"Willkommen in Europa", ruft der Politologe
Joseph de Weck Deutschland in der
SZ zu, nicht nur angesichts des
Aufstiegs der AfD, sondern auch mit Blick auf die stagnierende deutsche Wirtschaft. "Drohen
Werkschließungen, dürfte die AfD umso mehr Auftrieb erfahren: Ist man nicht länger stolz auf die Wirtschaft, besinnt man sich auf den politischen Nationalismus", prohezeit er. Aber Weck kann dem auch etwas Positives abgewinnen, mittelfristig eröffne die "
Normalisierung"
Deutschlands auch Chancen: "Dass Berlin in der Verteidigungspolitik aufholt, ist für Europa ein Gewinn. Wenn die Bundesrepublik anfängt, außenpolitische Glaubenssätze über Bord zu werfen und an ihren wirtschaftspolitischen Dogmen zu zweifeln, kann das auch Spielräume eröffnen: Gleichen sich in der EU nicht nur die politisch-wirtschaftlichen Realitäten an, sondern auch die Diskurse, wächst das gegenseitige Verständnis - erwächst daraus auch
mehr gemeinsame Politik in Europa."
Kritik am Westen ist einfach zu haben. Sie kommt oft genug sogar aus der Mitte der westlichen Gesellschaften,
meint Robert Misik in der
taz. "Heute ist die Idee des Westens längst durch die antiwestlichen Bewegungen im Westen selbst herausgefordert, also durch Orbán, Höcke, Kickl und Trump. Die geopolitische Dominanz des Westens ist sowieso schon untergraben, die ökonomische hat ein Ablaufdatum, und die liberale Demokratie wird von innen in Trümmer gelegt. Es gibt einen regelrechten
westlichen Selbsthass. Dieser redet die Errungenschaft von Rechtsstaat und Moderne klein, erklärt die erkämpften Liberalitäten zur Petitesse und betet den Common Sense nach, dass der Westen an allem schuld sei. Das ist die
Gewissheit schlichter Gemüter, und zwar völlig unerheblich, was dieser ominöse Westen konkret macht. Schuldig macht er sich, wenn Genozide nicht mit militärischer Gewalt gestoppt werden (wie in Ruanda), und ebenso, wenn völkerrechtswidrig interveniert wird, wie in Libyen oder Afghanistan. Dass der Westen Putin so gekränkt hat, dass er
gar nicht anders konnte, als die Ukrainer zu massakrieren, ist die irrsinnigste Konsequenz."
Im Interview mit
Spon fürchtet der der Russlandexperte
Alexander Gabujew einen langen zermürbenden
Abnutzungskrieg in der Ukraine. Russland habe sich eingegraben und können viel mehr Soldaten opfern als die Ukraine. "Die Frage ist, ob man einen
Waffenstillstand erreicht, nach dem Moskau die Lust verliert, wieder anzugreifen. Vielleicht, weil das Risiko dann zu groß erscheint. Gelänge das, gäbe es eine Art
eingefrorenen Konflikt, unbefriedigend, aber ohne gegenseitigen Beschuss." Das könne jedoch nur gelingen, wenn die Unterstützung des Westens für die Ukraine nicht nachlässt: "Russlands Ressourcen sind kleiner als die eines vereinten Westens. Das Problem ist der
politische Wille."
In der
Welt warnt der Historiker
Ulrich Schlie vor einem drohenden "totalen Krieg" und fordert deshalb nicht nur, die "diplomatische Anstrengungen zu steigern", sondern auch "bald nach Kriegsende alle Anstrengungen auf eine
Wiederbelebung der Kontakte nach Russland" zu richten. Denn: "Je länger der Krieg andauert, desto größer die Gefahr, Putin könne
Hitlers Fehler wiederholen und die Brücken zur Zivilisation so weit abbrechen, dass für ihn selbst eine Rückkehr an den Verhandlungstisch nicht mehr möglich sein wird." Wie genau die Diplomatie gegenüber Russland auszusehen hat, sagt er nicht. Dafür hat er umso genauere Vorstellungen, wie die
Sicherheitsgarantien für die Ukraine nach Kriegsende aussehen sollen: "Treuhandgebiete, entmilitarisierte Zonen, Truppenstationierung,
Mitgliedschaft in Nato und - in weiterer Ferne - auch EU. (...) Es ist schwer vorstellbar, dass sich die Ukraine mit einer Neutralitätslösung wie Österreich 1955 abfinden könnte."
In Russland werden immer häufiger
Feministinnen drangsaliert, berichtet Anna Narinskaja in der
FAZ. Dazu gehören auch die Filmemacherin
Schenja Berkowitsch und die Autorin
Swetlana Petrijtschuk, die wegen eines noch vor zwei Jahren mit einem staatlichen Theaterpreises ausgezeichneten Stücks über russische IS-Bräute in Haft sitzen. Für das Gericht arbeitende "Destruktologen" störten sich insbesondere an "einer '
feministischen Optik' im Stück, die als solche zerstörerisch und kriminell sei". Das hat inzwischen System, meint Narinskaja: "In der Duma wurde bereits ein Gesetzentwurf eingebracht, der Feminismus als
extremistische Ideologie bezeichnet. Die genauen Konturen des Phänomens, das man bekämpfen will, werden darin nicht definiert. Der Autor des Entwurfs, der Abgeordnete Oleg Matwejtschew, verkündet schlicht, Feministinnen 'befassen sich mit der Zerstörung traditioneller Werte, ihr Tun widerspricht dem Ukas des Präsidenten über die Stärkung traditioneller Werte. Sie setzen sich für Scheidung, Kinderlosigkeit, Abtreibung ein, handeln gegen die Demographiepolitik der Russischen Föderation.' Die Formulierung passt zur Äußerung des russischen Gesundheitsministers Michail Muraschko, der jüngst erklärte, ein Modell, wonach eine Frau zunächst eine Ausbildung und Karriere machen und erst danach Kinder bekommen solle, sei
verwerflich."
Seit Kriegsbeginn haben die Russen neue
Rekordwerte beim Kauf von Antidepressiva aufgestellt,
berichtet die in Russland geborene Schriftstellerin
Irina Rastorgujewa in ihrer monatlichen Presseschau russischer Medien für die
NZZ. Derweil
sinkt die Geburtenrate in Russland auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren: "Tatjana Golikowa, Vizeministerpräsidentin und Beraterin des Präsidenten für sozioökonomische Fragen, stellt fest, dass russische Frauen aufgrund des Mangels an Familie, Wohnraum und Einkommen keine Kinder bekommen wollen. Umgehend beschließt die Regierung, alles zu tun, um Frauen beim Kinderkriegen zu unterstützen. Speziell für sie wird der Verkauf von Medikamenten zum
Schwangerschaftsabbruch eingeschränkt. Das Gesundheitsministerium will Abtreibungen in allen privaten Kliniken verbieten, wie es in Tschetschenien, Dagestan und Inguschetien schon der Fall ist. Gesundheitsminister Michail Muraschko erklärt, dass die Ausbildung der Frauen vor dem Kinderkriegen 'eine absolut bösartige Praxis' sei. Und der Abgeordnete Milonow schlägt vor, die
Zwangsbefruchtung für Frauen über 24 Jahre einzuführen. Um die potenziellen Väter der Nation sorgt sich die Regierung ebenfalls: Das Wehrpflichtalter wird von 27 auf 30 Jahre angehoben."
Noch heute wird
Franco in konservativen
katholischen Milieus Spaniens als
Bewahrer der Kirche vor republikanischer Verfolgung verehrt,
schreibt Michael Uhl in der
NZZ. Und noch immer sei der Einfluss des spanischen Nationalkatholizismus vor allem im Bildungsbereich spürbar: "Die alten Eliten zeigen sich resistent gegenüber heutigen Versuchen einer Aufarbeitung der Franco-Zeit und einer
Rehabilitierung ihrer Opfer durch die sozialistische Regierung.
Schweigen war der Preis, den Spanien nach Francos Tod am 20. November 1975 für den friedlichen Übergang von einer Militärdiktatur zu einer parlamentarischen Monarchie bezahlte. Laut einer Untersuchung des Erziehungswissenschafters Enrique Javier Díez von der Universität León wissen junge Spanier oft
mehr über Hitler als über ihren eigenen Diktator."