
"Ich erwachte kürzlich eines Morgens und fand mich in einen
70jährigen Mann verwandelt",
beginnt der kanadische Filmregisseur
David Cronenberg sein von der
Paris Review dokumentiertes Vorwort zu einer englischen Neuübersetzung von
Kafkas "Die Verwandlung". Aber lässt sich Kafkas Erzählung wirklich ohne weiteres als Allegorie auf das
menschliche Altern verstehen? "Gewiss, einen Geburtstag sieht man schon von Weitem, und wenn er eintritt, sollte das keinem Schock gleichkommen. Und wie einem jeder wohlwollende Freund sagen wird, ist 70 auch nur eine Zahl. ... Die zwei Szenarien, Gregors und meines, scheinen so unterschiedlich, dass man sich fragen könnte, warum ich mir überhaupt die Mühe mache, beide zu vergleichen. Ich aber sage: Die Quelle der Transformation ist dieselbe. Wir beide erwachten in einem
Zustand erzwungenen Bewusstseins dessen, was wir wirklich sind. Und dieses Bewusstsein ist grundlegend und
unumkehrbar. In beiden Fällen entpuppt sich die Wahnvorstellung als neue, vorgeschriebene Realität. Und das Leben geht
nicht weiter wie bisher." (Wer lieber hört als liest: Hier
ein Link zu einem 90-minütigen autobiografischen Interview mit Cronenberg auf
3sat.)

Im
Bookforum bekommt die Aktivistin und Filmemacherin
Astra Taylor beim Lesen von Brad Stones
Biografie über
Jeff Bezos Gänsehaut. Höchst beunruhigend findet sie nicht nur Bezos eindimensionale Erfolgsfixierung, sondern auch die
Zukunftsvision, die Stone in seinem Buch entwirft: "Der Autor lässt keinen Zweifel, dass Amazon den Buchmarkt komplett dominieren, die ganz großen Autoren publizieren und
jeden Zentimeter der Verlagsindustrie kontrollieren will … Stones Kapitel über Bezos' angespanntes Verhältnis zu Verlagen ist eine provokante Fallstudie, die Amazons Weg vom potenziellen Retter im Kampf gegen Großbuchhändler zum schrecklichen Feind nachvollzieht. Führungskräfte aus Amazons Buchgeschäft verließen das Unternehmen, weil sie die
skrupellosen Vertragsverhandlungen nicht mehr ertrugen. Das Tauziehen mit kleinen Verlagen über den digitalen Zugang zu ihren Backlists firmierte intern unter dem vielsagenden Namen 'Gazelle-Projekt'."
Ebenfalls im
Bookforum: Jim Newell
erfährt bei
Malcom Gladwell ("David and Goliath") wofür eine
ordentliche Lese- und Rechtschreibschwäche gut sein kann oder der frühe Verlust eines Elternteils und wieso die Gesellschaft Außenseiter braucht: Die Kompensation treibt uns zu Höchstleistungen an. Und exklusiv online
stellt Jeremy Lybarger die
neue Burroughs-Biografie von Barry Miles vor, die weitgehend ohne Hyperbel auskommt. Bei dem Leben keine Kleinigkeit.