Spätaffäre - Archiv

Für Sinn und Verstand

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Spätaffäre vom 27.01.2014 - Für Sinn und Verstand

Moe Tucker war die erste bekannte Drummerin in der Geschichte der populären Musik. Und dann auch noch bei dieser Band: Velvet Underground. Bei Vice erzählt sie, dass das damals keine so große Sache war. Sie dachte nicht darüber nach, sie tat es einfach, nachdem sie die Rolling Stones auf der Heimfahrt von der Arbeit im Radio gehört und sich die Platte gekauft hatte. "Später dann dachte ich, 'also das macht keinen Spaß so. Ich muss etwas zu tun haben, während ich mir das anhöre', so kaufte ich mir eine kleine Trommel. Ich war 19 oder 20 Jahre alt. Ungefähr eine Woche später brachte mir Dot Parkers Schwester ein kleines Becken mit einem kleinen Ständern, den man an der Trommel einhaken konnte. Da hatte ich also dieses Becken und die Trommel und Junge, ich habe manchmal acht Stunden gespielt, ehrlich war, immer dasselbe, wieder und wieder. So habe ich angefangen. Ich kannte keine anderen Mädchen, die Schlagzeug spielten, aber das hat mich nie gekümmert. Es war kein Thema. Niemand hat je eine Bemerkung darüber gemacht. Es war keine große Sache. Heute scheint das ungewöhnlicher zu sein."

Für einen langen und sehr traurigen Text erinnert sich Asra Q. Nomani in der Washington Post an ihren Kollegen Daniel Pearl, der vor zwölf Jahren in Karachi von Islamisten vor laufender Kamera enthauptet wurde. Sie selbst war damals in Karachi stationiert, um für ein Buch zu recherchieren und war eine der eltzten, die ihn gesehen hat: "An jenem Nachmittag krähte ein Schwarm grüner Papageien über unseren Köpfen und der Duft von Jasmin füllte die Lust. Mariane (Pearls Frau) und ich standen vor meinem Haus in der Zamzama Street und sahen Dannys Texi hinterher. 'See you later, buddy', sagte ich... Nicht in unseren schlimmsten Alpträumen konnten wir ausmalen, was dann geschah." Nomani erzählt in ihrem Text, wie sie über Jahre versuchte, die Schuldigen an dem Mord zu finden - während die Washingtoner Behörden nicht allzu interessiert an dieser Frage schienen.

Spätaffäre vom 24.01.2014 - Für Sinn und Verstand

"Ich erwachte kürzlich eines Morgens und fand mich in einen 70jährigen Mann verwandelt", beginnt der kanadische Filmregisseur David Cronenberg sein von der Paris Review dokumentiertes Vorwort zu einer englischen Neuübersetzung von Kafkas "Die Verwandlung". Aber lässt sich Kafkas Erzählung wirklich ohne weiteres als Allegorie auf das menschliche Altern verstehen? "Gewiss, einen Geburtstag sieht man schon von Weitem, und wenn er eintritt, sollte das keinem Schock gleichkommen. Und wie einem jeder wohlwollende Freund sagen wird, ist 70 auch nur eine Zahl. ... Die zwei Szenarien, Gregors und meines, scheinen so unterschiedlich, dass man sich fragen könnte, warum ich mir überhaupt die Mühe mache, beide zu vergleichen. Ich aber sage: Die Quelle der Transformation ist dieselbe. Wir beide erwachten in einem Zustand erzwungenen Bewusstseins dessen, was wir wirklich sind. Und dieses Bewusstsein ist grundlegend und unumkehrbar. In beiden Fällen entpuppt sich die Wahnvorstellung als neue, vorgeschriebene Realität. Und das Leben geht nicht weiter wie bisher." (Wer lieber hört als liest: Hier ein Link zu einem 90-minütigen autobiografischen Interview mit Cronenberg auf 3sat.)

Im Bookforum bekommt die Aktivistin und Filmemacherin Astra Taylor beim Lesen von Brad Stones Biografie über Jeff Bezos Gänsehaut. Höchst beunruhigend findet sie nicht nur Bezos eindimensionale Erfolgsfixierung, sondern auch die Zukunftsvision, die Stone in seinem Buch entwirft: "Der Autor lässt keinen Zweifel, dass Amazon den Buchmarkt komplett dominieren, die ganz großen Autoren publizieren und jeden Zentimeter der Verlagsindustrie kontrollieren will … Stones Kapitel über Bezos' angespanntes Verhältnis zu Verlagen ist eine provokante Fallstudie, die Amazons Weg vom potenziellen Retter im Kampf gegen Großbuchhändler zum schrecklichen Feind nachvollzieht. Führungskräfte aus Amazons Buchgeschäft verließen das Unternehmen, weil sie die skrupellosen Vertragsverhandlungen nicht mehr ertrugen. Das Tauziehen mit kleinen Verlagen über den digitalen Zugang zu ihren Backlists firmierte intern unter dem vielsagenden Namen 'Gazelle-Projekt'."

Ebenfalls im Bookforum: Jim Newell erfährt bei Malcom Gladwell ("David and Goliath") wofür eine ordentliche Lese- und Rechtschreibschwäche gut sein kann oder der frühe Verlust eines Elternteils und wieso die Gesellschaft Außenseiter braucht: Die Kompensation treibt uns zu Höchstleistungen an. Und exklusiv online stellt Jeremy Lybarger die neue Burroughs-Biografie von Barry Miles vor, die weitgehend ohne Hyperbel auskommt. Bei dem Leben keine Kleinigkeit.

Spätaffäre vom 23.01.2014 - Für Sinn und Verstand

Neil Davenport bespricht in Spiked Bob Stanleys monumentale Geschichte des Pop "Yeah Yeah Yeah: The Story of Modern Pop" und fragt sich mit dem Autor, wann genau und warum Pop das Zeitliche segnete: "Stanleys Schlüsselargument ist, dass das digitale Zeitalter die moderne Popära gekillt hat: 'Pop war nicht mehr so begehrenswert, Instant-Downloads verlangen keinen Einsatz und bringen eine geringere emotionale Bindung.' Ohne Zweifel hat der technologische Wandel die Reaktionen der Leute auf Pop verändert, aber die Ebbe des Pop schon in den Neunzigern zeigt, dass die tribale Seite, die lokalen Szenen und der Begierdefaktor schon verblassten, bevor die Downloads einen Klick entfernt lagen."

Vom Pop zur Hochkultur: Das Getty Museum macht in seiner Virtual Library 250 Kunstbücher kostenlos zum Betrachten und Runterladen verfügbar. So kann man beispielsweise Richard Thomsons Band "Waiting" lesen, der sich mit dem Bild "L'Attente" von Edgar Degas (1882) befasst: "Es ist ein Gemälde von herausragender Kunstfertigkeit, definiert durch klare und selbstsichere Linien. Dieser Charakteristik stehen allerdings Passagen entgegen, deren Struktur und Farbigkeit die Klarheit des Bildes zu unterlaufen scheinen. Was auf den ersten Blick wie die simple Gegenüberstellung zweier Formen erscheint, einer weißen und einer schwarzen, in einer Umgebung aus monochromen Ocker- und Brauntönen, entpuppt sich bei näherer Betrachtung als das Ergebnis einer subtilen Alchemie der Farben, die so geschickt wie kühn eingesetzt wurden."

Und auf der Support-Seite freesnowden beantwortet Edward Snowden heute Abend zwischen 21 und 22 Uhr im Live Chat Fragen, die auf Twitter mit dem Hashtag #AskSnowden gestellt werden können.

Spätaffäre vom 22.01.2014 - Für Sinn und Verstand

Auf Eurogamer erzählt Christian Donlan in einer langen Reportage die Geschichte von Monopoly im Zweiten Weltkrieg. Insbesondere als Schmuggelaccessoire für die britischen Kriegsgefangenen der Deutschen diente das seit den 30ern enorm populäre Brettspiel, das sich diesen gewandelten Bedürfnissen auch äußerlich anpasste. Bis dahin wurden Spielbrett und Utensilien in separaten Verpackungen verkauft: "Obwohl das im Allgemeinen ausreichte, war das für den MI9 und seine Fluchtforscher ziemlich unnütz. Sie benötigten Boxen von ausreichender Größe, um ihre Tricksereien zu verbergen. Wohl auch aus diesem Grund wurde die schickere - und teurere - Deluxe-Ausgabe eingeführt. ... Die geschickten Techniker beim Hersteller Waddingtons schnitten präzise Öffnungen für die Werkzeuge in den Rand des Spielbretts, während ausländische Währungen unter dem Spielgeld versteckt wurde. ... Hat das funktioniert? Laut Monopoly-Historiker Orbanes sogar perfekt: Teilweise, weil sich die deutschen Soldaten von den Care-Paketen fern hielten, um die Gefangenenaustauschprogramme nicht zu gefährden, teilweise aber auch, weil, je nun, wer sollte Monopoly auch schon nicht mögen? 'Die deutschen Wachen wussten, dass die Gefangenen, wenn sie sich mit etwas Unterhaltung - etwa eine Runde Monopoly - zerstreuen, dass sie dann wohl weniger Zeit darauf verwenden würden, über Flucht nachzudenken', lacht Orbanes."

Im indischen Magazin Frontline versucht der Filmwissenschaftler und Publizist M.K. Raghavendra am Bollywood-Kino den Wandel der indischen Gesellschaft und ihrer Werte abzulesen. Bedenklich erscheint ihm, dass die ethische Orientierung zunehmend zugunsten von Geschichten aufgegeben wird, die persönliche Bereicherung - durchaus auch mit kriminellen Mitteln - propagieren: "Der wirtschaftliche Aufschwung in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends ließ anglophone Inder in die Städte streben und bescherte ihnen höhere Löhne und größere Zahlungskraft. Der wachsende Wohlstand in den Metropolen schlägt sich im Film in einem klaren Bruch nieder. Hatte sich das Hindi-Kino einst mit den Armen, insbesondere den Bauern, identifiziert, erscheinen sie nun als geeigneter Gegenstand für ethnografische Studien. In dem Maß, wie sich der Fokus auf das persönliche Fortkommen verschiebt, kann Bollywood nicht mehr die moralische Rolle spielen, die es bis dato innehatte."

Auch Sashi Kumar beschreibt Veränderung im Bollywood-Kino, jedoch auf technischer Ebene: Mit der Schließung des Prasad Colour Lab, Indiens größtem kommerziellen Filmentwicklungslabor, sieht er das Ende des analogen Produktionsprozesses besiegelt.
Stichwörter: Bollywood, Kriegsgefangene

Spätaffäre vom 21.01.2014 - Für Sinn und Verstand

Was Kafka im "Prozess" vorweggenommen hat, waren nicht die großen Verbrechen des 20. Jahrhunderts, nicht Terror und Verfolgung, meint sein Biografie Reiner Stach in einem lesenswerten Essay im New Statesman, sondern den modernen Überwachungsstaat, der vor allem dank seiner willigen Helfer so gut funktioniert: "Kafka beschrieb nicht nur, wie aus Menschen Opfer wurden, sondern zeigte auch, in welchem Maß die Macht auf die Komplizenschaft ihrer Opfer angewiesen ist. Das Phänomen geht über das Politische hinaus und berührt die Erkenntnise der Psychoanalyse. Wenn ein Sohn auch seinem Vater auch noch lange nach dessen Tod gehorcht, heißt dies, dass er die Knute, die ihn einst niederhielt, in die eigene Hand genommen hat... Für Kafka war das Problem nicht die Maschinerie, - die Bürokratie selbst ist nicht schuld, sie ist kein aktivier Agent. Die Schuld trifft uns."

In der London Review of Books beobachtet Perry Anderson, wie die französischen Provinzstädte aus dem Schatten des selbstgerechten Paris heraustreten. Selbst das erzkatholische Nantes ist unter ihrem Ex-Bürgermeister Jean-Marc Ayrault zu einer echten Kulturmetropole geworden: "Die Handelsbourgeoisie von Nantes zeigte unter dem Ancien Regime so wenig Interesse am intellektuellen Leben, dass mehrmals versucht wurde, die Universität nach Rennes zu verlegen, und als die Revolution alle Universitäten der alten Ordnung abschaffte, wurde bis 1960 nichts unternommen, um eine neue zu gründen. Ein halbes Jahrhundert später gilt Jules Vernes Spott nicht mehr. Das Banausentum ist dem kulturellen Engagement europäischer Städte gewichen, in denen Konzerte, Festivals und Kolloquien das Image der Stadt fördern und Investitionen anziehen sollen. Was Nantes von anderen derartigen Programmen unterscheidet, ist der Raum, den es Filmen aus Afrika, Asien und Lateinamerika auf seinem Festival der drei Kontinente bot. Alle drei der aktuell besten chinesischen Regisseure - Hou Hsiao-Hsien, Jia Zhangke und Wang Bing - verdanken ihren Durchbruch den Erfolgen in Nantes, das mit Jacques Demy auch ihr eigenes Talent hervorgebracht hat."