Im
Interview mit
Zeit online ist der britische Publizist und linke Theoretiker
Paul Mason stolz darauf, ein einzigartiges, freies, vergängliches und vernetztes
Schneeflöckchen zu sein - mit einer Vision für eine Gesellschaft
nach dem Neoliberalismus: "Ich rede oft auf Investorenkonferenzen über meine Vision: eine Gesellschaft, in der Maschinen den Großteil der Arbeit erledigen und Innovationen schaffen. Wir müssen uns vom marktbezogenen Denken verabschieden und uns auf das Menschliche und die Umwelt konzentrieren." Mit Kommunismus habe das nichts zu tun, denn: "Das postkapitalistische System muss sich
spontan selbst reproduzieren können. Diese Funktion erfüllt heute der Markt. Eine Planwirtschaft kann das nicht leisten. Ich glaube, eine freie, spontane und gemeinschaftliche Produktion, eine Art
Open-
Source-
Ökonomie, kann das. Ich bin der festen Überzeugung, nachhaltiger Fortschritt ist nur auf Basis von Freiheit und Demokratie möglich."
In der
NZZ ermuntert Hans Ulrich Gumbrecht dazu, die späten Schriften des Medienwissenschaftlers
Friedrich Kittler wiederzuentdecken, dessen These zur
Entstehung unserer Schriftkultur in der Antike er höchst aktuell findet: "Die Parallelsetzung zwischen Antike und Gegenwart erhellt, wie wir uns im Gebrauch der elektronischen Technik bisher eigentlich allein auf den Pol von Mathematik und Logik konzentriert haben, das heißt auf die
Optimierung unseres vernunftzentrierten Verhältnisses zur materiellen Umwelt. So haben Computer unsere Fähigkeit exponentiell verbessert, das Wetter vorherzusagen und uns gegen Wetterkatastrophen zu schützen. Doch so wie Zeus neben dem Blitzeschleuderer auch 'der ungeheure Himmelsglanz' war, haben elektronische Apparaturen das Potenzial, auch unser
sinnliches Verhältnis zur materiellen Umwelt zu verändern, jenes Verhältnis, das angesichts der mittlerweile selbstverständlichen Dauerfusion von Software und Bewusstsein gleichsam ausgezehrt ist und zu verschwinden droht."
Der Soziologe
Armin Pfahl-Traughber wendet sich bei
hpd.de gegen die grassierende Verwendung des Begriffs "
antimuslimischer Rassismus". Der Begriff des Rassismus werde verwässert, weil er hier auf ein
kulturelles Phänomen angewendet werde. Und der Kultur werde dabei sowohl von Linken wie von Rechten ein
überhöhter Stellenwert gegeben: "Beide sprechen von einem Eigenwert, den jede
Kultur als Kultur habe. Dagegen soll hier kein Einwand erhoben werden, gegen den damit verbundenen
Kulturrelativismus indessen schon. Denn durch diese Grundeinstellung nehmen
Menschenrechte nur noch einen niedrigeren Rang ein. Gegenüber der Identität in der Kultur sollen sie hinten anstehen, was auf eine Immunisierung vor Kritik von einschlägigen Verletzungen hinausläuft."
Das
SZ-Feuilleton feiert heute auf zwei Seiten den Geburtstag von
Jürgen Habermas: Johan Schloemann (
hier) und Jens Bisky gratulieren. In der
FAZ sekundiert Kollege Jürgen Kaube. Im Kursbuch
schreibt Armin Nassehi. In der
NZZ macht Angelika Brauer
fünf Versuche, mit Habermas zu kommunizieren. In der
Welt verbeugt sich Andreas Rosenfelder: "Dass es Jürgen Habermas seit inzwischen 57 Jahren gelingt, als
intellektueller Influencer eine Öffentlichkeit zu bespielen, die immer schon (fast) verfallen, verraten und verschwunden ist: Das ist ein Kunststück, das jedem Mut machen muss, der
gegen alle Apokalyptik an die Zukunft des Lesens, Schreibens, Redens und vor allem des Denkens glaubt - und also auch daran, dass auch zum hundertsten Geburtstag des Denkers die
Feuilletons nur so glühen werden."