"Als Russe wird man
mit Gewalt gestopft, überfüttert
wie eine französische Gans mit Mais und Schweineschmalz", schreibt der russische
Schriftsteller und Publizist
Boris Schumatsky in einem
FAS-Essay, in dem er von der
Gewalt nicht nur in der russischen Armee erzählt: "'
Heimatliebe' kann im Russischen 'Prügel' bedeuten, jeder kennt dort die Drohung 'Wir bringen es dir schon bei, deine Heimat zu lieben!'. Das heißt: 'Wir werden dich jetzt so lange misshandeln, bis du dich fügst', bis du die Regeln deiner Heimat befolgst. In der Armee musst du dich den Großvätern beugen, dich
entwürdigen lassen und dann selbst andere misshandeln. In der Familie - nicht in allen, nicht in meiner - musst du dich als Kind den Eltern, als Frau dem Mann fügen, dich sogar schlagen lassen, denn 'wer schlägt, der liebt', sagt der russische Volksmund. Schätzungen zufolge
stirbt in Russland jede Stunde eine Frau an dieser Liebe, wenn nicht noch öfter, genaue Zahlen sind geheim oder werden nicht mehr erhoben. Seit 2017 sind leichte und mittlere Körperverletzung in der Familie entkriminalisiert, damit alle lernen, ihre Heimat zu lieben."
"Der russische Kulturbetrieb produziert ununterbrochen Narrative, die die russische Kultur, Bildung, Krieg,
Gewalt und das
nationale Verständnis der Liebe miteinander verbinden", schreibt auch Nikolai Klimeniouk, der in der
FAZ zudem darauf hinweist, dass die Ansicht, die
Wiedervereinigung Deutschlands als Annexion zu betrachten, in Russland seit diesem Jahr
Staatsdoktrin ist: "Im kürzlich erschienenen, staatlich abgesegneten, vom ehemaligen Kulturminister Wladimir Medinskij mitverfassten Lehrbuch 'Russische Geschichte 1945 - Anfang des 21. Jahrhundert' heißt es: 'Im Jahr 1989 begann der einseitige Abzug der sowjetischen Truppen aus Ost- und Mitteleuropa. Dies war eine besonders unüberlegte Entscheidung, denn die Schwächung der sowjetischen Militärpräsenz in den verbündeten Ländern führte zu einer drastischen Verschärfung nationalistischer und antisowjetischer Stimmungen. Der kollektive Westen nutzte dies aus. (…) 1990 annektiert die BRD Ostdeutschland. Die DDR wurde
von der BRD einverleibt.' Die künftigen russischen Soldaten werden dieses Wissen mit sich tragen, ebenso wie die aus Büchern geschöpfte Idee, dass man für seine Liebe, für die verlorenen Teile des Ganzen kämpfen soll."
Im
taz-
Gespräch kritisiert die ukrainische Kriegsreporterin
Katerina Sergatskova, dass Journalisten in der
Ukraine der
Zugang zu direkten Kriegsgebieten verweigert wird oder sie oft daran gehindert werden, mit dem Militär zu sprechen: "Das soll Informationslecks verhindern, führt aber dazu, dass in den Medien zu wenig über die Opfer des Krieges berichtet wird. Das bedeutet, dass es für die Menschen - sowohl in der Ukraine als auch in der ganzen Welt - schwierig ist, zu verstehen, welchen Preis wir
für unseren Widerstand gegen die russische Invasion zahlen. Dieser Preis ist das Leben jedes einzelnen Menschen, der die Ukraine und Europa verteidigt, sowie das Leben von Familien, die ihre Angehörigen verloren haben."
"
Exil. Ein allmähliches, schmerzhaftes Untergehen, ein sich schier
endlos hinziehendes Ertrinken in den Tiefen des Vergessens", schreibt die türkische Autorin
Asli Erdogan, die die Türkei vor sechs Jahren verlassen musste, in einem persönlichen Text in der
NZZ, in dem sie vom Gefühl der Verlorenheit berichtet: "Es gibt Augenblicke, in denen die Realität auch wirklich ist. Augenblicke, die sich schließen wie ein
Sargdeckel. Es sind Momente, durch die du hindurchmusst wie durch ein Nadelöhr, mitsamt deiner gewaltigen Vergangenheit, deinen Schatten, all deinen Ichs. Nackt, gehäutet, beinhart erscheint dann die Realität. Bilder, Eigenschaften, Begriffe tröpfeln von ihr herab. Darunter finden sich Koffer mit abgerissenen Griffen, Ausweispapiere in Plastiktüten, zu beschaffende Dokumente, Genehmigungen, Visa. Dokumente sind einzureichen, Unterschriften müssen geleistet werden, Verträge abgeschlossen,
Fingerabdrücke werden eingefordert. Es folgen Bewilligungen oder
Ablehnungen und Demütigungen. Man erhält verschiedensprachige Anordnungen und Regeln, unerbittliche Gesetze werden einem zur Kenntnis gebracht. Antworten bleiben aus, Beschlüsse werden aufgeschoben und Sätze abgebrochen. Am Ende überwältigt einen das Gefühl eines zu langen, allzu
gramvollen Erstickens."
Hätte
Markus Söder nicht an
Hubert Aiwanger festgehalten, wäre mit der
CSU wohl auch die
letzte Volkspartei zerfallen, glaubt Roman Deininger im Aufmacher des
SZ-Feuilletons. Aber die CSU wird noch gebraucht, meint er: "Wer der These zustimmt, dass es neben Klientel- oder Programmparteien, die sich bewusst nur an einen Teil der Bürgerinnen und Bürger wenden, auch weiterhin Volksparteien geben sollte, weil sie
dem politischen System Stabilität verleihen, der muss eigentlich die Augen zukneifen, die Zähne zusammenbeißen und der CSU alles Gute wünschen."
Außerdem: Die
FR bringt einen von
Günter Wallraff initiierten und von zahlreichen deutschen Kulturschaffenden unterschriebenen
offenen Brief an Annalena Baerbock mit der Aufforderung, sich für die Freiheit von
Julian Assange einzusetzen: "Wir erwarten, dass Sie als Mitglied der Bundesregierung bei Ihren bevorstehenden Gesprächen in Washington etwa mit Ihrem Amtskollegen Antony Blinken den Fall Assange zur Sprache bringen und sich deutlich für ein Ende der Verfolgung von Assange einsetzen. In Ihrem Einsatz für verfolgte Journalisten darf es keine doppelten Standards geben."