9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2019 - Ideen

Im Interview mit Zeit online ist der britische Publizist und linke Theoretiker Paul Mason stolz darauf, ein einzigartiges, freies, vergängliches und vernetztes Schneeflöckchen zu sein - mit einer Vision für eine Gesellschaft nach dem Neoliberalismus: "Ich rede oft auf Investorenkonferenzen über meine Vision: eine Gesellschaft, in der Maschinen den Großteil der Arbeit erledigen und Innovationen schaffen. Wir müssen uns vom marktbezogenen Denken verabschieden und uns auf das Menschliche und die Umwelt konzentrieren." Mit Kommunismus habe das nichts zu tun, denn: "Das postkapitalistische System muss sich spontan selbst reproduzieren können. Diese Funktion erfüllt heute der Markt. Eine Planwirtschaft kann das nicht leisten. Ich glaube, eine freie, spontane und gemeinschaftliche Produktion, eine Art Open-Source-Ökonomie, kann das. Ich bin der festen Überzeugung, nachhaltiger Fortschritt ist nur auf Basis von Freiheit und Demokratie möglich."

In der NZZ ermuntert Hans Ulrich Gumbrecht dazu, die späten Schriften des Medienwissenschaftlers Friedrich Kittler wiederzuentdecken, dessen These zur Entstehung unserer Schriftkultur in der Antike er höchst aktuell findet: "Die Parallelsetzung zwischen Antike und Gegenwart erhellt, wie wir uns im Gebrauch der elektronischen Technik bisher eigentlich allein auf den Pol von Mathematik und Logik konzentriert haben, das heißt auf die Optimierung unseres vernunftzentrierten Verhältnisses zur materiellen Umwelt. So haben Computer unsere Fähigkeit exponentiell verbessert, das Wetter vorherzusagen und uns gegen Wetterkatastrophen zu schützen. Doch so wie Zeus neben dem Blitzeschleuderer auch 'der ungeheure Himmelsglanz' war, haben elektronische Apparaturen das Potenzial, auch unser sinnliches Verhältnis zur materiellen Umwelt zu verändern, jenes Verhältnis, das angesichts der mittlerweile selbstverständlichen Dauerfusion von Software und Bewusstsein gleichsam ausgezehrt ist und zu verschwinden droht."

Der Soziologe Armin Pfahl-Traughber wendet sich bei hpd.de gegen die grassierende Verwendung des Begriffs "antimuslimischer Rassismus". Der Begriff des Rassismus werde verwässert, weil er hier auf ein kulturelles Phänomen angewendet werde. Und der Kultur werde dabei sowohl von Linken wie von Rechten ein überhöhter Stellenwert gegeben: "Beide sprechen von einem Eigenwert, den jede Kultur als Kultur habe. Dagegen soll hier kein Einwand erhoben werden, gegen den damit verbundenen Kulturrelativismus indessen schon. Denn durch diese Grundeinstellung nehmen Menschenrechte nur noch einen niedrigeren Rang ein. Gegenüber der Identität in der Kultur sollen sie hinten anstehen, was auf eine Immunisierung vor Kritik von einschlägigen Verletzungen hinausläuft."

Das SZ-Feuilleton feiert heute auf zwei Seiten den Geburtstag von Jürgen Habermas: Johan Schloemann (hier) und Jens Bisky gratulieren. In der FAZ sekundiert Kollege Jürgen Kaube. Im Kursbuch schreibt Armin Nassehi. In der NZZ macht Angelika Brauer fünf Versuche, mit Habermas zu kommunizieren. In der Welt verbeugt sich Andreas Rosenfelder: "Dass es Jürgen Habermas seit inzwischen 57 Jahren gelingt, als intellektueller Influencer eine Öffentlichkeit zu bespielen, die immer schon (fast) verfallen, verraten und verschwunden ist: Das ist ein Kunststück, das jedem Mut machen muss, der gegen alle Apokalyptik an die Zukunft des Lesens, Schreibens, Redens und vor allem des Denkens glaubt - und also auch daran, dass auch zum hundertsten Geburtstag des Denkers die Feuilletons nur so glühen werden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2019 - Ideen

Zu Ralf Dahrendorfs zehntem Todestag erinnert der Politik- und Wirtschaftswissenschaftler Gernot Volger in der NZZ an den großen Liberalen, der den Deutschen in puncto Modernität nicht viel zutraute: "'Wahrscheinlicher als die Etablierung der Verfassung der Freiheit scheint der moderne Autoritarismus.' In Deutschland sei 'das Syndrom der rückwärtsgewandten Modernität unverändert lebendig'. Das bedeutet: Nimmt man als Kriterien Industrialisierung, Demokratisierung und Bürokratisierung, unterschied sich die Modernität Deutschlands ab Ende des 19. Jahrhunderts nicht von der Englands und der Vereinigten Staaten. Sie unterschied sich in der Weltanschauung der Deutschen im Vergleich zu den beiden angelsächsischen Nationen: dort Fortschrittsoptimismus, hier ängstliche Abwehr der Moderne. Es war vor allem die antiwestliche deutsche Ideologie, die später zu dem Eindruck führte, Deutschland sei zu Beginn des 20. Jahrhunderts weniger modern als die großen westlichen Länder gewesen."

Weitere Artikel: Die Deutschen sind auf dem besten Wege in die Psychose, prognostiziert der Psychologe Holger Richter in der Welt mit Blick auf die zunehmende Rechts-Links-Spaltung der Gesellschaft.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.06.2019 - Ideen

Vor Jürgen Habermas' neunzigstem Geburtstag mehren sich die Gratulationen. In der Welt macht Stephan Schlak klar, dass Habermas kein Theoriegott war, sondern ein intellektuelles Ereignis. Und lässig! "Es zeichnet Habermas' intellektuelle Größe aus, dass er seit über einem halben Jahrhundert neben all dem Ruhm und Preisen so viel Kritik und auch Spöttelei auf sich zieht - und das aus allen Richtungen. Nicht nur die Rechte antwortete Jürgen Habermas, sondern auch die Linke. Selbst die Renegaten, die von links nach rechts wanderten - eine besonders verhaltensauffällige Spezies unter heute publizistisch tonangebenden Achtundsechziger-Intellektuellen -, konnten aus allen Kleidern ihrer alten Weltanschauung steigen; aber in einem blieben sie sich meist treu: im Hochmut gegen Habermas. All die Verdächtigungen und Dämonisierungen der Krakenarme des kritischen Paten ins Feuilleton erzählen von der Verdruckstheit des eigenen juste milieus, das sich stets zu kurz gekommen fühlt. Nirgendwo war das Land so karlsruhisch provinziell wie in den ewigen Aperçus gegen Habermas - dem einzigen deutschen Denker der Nachkriegszeit von Weltrang."

In der taz folgt Jörg Später den Lebensstationen des Philosophen, bleibt aber in sicherer Äquidistanz: "Habermas war und ist ein Denkraumöffner und Stichwortgeber ohne Gleichen, der mindestens so viel Aggression wie Bewunderung auf sich gezogen hat. An Habermas rieben sich früher scholastische Links-Adorniten und deutsche Nationalkonservative, heute beschimpfen ihn Popliteraten und rechte Kulturkämpfer."

Der Kieler Philopsoph Ralf Konersmann erhebt in der NZZ ohne konkreten Anlass mit Albert Camus Einspruch gegen die Maßlosigkeit und die Vorstellung, dass Entgrenzung Freiheit bringe: "Camus nennt das Denken, das gegen den Konformismus der Maßlosigkeit aufbegehrt, 'mittelmeerisch' und teilt diese Intuition mit Paul Valéry. Als Hinterlassenschaft des mediterranen Denkens, hatte Valéry Anfang der dreissiger Jahre geschrieben, bilde das Mass das humane Gegengewicht zum alles mit sich reißenden Absolutismus der Geschichte. Nicht die Geschichte bewahrt die Fülle des Menschseins, sondern das Maß."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.06.2019 - Ideen

Jürgen Habermas wird Neunzig. Die Zeit gratuliert als erste und widmet ihm gleich ihr ganzes Feuilleton - mit Glückwünschen von Kollegen aus aller Welt (nur ein Franzose ist nicht dabei). Agnes Heller würdigt ihn im Interview als "aktiven, denkenden Philosophen": "Jürgen Habermas glaubt an die Rationalität, das ist einfach schön in einer Welt, die von nichtrationalen Instinkten beherrscht wird. Aber mit Habermas' Projekt, die Aufklärung zu radikalisieren oder zu Ende zu führen, hatte ich immer Schwierigkeiten. Welche Aufklärung denn? Um es im Bild des Doktor Faustus zu fragen: Ist die Aufklärung der Teufel, oder ist sie die Erlösung? Habermas gewichtet den Widerspruch innerhalb der Aufklärung nicht, er will ihn im Grunde nicht wahrnehmen. Er ist ein konsequenter Kantianer und Universalist, das bin ich auch. Aber Kant war vorsichtiger als er. Man kann nicht alle Widersprüche versöhnen."

Ivan Krastev fehlte zugegebenermaßen immer das "Ohr für Habermas", aber: "Nachdem die europäische Demokratie in einer Krise steckt und die Notwendigkeit, sie zu bewahren, politisches und intellektuelles Engagement erfordert, ist mir klar geworden, dass man sich zur Verteidigung der demokratischen Regierungsform Europas hinter Jürgen Habermas' Vision von demokratischer Politik stellen muss. So fühle ich mich wie Molières Monsieur Jourdain, als er entdeckt, dass er sein ganzes Leben lang Prosa gesprochen hat, ohne es zu wissen. Während ich dem Denken Dahrendorfs immer noch näher stehe, habe ich in letzter Zeit festgestellt, dass ich als Habermasianer argumentiere."

Weitere Würdigungen kommen unter anderen von Peter E. Gordon, Martin Seel, Zhang Shuangli, Richard J Bernstein, Kenichi Mishima, Rajeev Bhargava, Claus Offe, Andrea Sangiovanni und Seyla Benhabib.

Weiteres: In der NZZ resümiert Marc Neumann die Debatte um den von der Cambridge University entlassenen Sozialwissenschaftler Noah Carl, der einen Zusammenhang zwischen Genen und IQ propagiert und von vererbbaren kognitiven Unterschieden zwischen Bevölkerungsgruppen und Ethnien ausgeht.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.06.2019 - Ideen

In der SZ denkt Thomas Steinfeld über das "Volk" nach, das angeblich im Gegensatz zu den "Eliten" steht: "In dieser Radikalisierung gibt sich ein Grundwiderspruch des Demokratischen zu erkennen: Es hat nur Bestand, wenn sich eine deutliche Mehrheit des Wahlvolks in den wesentlichen Anliegen einig ist. Ist es mit der Wertegemeinschaft vorbei, wird offenbar, dass es keine inhaltliche Bestimmung der Demokratie gibt und ihr vielmehr rein mathematische Verhältnisse zugrunde liegen. Anders formuliert: Die Demokratie, im herkömmlichen Sinn begriffen, kann sich nicht verteidigen, wenn der lange Zeit bestehende 'Common Sense' von einer großen Wählergruppe in Zweifel gezogen oder gar bekämpft wird. Sie kann, weil sie sich über den Willen des 'Volkes' definiert, nur mitmachen."

In der NZZ ist Klaus-Rüdiger Mai entsetzt über den undemokratischen Geist, den er an deutschen Universitäten ausmacht: "An den Aktionstagen unter dem Hashtag #wessenfreiheit rufen eine Reihe von Kunsthochschulen ... zu nicht weniger als zur Abschaffung der Freiheit der Kunst auf, wenn sie unterstellen, dass mit der Forderung nach Freiheit in der Kunst die 'Facetten institutioneller und gesellschaftlicher Macht im System Kunst' verdeckt werden, und behaupten, dass '... die sogenannte Freiheit der Kunst zum Freibrief für eine Einschränkung der Freiheit von Frauen in der Kunst' geworden sei. Man muss nur einmal Lenin oder Stalin lesen, um das Muster zu erkennen, um die Sprache zu verstehen, welche die Sprache von Zensoren ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2019 - Ideen

"Die alten Volksparteien sind nicht mehr zukunftsfähig", glaubt in der Welt der Zukunftsforscher Daniel Dettling. Überhaupt müsse sich die Parteiendemokratie in eine Netzwerkdemokratie verwandeln: "In dieser gelten die Prinzipien der Politik auf Augenhöhe und des Nonkonformismus. In der Netzwerkdemokratie löst das Konnektiv das Kollektiv ab. Es geht um eine Politik der Bedürfnisse statt Ideologien. Gefragt sind ein Mix aus liberalen, konservativen und sozialen Rezepten und das gemeinsame, kollaborative und konstruktive Lösen von Problemen in Projekten. Es geht um die Rückeroberung von Handlungsfähigkeit in einer sich blockierenden Welt. Politik ist in der Netzwerkgesellschaft nicht mehr eine moralische Glaubensfrage, sondern eine Frage des Stils und der Methode: spielerisch und pragmatisch. Gute Performer und Politunternehmer werden belohnt, Populisten und Unsympathen bestraft."

Keine Angst vor den Populisten, ruft der Politologe Jan-Werner Müller in der NZZ. Die sind nur eine kleine, wenn auch sehr lautstarke, Minderheit. Gefährlich werden sie immer dann, wenn sie Verbündete finden: "Bis heute ist in Westeuropa (mit der möglichen Ausnahme Italiens) und Nordamerika kein Rechtspopulist ohne die Kollaboration etablierter konservativer Eliten an die Macht gekommen. Farage hat den Brexit nicht eigenhändig herbeigeführt, vielmehr brauchte er die Unterstützung erfahrener Tories. Trump ist nicht als Anführer einer spontanen Graswurzel-Bewegung wütender weißer Arbeiter - wie es das Klischee will - zum Präsidenten gewählt worden, sondern als Kandidat einer sehr etablierten Partei (manche würden sogar sagen: der Partei des Establishments). ... Der CSU-Mann Manfred Weber hat sich im Europawahlkampf als heroischer antipopulistischer Kämpfer dargestellt. Fakt ist, dass es dem europäischen Pionier der rechtspopulistisch Regierungskunst, Viktor Orban, ohne Webers Unterstützung nicht so leicht gelungen wäre, die ungarische Demokratie systematisch zu demontieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.06.2019 - Ideen

In der NZZ stellt Urs Hafner die Wirtschaftshistorikerin Mary O'Sullivan vor, die den Wirtschaftswissenschaften eine peinliche Leerstelle attestiert: "'Wenn wir den Anfang des Kapitalismus bestimmen wollen, müssen wir wissen, wann das Streben nach Profit die wichtigste Motivation der Ökonomie wurde.' Nur, mit dem Profit gibt es ein Problem: 'Wir wissen noch immer nicht, was Profit ist, woher er kommt und kam: von der Produktionsinnovation, der Arbeitsausbeutung, vom Markt?' In den Wirtschaftswissenschaften seien die Profite des Kapitalismus ein Tabu: Man tue noch immer so, als ob es sie nicht gebe, auch wenn sie in den letzten Jahren explodiert seien."

Marc Neumann erklärt in der NZZ jene superkonservativen amerikanischen Theoretiker wie John Marini und Mike Anton, die im administrativen Staat das größte aller Übel sehen: "Marini erkennt im administrativen Staat das Symptom einer politischen Kaste, die ihre Autorität weitgehend an Spezialisten in Ausschüssen, Fachidioten in Kommissionen oder gar Ministerien der Exekutive abgetreten hat. Der administrative Staat ist aus dieser Sicht der Inbegriff einer Parallelherrschaft von Büro- und Technokraten, die den Auftrag des Kongresses, im Sinne des öffentlichen Gemeinwohls Gesetze zu schreiben, unterwandert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.06.2019 - Ideen

Nach dem Anschlag von Pittsburgh sieht der Philosoph Michael Walzer, lange Herausgeber der Zeitschrift Dissent, auch die Juden - so wie die Muslime oder Mexikaner - als Opfer eines christlichen "Rassismus", wie er im FAZ-Gespäch mit Tilman Salomon darlegt: "Mein Eindruck ist, dass die Anschläge das jüdische Bewusstsein noch nicht grundlegend verändert haben. Es gibt eine Sensibilisierung gegenüber dem Ansteigen von weißem christlichen Rassismus und das Gefühl, dass das in Zukunft zu einer richtigen Gefahr werden könnte. Und Donald Trump wird mit dieser Gefahr in Verbindung gebracht. Daher glaube ich, dass bei der nächsten Wahl noch mehr Juden für die Demokraten stimmen werden." Und als was wären in dieser Theorie zum Beispiel schwarze Christen zu bezeichnen, die antisemitisch eingestellt sind?

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.06.2019 - Ideen

Wer ist eigentlich "das Volk", fragt sich Robert Misik in der NZZ. Offenbar nicht die Bevölkerung. Aber warum sind manche - der "kleine Mann" - mehr Volk als andere? "Schon die Redewendung vom einfachen Volk kommt ohne ein gewisses Ressentiment nicht aus, also ohne Abgrenzung: Das andere muss gar nicht explizit angesprochen sein, es konstituiert das einfache Volk. Ohne 'die da oben' kein einfaches Volk. Gäbe es nicht diese weitverbreiteten (Selbst-)Bilder vom einfachen Volk, wäre die Rhetorik des Populismus ja einfach nur absurd. Der schwingt sich zur 'Stimme des Volkes' auf, zu dessen 'eigentlicher' Vertretung. Parteien, die bei Wahlen oft nur 12, 18 oder 25 Prozent der Stimmen erhalten, können sich so als die Stimme des Volkes bezeichnen, das nicht gehört wird. Obwohl also objektiv allenfalls eine Stimme einer Minderheit, wird diese Minderheit als etwas verstanden, was das Ganze repräsentiert, und umgekehrt kann jemand, der eigentlich die Zustimmung der Mehrheit hinter sich hat, im Extremfall sogar als Feind des Volkes hingestellt werden. Das wäre ja eine völlig irrsinnige rhetorische Operation, gäbe es nicht die unausgesprochene Vorstellung, dass ein bestimmter Teil der Bevölkerung das Volk ist und alle anderen eben nicht."
Stichwörter: Volk, Populismus, Misik, Robert

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.06.2019 - Ideen

Bild : © CC-by-SA 3.0 Briand

Michel Serres ist gestorben. Kein anderer machte deutlicher, dass Natur- und Geisteswissenschaften zusammengehören, schreibt Arno Widmann in der FR: "Ich werde nie vergessen, als ich - Anfang der achtziger Jahre in 'Der Parasit' von Michel Serres - begriff, dass auch das Brummen und Krächzen, auf das ich stieß, wenn ich an meinem Radio drehte, um den Deutschlandfunk zu suchen, Informationen enthielt. Nicht die, nach denen ich suchte. Für andere aber viel wichtiger als die, nach denen ich lechzte." In der taz schreibt Cord Riechelmann, in der NZZ Sarah Pines, in der SZ Joseph Hanimann, in der Welt Hans Ulrich Gumbrecht. Das philomag bringt ein längeres Gespräch mit Serres. Le Monde hat Stimmen gesammelt.

In seinem letzten Buch hat Serres gefragt "Was war früher genau besser?" (nicht soviel, nämlich). Und zu den Dingen, die besser sind, gehört Europa:


Libération zitiert aus dem Editorial, das Michel Serres 2009 schrieb, als die Zeitung eine Philosophen-Ausgabe machte. Und er schrieb über die damals schon tosende Identitätsdebatte: "Ich kenne eine ganze Menge Leute, die Michel Serres heißen: Ich gehöre zu dieser Gruppe, wie ich zu der Gruppe der Leute gehöre, die im Département Lot-et-Garonne geboren sind. Auf meinem Personalausweis wird also nichts über meine Identität ausgesagt, sondern nur etwas über eine Reihe von Zugehörigkeiten. Zwei andere kommen dort noch vor: die Leute, die 1,80 Meter groß sind und jene, die französischer Nationalität sind. Identität und Zugehörigkeit zu verwechseln, ist ein logischer Fehler, der von Mathematikern beschrieben wird. Entweder sagen Sie 'a ist a', 'ich bin ich', und sie haben die Identität. Oder Sie sagen 'a gehört zu dieser Gruppe', und das ist Zugehörigkeit. Dieser Fehler führt ins Nirgendwo. Aber er verbindet sich mit einem politischen Verbrechen: dem Rassismus."

Die letzten Monate zeigen einen Paradigmenwechsel, der die politische Mitte plötzlich sehr sehr alt aussehen lässt, schreibt Rüdiger Wischenbart im Perlentaucher: "Das prekäre Dilemma in der Mitte besteht wohl am meisten darin, dass mittendrin kaum eine Perspektive bleibt - außer der Angst vor den kommenden Katastrophen der Veränderung! Dystopien auf allen Ebenen haben die sozialdemokratischen Utopien ebenso ersetzt wie die konservativen Selbstgefälligkeiten."

Weiteres: Die NZZ hat ihre Artikel zu Karl Barth online nachgereicht, dessen radikaler Kommentar zum Römerbrief vor hundert Jahren erschien. Friedrich Wilhelm Graf würdigt den Kommentar, Frank Jehle schreibt über die frühen Predigten des protestantischen Theologen. Zeit online übernimmt aus dem Merkur einen Artikel Jan-Werner Müllers über die Fallen des Populismus. In der NZZ ärgert sich Rainer Zitelmann über die Vorstellung, Reiche seien unmoralisch.