Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.07.2024. Auf Zeit online erklärt der Historiker Onur Erdur, warum die Vertreter der "French Theory" nichts mit heutiger Identitätspolitik zu tun haben. Im Interview mit der SZ erklärt Fanon-Biograf Adam Shatz, warum auch Frantz Fanon sich schlecht für eine identitätspolitische Vereinnahmung eignet. Hubertus Knabe erinnert in seinem Blog an die Opfer der kommunistischen Justiz in der DDR. Wenn sich die israelische Armee aus Gaza zurückzieht, würde das auch den Konflikt mit der Hisbollah beenden, glaubt in der FR der Historiker Tom Segev. Die taz überlegt, ob man eventuell doch mit Assad reden sollte.
Buch in der Debatte Bestellen Sie bei eichendorff21!Der Historiker Onur Erdur hat ein Buch über den Einfluss des Kolonialismus auf die "French Theory" geschrieben: Viele Intellektuelle, wie Jacques Derrida, Hélène Cixous oder Jacques Rancière wurden in Algerien geboren, Pierre Bourdieu gewann einige seiner wichtigsten Erkenntnisse während längerer Aufenthalte im Maghreb, schreibt er dort. Im Zeit-Online-Gespräch mit Nils Markwardt erklärt Erdur, warum der Vorwurf, die französischen Philosophen hätten der heutigen Identitätspolitik den Weg geebnet, nicht zutreffend ist: "Diese Denkerinnen und Denker wollten die Kategorie der Identität ja gerade problematisieren und sie nicht festschreiben. Man kann die postkoloniale Theorie kritisieren, aber wer das machen will, sollte die französische Theorie eher außen vor lassen. Zumal oft ja auch gar keine tatsächliche Auseinandersetzung mit den Texten stattfindet. Vielmehr wird die französische Theorie oft als Pappkamerad aufgebaut", um im Kulturkampf der rechten gegen woke Identitätspolitik "Deutungshoheit zu erreichen". Andererseits gebe es durchaus Versuche, Werke etwa von Derrida umzudeuten, gibt Erdur zu und verweist als Beispiel auf die amerikanische Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak. "Sie entwickelte in der Folge etwa einen "strategischen Essentialismus", der besagt, dass vor dem Hintergrund kolonialer Erfahrungen bestimmte Identitäten betont werden sollten, um gemeinsame Interessen zu organisieren. Das bildet in der Tat eine erkenntnistheoretische Grundlage heutiger Identitätspolitik. Nur hat das mit dem Denken Derridas eben nicht mehr viel zu tun."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Ein anderer Denker, der als "Urvater des dekolonialen Denkens" gilt, ist der Arzt und Schriftsteller Frantz Fanon, wie Felix Stephan in der SZ schreibt. Im Gespräch mit Adam Shatz, der eine vieldiskutierte Biografie über Fanon geschrieben hat (die allerdings noch nicht auf Deutsch übersetzt wurde), lernt Stephan, warum hier eine identitätspolitische Vereinnahmung naheliegend, aber nicht unbedingt korrekt ist. Denn eigentlich war dieser "ein radikal antiessenzialistischer Denker. ... Es gibt bei ihm immer diese Spannung. Einerseits beschreibt er die schwarze Existenz als eine 'Zone des Nicht-Seins', der man nie entkommen kann. Andererseits ist er aber auch ein dialektischer Denker, der am Ende von 'Schwarze Haut, weiße Masken' die Vision einer neuen Brüderlichkeit entwirft, die nicht nur Rassismus hinter sich gelassen hat, sondern die Kategorie 'Race' an sich. Sein Buch 'Die Verdammten dieser Erde' gilt als Aufruf zum gewaltsamen antikolonialen Widerstand schlechthin. Aber auch dort gibt es im letzten Kapitel plötzlich diese utopische Sehnsucht nach einem neuen humanistischen Aufbruch."
In der FAZ warnt der Wirtschaftswissenschaftler Ingolfur Blühdorn vor einem Ende grüner Nachhaltigkeitshoffnungen, konservativer Beharrungswünsche und der Demokratie als solcher. Von dem was folgen könnte, hat er nur eine vage Vorstellung: "Ist der einzige Weg vielleicht, möglichst nüchtern zu artikulieren, dass die Demokratie sich in der Spätmoderne überlebt hat, anachronistisch wird und sich auch nicht wiederherstellen lässt? Wer sich bisher als progressiv verstand und gestalten wollte, wird diesen Gedanken zutiefst reaktionär finden. Bestimmte Formen der Demokratie mögen sich überlebt haben, aber gilt das auch für die Demokratie insgesamt? Einen Rückweg zu den Glaubenssätzen, die bisher Orientierung gaben, gibt es jedenfalls nicht. Das bürgerliche Verteidigen der etablierten Demokratie gießt womöglich nur Öl ins Feuer derer, die von ihr enttäuscht sind, gegen ihre Institutionen rebellieren und damit endgültig den Weg für die Herrschaft der Stärksten frei machen."
Über die Eröffnungszeremonie der Olympischen Spiele in Paris gab es einige Aufregung (unser Resümee). Vor allem eine LGBTQ-Abendmahl-Parodie erzürnte einige konservative Gemüter. Pascal Brucknersieht es in der NZZ nicht ganz so eng, die Provokation einer von Dragqueens dargestellten Abendmahlszene fand er dann aber doch zu "kindisch": "Außerdem wäre die parodistische Aufführung noch pikanter und vor allem kühner gewesen, wenn sich die Schauspieler auch über andere Religionen lustig gemacht hätten. Das Christentum ist nun einmal bekanntlich die einzige Konfession, über die man ungestraft lachen kann. Wenn man sich über den Islam lustig macht, wird man zuerst des Rassismus beschuldigt und dann mit einer ordentlichen Schlächterei bedroht. Wer Ohren hat zu hören ... Die Organisatoren haben sich beflissen bei allen Personen oder Gemeinschaften entschuldigt, die sich von bestimmten Sequenzen verletzt gefühlt haben."
Allerdings wird bestritten, dass es sich bei dem Figuren-Arrangement der Dragqueens, das in einem Moment dem "Abendmahl" Da Vincis ähnelte, überhaupt um eine Anspielung auf dieses Abendmahl handelte. Der Historiker Philippe Dagen sieht sich in Le Monde viel mehr an ein dionysisches "Festmahl der Götter" erinnert, ebenfalls ein häufiges Motiv in der Kunstgeschichte: "Im Allgemeinen sind dies die Elemente der klassischen Ikonografie des Festmahls der Götter, eine olympische Versammlung, denn sie vereint Göttinnen und Götter des Olymps umfasst. Dies war auch die Referenz, die der Regisseur der Zeremonie im Sinn hatte."
Manche konzentrieren sich aufs eigentliche:
🤯 Le plongeon parfait ̷n̷'̷e̷x̷i̷s̷t̷e̷ ̷p̷a̷s̷ ̷ a eu lieu à Paris
Angesichts der intensiv gegen eigene Staatsbürger und Ukrainer wütenden russischen MilitärgerichteerinnertHubertus Knabe in seinem Blog an die lange Tradition dieses Unterdrückungsinstruments. Unter Stalin wurden auch viele DDR-Bürger Opfer der Maschinerie, über 3.000 Menschen wurden hingerichtet - im deutschen Gedenken kommt das kaum vor, so Knabe. Nun erinnern aber einige Websites an die Schicksale, die Knabe in seinem Artikel verlinkt. Die Seite verurteiltundvergessen.de etwa arbeitet mit einer interaktiven Landkarte. "Klickt man zum Beispiel auf die brandenburgische Hauptstadt Potsdam, stößt man auf den Schriftsteller Horst Bienek, der seinen Wohnsitz ausgerechnet in der von König Friedrich Wilhelm III angelegten Russischen Kolonie 11 hatte. Im November 1951 wurde der damals 21-jährige verhaftet und vier Monate später wegen 'antisowjetischer Hetze' und 'Spionage' zu zwanzig Jahren Lager verurteilt. Da er ein Meisterschüler Bertolt Brechts war, sollte der sich nach einer Versammlung des Berliner Ensembles für ihn einsetzen. Doch Brecht lehnte ab und Bienek kam in ein Arbeitslager im sowjetischen Workuta. Erst 1955, nach dem Moskau-Besuch Konrad Adenauers, kam der Schriftsteller wieder frei."
Der Historiker Tom Segevplädiert im Interview mit der FR verzweifelt für ein sofortiges Ende des Krieges in Gaza. Würde sich das israelische Militär aus Gaza zurückziehen, dann wäre auch der Konflikt mit der Hisbollah beendet, die bei einem Raketenangriff auf den Golanhöhen mehrere Menschen tötete: "Es ist interessant, wie beide Seiten sich bisher beherrscht haben, die Hisbollah und Israel. Die Raketen der Hisbollah gingen auf unbewohnte Städte, die evakuiert wurden, nieder. Sie beschießen also leere Städte. So etwas wie jetzt auf den Golanhöhen ist bislang nicht vorgekommen. Ich weiß nicht, was passieren wird. Wahrscheinlich wird nach dem Kriegsende in Gaza auch der Krieg im Libanon beendet sein. Die Hisbollah verlangt, dass Israel aufhören soll die Palästinenser in Gaza zu bekämpfen. Erst dann würde auch sie den Kampf einstellen. Aber Netanjahu braucht einen großen Sieg, vor allem auch nach den vielen Verlusten unter den eingesetzten israelischen Soldaten. Er hat schon am ersten Tag in seiner Dummheit gesagt, dass er einen völligen, totalen Sieg in Gaza erreichen wollte. Aber was soll das bitte bedeuten? Ein völliger Sieg? Die Hamas ist auch gefährlich, wenn sie nur 100 Mitglieder hat. Terror-Organisationen benötigen nicht 30 000 Mitglieder."
Die Hisbollah provoziert einen Krieg mit Israel geradezu, doch ein Großangriff der israelischen Armee könnte fatale Folgen haben, warnt Stefan Kornelius in der SZ: "Ein Schlag des israelischen Militärs gegen die Hisbollah in Libanon könnte zu einem Krieg führen, den das Land möglicherweise militärisch nicht übersteht. Die Hochrüstung durch Iran hat die Hisbollah derart schlagkräftig werden lassen, dass eine israelische Überlegenheit - noch dazu in einem Zwei-Fronten-Krieg - nicht mehr garantiert ist. Schon allein die Spekulation über das wahre Kräfteverhältnis und die Unsicherheit über die Kapazität der israelischen Flugabwehr gegen Hisbollah-Raketen sollten ausreichen, um innezuhalten. Wenn Israel jetzt die zweite Front eröffnet, könnte es tatsächlich in einen Krieg um seine Existenz schlittern."
Mit Syriens Assad reden? Trotz der hunderttausenden Toten, die er auf dem Gewissen hat? Obwohl er heute von autokratischen Regimen wie Russland, den Golfstaaten und der Türkei unterstützt wird? Obwohl auch in Europa nur rechte Politiker mit ihm reden wollen, denen es ausschließlich um die Rückführung syrischer Flüchtlinge geht? Ja, meint Jürgen Gottschlich in der taz, auch wenns weh tut. "Nur auf dem Standpunkt zu beharren, der Kriegsverbrecher Assad und sein Regime müssen weiterhin geächtet und sanktioniert werden, reicht auf Dauer auch nicht. Damit schreibt man einen Status quo fest, der die Verelendung des größten Teils der syrischen Bevölkerung zur Folge hat. Der Assad-Clan und seine Günstlinge leben vom illegalen Handel mit synthetischen Drogen und anderen Schmuggelgeschichten, die Sanktionen betreffen sie nicht und ihre Häuser sind nicht zerstört oder längst wieder instand gesetzt. Für die übergroße Mehrheit aber sind Sanktionen, Handelsbeschränkungen und die Weigerung, in den Wiederaufbau Syriens zu investieren, die Garantie dafür, dass sie im Elend bleiben. In einer solchen Situation kehrt kein Flüchtling 'freiwillig und in Würde zurück', wie Schallenberg und Meloni uns glauben machen wollen. Wer es diesen rechten Regierungen überlässt, mit Assad zu reden, riskiert, dass Deals zur Rückführung von Flüchtlingen gemacht werden, bei denen die Sicherheit der Flüchtlinge das Papier nicht wert ist."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Auch in Amerika fehlen Millionen Wohnungen für ärmere Menschen, schreibt in der FAZ Frauke Steffens, die als Beispiel auf Newark, 35 Autominuten von New York entfernt, blickt: Wohnungsmangel und teure Mieten tragen hier zur steigenden Obdachlosigkeit ebenso bei wie "Zoning" - das sind Bebauungspläne, die von den Kommunen verwaltet und oft dazu benutzt werden, den Bau von Einfamilienhäusern zu fördern, den von Mehrfamilienhäusern und Sozialwohnungen aber zu verhindern. Damit ist Zoning mehr und mehr zu einem Instrument des Rassismus geworden, meint Steffens. Die Demokraten kritisieren das massiv, "verschweigen allerdings gern, dass die Bebauungspläne dort am restriktivsten sind, wo sie regieren - eben in Staaten wie Connecticut. Richard Kahlenberg von der George Washington University untersuchte Kommunen überall im Land - das Ergebnis habe ihn selbst überrascht, sagt der Jurist", der auch ein Buch zum Thema veröffentlichte. "Segregation finde heute vor allem nach Einkommen statt, sagt Kahlenberg im Gespräch. Aber da schwarze Familien durchschnittlich ärmer sind als weiße, trifft sie die strukturelle Diskriminierung am Wohnungsmarkt am härtesten. ... Kahlenberg sieht ein ethisches Versagen der liberalen Bildungseliten, die theoretisch für Chancengerechtigkeit seien, aber nicht in sie investieren wollten."
In Venezuela hat sich Nicolás Maduro zum Wahlsieger erklärt - ein "böses Märchen" wird hier erzählt, schreibt Benedict Peters in der SZ, vor allem, weil der Wahlbetrug so offensichtlich war. Venezuela droht jetzt Chaos, denn die Opposition hat ihren Kandidaten Edmundo González ebenfalls zum Sieger gekürt. Beide Parteien haben ihre Anhänger dazu aufgerufen, auf die Straße zu gehen: "Gibt es also gar keine Hoffnung für Venezuela? Das ist noch nicht sicher. Entscheidend wird sein, wie sich nun der einzige Akteur verhält, der es in den vergangenen Jahren vermocht hat, das Maduro-Regime unter Druck zu setzen. Mit ihren Sanktionen gegen die Ölindustrie haben die USA die Wahl vom Sonntag erzwungen; sie sollte frei und fair sein, im Gegenzug hätte Washington die Strafmaßnahmen aufgehoben. Die USA müssen Maduro unmissverständlich klarmachen, dass das nach dieser Farce einer Abstimmung nicht passieren wird; eine erste Äußerung des Außenministers Antony Blinken lässt sich in diese Richtung verstehen."
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