Mit der
Wagner-
Truppe wird es zumindest in
Afrika auch nach dem Tod Prigoschins so weitergehen wie bisher, meint der Wagner-Experte
John Lechner im
Interview mit der
taz. "Russland ist weder logistisch noch ressourcenmäßig in der Lage, sein Militär nach Afrika zu schicken. Außerdem gibt es derzeit einfach keine andere Söldnerfirma, die Einsätze in Afrika in diesem Umfang stemmen könnte. Zumindest sehe ich derzeit keine Firma, die näher am Verteidigungsministerium ist und einfach an die Stelle der Wagner-Gruppe treten könnte. Hinzu kommt, dass Wagner beispielsweise in der Zentralafrikanischen Republik über ein
umfangreiches institutionelles Wissen und Expertise in Bezug auf Afrika verfügt. Das ist notwendig, um diese Operationen am Laufen zu halten." Dass sich afrikanische Staaten zum Tod Prigoschins äußern werden, hält Lechner für unwahrscheinlich: "Es gibt
gerade in Afrika derzeit ein Interesse, so zu tun, als wäre nichts gewesen, damit man so weitermachen kann wie bisher."
Wer tötete Prigoschin? Eigentlich egal, denkt sich auch der russische
Schriftsteller Viktor Jerofejew in der
FAZ: "Prigoschin ist eine große
bösartige Geschwulst am Körper des Putinismus. Mit seinem Tod wurde sie herausgeschnitten, aber an ihrer Stelle werden neue Geschwülste entstehen. Die russische Autokratie braucht
die Besten in der Hölle - jene, die nicht nur zynisch, unmenschlich, gnadenlos, sadistisch sind, sondern dabei absolut prinzipienlos, das heißt, alle ihre Handlungen sind eigennützig, und alles andere ist nichts als politische Dekoration. Prigoschin hat
Erfahrung in Unmenschlichkeit unter Banditen in Gefängnissen und Lagern gesammelt, wohin er als Zwanzigjähriger geriet und wo er insgesamt neun Jahre wegen Diebstahls, Betrugs und Raubüberfällen einsaß. Diese 'Qualitäten' blieben Jako (so sein Spitzname unter Kriminellen) bis zum Lebensende erhalten, sie trieben seine phantastische Karriere an. Wie beim Kartenspiel setzte er auf Putin als den
absoluten Lagerboss und gewann."
Russland ist "
Besatzungsmacht" im eigenen Land geworden,
schreibt Ulrich M. Schmid in der
NZZ. Nawalny, der Nemzow-Vetraute Kara-Mursa und viele andere Oppositionelle sitzen mittlerweile alle in Straflagern. Der Westen sei auch hier wieder auf Putin reingefallen. Aus der von Putin angekündigten "Diktatur des Gesetzes" sei sehr bald eine "Diktatur durch das Gesetz" geworden. Politische Gefangene wurden dabei vollends entrechtet. "Letztlich wurde gerade die katastrophale Lage in den Gefängnissen zum
zentralen Argument für die Aufnahme Russlands in den
Europarat: Man hoffte auf eine schnelle Modernisierung. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine endete aber die seit 2014 ohnehin wacklige Mitgliedschaft Russlands
mit einem Knall. Damit können inhaftierte Oppositionelle keine Eingaben mehr beim Straßburger Menschenrechtsgerichtshof machen. Im
russischen Ozean der Lüge und Täuschung gibt es noch eine kleine Insel der Wahrheit. Jedem Verurteilten steht das Recht auf ein 'letztes Wort' zu."
In der
taz ist der Orientalist Tigran Petrosyan
empört über das Schweigen des Westens zur Belagerung des
armenischen Bergkarabachs durch Aserbaidschan. Wie schon 1915/16, als sich niemand über den Völkermord durch die Türken äußern wollte. "Heute stehen wieder
Armenier vor dem Hungertod, rund 120.000 Bewohner von Bergkarabach/Arzach. Mit der Absicht, sie in letzter Konsequenz auszulöschen, sind sie auf Betreiben Aserbaidschans seit Monaten von der Außenwelt und damit auch von Armenien abgeschnitten. Diese
völkermörderische Situation konnte entstehen, weil die internationale Gemeinschaft - wie auch schon im Ersten Weltkrieg - nicht hinsieht. Auch die
Bundesregierung trägt, wie 1915/16 das Deutsche Reich, Mitverantwortung." In der
FAS hat auch Rony Othmann eine Kolumne zum Thema geschrieben.
Am 8. Oktober sind in
Bayern Landtagswahlen, da sorgte die Geschichte der
SZ am Samstag für kräftig Ärger. Der stellvertretende bayerische Ministerpräsidenten
Hubert Aiwanger von den Freien Wählern wurde als 17-Jähriger in der Schule mit einem widerwärtigen Flugblatt im Ranzen erwischt. Erst lautete der Vorwurf, Aiwanger habe es selbst geschrieben, jetzt hat sein Bruder sich dazu bekannt. Hubert Aiwanger hatte stets bestritten, das Flugblatt selbst verfasst zu haben. Er "erachte den Inhalt als ekelhaft und menschenverachtend", hatte er geschrieben. Alan Posener
reicht das auf
Zeit online nicht. Vor seiner Stellungnahme hatte Aiwanger eine zweite Chance verdient, meint er, jeder habe das Recht, aus seinen Fehlern zu lernen. In diesem Fall verwickele sich Aiwanger aber immer weiter in
Widersprüche. Und vor allem: "Auffällig ist, was Aiwanger
alles nicht sagt. Er benutzt in seiner Erklärung weder das Wort 'Jude' noch 'Antisemitismus'. Er äußert kein
nachträgliches Entsetzen über die damaligen Vorgänge oder seine eigene Dummheit, er zieht keine politische Konsequenz."
Für Dominik Baur (
taz)
ist die entscheidende Frage: "Wie hält der Mann
es heute mit rechtem Gedankengut? Da haben viele ihre Zweifel. Vor allem nach Erding, nach seinem Auftritt bei Lanz. Nicht zuletzt, weil sich Aiwanger
nie entschuldigt hat, von ihm hört man allenfalls
lauwarme Relativierungen. Mit der reinen Stilisierung der eigenen Person zum Opfer ist es deshalb nicht getan."
Das Herumstochern in den Jugendsünden einer öffentlichen Person war sonst eher eine
Spezialität von Boulevardmedien, aber wenn der Zweck die Mittel der
SZ heiligt! Der bekannte Strafverteidiger Udo Vetter
wendet auf Twitter allerdings ein: "Nehmen wir mal an, Oberstufenschüler N. hat im Jahr 1988 im Alter von 17 Jahren einen Mitschüler erschlagen. Selbst wenn er vom Jugendgericht wegen schweren Totschlags bestraft wurde, wäre die Tat
aus dem Erziehungsregister (Vorstrafenregister für Jugendliche und Heranwachsende)
gelöscht. Und zwar seit Jahrzehnten. Wäre das Strafverfahren mangels Tatverdachts eingestellt worden oder hätte es gar keines gegeben, wäre die Tat nach 20 Jahren verjährt. Selbst bei einer besonders schweren Straftat wäre also
juristisch längst Gras über die Sache gewachsen."