9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2278 Presseschau-Absätze - Seite 137 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2019 - Ideen

Arabischer Antisemitismus ist nur im Kontext zu verstehen, sagt der Islamwissenschaftler Stefan Weidner in einem Dlf-Essay. Denn "die Annahme, arabischer Antisemitismus sei ein von den Umständen unabhängiges Phänomen und lasse sich ohne Kontext thematisieren, kommt einer Mystifikation und Hypostase antisemitischer Einstellungen gleich: Antisemitismus erscheint dann wie eine angeborene, genetische Disposition, die in manchen Völkern, etwa Deutschen und Arabern, besonders häufig auftritt. Eine solche Ansicht vertritt etwa Daniel Goldhagen in verschiedenen Büchern." Und war der deutsche Antisemitismus ebenfalls von Umständen abhängig?

In der NZZ denkt Rene Scheu über den Elitenbegriff nach und fordert die Elite auf, sich endlich aufzuraffen und mit Populisten und Antielitären auseinanderzusetzen. Diesen hat er schon mal ein paar Takte zu sagen: "Die Populisten von heute machen sich wie schon die Revolutionäre am Ende des 18. Jahrhunderts in Frankreich diesen Umstand zunutze: Sie wettern gegen die Eliten als Institution, um davon abzulenken, dass sie als Vertreter einer neuen Elite zum Sprung auf die bestehenden Positionen der Macht ansetzen. Die Camouflage sticht in hyperegalitären Gesellschaften das offene Bekenntnis aus, die antielitäre Elite trägt zuweilen den Sieg über die etablierte davon. Donald Trump in den USA und Matteo Salvini in Italien haben vorgemacht, wie das geht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2019 - Ideen

Jens-Christian Rabe fordert in der SZ einen linken Kommunitarismus und bezieht sich dabei etwa auf Michael Walzer, Charles Taylor oder Wolfgang Streeck. Sonst lasse sich der "demokratische Republikanismus" nicht wirklich verfechten, glaubt er: "Wenn keiner an ihn glaubt, funktioniert er nicht. Und an etwas zu glauben, funktioniert wiederum am besten, wenn es wie im Kommunitarismus als alltägliche Praxis erlebt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.07.2019 - Ideen

Dass die Menschen immer weniger an der Sozialdemokratie und der Linken interessiert sind, hat auch damit zu tun, dass ihr Ziel - Umverteilung des Reichtums - heute weitgehend erreicht ist, meint der italienische Philosoph Maurizio Ferraris in der NZZ. Auch die von körperlicher Anstrengung und Entfremdung geprägte Arbeitskultur, die sie früher bekämpfte, ist weitgehend verschwunden. Wie sich also neu erfinden? Wertschöpfung besteht heute im Generieren von Daten durch Konsum - da muss man ansetzen, meint Ferraris und fordert eine "Vergesellschaftung des Big-Data-Kapitals": "Wenn die Wähler, die nicht arbeiten wollen (und kein Interesse an einem besonders hohen Einkommen haben), begreifen, dass sie bezahlt werden könnten, um zu konsumieren, und wenn diejenigen, die viel verdienen wollen, begreifen, dass die Linke mehr als jede andere politische Kraft den Konsum fördert und kein gewerkschaftliches Ungemach bereitet (die Arbeit wird ja von Maschinen erledigt), dann wird die Linke die verlorenen Stimmen zurückgewinnen. Und dies nicht dank wahlkampftechnischen Zaubereien, sondern aus strukturellen Gründen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.07.2019 - Ideen

Extremismus der Mitte? Welcher Extremismus? Welche Mitte? In der Welt kann der Politikwissenschaftler Eckhard Jesse mit diesem vagen Begriff nichts anfangen. Er findet ihn sogar gefährlich: "Kritikwürdig ist vor allem zweierlei: der häufige Gebrauch des vagen 'Mitte'-Begriffes und dessen Dämonisierung. Beides führt nicht weiter und kommt aus derselben Richtung, die offenkundig damit hadert, die Gefahren des demokratischen Gemeinwesens aus verschiedenartigen ideologischen Quellen anzuerkennen. Wer die 'Mitte' so stark in den Vordergrund rückt, bringt seine Aversion gegenüber dem tabuisierten Extremismuskonzept zum Ausdruck." Extremismus und Demokratiefeindlichkeit könne eben nicht nur aus der rechten, sondern auch aus der linken Ecke kommen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.06.2019 - Ideen

Wir leben in einer "radikal säkularisierten apokalyptischen Situation", beteuert der Philosoph Giorgio Agamben, im (nicht onllne stehenden) Gespräch mit Arno Widmann in der FR. Denn heute seien es nicht mehr Theologen, die die Apokalypse verkünden. Er ist belesen genug, um die Rede von der Apokalypse aber auch zu relativieren: "Es gibt den Brief des Baumeisters der florentinischen Frührenaissance, Filippo Brunelleschi, er lebte von 1377 bis 1446. Der Zeitgenosse von Donatello, Ghiberti und Masaccio schreibt darin: 'Wir leben in einer Zeit, in der alles zusammenbricht. Nirgends ist ein Talent in Sicht.' Die Vorstellung, in einer Endzeit zu leben, scheint eine Konstante zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2019 - Ideen

Nach dem Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke denkt Georg Seeßlen in einem Essay auf ZeitOnline über den politischen Mord nach, der stets ins Herz einer poltischen Kultur treffe: Beim politischen Mord, auch bei der neuen Form des faschistischen Terrorismus, gehe es es immer darum, die Selbstzerstörungsmechanismen einer Gesellschaft in Gang zu setzen, glaubt Seeßlen. Und: Eine Frage allerdings bleibt unbeantwortbar: "Ist es ein Mörder, der sich eine politische Ideologie sucht - oder ist es eine politische Ideologie, die einen Mörder findet? Mit hoher Wahrscheinlichkeit jedenfalls wird niemand als ein politischer Mörder geboren. Zum politischen Mörder wird man gemacht. Der politische Mord trägt seine Begründung wie seine eigene Absolution in sich. Daher kann die Allgemeinheit, mit welchen Affekten sie auch reagieren mag auf die Tat, weder mit Einsicht noch Reue beim Täter oder den Tätern rechnen, wohl aber mit einer dramatischen Aussicht: Die Verhandlung des politischen Mordes später vor Gericht wird in aller Regel noch einmal zur Bühne für die Mörder und ihre Unterstützer."

In der NZZ hat Florian Coulmas die Nase voll vom Diversity-Kult an Universitäten, der vor allem zur Diskriminierung von Studierenden beitrage. Der Begriff entstamme der Betriebswirtschaftslehre, erklärt er: "Diversity Management bedeutet, dass Vielfalt gesteuert werden muss. Marktwirtschaftlich arbeitenden Unternehmen muss daran gelegen sein, dass die Vielfalt ihrer Belegschaft bezüglich Geschlecht, Rasse, Ethnizität, Sprache, Religion, körperlicher Konstitution usw. dem Profitstreben nicht in die Quere kommt. Wenn sich Gruppen bilden, die sich ungerecht behandelt fühlen, nicht miteinander auskommen oder sonst ihre Energie vergeuden, dann muss das Management etwas dagegen tun."

Ebenfalls in der NZZ hält Judith Sevinc Basad ein leidenschaftliches und ganz ironiefreies Plädoyer für den seicht-reaktionären Psychologen Jordan Peterson, der sich nie "frauenverachtend, nationalistisch oder gar rassistisch" geäußert habe, sondern nur von einer aufgebrachten Linken diffamiert werde: "Viele Aktivisten glauben, im Westen herrsche eine patriarchale Dominanzkultur, die seit Jahrhunderten den Rest der Welt und Minderheiten in den eigenen Gesellschaften unterdrücke. Vor allem Schwarze, Homo-, Transsexuelle und Frauen würden aus der Norm ausgegrenzt. Die Lösung erblicken die Aktivisten in der Political Correctness, also in Sprach- und Verhaltensregeln, die darauf zielen, die ausgegrenzten Gruppen vor Diskriminierungen zu schützen oder ihnen durch positive Diskriminierung Wiedergutmachung angedeihen zu lassen. Wer sich diesen Regeln widersetzt, ist in der Welt der PC-Befürworter wahlweise ein Reaktionär, ein Chauvinist oder ein Rassist. Glaubt man Peterson, steckt hinter diesen Regeln nicht der Wunsch nach Gleichstellung, sondern der Wille zur Macht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2019 - Ideen

In der NZZ macht sich Hans Ulrich Gumbrecht die Mühe, den Begriff vom "wütenden weißen Mann" abzuklopfen und auf seine Ursprünge in der französischen Theorie zurückzuführen. Denn es war natürlich Lacan, der uns die Denkfigur beschert hat: "Vernunft = Logik = binäres Denken = männliches Dominanzverhalten = totalitär. Man könnte eine derartige Ansammlung von Umkehrungen, Verwirrungen und Unsinn als brüchiges Kapitel aus der Geschichte der Geisteswissenschaften abtun, wenn nicht speziell dieses Kapitel über das Konzept des Phallogozentrismus der heutigen Formel vom 'angry white man' ihr eigenartiges intellektuelles Prestige verliehe. Kaum zufällig haben feministische Philosophinnen von Rang wie Hélène Cixous, Donna Haraway oder Judith Butler einen weiten Bogen um die Phallogozentrismus-Vereindeutigung gemacht und stattdessen weiter an nichtbinären Geschlechtsunterscheidungen gearbeitet. Doch nur selten haben sie leider auch den Gebrauch jenes bestenfalls unterkomplexen Bildes von den Männern als testosterongeladen-autoritären Monstern explizit kritisiert - wohl aus einem Gefühl geschlechtspolitischer Solidarität, das ihrer Geschlechterphilosophie nicht gutgetan hat. Viel später erst, nämlich mit einer um die Jahrtausendwende aufbrandenden Theoriewelle, die unter den Namen der 'Postcolonial' und der 'Identity Studies' die Verteidigung kultureller Minderheiten auf ihr Banner geschrieben hatte, steigerte sich die Verknüpfung von Logozentrismus und Phallus zu einem auch ethnisch diskriminierenden Stereotyp."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.06.2019 - Ideen

In der NZZ hat der Kulturtheoretiker Jan Söffner ein Problem mit der KI: fehlende Verantwortung, wenn etwas schief geht. Ohne Verantwortung gibt es aber auch keine Ethik mehr. Ein "selbstlernendes Programm würde in etwa so funktionieren wie eine ihre Gesetze bis in den kleinsten Absatz eines Paragrafen selbstgenerierende Verfassungspräambel - ohne legislative Kontrolle durch ein Parlament und ohne menschlichen Richter. Sie käme niemals in die Situation, für die Konsequenzen des eigenen Tuns geradestehen zu müssen, würde in den Konsequenzen ihrer Entscheidungen niemals auf sich selbst zurückgeworfen werden. Künstliche Intelligenz braucht Regeln, kann aber nichts verantworten, sie gehorcht Prinzipien und Maximen, muss aber für keinerlei Folgen einstehen: In dieser extremen Form hätte sich [Max] Weber eine Gesinnungsethik zu seiner Zeit noch kaum denken können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2019 - Ideen

Wenn er Bücher bei Amazon kauft oder einen Kurzflug bucht, dann tut er das in einem Zustand der "Nichtwachheit", der der Komplexheit unserer Realität geschuldet sei, erklärt der Jesuit und Philosoph Dominik Finkelde in der NZZ: "Sind wir daher - so könnte man fragen - als soziale Wesen notwendig mit einer eigentümlichen Form mentaler Abwesenheit ausgestattet, wie man sie von Zombiefilmen her kennt? 'Warum kann ich nicht mit anderen Menschen interagieren?', fragt in der postapokalyptischen Filmkomödie 'Warm Bodies' aus dem Jahr 2013 der 18-jährige Zombie namens R. 'Ach ja, verdammt, ich bin tot. Ich sollte nicht so hart zu mir sein. Wir sind alle tot.' Der amerikanische Philosoph Daniel Dennett bringt diese Art von Nichtwachheit, unter der R. leidet, mit Kriterien der Evolutionstheorie auf den Punkt. Er spricht von 'competence without comprehension', das heißt von Fertigkeiten, die ohne Verstehenszusammenhänge ausgeführt werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2019 - Ideen

Die FR hat ihre Geburtstagsartikel für Jürgen Habermas online nachgereicht: Hier gratuliert Arno Widmann dem "Weltgeist", "guten Hirten der Bundesrepublikaner" und "Visionär der Demokratie", und hier gratuliert Otfried Höffe dem "deutschen Voltaire".