9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.11.2017 - Ideen

In der NZZ will Jörg Scheller der Hysterie und "wachsenden Tribalisierung des Diskurses" eine "Ekstase der stillen Vernunft" entgegensetzen. Vorbild sind ihm dabei die Musiker Henry Rollins und Ian MacKaye, die "zu den klügsten Köpfen der amerikanischen alternativen Szene und der undogmatischen Kulturkritik (zählen). So ist Rollins ein harter Kritiker republikanischer Scharfmacher, unterstützt aber US-Soldaten für die United Service Organizations. ... Für seine Videoclip-Serie 'Henry Rollins' Capitalism' (2012) reiste er durch alle Staaten der USA und sprach mit allen Bevölkerungsgruppen. Erkenntnis, nicht Bekehrung ist sein Ziel: 'Knowledge without mileage equals bullshit.' Kurz: Rollins kombiniert unparteiische Nüchternheit mit Engagement und linksprogressive Tugenden mit unternehmerischen, liberalkonservativen auf glaubhafte Weise."

Im Blog 54books versucht Matthias Warkus mit Hilfe von Per Leo, Maximilian Steinbeis und Daniel-Pascal Zorn zu verstehen, warum er "mit Rechten reden" soll. Aber nach der Lektüre ist er nicht klüger: "Leo und Steinbeis haben in einem Interview in der SZ gesagt, dass sie den Kampf mit den Rechten gerne selbst öffentlich als 'Kampf zwischen Gegnern und nicht zwischen Feinden' austragen möchten. Die Rechten wären aber keine Rechten, wenn sie nicht ständig mit ihrem Wunsch nach der physischen Niederwerfung und am Ende Vernichtung Andersdenkender sowie als irgendwie minderwertig Behaupteter kokettierten ... Man kann mit ihnen nicht als Gegner reden, selbst wenn man vorher ein noch so schönes Buch dazu schreibt, sie sind und bleiben Feinde, gewissermaßen Feinde zweiter Ordnung: Sie sind deshalb (und nur deshalb!) Feinde, weil sie selbst mit voller Absicht unfähig sind, Gegner nicht als Feinde zu sehen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.11.2017 - Ideen

In der SZ blickt Jens Bisky auf die Oktoberrevolution und ihre Erbe zurück und kommt unter anderem auf diesen aufschreckenden Gedanken: "Der Economist hat vor Kurzem den ehemaligen KGB-Offizier Wladimir Putin als neuen Zaren porträtiert. Nimmt man hinzu, dass Russland wieder eine geopolitisch entscheidende Rolle spielt, die Volksrepublik China unter Führung der Kommunistischen Partei eine prosperierende Weltmacht ist, in Washington gerade geprüft wird, inwiefern die Präsidentschaftswahlen von Moskau aus beeinflusst wurden, und dass Nordkorea eine ernsthafte militärische Bedrohung ist, dann stellt sich die Frage, wer den Kalten Krieg gewonnen hat, auf neue Weise. Postkommunistische Situation? Wirklich?"

In der NZZ verspürt der Politikwissenschaftler Herfried Münkler eine neue Sehnsucht nach Grenzen und Überschaubarkeit und ahnt den Beginn eines neuen Zyklus: "Der strukturelle Wechsel zu einer kleinräumigen Weltordnung lässt die Wahrscheinlichkeit von Kriegen um Räume und Einfluss wachsen. Die Wohlstandszonen reagieren darauf in der Regel damit, dass sie ein Übergreifen auf ihr Gebiet zu verhindern suchen. Nach einiger Zeit kommen sie aber infolge immer weiter um sich greifender Krisen nicht umhin, sich um die Stabilisierung ihrer Peripherie zu bemühen, wirtschaftlich wie politisch, und je mehr sie das tun, desto stärker wachsen sie wieder in die Rolle eines Hüters der Ordnung hinein - und ein neuer Trend zur Großräumigkeit beginnt.

In der FAZ gratuliert Hans Riebsamen dem Erziehungswissenschaftler und Intellektuellen Micha Brumlik zum Siebzigsten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2017 - Ideen

Vor einigen Tagen kritisierte der NZZ-Redakteur René Scheu die Ideologie des Multikulturalismus (unser Resümee). Heute antwortet der Philosoph Dieter Thomä mit dem Vorwurf, Scheu betreibe "eine Halbierung und Verstümmelung der Aufklärung, indem er die 'Progressiven' oder 'Kulturrelativisten' der Gruppe der 'Barbaren' zuschlägt und die Fähigkeit, 'die eigene Identität zu transzendieren', peinlich von Selbstkritik freihält."

Außerdem: Dietmar Dath fragt in der FAZ auf einer ganzen Seite: "Wie links und internationalistisch ist die soziale Frage noch?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.11.2017 - Ideen

Die Philosophin und Tierrechtlerin Friederike Schmitz erklärt im taz-Gespräch mit Jost Maurin jegliche Nutztierhaltung für illegetim und möchte eine Ernährung ganz ohne tierische Produkte. Der Weg dahin ist ganz einfach. Alle Nutztierarten müssten abgeschafft werden. Und "es braucht einen grundlegenden Kurswechsel und eine umfassende Agrarwende, die Wirtschaftsstrukturen und Machtverhältnisse ändert. Als Gesellschaft wären wir doch leicht in der Lage, eine ökologisch verträgliche Landwirtschaft ohne Gewalt und Ausbeutung zu organisieren - und auch die Früchte fair an alle zu verteilen. Im Moment sind Fleisch und Produkte aus industrieller Landwirtschaft ja auch nur scheinbar günstig. In Wahrheit zahlen wir alle den Preis - in Form von Klimawandel und Umweltschäden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2017 - Ideen

Allen, die heute mit Einstecktuch und gepflegtem Deutsch den "Konservatismus" predigen und die wie etwa Alexander Gauland behaupten, die CDU habe ihr Erbe verraten und sei nach links gerückt, bringt Welt-Autor Thomas Schmid in einem kleinen Essay in Erinnerung: "Die CDU hat nie wie ein konservativer Fels in der Brandung der Zeitläufte gestanden. Oft hat sie gebremst, etwa in der Familienpolitik, im Sexualstrafrecht, in der Medien- oder Justizpolitik. Sie hat aber immer nur das Tempo verlangsamt und sich am Ende geschmeidig den gesellschaftlichen Kräften angepasst, die stärker waren als sie. Gern gab sie sich als Erfinderin des Neuen aus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.10.2017 - Ideen

Welt-Autor Thomas Schmid sieht Ralf Dahrendorf, über den gerade eine Biografie erschienen ist, bei aller Sympathie auch als Gescheiterten: "Der liberale, auch der sozialliberale Aufbruch blieb ein nicht eingelöstes Versprechen. Liberalen Denkern wie Dahrendorf ist es nicht gelungen, die liberale Idee vom dem Makel zu befreien, dass sie in ihrer zeitlosen Gültigkeit oft abweisend gegenüber den Fragen und Geboten der Gegenwart ist. Und dem politischen Liberalismus ist es mit und erst recht ohne Dahrendorf nicht gelungen, nicht nur prozentual ein Faktor in Deutschland zu werden. Ein Versagen, dem die - erneut in Autosuggestion starke - Lindner-FDP noch nicht entkommen ist."

Bei den Salonkolumnisten kritisiert Richard Volkmann den multilateralen Ansatz von Außenpolitik, der noch in jedem Diktator einen Partner fürs Hinterzimmergespräch sieht: "In Wahrheit kann ein gedeihliches Miteinander eben nur zwischen Demokratien entstehen, und wer nicht jedem Menschen, gleich welcher Herkunft und religiöser oder kultureller Prägung, einen freiheitlichen Lebensentwurf zubilligt, der braucht sich nicht mehr für vorgeblich werteorientierte 'Realpolitik' in Pose zu werfen. Egal ob in Syrien, in Nordkorea oder im Iran, in China, Saudi-Arabien, Russland, Kuba oder Venezuela: Die Lösung der politischen Krisen kann nicht in einem kurzfristigem, 'multilateral' unterfütterten Appeasement von Regimen bestehen, deren unfreie Verfasstheit zu akzeptieren gleichbedeutend wäre mit der Geringschätzung unserer eigenen Freiheit."

In der NZZ kommt René Scheu auf Alain Finkielkrauts Buch "Die Niederlage des Denkens" von 1987 zurück - eine noch heute aktuelle Kritik am Multikulturalismus, festgemacht in diesem Fall am großen Claude Lévi-Strauss. Finkielkrauts Kritik paraphrasiert Scheu so: "Die von Lévi-Strauss postulierte Gleichwertigkeit der Kulturen gerät .. notwendigerweise in Konflikt mit der Gleichheit aller Menschen. Zugespitzt: Auch die Menschenrechte sind in dieser Optik bloß eine Erfindung des Westens und haben Gültigkeit nur für gewisse Gesellschaften (oder umgekehrt: Auch Praktiken wie Patriarchat oder Polygamie haben je nach kulturellem Kontext ihre Berechtigung). "

Außerdem: In der SZ fragt Alex Rühle den Rechtsextremismus-Experten David Begrich und den Soziologen Thomas Wagner, ob man "mit Rechten reden" soll.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2017 - Ideen

In den heutigen Ländern Mittelost- und Osteuropas mit ihren Demagogen und Populisten hat sich leider auch Milan Kunderas "Mitteleuropa"-Idee pulverisiert, sagt der ungarisch-serbische Autor Lászlo Végel im Gespräch mit Djordje Krajišnik im Tagesspiegel: "Die neuen Ereignisse in Mitteleuropa revidieren Kunderas These, die Russen hätten Mitteleuropa versklavt. Nein, nach dem Fall der Berliner Mauer hat Mitteleuropa selbst Jalta mit einer neuen imaginären Linie fortgesetzt. Stalin würde darüber lächeln, und Putin kann auch zufrieden sein, denn seine Ideen erobern die Region ohne russische Bajonette."

Außerdem: In Zeit online fragt sich Tomasz Kurianowicz, inwieweit eine Debatte zwischen Frauen und Männern über Sexismus überhaupt möglich sei und ob er sich in die Gefühlslage einer belästigten Frau einfühlen könne. Dabei verweist er auch auch einen Essay der Tagesspiegel-Kollegin Anna Sauerbrey über den Abgrund zwischen den Geschlechtern. In der NZZ beleuchtet Paul Jandl den Wandel des  Drohbriefs in der Mediengeschcihte.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2017 - Ideen

Es hat lange gedauert, bis György Dalos mit dem Marxismus abschloss, erzählt er in der NZZ, immer noch ein bisschen traurig über den Verlust: "Am längsten hielt mich die historische Perspektive gefangen, die Aussicht, dass der Kosmos, in dem ich mich nicht mehr zu Hause fühlte und der voller existenzieller Bedrohungen für die Menschheit war, mit der Zeit dennoch humaner, genießbarer sein könnte, also dass der von Marx prophezeite Sprung aus dem Reich der Notwendigkeit in dasjenige der Freiheit noch zu meinen Lebzeiten und ohne Einmischung eines Staates erfolgen kann. Selbst als ich mich gegen Mitte der siebziger Jahre nicht mehr als Kommunist definieren konnte - hierzu trug auch nichtmarxistische Lektüre bei -, hing ich immer noch an einer Zukunft, als wäre ich durch deren Verlust aus einem Himmelreich ausgestoßen."

Separatismus in Spanien, "Säuberungen" in Polen, Moskau-Anhänglichkeit in Serbien, Antisemitismus in Ungarn, Erinnerungsverbote in Ruanda und Kambodscha - all diese Länder haben eines gemeinsam: Sie verweigern die Auseinandersetzung mit ihrer blutigen Vergangenheit, meint Marko Martin in der Welt. "Wer jedenfalls - wie es AfD-Politiker tun - der Bundesrepublik vorwirft, sie 'wühle' in ihrem öffentlichen Diskurs und in der schulischen Geschichtsvermittlung 'geradezu in der eigenen Schande', schaue einmal dorthin, wo es keine permanente Selbstverständigung über die nationale Vergangenheit gibt. Denn solches Verschweigen macht nicht etwa souverän-gelassen, sondern mürrisch und aggressiv, permanent auf Revanche sinnend."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.10.2017 - Ideen

Johan Schloemann von der SZ fragt den Soziologen Dieter Rucht, warum sich so viele Parteien heute lieber als "Bewegungen" bezeichnen: "Die Parteien und das Parteiensystem werden assoziiert mit Verfestigung, mit Geschäftsordnungen, langweiligen Reden, Fraktionskämpfen, Kompromissfindung und so weiter. Das passt für viele nicht zum Wunsch nach Veränderung, Dynamik, Angriff, dem eine 'Bewegung' zu entsprechen scheint. Mit dem Begriff meint man die Unzufriedenen besser einsammeln zu können."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2017 - Ideen

Im Guardian denkt der Autor und Komiker David Mitchell über die Blasen nach, in denen wir uns selbst einigeln: Studenten, die sich vor Shakespeare fürchten (Gewalt!), schaffen sich ihre "Sicherheits"-Blasen ebenso wie Facebook-Nutzer, die alle ausblenden, deren Meinung ihnen nicht passt. Und das ganze gipfelt in Werbung - wie jetzt auf dem Picadilly - die jedem etwas anderes zeigt: "As it is, we spend too much of our lives in little pockets of the internet, surrounded by the slogans of products we've already bought and beliefs we already hold. Other online pockets seem strange and barbarian with their abhorrent views and crappy marketing. We can dismiss those people's opinions, and they can dismiss ours, because, we think, those who disagree with us are simply 'biased'. ... But at least we're all looking at the same world. For now. More or less. We can agree on the theoretical existence somewhere of a definitive truth. Are we still up for seeking that truth or are we happy to compound our own subjectivity by being ever more protected from views we oppose and only exposed to advertising designed exclusively for our particular tribe?"
Stichwörter: Thonet, Pocken