9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Geschichte

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.01.2021 - Geschichte

Es ist höchste Zeit, dass Frankreich seine koloniale Vergangenheit und den Algerienkrieg aufarbeitet, schreibt Martina Meister in der Welt. Deshalb liegt Macron nun ein "mutiger Leitfaden der Versöhnung" des Historikers Benjamin Stora vor: "Er fordert eine 'Wahrheitskommission', die Öffnung der Militärarchive, gemeinsame Aufarbeitung der Geschichte, eine Organisation nach dem Vorbild des deutsch-französischen Jugendwerks, ein Totenbuch mit den Namen aller Verschwundenen, den Fakten ihrer Ermordung und vieles mehr. Auch wünscht er sich Symbole und Gesten. Nun ist es an Macron, sich auf dem verminten Feld in Richtung Versöhnung zu bewegen. Vom Erfolg hängen nicht nur das Wohlbefinden Frankreichs, sondern auch die Beziehungen zu Algerien ab. Den Anfang hat Macron bereits gemacht, indem er als erster Präsident eingestand, dass Frankreich während des Algerienkrieges gefoltert hatte."

Mit der deutschen Reichsgründung nahm auch der Judenhass - vor allem durch das protestantische Bildungsbürgertum - organisierte Form an, schreibt Micha Brumlik in der FR. Durch die ökonomische Krise der 1890er Jahre kam es zusätzlich zu "tiefgreifender Kulturkritik": "Die Kulturkritik, die alle gebildeten Schichten Deutschlands ergriff, schlug indes unter gebildeten Protestanten deshalb besonders durch, weil sie - wie keine andere gesellschaftliche Gruppe - das Scheitern der im Idealismus und dem auf ihn folgenden Kulturprotestantismus entwickelten Synthese von moderner Kultur und Innerlichkeit erfahren hatten. Vor diesem Hintergrund entstanden in den 1880er Jahren verschiedenste Gruppierungen und Parteien, die ihr wichtigstes Ziel darin sahen, gegen die Juden als Inbegriff des Liberalismus zu agitieren; die modernsten unter ihnen verabschiedeten sich dabei vom traditionell kirchlichen Antijudaismus und stellten sich - vermeintlich naturwissenschaftlich aufgeklärt - auf den Boden von Rassen- und Sprachwissenschaft: So prägte der Journalist Wilhelm Marr 1879 zum ersten Mal den Begriff 'Antisemitismus' mit dem ausdrücklichen Interesse, die Frage der Juden nicht mehr vom 'confessionellen Standpunkt' aus zu betrachten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.01.2021 - Geschichte

In der SZ erinnert Thomas Steinfeld an die Gründung der Kommunistischen Partei Italiens vor hundert Jahren und ihre Bedeutung, die sich nicht zuletzt darin zeigte, dass die Partei zu ihren Hochzeiten ein Viertel aller italienischen Wähler gewinnen konnte: "Die Bedeutung, die der PCI nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs für Italien errang, wird oft damit erklärt, dass die Partei den Widerstand gegen die deutschen Besatzer und ihre italienischen Vasallen angeführt habe. Darüber seien feste Strukturen aufgebaut worden, die sie dann im Frieden für politische Aufgaben nutzen konnte. In der Organisation aber liegt allenfalls die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte besteht darin, dass der italienische Kommunismus eine weltliche Antwort auf die katholische Kirche bildete."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.01.2021 - Geschichte

Am 19. Januar 1871, in den Tagen der Reichsgründung, wurde der Historiker Ferdinand Gregorovius, Autor der berühmten "Geschichte der Stadt Rom im Mittelalter", fünfzig. Wenig später zog er sich doch lieber wieder nach Rom zurück, erzählt Gustav Seibt auf sueddeutsche.de in einem schönen Gedenkartikel: "Im selben Jahr, in dem auch Richard Wagners "Ring" erstmals in Bayreuth aufgeführt wurde, bilanzierte er in einem Brief mit einem fast nietzscheanischen Akzent den modischen Germanenkult des neuen deutschen Reichs: 'Die Größe des deutschen Genius, ja seine wahrste und innerste Nationalität, bestand bisher in seiner kosmopolitischen und humanen Idee - nun sollen diese geweihten Gefilde verlassen werden, und man zwingt uns in die Eiszeit des Germanentums mit ihren Recken, Lindwürmern und Höhlenbären zurück. Dieser Anachronismus wird sich rächen.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.01.2021 - Geschichte

Heinrich August Winkler schildert in der FAZ auf der "Ereignisse und Gestalten"-Seite sehr lesenswert die politische Gemengelage, in der vor 150 Jahren die Reichsgründung geschah und erinnertn an die Annexion von Elsass-Lothringen, die in den meisten Gedenkartikeln kaum erwähnt wurde: "In Deutschland wurde dieser gegen den Willen der Bevölkerung vollzogene Gewaltakt quer durch fast alle politischen Lager und Konfessionen als nationale Wiedergutmachung und Heimkehr ins Reich bejubelt. Bei der Abstimmung im Reichstag am 25. Mai 1871 stimmten nur die beiden sozialdemokratischen Abgeordneten August Bebel und Wilhelm Liebknecht in enger Abstimmung mit ihren im britischen Exil lebenden politischen Freunden Karl Marx und Friedrich Engels gegen die Annexionsvorlage - ein wesentlicher Grund, weshalb der jungen Partei fortan der Ruf der 'vaterlandslosen Gesellen' anhaftete."

Andreas Kilb betrachtet aus gleichem Anlass Anton von Werners Gemälde "Eröffnung des Reichstags im Weißen Saal des Berliner Schlosses", das die symbolische Ordnung des Deutschen Kaiserreichs zeige. (Das "Lebendige Museum online" lässt uns dieses Bild von 1893 allerdings nur sehen, wenn wir zuvor "unter Angabe des Verwendungszwecks" ans Bildarchiv des Deutschen Historischen Museums geschrieben haben. Sehr lebendig, Glückwunsch!)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.01.2021 - Geschichte

In der FR setzt der Historiker Volker Ullrich die Reihe zur Reichsgründung 1871 mit einem Essay zu den außenpolitischen Konstellationen fort: "Das zeitweise Desinteresse sowohl Russlands als auch Großbritanniens an Mitteleuropa erleichterte es Bismarck, den Krieg mit Österreich um die Vorherrschaft in Deutschland 1866 und den Krieg mit Frankreich um die deutsche Einheit 1870/71 zu begrenzen. Überdies hatte er es verstanden, den französischen Kaiser Napoleon III. in die Rolle des Aggressors zu manövrieren. In Europa war man schockiert über das Vorgehen der französischen Regierung, die scheinbar ohne Grund den Krieg vom Zaun gebrochen hatte. Die Sympathien der europäischen Öffentlichkeit lagen ganz überwiegend beim Norddeutschen Bund und den mit diesem verbündeten süddeutschen Staaten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.01.2021 - Geschichte

In der NZZ fragt sich der Historiker Peter Graf Kielmansegg, ob es eine Alternative zur deutschen Reichsgründung von 1871 gegeben hätte. Sein Antwort ist - jein. "Die Sympathien für einen lockeren mitteleuropäischen Staatenbund, der stark genug sei, sich zu verteidigen, aber nicht stark genug anzugreifen, wie sie von Zeitgenossen, vor allem aber auch späteren Beobachtern immer wieder geäußert worden sind, übersehen gern, dass das Alte Reich eben nicht stark genug war, sich gegen mächtige Nachbarn zu verteidigen. Vom Dreißigjährigen Krieg bis zu Napoleon war Deutschland ein Raum gewesen, in den Nachbarmächte ziemlich beliebig einmarschieren konnten und einmarschiert sind. ... Wenn es eine Alternative zur Reichsgründung von 1871 gab, dann lag sie nicht in einer ganz anderen Antwort auf die offene deutsche Frage. Sie hätte in einem anderen Weg zum Ziel gelegen: in einer Nationalstaatsgründung ohne Krieg gegen Frankreich und ohne Annexionen, langsamer, behutsamer, schonender also."

Außerdem in der NZZ zur Reichsgründung: Clemens Klünemann erklärt die Symbolkraft des Spiegelsaals von Versailles, in dem das deutsche Kaiserreich proklamiert wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2021 - Geschichte

Das Deutsche Reich wurde vor 150 Jahren durch einen Krieg und die Demütigung von Feinden geboren und ging folgerichtig in einem Krieg unter. Dennoch genießt es bei Historikern inzwischen einen recht guten Ruf als eine Fast-schon-Demokratie. Eckart Conze, Autor von "Schatten des Kaiserreichs", will da in der Zeit nicht mitmachen: "Manche, wie Frank-Lothar Kroll oder Benjamin Hasselhorn, verfolgen eine neonationalistische Agenda, wenn sie das Kaiserreich nicht nur als 'normale' Nation, sondern sogar als freiheitlich verfassten Nationalstaat bezeichnen, um das Deutschland der Gegenwart in dessen Kontinuität zu stellen. Andere wollen im Reich von 1871 vorrangig eine reformbegeisterte, Demokratie praktizierende Zivilgesellschaft erkennen, wie die Historikerin Hedwig Richter in ihren Arbeiten der vergangenen Jahre. Gemeinsam ist diesen Revisionsversuchen, dass sie gegen den Popanz der längst überwundenen These eines angeblichen deutschen Sonderwegs in die Moderne Sturm laufen - und dass Verfassung und politische Institutionen in ihnen kaum eine Rolle spielen." Hedwig Richter hat ihre Ansichten neulich in einem Twitter-Thread nochmal zusammengefasst.

Im Januar 1971 versprühte ein Flugzeug der US-Luftwaffe zum letzten Mal den chemischen Kampfstoff "Agent Orange" über Vietnam, erinnert Arno Widmann in der FR. Aber bis heute leiden die Menschen an schweren Erbschäden: "Nach langen Auseinandersetzungen haben ein Teil der US-Soldaten, die aufgrund des Kontaktes mit dem Dioxin schwere Schäden erfuhren, Entschädigungen erhalten. Das begann aber erst in den 90er Jahren. Die vietnamesischen Opfer haben bisher keinen Cent bekommen. Allerdings hatten die Regierungen von George W. Bush und Barack Obama der Republik Vietnam an die 100 Millionen Dollar für ein ökologisches Reinigungsprogramm zur Verfügung gestellt. Wie lächerlich wenig das ist, erkennt man, wenn man sich vor Augen hält, dass 2016 die Kosten allein für die Reinigung eines acht Meilen langen Abschnitts des mit Dioxin verseuchten Passaic-Flusses in New Jersey mit 1,4 Milliarden Dollar veranschlagt wurden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.01.2021 - Geschichte

Der Historiker Martin Kohlrausch beobachtet in der FAZ einen seltsamen Widerspruch in der Wahrnehmung der Hohenzollern: Sie hatten historische Prägekraft - und doch erinnert man sicher ihrer kaum. Es könnte etwas mit ihrem Ende zu tun haben: "Die nächstliegende Erklärung für das weitgehende Verschwinden der Hohenzollern aus dem öffentlichen Bewusstsein ist die Flucht Wilhelms II. in die Niederlande am 10. November 1918. Langfristig wichtiger als die oft karikierte Dürftigkeit des kaiserlichen Abgangs waren seine Modalitäten. Es war eine Flucht ohne Vertreibung. Einen aktiven Sturz der Monarchie gab es in Deutschland nicht. Und damit auch wenig Substanz für eine positive Erzählung von ihrer Überwindung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2021 - Geschichte

In der FR-Serie über die Reichsgründung 1871 kommt heute der Historiker Christoph Nonn zu Wort. Im Interview erklärt er, was sich aus der Reichsgründung und dem Scheitern der Weimarer Republik für heute lernen lässt: "Die Entwicklung zur Moderne hat verschiedene Potenziale, demokratische wie undemokratische. Auch das sehen wir heute in China, Russland, in der Türkei, in Ungarn, Polen und vielen anderen Ländern der Welt. Der Glaube, dass die Moderne unausweichlich zur Demokratie führt, wie vielfach nach dem Ende des Kalten Krieges 1990 geglaubt wurde, war offensichtlich naiv. Das macht die Beschäftigung mit dem Kaiserreich umso spannender. Denn damals wurde Deutschland zu einer modernen Gesellschaft, mit dem Potenzial einer Weiterentwicklung zur Demokratie und zur Diktatur. Das heißt aber auch: Demokratische Errungenschaften sind zerbrechlich, unsicher. Die demokratische Zivilgesellschaft ist eine Dauerbaustelle, an der alle Bürger den Spaten schwingen müssen."

Der Politologe Stephan Grigat erinnert in der FAZ an die Vertreibung der Juden aus der arabischen Welt, die mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs begann: "Neben 'push'-Faktoren wie Verfolgung und Diskriminierung, ökonomischer Not und politischer Instabilität in den arabischen Staaten existierten auch 'pull'-Faktoren wie die zionistische oder religiöse Sehnsucht nach einer jüdischen Heimstätte, deren Erfüllung durch die Gründung Israels seit 1948 realisierbar erschien. Die Hauptursache muss jedoch in den antijüdischen Traditionen der islamisch dominierten Gesellschaften und dem manifesten Antisemitismus der jeweiligen arabischen Führungen gesehen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2021 - Geschichte

Seit siebzehnhundert Jahren leben Juden in Deutschland, seit Kaiser Konstantin 321 das Dekret unterzeichnete, das ihre Berufung in den Stadtrat von Köln erlaubte. Für Michael Wolffsohn ist das natürlich kein Grund, in einen staatlich verordneten "Judenjubel" einzufallen, wie er in gewohnter Schärfe in der Welt schreibt: "Konstantin wollte die Juden nicht, er brauchte sie. Im zwar hoch entwickelten, doch bereits zerfallenden, krisengeschüttelten Römischen Reich und ganz besonders im damals unterentwickelten Germanien wurden Bürger gebraucht, die - spitz formuliert: anders als die wenigen einheimischen und als die vielen ein- oder zugewanderten Barbaren - lesen und schreiben oder Geld- und Fernhandel betreiben konnten. Juden lebten also am 'deutschen Rhein' bereits vor den meistens erst später eingewanderten Germanen. Konstantins Judenpolitik kennzeichnet epochenübergreifend deutschjüdische, ja, diasporajüdische Existenz. Juden waren im bald ganz christlichen Abendland nicht gewollt. Willkommen waren sie nur, wo, wenn und solange sie gebraucht wurden. Es galt das Gesetz eiskalter Nützlichkeit."