9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.05.2023 - Gesellschaft

Wenn es um Israel oder um das Gedenken an den Holocaust gehe, hätten die Deutschen nichts als "schöne, leere Worte" parat, sagt der Historiker Michael Wolffsohn im epischen NZZ-Interview, in dem er auch sonst ordentlich gegen Deutschland austeilt. Grundsätzlich sei das Meinungsbild der Deutschen gegenüber Israel "kontinuierlich negativ", meint er und wirft auch Olaf Scholz vor, die "antiisraelische Haltung" der Achtundsechziger weiterzutragen: "Seit dem Sechstagekrieg von 1967, als Israel ums Überleben kämpfte, wurde die Staatsgründung von 1948, die auf den Uno-Beschluss erfolgte, als Kolonialismus bezeichnet. Und dann kommt eben hinzu, dass die Politiker egal welcher Parteien ihr Angebot stark der Nachfrage anpassen. Und eine Nachfrage in Deutschland in Bezug auf Israel gab es seit 1967, spätestens seit dem Jom-Kippur-Krieg von 1973 nicht. Die Achtundsechziger waren israelfeindlich eingestellt. Das kann man an allen Umfragen belegen, ich habe das systematisch erforscht. Hier lässt sich die Brücke von Olaf Scholz zurückschlagen zu 1973. Damals hatte die sozialliberale Brandt-Scheel-Regierung den USA die Genehmigung verweigert, Waffennachschub an Israel zu liefern, als Israel kurz vor der Auslöschung stand." Zudem sei "eine zunehmende Politisierung gerade in Bezug auf die Nahost-Wissenschaften festzustellen, es gibt Seilschaften, und Karrieren hängen davon ab. Wenn man das falsche Lied singt, dann kriegt man nicht das Brot."

In der FAZ wird es Eva Ladipo ganz schön unbehaglich angesichts der Tatsache, dass Frauen in der Politik vor allem am rechten Rand erfolgreich sind. Und das gilt nicht nur für die bekannten Namen wie die Amerikanerin Marjorie Taylor, die britische Innenministerin Suella Braverman, Frankreichs Marine Le Pen, Deutschlands Alice Weidel und die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni: "Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen: In Finnland hat Riikka Purra gerade für ein spektakuläres Comeback ihrer rechtsnationalen Finnenpartei gesorgt. In Rumänien führt Adela Mirza die rechtsextreme Partei 'Die rechte Alternative' an. In Polen regierte Ministerpräsidentin Beata Szydło jahrelang für die nationalistische Partei 'Recht und Gerechtigkeit'. In Ungarn ist Katalin Novak Staatspräsidentin von Viktor Orbáns Gnaden. ... In Norwegen hat Siv Jensen die rechtspopulistische Fremskrittspartiet aufgewertet, in Dänemark gelang das Pia Kjærsgaard mit der Dänischen Volkspartei, in Holland Marjolein Faber mit der Freiheitspartei." Offenbar lohnt es sich für Frauen, "Politik gegen die eigene Identität zu betreiben. Es zahlt sich aus, die Widersprüche auszuhalten. Dafür, dass sie ihren Parteien als leibhaftige Schutzschilde gegen den Vorwurf dienen, frauenfeindlich oder rassistisch zu sein, werden sie mit bemerkenswert viel Macht und Einfluss belohnt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.05.2023 - Gesellschaft

Die Mafiaforscherin Anna Sergi ist in Kalabrien, dem Land der 'ndrangheta, aufgewachsen. Im Gespräch mit David Klaubert von der FAS beschreibt sie, wie informell Mafiastrukturen durchgesetzt werden, zum Beispiel über die Technik des "caffè pagato": "Mein Vater war früher ein bekannter Journalist, er hat über die 'ndrangheta geschrieben. Wenn mir als Kind also jemand etwas ausgeben wollte, ging es darum, zu zeigen, dass derjenige wusste, wer mein Vater war. Das kann, wenn es aus einer Mafiafamilie kommt, bedrohlich wirken. Und es wird genutzt, um eine Verbindung zu schaffen: Sergis Tochter hat einen Kaffee von mir angenommen! Das weiß bald jeder im Dorf. Es kann zu einer Art stillem Einverständnis hingebogen werden."

"Sollten wir vielleicht einfach ertragen, dass die Meinungsfreiheit für alle gilt - und Diskussionen mit Worten austragen?", fragt Ronen Steinke in der SZ. Boris Palmer wird sich freuen das zu hören, aber Steinke bezieht sich hier auf die feine Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Israelkritik, und die Frage ist an Josef Schuster gerichtet, den Präsidenten des Zentralrats der Juden, der erwartungsgemäß widerspricht und darauf hinweist, dass Israelkritik antisemitisch ist, wenn sie auf eine Auslöschung des jüdischen Staates hinausläuft: "Kein Mensch auf jüdischer oder israelischer Seite spricht sich für die Auslöschung der Palästinenser aus. Das ist aber die Hassbotschaft, die bei Demonstrationen wie kürzlich in Berlin geäußert wird: die Auslöschung des jüdischen Staates. Die Auslöschung der Juden. ... Ich würde jedenfalls niemandem raten, das auf die Probe zu stellen und sich einer solchen Demonstration offen mit Kippa oder Davidstern zu nähern. Die Aggression richtet sich nicht nur gegen einen ausländischen Staat, sondern zugleich auch gegen eine Minderheit hierzulande."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.05.2023 - Gesellschaft

Von einer Cancel Culture wie in den USA will die Politikwissenschaftlerin Hadija Haruna-Oelker in der FR nichts wissen. Sie zitiert zum Beleg den Literaturwissenschaftler Adrian Daub: "Seine Auswertung von Text-Datenbanken der Feuilletons der vergangenen Jahre zeigt, dass das Gesamtbild der als entsprechend markierten Fälle uneindeutig, unterschiedlich, weniger dramatisch, wenn auch nicht unproblematisch ist. Es handle sich, so Daub, um überbewertete Einzelfälle, nicht um eine Kultur. Zumal der Befund meist an Anekdoten festgemacht werde, die oft nur aus der Perspektive der Opfer der Situation erzählten, die Gegenseite werde ebenso ausgeblendet wie der Kontext. Diese Logik und ihren Transfer aus den USA beschreibt Daub in seinem Buch 'Cancel Culture Transfer: Wie eine moralische Panik die Welt erfasst'. Es geht um die Übernahme eines doppelten Diskurses, der eine Lehre über 'die Zustände dort' mit der Angst paare, dass diese auch 'zu uns' kommen könnten." Über Cancel Culture zu reden, helfe dabei, "nicht über Ungerechtigkeiten sprechen zu müssen. Und in den USA bedeutet es inzwischen, damit anti-woke Gesetze durchsetzen zu können".

Vier FR-Redakteure haben sich mit Felix Klein, dem Antisemitismus-Beauftragten des Bundes getroffen, um mit ihm ein zweiseitiges Interview über linken und rechten Antisemitismus zu führen. Damit sich so etwas wie der Skandal bei der Documenta 15 nicht wiederholt, will er in die Förderbescheide "entsprechende Passagen zum Thema Antisemitismus und Diskriminierung" aufnehmen, überhaupt erkennt er einen "weit verbreiteten israelbezogenen Antisemitismus" in Kunst- und Kulturkreisen. Zu BDS sagt er: "Boykott kann ein legitimes Mittel der politischen Auseinandersetzung sein. Aber beim genaueren Hinsehen erkennt man, dass sich - soweit ich weiß - kein Verantwortlicher der BDS-Bewegung für die Zweistaatenlösung ausspricht. Israel soll ganz klar in allen Bereichen isoliert werden, auch Israelis, die ihre Regierung sehr kritisch sehen. Es geht um Stigmatisierung und eine Kollektivhaftung aller Israelis. BDS richtet großen politischen Schaden an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.05.2023 - Gesellschaft

Der Staat soll dafür sorgen, dass es eine freie Presse gibt, denn die Demokratie ist durch den Mindestlohn, den auch Zeitungskonzerne zahlen sollen, gefährdet, berichtet eine Reprotergruppe in der Zeit. Zuerst verschwindet die Demokratie demnach auf dem Land, wo sich Abozeitungen mangels Nachfrage kaum mehr lohnen: "Die großen Parteien in Berlin sehen das im Prinzip ähnlich, sie wollen der Branche durch Subventionen helfen. Nur wie genau? Mit wie viel Geld? Darauf konnte sich schon die große Koalition unter Angela Merkel nicht einigen, und so ist es auch in der Ampel. Die Förderung steht im Koalitionsvertrag, aber bisher ist nicht mal klar, wer in der Regierung für das Thema verantwortlich sein soll. Es schien fast, als würden sich die Minister wegducken. Deshalb sieht sich nun Olaf Scholz selbst zuständig." Demnächst müssen wir sicher auch mitgliederlose Kirchen subventionieren, weil sie für sozialen Zusammenhalt sorgen.

Und was soll man sagen: Direkt daneben präsentiert die Zeit einen Artikel über die "Staatsleistungen" für die Kirchen, also quasi Subventionen jenseits der Kirchensteuern, die seit 1803 auch von Nichtmitgliedern zu zahlen sind. Die Kirchen machen sich Sorgen, schreibt Raoul Löbbert: "Bereits 2019 kam eine von den Kirchen in Auftrag gegebene Studie zu dem Ergebnis, dass die Kirchensteuereinnahmen real bis 2060 um bis zu 51 Prozent sinken könnten. Da hofft man, zumindest bei den Staatsleistungen das Schlimmste zu verhindern."

Die Schriftstellerin Anna Yeliz Schentke, die offenbar bei der Frankfurter Migrationskonferenz anwesend war (Unser Resümee), rückt in der FR auf einer ganzen Seite der Leiterin der Konferenz Susanne Schröter in die rechte Ecke, wirft ihr vor, von Boris Palmers Auftritt zu profitieren und fragt, warum die Universitätsleitung dies zuließ: "Bei dem Vorgehen Schröters handelt es sich vermutlich um eine Strategie, die vor allem aus dem Spektrum neurechter Akteur:innen bekannt ist und vorher hätte erkannt werden müssen. In diesem Fall von der Universitätsleitung, die auf die vorherigen Warnungen vor populistischen Tendenzen der in der Öffentlichkeit viel diskutierten Konferenzen Schröters nicht reagiert und diese in der Vergangenheit sogar verteidigt hat. Gerechtfertigt wird diese Haltung von Verantwortlichen meist mit der inflationär platzierten Warnung vor einer Einschränkung der Meinungsfreiheit. Im Fall Schröters ist es die Wissenschaftsfreiheit, die hier als Argument und Instrument verstanden werden kann, um Kritik zu diskreditieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2023 - Gesellschaft

99,9 Prozent des Landes werden trotz Selbstbestimmungsgesetz weiterleben wie bisher, glaubt Constantin van Lijnden, der in der Welt auch nicht davon ausgeht, dass "bärtige Rocker namens Lisa" künftig Frauensaunen stürmen werden: "Ist es wirklich plausibel, dass eine nennenswerte Zahl von Männern oder Frauen ihren Geschlechtseintrag spaßeshalber oder in Missbrauchsabsicht ändern wird, nur weil das künftig umstandslos möglich ist? Der gesunde Menschenverstand sagt nein, und sieht sich bestätigt durch die Erfahrungen aus immerhin neun anderen EU-Staaten, die bereits über vergleichbare Gesetze verfügen. … In Saunen, Umkleidekabinen und Toiletten, aber auch in Frauenhäusern und Haftanstalten gilt nach wie vor das Hausrecht der Betreiber beziehungsweise das Vollzugsermessen der Anstaltsleitungen, die auf die Intimitäts- und Sicherheitsinteressen der übrigen Personen Rücksicht nehmen müssen. Ein männlicher Sexualstraftäter, der sich ohne hormonelle oder operative Eingriffe rein formal zur Frau erklärt, muss also auch in Zukunft nicht im Frauengefängnis untergebracht werden."

In der FAZ warnt Thomas Thiel davor, Boris Palmers Auftritt bei der Frankfurter Migrationskonferenz der durchaus differenzierten Konferenz und ihrer Leiterin, der Ethnologin Susanne Schröter anzulasten. "Vom ersten Moment an war die Konferenz von Protestaktionen begleitet. Von dem Forschungszentrum Normative Ordnungen, mit dem das FFGI das Gebäude teilt, hing kurz ein Plakat herab, das Schröters Entlassung forderte, bevor man es eiligst entfernte. Sprechchöre, die in den Konferenzraum drangen, skandierten 'Schröter raus' und 'Nazis raus'. An Gesprächen zeigten sich die Demonstranten nicht interessiert. Besucher der Konferenz wurden durch die Bank als 'Nazis' und 'Rassisten' bezeichnet, was dann wohl auch für den teilnehmenden hessischen Justizminister galt. Man vermisst dazu eine entsprechende Stellungnahme des Frankfurter Universitätspräsidenten Enrico Schleiff, der von Palmer am nächsten Tag eine Entschuldigung forderte. Anscheinend hält er es für ganz normal, dass Gäste auf dem Frankfurter Campus belegfrei als 'Rassisten' und 'Nazis' tituliert werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2023 - Gesellschaft

Man sollte die Zahl der Geschlechter bei zwei belassen, beharrt im NZZ-Gespräch mit Birgit Schmid die Psychologin Doris Bischof-Köhler, die auch von der These, Geschlecht sei ein soziales Konstrukt nichts wissen will: "Wer ein solches Postulat aufstellt, muss sich fragen, was er unter 'Forschung' versteht. Er hält es nicht für nötig, auch nur darüber nachzudenken, warum die wichtigsten Geschlechtsunterschiede, die angeblich die Gesellschaft erfunden hat, auch im Tierreich so weit verbreitet sind. Vielleicht wären Gleichberechtigung und Gleichbewertung einfacher zu erreichen, wenn man alle Unterschiede aus der Welt schaffen könnte. Aber nicht einmal das ist sicher. Jedenfalls ist der guten Sache kein Dienst erwiesen, wenn man sich in die eigene Tasche lügt."

Im Interview mit der FAZ spricht der Leipziger Literaturwissenschaftler Dirk Oschmann über sein Buch "Der Osten: eine westdeutsche Erfindung", das von älteren Lesern besser angenommen werde als von jüngeren, die sehr viel selbstbewusster mit ihrer Herkunft umgingen: "Ich bezweifle allerdings, dass der Trick funktioniert, eine hochgradig negativ besetzte Zuschreibung so umzuformulieren, dass sie eine positive Wirkung entfaltet", meint Oschmann, der gar nichts besser werden sieht und deshalb für Quoten plädiert: "Vor der Publikation des Buches bin ich noch gegen eine Ostquote gewesen, also die Besetzung von Führungspositionen im Verhältnis zur Herkunft. Die Gespräche, die ich seither geführt habe, haben mir gezeigt, dass es nicht ohne Quote gehen wird, wenn sich politisch etwas ändern soll. Das ist so ähnlich wie mit den Stipendien: Wenn ich nicht sehe, dass es Leute von hier schaffen können, dann denke ich selbst nicht, dass ich es schaffen kann."

Dänemarks Gewerkschaftsführerin Lizette Risgaard hat jahrelang jüngere Männer sexuell belästigt und musste deshalb jetzt zurücktreten, berichtet Reinhard Wolff in der taz. "Der Fall Risgaard könne Auslöser einer MeToo-Bewegung unter Männern sein, glaubt Kenneth Reinicke, Gender-Forscher an der Universität Roskilde. 'Es gibt vermutlich genug Männer, die mit Erfahrungen herumlaufen, von denen sie vorher nicht das Gefühl hatten, dass es legitim ist, darüber zu sprechen.' Dass sie es jetzt tun, hätte sicherlich auch mit der MeToo-Protestbewegung von Frauen zu tun, die es auch in Dänemark gegeben habe: 'Ohne MeToo hätten diese Männer das Geschehene möglicherweise vollständig verdrängt.' Laut einer 2022 veröffentlichten Studie haben 26,4 Prozent aller weiblichen und 18,3 Prozent aller männlichen Angestellten in Dänemark in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einmal am Arbeitsplatz 'unerwünschte sexuelle Aufmerksamkeit und Belästigung' erlebt."

Bei der Debatte um das Gendern in der Sprache geht es "viel zu oft um politische und persönliche Macht", sagt der Linguist Peter Eisenberg in der Berliner Zeitung: "Der Genderstern bezeichnet nichts. Er ist ein sprachfremdes Symbol ohne Inhalt. Das andere Konzept, sprachliche Diskriminierung zu vermeiden, besteht in der Verwendung von Ausdrücken, die kein grammatisches Geschlecht haben und deshalb auch nicht an ein bestimmtes natürliches Geschlecht gebunden sind. Das heißt, wenn wir uns über Gender oder über natürliches Geschlecht Gedanken machen, dann müssen wir schauen, was die Sprache wie realisiert. Und die einzige Möglichkeit, die das Deutsche hat, Substantive zu verwenden, die strukturell nicht geschlechtsgebunden sind, ist das generische Maskulinum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2023 - Gesellschaft

Im FR-Interview spricht die Schriftstellerin und Filmemacherin Tsitsi Dangarembga über schwarzen Feminismus, die Nachwirkungen kolonialer Herrschaft und die fatalen Folgen akademischer Migraton: "Es gab früher Varianten kolonialer Gewalt, man verschleppte die Körper, um sie als Arbeitskräfte auszubeuten. Dann wurden die Rohstoffe ausgebeutet. Was wir jetzt erleben, ist der Braindrain: Das geistige Kapital wird den Ländern in Afrika entzogen. Zum Ressourcenabfluss aus Afrika kommt jetzt China hinzu. Der Überbau, der in der Kolonialzeit in die sozioökonomischen Systeme exportiert wurde, besteht heute weiter. Er ist einer der Gründe für die massive soziale Ungleichheit in den Ländern. Es gibt eine Art Mentalkolonisierung, von der schon Bob Marley sprach, eine Art mentaler Sklaverei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2023 - Gesellschaft

Frauen werden nicht mehr diskriminiert sagt der Soziologe Martin Schröder in einem viel diskutierten Buch. Ganz falsch liegt er er nicht, antwortet Simone Schmollack in der taz. Ganz richtig aber auch nicht, wie ihre Zahlen zeigen: "66 Prozent der berufstätigen Mütter arbeiten in einem Teilzeitjob. Bei den Vätern sind das nur 7 Prozent. Dabei würden viele Mütter mit Teil- oder keinem Job lieber öfter im Betrieb sein, als zu Hause Staub zu wischen, können das aber nicht, weil sie keinen Kita- oder Hortplatz haben. Bundesweit fehlen schon jetzt fast 400.000 Kitaplätze, Tendenz steigend. Frauen möchten genauso viel verdienen und dieselben Möglichkeiten auf Führungsjobs wie Männer haben."

Schröder hatte vor einigen Tagen seine Ansichten in der Welt nochmal dargelegt und kommt mit intrikater Dialektik. "Internationale Vergleiche zeigen: Je freier Männer und Frauen werden, desto unterschiedlicher werden sie. Mehr Gleichberechtigung geht also mit weniger Gleichstellung einher. So studieren Frauen technische Fächer am seltensten dort, wo es am meisten Gleichberechtigung gibt, beispielsweise in Dänemark, Norwegen, Finnland und Schweden." Darauf antwortete in der Welt die Soziologin Bettina Kohlrausch : "Aus der Höhe der Lebenszufriedenheit allerdings zu schließen, dass Frauen die aufgezeigten objektiven Benachteiligungen egal sind oder gar, dass sie sich gar keine Verbesserungen dieser Ungleichheiten wünschen würden, ist unzulässig."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2023 - Gesellschaft

In der FAZ berichtet Thomas Jansen vom Fall eines katholischen Pfarrers, dem seit den Sechzigern sexueller Missbrauch minderjähriger Mädchen vorgeworfen wird (er ist 1991 gestorben). Doch das Erzbistum Aachen deckt ihn bis heute. Statt dem Fall nachzugehen, schickte man ihn zu Missio nach Burkina Faso. "Pfarrer M. ist einer von offenbar nicht wenigen Geistlichen, die ungeachtet von Missbrauchsvorwürfen ins Ausland geschickt wurden, teils sogar, um sie gezielt der staatlichen und kirchlichen Strafverfolgung zu entziehen. Ein erstes Schlaglicht auf diese Praxis hat im vorigen Jahr eine Missbrauchsstudie zu deutschen Priestern geworfen, die seit der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre nach Lateinamerika entsandt wurden, die sogenannten Fidei-Donum-Priester (Geschenk des Glaubens). Der Missio-Chef [Dirk Bingener] will nun auch den Fall des Pfarrers M. sowie etwaige weitere Fälle mit Zusammenhang mit Missio von externen Fachleuten aufarbeiten lassen."

Wo ein Kleber ist, ist auch ein Weg. Berliner improvisieren:
In einem sehr langen ZeitOnline-Essay fragt sich Johannes Schneider derweil, "wie behaglich sich die teils aggressiven Kleinredner der Klimakatastrophe fühlen, wenn ihre politischen Gegner einfach aus dem Blickfeld verschwinden." Er plädiert dafür, den Staat "grundlegend umzubauen, um ihn langfristig zu retten, und den Klimaschutz zum Beispiel in den Rang einer Schuldenbremse zu heben oder gar weit, weit darüber hinaus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.04.2023 - Gesellschaft

Befürworter des Genderns führen gern die Gefühle der Menschen an, die sich vom generischen Maskulinum ausgeschlossen fühlten. Aber vielleicht könnte man ja auch mal die Gefühle der Menschen betrachten, die das Gendern als "Bevormundung durch moralisch übergriffige Sprachgouvernanten" erleben, ermuntert in der FAZ Fabian Payr, Buchautor und Initiator des Aufrufs linguistik-vs-gendern.de. "Die Omnipräsenz des Genderns kann Gefühle der Ohnmacht auslösen. Überall begegnet man heute gegenderten Varianten der deutschen Sprache: in Behördenbriefen, im Radio, im Fernsehen, in der Werbung, im Internet. ... Das fühlt sich für manche Menschen so an, als vertriebe man sie aus ihrer sprachlichen Heimat. Kaum ein Kulturgut ist so identitätsstiftend wie Sprache. Wer sie beschädigt, beschädigt auch den Zusammenhalt der Sprachgemeinschaft. Was gemeinschaftsstiftend und verbindend sein soll - die einheitliche Sprache - kann in der zeitgeistoptimierten Variante zum Auslöser gesellschaftlicher Spaltung werden."

Und Gendern hat auch nichts mit gesellschaftlichem Wandel zu tun, hält Hilmar Klute in der SZ fest: "Der Wandel vom Fräulein zur Frau war ein kaum bemerkbarer, weil tatsächlich selbstverständlicher Emanzipations-und Aufklärungsvorgang. Man musste da eigentlich nichts groß regeln, weil sich die Sprache parallel zu den liberalen Verhältnissen gewandelt hat. Heute dagegen herrscht Argwohn. Er ist bestimmt durch die auf Verkürzungen beruhenden Missverständnisse in den sozialen Medien und die ungefilterten Jeremiaden von Menschen, die sich unablässig in ihren Identitäten verletzt fühlen. Es herrscht auch ein Vorbehalt gegenüber dem Sprechen, so als sei die Sprache komplett vermint und nur durch Sternchen, Striche und Balken gefahrlos benutzbar. Es ist schon lustig: Früher galt es als Ausdruck demokratischer Freiheit, wenn man die Schnauze aufmachte und sagte, was man dachte. Heute sind es die vor den Mund gehaltene Hand und die ängstliche Suche nach einem alles und jeden zufriedenstellenden Synonym, die den politisch mündigen Bürger ausmachen sollen."

Die Klima-Aktionstage in Berlin sind "keine strafbare Nötigung zulasten der Regierung", meint Ronen Steinke in der SZ. Denn die Regierung verstoße selbst gegen Recht, wenn sie die Klimaziele nicht erreicht: "Das Klima-Abkommen von Paris (…) ist nach seiner Ratifizierung durch den Bundestag gemäß Artikel 59 des Grundgesetzes unmittelbar geltendes Bundesrecht." Und dennoch bleiben die Proteste "illegal", schreibt er: "Angenommen, man würde eine solche Klima-Selbstjustiz rechtlich billigen (...) - es wäre ein Dammbruch."

Und Peter Richter weist - ebenfalls in der SZ - auf einen Dissens hin, der in Berlin besonders deutlich wird, in der Klimadebatte aber gern ignoriert wird: Es sind keineswegs nur ältere konservative Biodeutsche, die das Auto lieben, sondern auch sehr viele junge Menschen mit Migrationshintergrund, wie man beispielsweise auf dem Kurfürstendamm begutachten kann: "Während es in Kreuzberg darum geht, ob die Gruppe 'Letzte Generation' oder 'Extinction Rebellion' die größere Unbedingtheit an den Tag legt, geht es in Charlottenburg mit ähnlich heiligem Ernst um diese Glaubensfrage: Ferrari oder Lamborghini? ... Man konnte am Adenauerplatz erst neulich der Polizei zuschauen, wie sie einen der Hochzeitskorsos hochnahm, bei denen es darum geht, in gemieteten Luxuslimousinen so lange auf die Hupe zu hauen, bis nicht nur das Brautpaar mit tauben Ohren in die Kissen sinkt. Von Festnahmen war hinterher keine Rede. Dafür von der Geschichte, wie bei so einer Kontrolle aus einem Ferrari heraus die freundliche Frage nach dem Auto der Polizei gestellt wurde: 'Der neue Corsa? Und - fährt gut?'"