9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

1627 Presseschau-Absätze - Seite 75 von 163

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.12.2020 - Geschichte

Könnte es sein, dass auch die Norweger sich im Zweiten Weltkrieg nicht ganz so heldenhaft betragen haben, wie es auch die dortige Geschichtsschreibung offenbar gern behauptet? Anders als die Dänen haben die Norweger ihre Juden nicht gerettet, über 700 Juden wurden deportiert. Fabian Wolff berichtet in der taz über das Buch "Hva visste hjemmefronten?" ("Was wusste die Heimatfront?") der Journalistin Marte Michelet: "Die etablierte Erzählung lautete bislang: Eine landesweite Verhaftungsaktion der Gestapo im November 1942 und die anschließende Massendeportation seien in Norwegen wie ein Blitz aus heiterem Himmel gekommen. Die Heimatfront habe alles in ihrer Macht stehende getan, um wenigstens Teile der jüdischen Bevölkerung zu retten. Was Michelet in 'Hva visste hjemmefronten?' aufgrund neuer Dokumente grundsätzlich in Frage stellt. Ihre Behauptung: Die Gestapo-Aktion sei zentralen Personen der 'Heimatfront' drei Wochen zuvor bekannt geworden, aber Antisemitismus sei bei diesen ebenso wie in Norwegen insgesamt recht verbreitet gewesen. Das Schicksal der jüdischen MitbürgerInnen sei ihnen deshalb relativ gleichgültig gewesen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2020 - Geschichte

Im FR-Interview mit Bascha Mika spricht der Historiker Andreas Kossert über Flucht und Vertreibung und die Weltgeschichte der Heimatlosigkeit: "In den Überlieferungen der Menschheit spielt dieses Thema stets eine Rolle.  Viele Fluchterfahrungen sind jedoch in der Geschichte versunken, die kennen wir nicht mehr. Aber erzwungene Wanderschaft hat es immer gegeben. In der Vormoderne betraf es vor allem religiöse Minderheiten, in der Moderne taucht dann die Idee der ethnischen Homogenität auf. Wer dazu gehören soll und wer ausgeschlossen wird, folgt bis heute ethno-religiösen Mustern, die auf erschreckende Art zeitlos geblieben sind. Denken Sie nur an die Kurden und Jesiden. Oder an Berg-Karabach; dort sehen wir unter den Augen der Weltöffentlichkeit, wie eine ethnisch motivierte Vertreibung im 21. Jahrhundert stattfindet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.12.2020 - Geschichte

Andreas Fanizadeh rekapituliert in der taz, wie der Historiker Christopher Clark von dem Gutachten abrückte, in dem er die Hohenzollern im Streit um ihre Unterstützung der Nationalsozialisten entlastete. Dabei geht er vor allem auf eine Auseinandersetzung in der New York Review of Books ein, in der Clark von David Motadel scharf kritisiert wurde: "Clark erwiderte Motadel, ebenfalls in der New York Review, solch reaktionäre Motive lägen ihm fern. Er fühle sich instrumentalisiert. Er betrachte den Kronprinzen sehr wohl als einen 'gewalttätigen, ultrarechten Charakter', der mit Hitler sympathisierte und zur 'finalen Abrechnung mit der deutschen Linken drängte'. Doch hatte er den Kronprinzen schlicht für zu unintelligent und auch isoliert gehalten, als dass dieser eine größere politische Rolle hätte einnehmen können. Inzwischen, so Clark weiter, habe sich jedoch die Quellenlage verändert und er sähe es anders."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2020 - Geschichte

Auf ein empörendes Kapitel der deutschen Verlagsgeschichte macht Karina Urbach in der Zeit aufmerksam. Deutsche und österreichische Verlage "arisierten" nicht nur jüdischen Besitz, sondern auch Bestseller jüdischer Autoren, indem sie sie regimefreundlichen Autoren zuschrieben, die den Inhalt nur änderten, wenn sie, wie im Kochbuch der Großmutter von Urbach jüdische Rezeptnamen ("Omelette Rothschild") austauschten: "In einem Land, in dem Juden ihren rechtlichen Schutz von 1933 an sukzessive verloren, war auch deren geistiges Eigentum der Willkür preisgegeben: Jeder 'arische' Autor und jeder Verlag konnte sich an diesem Eigentum bedienen, ohne Konsequenzen fürchten zu müssen." Der Fall des "Palandt", eines juristischen Kommentarwerks des C.H. Beck-Verlags, ist bekannt (und durch den Verlag selbst 2013 erforscht worden). Weniger bekannt ist, dass auch Knaurs einst so populäres Gesundheitslexikon dem prominenten jüdischen Arzt Josef Löbel "weggenommen" wurde. Erst jetzt, achtzig bis neunzig Jahre nach den Ereignissen, an denen sich der Verlage jahrzehntelang bereicherten, werden die Geschichten aufgearbeitet, so Urbach. Auch das Kochbuch von Alice Urbach wir wieder unter ihrem Namen erscheinen. Ausführlich kann man Urbachs Geschichte hier nachlesen.

Außerdem: Alteuropäische Großmächte wie Russland, Ungarn oder die Türkei haben den Verlust ihres Imperiums bis heute nicht überwunden, meint der Historiker Rasim Marz in der NZZ.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2020 - Geschichte

Heute vor  fünfzig Jahren kniete Willy Brandt vor dem Mahnmal für den Aufstand im Warschauer Ghetto nieder. In Polen wurde diese Geste systematisch zensiert, schreibt Gabriele Lesser in der taz und zitiert den heute 94-jährigen Holocaust-Überlebenden Marian Turski: "Die meisten Polen haben nie davon erfahren. Die Zensur gab das Bilderverbot 'Kein kniender Kanzler!' heraus, in den Medien erschienen nur kurze Artikel, und dann begannen auch schon die Arbeiterunruhen an der Ostseeküste, die am Ende zum Sturz der Regierung führten. Der Besuch Brandts war kein Thema mehr."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.12.2020 - Geschichte

Vor genau fünfzig Jahren kniete Willy Brandt bei einem Staatsbesuch spontan oder zumindest unangekündigt vor dem Ghetto-Denkmal in Warschau nieder. Adam Krzeminski erinnert sich daran, wie das Bild davon in Polen manipuliert und zensiert wurde. Man habe gefürchtet, dass Brandt auf die Polen zu sympathisch wirke. "Für die Nationalkommunisten, die 1968 mit einer antisemitischen Kampagne Zigtausende polnische Juden ins Ausland getrieben haben, kniet Willy Brandt zudem an der falschen Stelle. Wenn schon, fauchen die 'Partisanen' um den Innenminister, General Mieczyslaw Moczar, dann hätte er seinen Kopf dem Schwert der Warschauer Nike darbieten müssen, also vor dem Denkmal für die Helden Warschaus im Zweiten Weltkrieg auf die Knie gehen sollen."

"Für Polen, die Gesellschaft der Opfer, sind solche Gesten nach wie vor wichtig, weil sie Befürchtungen entgegenwirken, die Opfer-Täter-Relationen könnten verleugnet werden", schreiben Peter Oliver Loew und Agniezska Lada, Direktor und stellvertretende Direktorin des Deutschen Polen-Instituts in Darmstadt in der Welt. Aber sie betonen auch die Bedeutung des vom Bundestag beschlossenen "Ort des Erinnerns und der Begegnung" in Berlin: Hier "sollen zwei Impulse fruchtbar zusammentreffen: das deutsche Bestreben, vor dem Hintergrund der von Deutschen verschuldeten NS-Verbrechen im Zweiten Weltkrieg die Versöhnung mit Polen zu untermauern, und das polnische Bestreben, dass Deutschland endlich und vorbehaltlos die immensen Ausmaße polnischen Leids in diesem Krieg anerkennen möge."

Ebenfalls in der Zeit verteidigt Thomas E. Schmidt den Hohenzollern-Prinzen Georg Friedrich, der bekanntlich Entschädigungen für Kunstschätze und andere Güter haben will, die er als seinen Privatbesitz ansieht: "Im Grunde ist der Fall zivil, wieso ist er seit einiger Zeit ein politischer? Man muss Preußen nicht mögen und staunt trotzdem über das Tempo der Feindbildaufrichtung. Vorbei die Zeiten, in denen man sich des Preußischen wohlwollend versicherte, weil es für Aufklärung oder die Herrschaft des Rechtes stand. Nichts davon blieb, nicht mal ein kritisches Preußenbild. Nur noch Empörung, die in einer Art antiborussischer Echokammer tobt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.11.2020 - Geschichte

Deutschland will bisher anders als Australien, Kanada und Portugal den Holodomor nicht als einen Genozid anerkennen - obwohl etwa Anne Applebaum in ihrem Buch "Roter Hunger" deutlich zeigt, dass Stalins Hungermord im größeren Kontext einer allgemeinen Hungersnot speziell auf die Ukraine zielte, schreibt Richard Herzinger in seinem Blog. Er unsterstützt die Kritik Andrij Melnyks, Botschafter der Ukraine in Berlin, an der deutschen Haltung: "Vorgeschoben erscheint das in diesem Zusammenhang vorgebrachte Argument, Genozid sei ja erst seit der UN-Konvention von 1948 als solcher definiert und die Ereignisse von 1932/33 darunter rechtlich nicht zu fassen. Dann nämlich hätte der Bundestag 2016 seine Resolution nicht verabschieden dürfen, in der er die planmäßige Ermordung der Armenier durch das nationalistische Regime der Türkei 1915 als Völkermord verurteilte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.11.2020 - Geschichte

Lucien Scherrer erinnert in der NZZ, mit leicht polemischen Unterton, an die Schweizerin Elinor Lipper, die 1937 in die Sowjetunion ging und dort die Säuberungen, Denunziationen und Selbstanklagen erlebte, mit denen Stalin Moskau terrorisierte. In Gerichtsprozessen und ihren Erinnerungen "Elf Jahre meines Lebens" hat Lipper über ihre Erfahrungen berichtet: "Elinor Lipper verbringt vierzehn Monate in Untersuchungshaft; nach drei Verhören droht ihr der Untersuchungsrichter mit Kriegsgericht und dem Urteil 'Tod durch Erschießen'. Schliesslich reduziert die Geheimdienstjustiz das Verdikt am 8. September 1938 auf fünf Jahre Lagerhaft, wegen 'konterrevolutionärer Tätigkeit'. Und so wird die 26-jährige Frau zusammen mit anderen Verurteilten in Viehwagen und per Schiff nach Ostsibirien deportiert. Dort, in den Weiten des Kolyma-Gebietes, hungern Hunderttausende in 'Besserungsarbeitslagern', wie die von Lenin initiierten Gulags offiziell heißen. 'In aller Augen stand die Frage: Warum? Und keiner wusste die Antwort. Wenn im Gefängnis noch ein erschrockenes Staunen über den Gesichtern gelegen hatte, die ungläubige Verwunderung des Menschen über den ihn peinigenden Menschen, über schuldlos erduldete Schmach und Grausamkeit, so konnte man jetzt etwas anderes lesen: Furcht und Verbitterung.'"
Stichwörter: Lipper, Elinor, Gulag

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.11.2020 - Geschichte

Dass auch Europäer Opfer von Sklaverei geworden sind, scheint kaum jemanden zu interessieren, wundert sich Beat Stauffer in der NZZ mit Blick auf die "Raubzüge von Piraten aus den sogenannten Barbareskenstaaten, den osmanischen Regentschaften Algier, Tunis und Tripolis und dem Sultanat Marokko, die laut dem amerikanischen Historiker Robert C. Davis zwischen 1530 und 1780 gut eine Million Europäer versklavt haben sollen. "Das Thema der Versklavung von Europäern im Mittelmeerraum darf keinesfalls dazu verwendet werden, die zahlenmäßig weitaus bedeutendere transatlantische Sklaverei in irgendeiner Weise zu relativieren. Sie in Erinnerung zu rufen, ergibt aber Sinn, um einer ideologischen und voreingenommenen Sicht auf dieses überaus komplexe Phänomen etwas entgegenzusetzen. So weist die Versklavung von hellhäutigen und christlichen Bewohnern des Mittelmeerraums darauf hin, dass die Sklaverei in der frühen Neuzeit nicht von Anfang an das Resultat eines tief verwurzelten europäischen Rassismus gegen Menschen schwarzer Hautfarbe gewesen ist" und auch "kein Alleinstellungsmerkmal des europäischen Imperialismus". Dafür spreche auch der bislang kaum erforschte innerafrikanische Sklavenhandel.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.11.2020 - Geschichte

Als Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Robert-Blum-Saal im Schloss Bellevue einweihte, hätte er ruhig auch mal Gustav Heinemann danken können, der schon Anfang der 1970er Jahre für die Erinnerung an den demokratischen Revolutionär Robert Blum warb, oder Elisabeth Thalhofer, die in Rastatt einen Blum-Saal eingerichtet hat, meint in der NZZ der Politikwissenschaftler Peter Reichel, der auch daran erinnert, dass "die Wiege der Demokratie nicht nur in der Paulskirche stand. ... Unsere Parteien- und Parlamentsdemokratie ist das Kind der südwestdeutschen Freiheitsbewegungen. Diese wurzeln in den Städten des ländlich-kommunalen Raums zwischen Landau und Lörrach, der unter dem Einfluss der Französischen Revolution und Napoleons früher bürgerlich-liberal war und rechtlich modern wurde als Preussen-Deutschland. Längst hat man dort die Initiative Heinemanns fortgeschrieben, die Spuren der vormärzlichen Freiheitsbewegungen freigelegt und die Wege zwischen den kleineren und größeren Städten, in denen sie identifiziert wurden, so miteinander verknüpft, dass die deutsche 'Straße der Demokratie' entstanden ist. Das ist in Berlin offenbar unbemerkt geblieben. Vielleicht, weil dieser beschwerliche Weg nicht bis dorthin führt?" Vielleicht könnte man im Humboldt-Forum eine ständige Ausstellung zum Thema "Demokratie in Europa" einrichten, regt Reichel an.