. Die 'vom Schicksal nicht verschonte' Nation und der dem Schicksal ausgesetzte kleine Mann aus dem Volk vereinen sich in der Klage über ihr bitteres Los. Die kritische Reflexion der Geschichte und ein rationaler Umgang mit der Zukunft werden aus der politischen Kultur Ungarns systematisch verbannt. An ihre Stelle tritt Selbstmitleid und die Suche nach Sündenböcken: Kommunisten, Banker, Oligarchen, Liberale, Juden, Schwule, Zigeuner."

Der Schriftsteller Laszlo Darvasi erzählt eine Geschichte aus einem Land, in dem seltsame Entwicklungen vor sich gehen. Die Erzählung beginnt so: "Am nächsten Morgen bemerkte das Land seltsame Entwicklungen. Auf der Baustelle, an den emporgewachsenen Mauern, den Sprosen der in die Höhe ragenden Leitern, am Gerüst und an den öffentlichen Gebäuden wurden in einer einzigen Nacht mehrere Lautsprecher angebracht. Diese Lautsprecher, wenn sie auch angerostet und mitgenommen waren, schnarrten zum größten Teil klar und verständlich. Sie hatten in alten Tonarchiven gelegen..."

In weiteren Artikeln schreiben Krisztina Koenen über die Welt, wie Victor Orban sie sieht, Esther Kinsky über das Hinterland, Gabor Halmai über das neue Grundgesetz und Kornelia Magyar über das Elend der Roma.

Magazinrundschau vom 30.08.2011 - Osteuropa

Das aktuelle Heft widmet sich der Blockade Leningrads, die vor siebzig Jahre begann und die Manfred Sapper und Volker Weichsel in ihrem Editorial einen "Völkermord mit Ansage" nennen: "Das Oberkommando der 18. Armee notierte im Herbst 1941 als Zweck der Belagerung: 'Alles verhungert'.

Der in Jena lehrende Historiker Jörg Ganzenmüller stellt fest, dass die Blockade lange Zeit kaum Platz in der deutschen Erinnerung fand: In der jungen Bundesrepublik diktierten die alten Wehrmachtsgeneräle die Geschichtsschreibung, in der DDR übernahm dies die an der sowjetischen Heldengeschichtsschreibung orientierte SED: "Während die Schlacht um Stalingrad nach dem Zweiten Weltkrieg zu einem schillernden Mythos wurde, blieb Leningrad gewissermaßen der Nebenkriegsschauplatz, der er bereits in den Strategien der Wehrmacht und der Roten Armee war. Die hierzulande verbreitete Unkenntnis steht in einem eklatanten Widerspruch zur Tragweite des Ereignisses: Rund eine Million Menschen starben im Zuge der deutschen Belagerung an Hunger und seinen Folgen. Das sind rund doppelt so viele Zivilisten, wie in Deutschland während des gesamten Krieges durch die alliierten Luftangriffe umkamen. Dennoch gelten hierzulande bis heute Stalingrad, Dresden und Hiroshima als die Stadtkatastrophen des Zweiten Weltkriegs."

In einem weiteren sehr interessanten Artikel beschreibt der in St. Gallen lehrende Slawist Ulrich Schmid, wie die Blockade in der sowjetischen beziehungsweise russischen Literatur ihren Niederschlag fand. Erst in jüngerer Zeit, stellt Schmid fest, lösen sich Schriftsteller von Fiktionalisierungverbot und Pathosformeln und erkennen: "Die Menschen opferten sich nicht, sie wurden geopfert."