9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.10.2016 - Geschichte

Die Kolonialismusausstellung im Deutschen Historischen Museum trifft nicht wirklich auf positiv gestimmte Kritiker. Nun verreißt auch Stephan Speicher in der SZ die Ausstellung, die sich zwar "mit ihrer stark kulturgeschichtlichen Ausrichtung in den aktuellen Forschungsströmen bewegen" wolle. "Sie möchte den Überlegungen der postcolonial studies gerecht werden und also nicht etwa die Sicht des Nordens wiederholen. Im Gegenteil wird dessen kolonialistischer Blick selbst zum Thema gemacht. Aber das führt im DHM dazu, dass es doch eigentlich immer wieder um den Rassismus geht. Das ist ein Thema von höchster Bedeutung, aber eben ein Thema, das vor allem den Norden betrifft." (Das Bild zeigt eine "Colon-Figur", Offizier, Nigeria oder Kamerun, um 1900, Copyright: Deutsches Historisches Museum.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.10.2016 - Geschichte

"Nicht wirklich zufrieden ist in der taz Andreas Fanizadeh mit der Kolonialismusschau im Deutschen Historischen Museum: "Die Schau im DHM erinnert selbstverständlich an den Völkermord an den Herero und Nama in Deutsch-Südwestafrika. Doch in welchem Verhältnis stand dieser zur Rassen- und Vernichtungspolitik der Nazis? Fragen über Fragen... Stattdessen moralisieren die Kuratoren des DHM in ihren Positionen etwas zu stark. Am Ende mündet die Schau noch in dürre Behauptungen über eine angebliche Kontinuität kolonialer Herrschaft bis ins Heute."

In der FAZ verteidigt Hermann Parzinger von der Preußen-Stiftung in diesem Zusammenhang den Begriff "Shared Heritage", um den Umgang mit Ausstellungsstücken aus ehemaligen Kolonien zu umreißen. Und dies müsse gerade auch für die dunklen Kapitel wie die deutschen Massaker in Tansania 1905 bis 1907 gelten - ein schmerzhaftes Erbe: "Trotzdem geht es auch hier darum, einen gemeinsamen Weg zum Umgang mit dieser Geschichte zu finden. Deshalb wollen wir den Maji-Maji-Aufstand mit Wissenschaftlern aus Tansania aufarbeiten und im Humboldt-Forum erzählen. Dieser Weg mag mühsam, dornig und auch nicht risikofrei sein; aber für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ihre Staatlichen Museen ist er zwingend."

Außerdem: In Politico.eu fordert der Historiker Malcolm Byrne, dass die USA endlich die Akten zur CIA-Unterstützung des Coups gegen Mohammad Mosaddeq im Iran 1953 freigeben.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.10.2016 - Geschichte

46 Jahre nach Willy Brandt hat es in Warschau wieder einen historischen Kniefall gegeben, berichtet Gerhard Gnauck in der NZZ: Der ukrainische Präsident Petro Poroschenko kniete im Juli vor dem Mahnmal nieder, das an die 100.000 Opfer des Massakers in der Region Wolhynien durch ukrainische Nationalisten im Jahr 1943 erinnert. Zugleich ist ein polnischer Kinofilm über das Massaker mit großem Erfolg in Polen angelaufen: "Erste Reaktionen ukrainischer Medien zeigen allerdings, wie schwer man sich dort mit diesem Film tut - sofern man ihn überhaupt sehen konnte, denn nach jetzigem Stand wird er in der Ukraine nicht in die Kinos kommen. Um die (womöglich propagandistisch gefärbten) russischen Reaktionen macht man sich in Polen besondere Sorgen; russische Medien wollten schon von den Dreharbeiten berichten, doch angesichts der politischen Lage, sagen die Produzenten, habe man sie 'auf Distanz gehalten'."

Dem deutschen Kolonialismus werden in Hannover und demnächst in Berlin große Ausstellungen gewidmet. Er endet nicht einfach im Jahr 1918, sagt der Historiker Jürgen Zimmerer im Gespräch mit Sven Felix Kellerhoff in Welt, sondern "sondern setzte sich im Dritten Reich und sogar darüber hinaus fort. Als europäisches Phänomen ist der Kolonialismus zudem die Vorgeschichte der Globalisierung. Und ganz aktuell erleben wir ein Wiederaufleben kolonialer Stereotypen über den 'anderen', der zwar nicht mehr 'primitiv', 'heidnisch', 'eingeboren' genannt wird, aber dafür 'muslimisch' oder 'fundamentalistisch'." Aha? Jemanden, der muslimisch ist, muslimisch zu nennen, ist also kolonialistisch?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.10.2016 - Geschichte

Das Bundesjustizministerium war in den fünfziger Jahren ein Hort alter Nazis, erzählt tazler Christian Rath nach Lektüre der Studie  einer Studie des Historikers  Manfred Görtemaker und des Juristen Christoph Safferling im Auftrag des Hauses: "Erst ab Ende der sechziger Jahre wehrte sich das Ministerium aktiv gegen den Einfluss der Alt-Nazis. In der Großen Koalition war nun auch die SPD an der Regierung beteiligt. Der Eichmann-Prozess in Israel und der Auschwitz-Prozess in Frankfurt hatten die Öffentlichkeit sensibilisiert. Die Studentenbewegung stellte die bislang vorherrschende Schlussstrich-Mentalität offensiv in Frage."

Götz Aly richtet sich in der Berliner Zeitung schon mal darauf ein, in Polen in den Knast zu wandern. Dort soll nämlich nach einem Gesetzentwurf künftig jeder, der "dem polnischen Staat öffentlich Mitverantwortung für Verbrechen zuschreibt, die durch die Nazi-Besatzer begangen wurden" für drei Jahre ins Gefängnis. Aly erinnert da gleich an ein paar unbequeme Fakten: "Im Januar 1942, die Deutschen hatten gerade die ersten Gaskammern in Betrieb genommen, verkündete die Untergrundzeitschrift Naród (Volk): 'Wir bestehen darauf, dass die Juden ihre politischen Rechte und das Eigentum, das sie verloren haben, nicht zurückerhalten. In Zukunft müssen sie allesamt unser Land verlassen.' Herausgegeben wurde Naród von der christlich-demokratischen Arbeiterpartei. Diese gehörte der polnischen Exilregierung in London an und trat für eine Föderation slawischer Staaten ein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2016 - Geschichte

In der frühen Bundesrepublik half es, in der richtigen Partei gewesen zu sein, um im Bundesjustizministerium Karriere zu machen, sagt der Jurist Christoph Safferling, der gerade eine Studie zur Rolle des Ministeriums vorlegt, im Gespräch mit Ronen Steinke von der SZ: "Der Anteil der NSDAP-Mitglieder im Justizministerium ist nicht, wie man annehmen würde, nach dem Krieg gesunken, sondern seit Beginn der Fünfzigerjahre sogar noch weiter gestiegen. Die Spitze wurde 1957 erreicht, damals waren 77 Prozent der leitenden Beamten ehemalige NSDAP-Mitglieder, vom Referatsleiter an aufwärts. Das hat unsere Auswertung der Personalakten ergeben. Dass die Zahl so hoch sein würde, haben wir nicht erwartet. Erst danach kippt es langsam.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2016 - Geschichte

In der NZZ sorgt sich Beat Stauffer um die Kulturdenkmäler aus vorislamischer Zeit in Tunesien. Die Behörden kümmern sich kaum mehr darum. Die Folge: Korruption, Raubgrabungen, Verfall. Kleine lokale Vereine versuchen diese Entwicklung zu bekämpfen, lernt Stauffer: So hat der kleine Verein Association de la sauvegarde des monuments de Sidi Bou Said Geld gesammelt für die Renovierung des von Salafisten schwer beschädigten Grabmals eines Lokalheiligen und es renoviert: "Heute erstrahlt das historische Monument, welches nach wie vor von einer Bruderschaft genutzt wird, wieder in neuem Glanz. Der Verein kümmert sich laut Aussagen seines Präsidenten, Walid Maaouia, auch allgemein um die Sensibilisierung der Bevölkerung in Sachen Denkmalschutz und versucht außerdem die Behörden in dieser Hinsicht aufzurütteln. Zeichen der Hoffnung wie die kleine Bürgerinitiative haben im nachrevolutionären Tunesien Seltenheitswert. Umso mehr verdienen sie Unterstützung."

Außerdem: Matthias Heine liest sich für die Welt durch ein Fundstück aus dem Jahre 1941 über "Die Sprache der Hitlerjugend". Die Historikerin Brigitte Hamann ist gestorben, meldet Lisa Mayr im Standard. Die Autorin von "Hitlers Wien" und vielen anderen Büchern wurde von Akademikern ebenso gelesen, wie vom breiten Publikum, schreibt Mayr: "Brigitte Hamanns Erfolg bestand vor allem darin, exakt recherchierte historische Fakten verständlich, plausibel und mit humanistischer Haltung so zu erzählen, dass sie sehr viele Menschen erreichen - so, dass sie Debatten im Großen und Reflexionsprozesse im Kleinen auslösen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.09.2016 - Geschichte

Unsere heutige global vernetzte Welt ist mit der Weltlage vor dem Ersten Weltkrieg vergleichbar, meint der australische Historiker Christopher Clark im Interview mit Peer Teuwsen in der NZZ: "Es gab im Kalten Krieg eine gewisse Stabilität, jedenfalls im Westen, auch wenn es ein Gleichgewicht des Schreckens war. Wir haben unter dem Schutz einer bipolaren Welt gelebt. Heute sind wir in einer Situation, die 1914 viel mehr ähnelt. Eine Situation polyzentrischer Herrschaft. Die Lage wird verwirrender, unvorhersehbarer, auch gefährlicher." Daraus lässt sich allerdings nicht unmittelbar das Bevorstehen eines Dritten Weltkriegs ableiten, schränkt Clark ein: "Die Geschichte ist keine Lehrmeisterin, leider. Sie gibt uns keine pauschalen Handlungsanweisungen. Sie ist eher wie das Orakel von Delphi. Die Geschichte bietet uns bloss geheimnisvolle, rätselhafte Erzählungen."

"In seiner Person verknüpfte sich für viele die Sehnsucht nach Führung mit der Sehnsucht nach Vergangenheit", erklärt Thomas Karlauf, der eine Biografie über das letzte Lebensdrittel von Helmut Schmidt geschrieben hat, die außerordentliche Beliebtheit des Altkanzlers im Gespräch mit Patrik Schmidt in der Welt: "Gleichzeitig arbeitete Schmidt aktiv mit an dem Bild, das sich die Deutschen von ihm machten. Er genoss das auch und wusste sehr genau mit den Erwartungen der Öffentlichkeit umzugehen. Er wägte zum Beispiel sehr genau ab, wann er zu Beckmann ging und wann zu Maischberger. Man denke auch an seine häufige Präsenz in der Bild-Zeitung. Im Umgang mit den Medien hat es Schmidt zu erheblicher Meisterschaft gebracht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.09.2016 - Geschichte

Vor 75 Jahren richteten deutsche SS-Leute und Polizisten dass Massaker von Babi Jar bei Kiew an und erschossen über 30.000 jüdische Zivilisten, ein entscheidendes Ereignis, sagt Timothy Snyder im Gespräch mit Florian Harms und Marc von Lüpke von Spiegel online: "Als Deutschland Wehrmacht, SS und Polizei in den Osten schickte, wusste die deutsche Führung noch nicht, dass ein Massenmord in diesem Ausmaß möglich war. Aber Babi Jar demonstrierte zusammen mit dem Massaker von Kamenez-Podolsk einige Wochen zuvor, dass die 'Endlösung' das Ausmaß annehmen konnte, das wir heute den Holocaust nennen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2016 - Geschichte

Kolja Reichert besucht für die FAZ das neue Nationalmuseum für afroamerikanische Geschichte und Kultur in Washington: "Auch afroamerikanische Kunst wird gezeigt, leider mit einem Hang zu Handwerk und Folklore. Konzeptuellere Positionen wie David Hammons, William Pope. L oder Kara Walker fehlen. Den breitesten Raum nimmt das Showgeschäft ein: Es gibt das Klavier des 'Father of Gospel' Thomas A. Dorsay. Die selbstgebaute rechteckige Gitarre von Bo Diddley. Den Cadillac von Chuck Berry." In der taz berichtet Dorothea Hahn, in der NZZ schrieb Ronald D. Gerste.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2016 - Geschichte

Die größten Stars unter den Historikern sind nach wie vor die Zeithistoriker konstatiert Rudolf Neumaier in der SZ nach Besuch des Historikertags: "Treffen sich Andreas Wirsching, der Chef des Instituts für Zeitgeschichte in München, und der Freiburger Ulrich Herbert auf einem Podium, um über Hitler zu reden, muss man hoffen, dass kein Feuerwehrmann vorbeikommt und die Veranstaltung wegen Sicherheitsbedenken beendet, weil sich auf den Stufen die Zuhörer stapeln und weil Ulrich Herbert gern die Atmosphäre anfacht. Die Edition von Hitlers 'Mein Kampf' sei unsäglich, sie komme 'als etwas Heiliges daher wie ein Altarbuch', Einleitung und Kommentare hätten einen 'volkspädagogischen' und 'geradezu lächerlichen' Ton. Auf einen solchen Aufschlag hat das Publikum gewartet, und Wirsching, der darauf gefasst war, parierte ihn in seiner gewohnt ruhigen Art."

Und Wirsching war nicht der einzige, mit dem Herbert sich stritt, berichten Sven Felix Kellerhoff und Berthold Seewald in der Welt: "Dem provokativen 'ausgeforscht' des Moderators stellte der Freiburger Historiker Ulrich Herbert das Bild einer Spirale entgegen. Nach Jahren, in denen die Vorstellung vom 'schwachen' Diktator und die von ihm kaschierten Strukturen die Forschung angetrieben hätten, bewege man sich jetzt wieder auf Gegenkurs. Denn alle Wege des Dritten Reiches, in den Krieg wie in den Völkermord, gingen unweigerlich von Hitler aus."