9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.04.2014 - Geschichte

Die Ethnologin Germaine Tillon gehörte zur berühmten Widerstandsgruppe, die im Pariser Musée de l'Homme entstand. 2008 ist sie im Alter von 101 Jahren verstorben. Nun sollen die sterblichen Überreste der einst nach Ravensbrück Deportierten ins Panthéon überführt werden. Slate.fr publiziert einen Brief der Widerständlerin an die Gestapo, in der sie voll geradezu majestätischer Ironie auf Vorwürfe antwortet, die ihr von den Besatzern gemacht wurden - etwa den Vorwurf, sie habe bei sich zuhause alliierte Fallschirmspringer logieren lassen: "Es hätte mich wirklich sehr in Verlegenheit gebracht, wenn ein Fallschirmspringer in meinem Garten gelandet wäre, denn es ist mir völlig unmöglich, jemanden bei mir unterzubringen, ohne dass das gesamte Stadtviertel sofort Bescheid weiß: Meine 93-jährige Großmutter geht immer noch im Viertel einkaufen und plaudert gern mit den Ladenbesitzern. Übrigens haben wir seit 25 Jahren eine Zugehfrau, eine exzellente Person, aber die geschwätzigste und furchtsamste im ganzen Département."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.04.2014 - Geschichte

Michaela Wiegel schildert die Schwierigkeiten französischer Auseinandersetzung mit dem Völkermord in Ruanda. Die Politiker leugneten bis heute die Unterstützung des verantwortlichen ruandischen Diktators Juvénal Habyarimana. Gerade die Sozialisten machen sich hier schuldig, denn die Ruanda-Politik gehörte zur Privatdomäne des bis heute verehrten Präsidenten François Mitterrand, schreibt Michaela Wiegel im politischen Teil der FAZ. Offenbar gibt es aber doch Franzosen, die die Dinge offen legen, denn Wiegel zitiert ein Buch des Journalisten Patrick de Saint-Exupéry: "Warnungen vor der rassistischen, den Hass auf die Tutsi predigenden Politik Habyarimanas sowie der noch radikaleren Clique um dessen Ehefrau Agathe ('Akazu') schlug Mitterrand in den Wind. 'In diesen Ländern ist ein Völkermord nicht so wichtig', zitierte Saint-Exupéry den früheren Präsidenten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.04.2014 - Geschichte

Die Finnin Elisabeth Rehn war die erste Verteidigungsministerin der Welt. In der taz erzählt sie Anne Haeming von ihrer ungewöhnlichen Karriere: "Sie sagten sich: Wenn wir als erste weltweit eine Frau auf diesen Posten setzen, passt das zu unserem liberalen Parteiimage, das bringt uns Aufmerksamkeit. Außerdem kann sie nicht viel falsch machen, es passiert ja gerade nichts in der Welt. Na ja: Im Juni 1990 wurde ich ernannt, im August marschierte der Irak in Kuwait ein. Wir waren damals Mitglied im UN-Sicherheitsrat. Also war ich im Nu in einer sehr wichtigen Position. Und konnte mein Wissen und meine Führungsstärke unter Beweis stellen."

Außerdem: Eckhard Fuhr lässt sich für die Welt vom rheinland-pfälzischen Landesarchäologen Ulrich Himmelmann in Speyer den "Barbarenschatz" zeigen, den ein Raubgräber entdeckte. Und Alan Posener blättert für die Welt durch Heinrich Kuhns Fotoband "Armutszeugnisse": Die Bilder waren damals Propaganda für Willy Brandts Abrisspolitik, aber auch "ein Antidot gegen den sentimentalisierenden Blick auf die Berliner Mietskaserne, der seit Erscheinen des Bilderbuchs 'Die gemordete Stadt' von Wolf Jobst Siedler 1964 immer mehr unseren Blick auf die Stadterneuerung der Nachkriegsjahre - nicht nur in Berlin - bestimmt hat", so Posener.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2014 - Geschichte

Der Menschenrechtsanwalt Arno Klarsfeld (Sohn von Serge Klarsfeld) schreibt zwanzig Jahre nach dem Genozid von Ruanda in Le Monde: "Ich kann in diesem Alptraum nicht die das Ausmaß der Verantwortung Frankreichs benennen. Es war sicherlich nicht aktiv beteiligt. Aber eines weiß ich: Die Behörden sollten die diplomatischen und militärischen Archive freigeben, denn dies ist die einzige Möglichkeit, mehr zu wissen."

In der NZZ erzählt Tamara Ehs, wie wenig sich die vermeintlich unpolitische Wiener Staatsoper in den 1930er Jahren gegen den nationalsozialistischen Einfluss wehrte und quasi schon im voraus jüdische Künstler von Bühne und Orchester ausschloss.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.04.2014 - Geschichte

Jonathan Fischer berichtet in der Welt von den verwickelten Versuchen, uralte Manuskripte aus Timbuktu zu retten und zu restaurieren. Dabei stellen sich mitunter nicht nur Islamisten quer, sondern auch einige der Eigentümer dieser Manuskripte, erklärt ihm die Restauratorin Eva Brozowsky: "Wir wünschen uns natürlich einen offenen Zugang für die Wissenschaft, wie das in Europa üblich ist. Doch die Digitalisierung und Öffentlichmachung der Schriften ist umstritten. Viele der Besitzer, auch Haidara, sind hier noch äußerst skeptisch. Sie sehen die Manuskripte als persönlichen Besitz an. Wir wirken in dieser Hinsicht nicht nur als technische Ausbilder - sondern auch als Vermittler neuer Denkweisen, wie einem demokratischen Zugang zu Wissen, der in Europa ja auch erst seit relativ kurzer Zeit akzeptiert wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2014 - Geschichte

Im Rahmen der Gedenkwoche des Genozids in Ruanda widerlegt Arndt Peltner in der taz die vielfach aufgestellte Behauptung, die deutschen Behörden seien von der Eskalation überrascht worden. Tatsächlich wurden die Anzeichen für den sich anbahnenden Völkermord systematisch ignoriert: "Das Auswärtige Amt, das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit (BMZ), das Bundesverteidigungsministerium, das Innenministerium in Rheinland-Pfalz. Ihnen wurden regelmäßig Informationen über Massaker, Diskriminierungen, Menschenrechtsverletzungen übermittelt. Man beschwichtigte, man übersah, man verharmloste, man versteckte sich hinter einer nichtexistenten europäischen Linie."

In La règle du jeu beobachtet Raphael Haddad, wie sehr sich Frankreich dagegen sperrt, seine Mitverantwortung anzuerkennen: Da seien ja selbst die Belgier weiter!

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.04.2014 - Geschichte

Die taz erinnert in mehreren Artikeln an den Völkermord in Ruanda vor zwanzig Jahren. Marie-Claude Bianco, die damals gerade Urlaub in Ruanda machte, berichtet von ihren dramatischen Erlebnissen. In der Aufarbeitung des Genozids beklagt Dominic Johnson ein "allgemeines Verdrängen, und es ist vorschnell und leichtfertig. Der Nazi-Holocaust liegt 70 Jahre zurück, und die Erinnerung daran bleibt lebendig. Der Völkermord an den Tutsi in Ruanda ist erst 20 Jahre her. Bis heute trauen viele Menschen in Ruanda sich gegenseitig nicht; keiner weiß, wer den Genozid bereut und wer ihm heimlich nachtrauert."

In der Welt unterhält sich Thomas Kielinger mit der kanadischen Historikerin Margaret MacMillan über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Die verheerende Eskalation hätte durchaus vermieden werden können, argumentiert MacMillan mit Blick auf die weitreichenden Gemeinsamkeiten der Kriegsparteien: "Eine der großen Tragödien der europäischen Geschichte ist ja, dass es durchaus so etwas wie eine 'europäische Zivilisation' gab, mit Epochen, die uns alle betrafen, denken Sie an die Renaissance, die Reformation. Aber wir haben es nie zu jener politischen Einheit gebracht, wie sie in China herrscht, trotz seiner großen ethnischen und sprachlichen Differenzen. Die Europäische Union von heute sieht auch nicht annähernd so aus, als ob sie dieses Ziel der Einheit erreichen könnte."

Und Sascha Lehnartz lässt sich in der Welt von dem französischen Historiker Pierre Nora erklären, warum die Öffentlichkeit sich mehr für 1914 interessiert als für 1944.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.04.2014 - Geschichte

Vor zwanzig Jahren wurden in Ruanda 800.000 Tutsi ermordet. Das Schlachten ging danach weiter, schreibt in der SZ Hans Christoph Buch, der dabei war, als ein Jahr später Soldaten der ruandischen Armee in eine Menge von Hutu-Flüchtlingen schossen.

Bei Cicero fragt sich Malte Lehming, warum die Deutschen immer gern der Opfer vergangener Völkermorde gedenken - so am Freitag der Bundestag der Opfer des Genozids in Ruanda -, zu aktuellen Völkermorden wie dem in Syrien aber schweigen: "Wer die Kommentare von damals liest, hat Déjà-vu-Erlebnisse am laufenden Band. Es gebe in Ruanda 'keine Bürgerkriegspartei, die zu stützen in unserem Interesse' sei, hieß es, eine Intervention zöge den Verdacht 'spätimperialistischer Selbstherrlichkeit' auf sich. Und wieder einmal standen die USA am Pranger. Präsident Bill Clinton verweigere 'drastisch jedwedes Eingreifen'. Ruanda und der Genozid: Das sei eine Geschichte des Wegschauens und des schlechten Gewissens."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.04.2014 - Geschichte

Anmutig mäandernd wie je stellt Alexander Kluge nach Auskunft der Welt die Frage, "wie die Zivilisation aus Paradies und Terror entstand". Nebenbei erfahren wir immerhin, woran Jürgen Habermas gerade arbeitet. Er beschäftige sich mit den Achsenzeiten zwischen 5000 und 3000 vor Christus und dann um 500 vor Christus und mit dem Entstehen von Städten: "Jürgen Habermas sieht diese Phänomene, für deren Entstehen er keinen dezidierten Grund weiß, als den Anfang einer weltbürgerlichen Gesellschaft, der bis heute weiterwirkt, auch wenn die damit verbundenen Projekte des Neuanfangs unterwegs verloren gingen oder zerstört wurden." Kluges Text entstand aus Anlass der Tagung "Stadt - Religion - Kapitalismus ", die ab morgen im Haus der Kulturen stattfindet.

In der SZ vermisst Joseph Hanimann schon jetzt den gestern gestorbenen Mittelalter-Historiker Jacques Le Goff: "Seine 1996 erschienene Biografie 'Ludwig der Heilige', wohl sein Meisterwerk, ist ein Buch, das in der Figur Ludwigs IX. das ganze 13. Jahrhundert aufrollt und wie in einem Prisma in seine Spektralfarben zerlegt. Nicht französische, sondern europäische Geschichte strahlt aus diesem Buch als eine vorzeitige Vision und bezeichnet das Feld, in dem Le Goffs Forschung stets stattfand: programmlos, aber mit klaren Begriffen und unersättlichem Interesse fürs Disparate." Thomas Régnier schreibt im Figaro: "Er hat ein geradezu physisches Verhältnis zu den Wörtern und seinen Forschungsgegenständen. Die Strenge des Historikers koppelt sich bei ihm mit der Kreativität des Schriftstellers. Man muss nur seinen monumentalen 'Ludwig der Heilige' lesen, diese 'totale Biografie', um auf seinen Sinn für pittoreske Anekdoten zu stoßen." In der FAZ schreibt Nils Minkmar den Nachruf. Hier der Nachruf Nicolas Truongs in Le Monde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.03.2014 - Geschichte

Vor fünfzig Jahren putschten in Brasilien die Militärs gegen die linke Regierung von Präsident João Goulart und lösten damit eine Blüte der Protestkultur aus, wie Kersten Knipp in der NZZ erzählt: "Die Menschen verschwanden in den Gefängnissen. Doch die Ideen blieben weiter präsent. Um auch sie zu besiegen, setzten die Militärs auf Zensur im großen Stil. Zeitungsredaktionen mussten ihre Texte vorab prüfen lassen. Durch kam nur, was genehm war - oder so subtil formuliert, dass es übersehen wurde. Das Jornal do Brasil etwa kleidet seine Kritik im Dezember 1968 in die Form einer Wettervorhersage: 'Tempo negro', stand da zu lesen, 'schwarzes Wetter' (oder auch: 'schwarze Zeit'). 'Die Luft lässt sich kaum atmen.'"

Andreas Behn beschreibt in der taz den politischen Unwillen zur Aufarbeitung des Putsches: "Ein Amnestiegesetz von 1979, also noch aus der Zeit während der Diktatur, schützt die damaligen Täter in Uniform, aber auch die Guerilleros im Widerstand vor Strafverfolgung. Nach einer Entscheidung des Obersten Gerichts bleibt es unantastbar, obwohl internationale Instanzen wie der Interamerikanische Gerichtshof fordern, es zu annullieren. 'Noch bis vor Kurzem wurde der Jahrestag in den Kasernen als glorreiche Revolution gefeiert', klagt Ana Bursztyn Miranda. Die ehemalige Widerstandskämpferin sieht die Aufarbeitung der Diktatur noch ganz am Anfang. Nachbarländer wie Argentinien oder Chile seien viel weiter."