Den ständigen Hiobs-Botschaften von der Spaltung der Gesellschaft möchte der Philosoph Otfried Höffe (NZZ), der zu diesem Thema ein Buch geschrieben hat, nicht folgen und spricht vom starken Zusammenhalt der deutschen Gesellschaft, der sich aus ihren Werten, der Marktwirtschaft und dem Rechtsstaat ergibt. "Die Bilanz, die sich nach diesem Überblick aufdrängt, widerspricht der verbreiteten Diagnose, angesichts der Polykrise drohe die Gesellschaft auseinanderzufallen." Natürlich können Gesellschaften bei Krisen auch auseinanderbrechen. "Aufgrund der skizzierten Faktoren tun sie das aber, namentlich dank der demokratischen und rechtsstaatlichen Grundstruktur unserer Gesellschaften sowie der sozial und ökologisch qualifizierten Marktwirtschaft" nicht. "Infolgedessen verfügen moderne Gesellschaften über ein bemerkenswert großes Potenzial, die stets neuen Herausforderungen zwar nicht immer optimal, am Ende aber doch hinreichend gut zu bewältigen."
Das Verhältnis der EU zum afrikanischen Kontinent muss sich ändern, fordert in der NZZ der Philosoph Leander Scholz, totale Abschottung ist nicht die Lösung: "Im Unterschied zu anderen Großräumen oder Imperien ist die EU eine genuin geschichtliche Macht, die ihre Identität vorrangig aus der Vergangenheit bezieht, zu der auch die Kolonialgeschichte gehört. Ihr Gedächtnis wird immer durch das Römische Reich bestimmt bleiben, das seit seinem Untergang zahllose Umbesetzungen und Aneignungen erfahren hat. Allerdings ist der europäische Kolonialismus auch dem neuen Europa tiefer eingeschrieben, als das die offizielle Geschichtsschreibung wahrhaben will. Erst wenn die EU hier mit sich im Reinen ist, wird sie in der Herausforderung durch die Migration die Chance zur eigenen Weiterentwicklung erkennen können. Auf Druck der italienischen Regierung hat die Kommissionspräsidentin jüngst einen neuen Kommissar für das Mittelmeer in Aussicht gestellt. Denn die Zukunft des postkolonialen Europa kann nicht in einer den Kontinent überfordernden Einwanderung bestehen, sondern nur in einem echten Angebot an Afrika."
Seit den Initiativen und Vorschlägen der Verfassungsblogs wird in Deutschland weithin darüber diskutiert, ob sich Bund und Länder durch härtere prozedurale Regelungen gegen extremistische Parteien abschotten können. Der Politologe Philip Manow bekämpft diese These in seinem Buch "Unter Beobachtung". Auch seine KollegInnen Florian Grotz und Sabine Kropp klingen auf der Gegenwart-Seite der FAZ skeptisch: Eine Schwachstelle der aktuellen Debatte "ist deren zeitlich unmittelbarer Anwendungsbezug. Die meisten Reformvorschläge zielen mehr oder weniger direkt darauf ab, eine Bedrohung der Demokratie durch die wählerstarke AfD abzuwenden. Verfassungsänderungen, die sich gegen eine bestimmte Partei richten, gefährden jedoch den normativen Anspruch der Überparteilichkeit. So werden sie zu einer Steilvorlage für das populistische Narrativ der AfD, demzufolge die 'Altparteien' versuchen, sich mit juristischen Mitteln eines Gegners zu entledigen, der politisch nicht mehr eingehegt werden kann."
Ebenfalls in der FAZ denkt der Philosoph Heinrich Bosse nochmal über die Aktualität von Kants Imperativ "Habe Mut, dich deines eigenen Verstands zu bedienen" nach.
Ein solches Tunnelsystem wie das der Hamas im Gazastreifen, finanziert von westlichen und arabischen Hilfsgeldern, hat es noch nie gegeben. Caroline Fetscher fragt in der taz, für was für eine Psychologie eine solche "antisoziale Megaskulptur" eigentlich steht: "Gaza ist doppelt vorhanden, oberirdisch und unterirdisch, sichtbar und unsichtbar. Und auf konkretistische Weise bilden die beiden Ebenen ab, wie stark Bewusstsein und Unbewusstes voneinander abgespalten sein sollen. So führt das Tunnelsystem den Tunnelblick derer vor, die sich freiwillig in die Lichtlosigkeit begeben haben, ins Jenseits der Aufklärung. Ohne es zu wollen zeigen die Tunnel, wie sehr ihre Erbauer in ihre Phantasmen abgetaucht sind, wie massiv sie sich abschotten von Ratio und den Räumen des Diskursiven."
Der SoziologeArmin Nassehidenkt im Blog seines Kursbuchs über Transformationen in Demokratien nach, die im Positiven wie im Negativen eher schleichend und nicht als Disruption kämen. Unter diesem Blickwinkel betrachtet er auch die wachsende Polarisierung der Debatten, für die er die üblichen Verdächtigen - die sozialen Medien - verantwortlich macht: "Man kann hier den Wandel von Kritik, auch scharfer Kritik hin zu einem Generalzweifel an allem Etablierten geradezu in täglicher Eskalation mitverfolgen - und das nicht von irgendwelchen durchgeknallten Leuten, sondern von (ehemaligen) Intellektuellen, von Redakteuren von sogenannten Qualitätszeitungen, von Leuten aus einer 'alternativen' Presse (entstanden als Geschäftsmodell während der Pandemie), die die demokratische Form der Kritik mit immer neuen Schritten in eine Generalabrechnung mit allen Standards verschiebt. Es sind manchmal Leute, die noch vor kurzem interessante Gesprächspartner waren, Kollegen, Journalisten, Politiker - nicht weil ich mit ihnen einer Auffassung gewesen wäre, aber es war immer ein Gewinn, sich über Fragen zu streiten." Schade, dass er nicht ein paar Namen nennt!
Die Orte, wo sich früher Menschen aller Gesellschaftsschichten begegnet sind, werden immer weniger: Kaufhäuser, Schwimmbäder, Märkte, Jugendclubs, Vereine. Dabei sind gerade diese Orte wichtig für die Demokratie, lässt sich Lenz Jacobsen für Zeit online von dem SoziologenRainald Manthe erklären. Der nennt als Beispiel die Wahrnehmung der anderen an der S-Bahntür: "Weichen sie aus oder ich? Jede Begegnung, und sei es nur die wortlose in der S-Bahn-Tür, ist eine kleine Verhandlung darüber, wie wir miteinander umgehen wollen. Man kann das für eine soziologische Binse halten. Oder für das eigentliche Fundament unseres Gemeinwesens." Wie kann man Begegnungen wieder fördern? Bitte nicht mit noch einer "Demokratiewerkstatt", da kommen eh nur immer dieselben Leute hin, meint Manthe. Vielleicht sollte man "die Menschen öfter selbst machen lassen ... Manthe möchte nicht lange den alten Begegnungsorten nachtrauern, sondern wirbt für neue: zum Beispiel für Workshops im Baumarkt, wie man Solarzellen auf die so beliebten Campingbusse baut."
Im Gespräch mit Sophie Albers Ben Chamo von der Jüdischen Allgemeinenentschlüsselt die Soziologin Karin Stögner die Denkfiguren postkolonialer Ideologen, für die die Israelis ja nicht nur "weiß", sondern der Inbegriff eines westlichen Kolonialismus sind. "Juden und Jüdinnen werden schlichtweg nicht als eine diskriminierte und verfolgte Minderheit gesehen. Und das hat sehr viel mit Antisemitismus zu tun, mit einem Wahrnehmungsabwehr-Antisemitismus, einem sekundären Antisemitismus. Wenn man die Opfergruppe wegleugnet, dann gibt es gegen sie auch keinen Antisemitismus und hat es auch nie gegeben. Das ist der einfachste Weg, mit der Aufarbeitung der Vergangenheit Schluss zu machen."
Jens Balzer erkennt in seinem neuen Essay "After Woke" zwar ganz richtig, wie der politische Islam von der postkolonialen Linken "immunisiert" wird, schreibt Frederik Schindler in der Welt. Aber leider sieht der Essayist die Probleme nur beim "aktivistischen Milieu" und nicht auch in der akademischen Sphäre, meint Schindler. "Mit dieser Behauptung, dass die problematischen Auswüchse allein im Aktivismus lägen, macht es Balzer sich zu einfach. Erstens vermischen sich Wissenschaft und Politik in diesen Feldern ohnehin stark. Vor allem aber sind es bereits prägende Ausrichtungen der Theorie, die Israel und den Westen allgemein als Feindbild markieren. (...) Viele postkoloniale Theorien übersehen außerdem, dass der Zionismus selbst eine Form von Antikolonialismus war, da er die britische Kolonialmacht verdrängt hat."
In der SZ bespricht Felix Stephan Balzers Essay. Mit Balzer beobachtet Stephan, wie der Postkolonialismus zur Ideologie erstarrt. Statt völkischen Ideologien "einen Begriff von Identität entgegenzustellen, der ephemer und performativ ist, habe er nur neue Identitätsdogmen betoniert. Dieser Niedergang ist langsam, aber kontinuierlich vorangeschritten, bis es ansonsten hochgradig sprachsensiblen Vertretern des Postkolonialismus auf einmal möglich war, der antisemitischen Mordlust islamistischer Todesschwadronen auch etwas Positives abzugewinnen."
Lothar Gorris und Tobias Rapp haben für einen Spiegel-Titel über "Die heimlichen Hitler" eine Menge Intellektueller zur Frage ob "der Faschismus zurückkehrt" befragt. Ein klares Ergebnis ist angesichts der vielen Stimmen von Timothy Snyder über Robert Kagan und Jason Stanley bis zu Ivan Krastev nicht zu erzielen. Viele verteidigen den Begriff des "Faschismus", nicht so der Politologe Thomas Biebricher: "Der Konservatismus habe sich in mehrere Spaltprodukte geteilt: in Pessimisten, Pragmatiker und jene Radikale, die im Kern nicht mehr konservativ seien, weil sie den Habitus der Mäßigung aufgegeben hätten. 'Wer die Radikalen nun unbedingt Faschisten nennen möchte', sagt Biebricher, 'der soll das tun. Der Begriff zielt vor allem auf die Vergangenheit und bildet das genuin Neue nicht ab. Er soll vor allem Distanz erzeugen.'" Stephan
Im Standarderinnert Ronald Pohl an Pierre-Héli Monots surrealistisches Revolutionspamphlet "Hundert Jahre Zärtlichkeit", das "zur alles entscheidenden Lockerung" anstiften sollte: "Durch energisches Zuwiderhandeln soll das Regime bourgeoiser Knechtschaft, von Heuchelei und Besitzstandswahrung aus den Angeln gehoben werden. Gut Ding braucht Weile. Der Sturm auf jede neue Bastille benötigt einigen Anlauf. Warum nicht mutwillig ins Paris der 1920er-/1930er-Jahre zurücksetzen, um dort, an einer roststarrenden Theorietankstelle, Betriebsstoff anzuzapfen? Das Verblüffendste an Monots Streitschrift ist ihr missionarischer Eifer. Man hat seit geraumer Zeit keine ausgefuchstere Hasspredigt gegen die 'neuen' Mittelschichten mehr gelesen: gegen all diejenigen, die ihren relativen Wohlstand mit der Sedierung ihres Gewissens erkaufen. Die Missstände sind mannigfach. Monot unterstellt dem Bürgertum die allseitige Einrichtung in moralisch unstatthaften Wohnverhältnissen."
Die Aufweichung angeblich starrer Geschlechtsmerkmale ist viel konservativer als man denkt, meint in der NZZ die Publizistin Sara Rukaj mit Blick auf die queere Bewegung. "Geschlecht wird gerade dort essenzialisiert, wo man es durch operative Eingriffe, Selbstbezeichnungen oder als reinen Gesinnungsmarker wieder groß machen will. Obwohl die Exponenten der Queer Theory von sich behaupten, Identitätszwänge zu unterwandern, schüren sie selbst eine Fetischisierung partikularer Identitäten, die die Individuen noch rigider als die konservative Geschlechterordnung darauf beschränkt, auch körperlich mit ihrem 'gefühlten' Selbstbild identisch zu sein. ... Wirklich emanzipatorisch wäre dagegen die Fähigkeit, den Blick vom Spiegelbild ab- und den äußeren Objekten des Begehrens zuzuwenden, weshalb die Schwulenbewegung auch deutlich subversiver war, als es Teile der Queer Community heute sind. Die reine Selbstsetzung des Ich, also die auf dem subjektiven Gefühl beruhende Identität, richtet sich nicht gegen die spätkapitalistische Gesellschaft, sondern ist, wie die Philosophin Isolde Charim in ihrem Buch 'Die Qualen des Narzissmus' (2022) schreibt, vielmehr der radikalisierte Ausdruck neoliberaler Selbstoptimierung."
Weitere Artikel: Ebenfalls in der NZZ beklagt Hans Ulrich Gumbrecht einen Niedergang der Geisteswissenschaften: "Unter lokal je spezifischen Bedingungen sind die Belegzahlen der Geisteswissenschaften international seit 2010 um mehr als vierzig Prozent gesunken, und keine gegenläufige Tendenz ist abzusehen." Das hat seiner Ansicht nach vor allem damit zu tun, dass es ihnen an "mitreißenden Protagonisten, Denkern, deren Vorlesungen Erlebniswert haben, deren Meinungen öffentliche Kontroversen auslösen und deren Bücher zu Bestsellern werden" fehle.
Der japanische Philosoph und "Degrowth"-Anhänger Kohei Saitoempfiehlt sich wieder mehr auf Marx zu beziehen, um den Klimawandel einzudämmen. So sollte man "die Forderung von Marx beherzigen, Arbeit wieder kreativ und 'attraktiv' zu machen, indem wir die ermüdende Arbeitsteilung abschaffen. Sie zwingt Arbeitnehmer vielerorts zu repetitiver, unmenschlicher Tätigkeit. In einer idealen Welt sollte die Zeit, die wir bei der Arbeit verbringen, befriedigend und nicht quälend sein: Man sollte die Möglichkeit haben, zwischen Aufgaben zu rotieren, auch wenn das bedeutet, dass die Produktivität sinkt. Wenn wir unsere Wirtschaft auf diese Weise entschleunigen, erreichen wir zwei Ziele gleichzeitig: Wir retten den Planeten und machen unser Leben sinnvoller."
Jean-François Lyotard, einer der Begründer der French Theory, wäre in diesen Tagen hundert Jahre alt geworden. In eine katholische Familie geboren, befasste er sich zeit seines Lebens auch mit dem Holocaust, schreibt Niklas Steinkamp in der taz: "Von ihm als sein Hauptwerk bezeichnet, fragte er in 'Der Widerstreit' (1983) nach den Prozeduren, wie die Realität durch Sprache erst als Gegenstand etabliert wird. Angestoßen wurde diese Reflexion unter anderem durch den Skandal um Robert Faurisson, der die Existenz der Gaskammern leugnete. Lyotard sah diesen Versuch, die Erinnerung an die Opfer auszulöschen, als Fortsetzung der Vernichtung mit anderen Mitteln. Ob eine Sache existiere oder nicht, trat für Lyotard hinter der ethisch-politischen Frage zurück, wie zuallererst die Welt in Sätzen präsentiert wurde und dort eine Wirklichkeit unterschlagen wird: 'Ich möchte Widerstreit einen Fall nennen, in dem der Kläger seiner Mittel zum Argumentieren beraubt ist und dadurch zum Opfer wird.'"
In der FRgedenkt Konstantin Johannes Sakkas Lyotards: "Auschwitz als tat-lose Tat, die Gegenwart als zeit-lose Zeit - das sind die beiden Grunddiagnosen Lyotards, mit denen er die intellektuelle Szene um 1980 erschüttert."
Julian Nida-Rümelin teilt zwar mit dem neuerdings viel befragten Politologen Philip Manow die Kritik an einer zunehmenden Verrechtlichung der Politik, aber bei Manows Idealisierung des Elektoralen gegenüber dem Judikativen will er im Gespräch mit Philipp Bovermann und Wolfgang Janisch von der SZ nicht mitmachen, "weil elektorale Demokratie letztlich bedeutet, dass es eine Art Mehrheitsdiktatur auf Zeit gibt. Im unglücklichsten Fall führt das alle vier oder acht Jahre zu einer demokratischen Revolution, die alles auf den Kopf stellt. Das ist durch das Auseinanderdriften der beiden großen Parteien gerade die Tendenz in den USA. Die politikwissenschaftliche These, wonach Systeme der Mehrheitswahl zu einem Zusammenrücken in der politischen Mitte führen, ist empirisch widerlegt. Wir brauchen deshalb Regeln, die dem Trend zu den Extremen entgegenwirken." Nida-Rümelin wendet sich in dem Gespräch auch gegen eine Antisemitismusklausel: "Eingriffe des Staates in die Kunst- und Wissenschaftsfreiheit verbieten sich. Gesinnungsprüfungen gehen gar nicht. Es ist immer die Kunst selbst, die qualifiziert - und nicht, welcher politischen Meinung der eine oder die andere ist." Eine Befürchtung, dass es dann einfach bei der Freiheit der Mandarine bleibt, keine israelischen Künstler einzuladen, äußert Nida-Rümelin nicht.
Thomas Thiel macht sich in der FAZ über KI in der Bildungswelt Gedanken: "Wo die Grenze zur Unmündigkeit verläuft, ist oft schwer zu erkennen. Für das Projekt der Aufklärung, sich ohne Anleitung eines anderen des eigenen Verstandes zu bedienen, ist die Künstliche Intelligenz ein tiefer Einschnitt. Angesichts des Fortschritts der Wissenschaften wirkte Kants Formel schon immer zwiespältig. Wie soll man selbstbewusst über eine Welt urteilen, von der selbst Experten nur näherungsweise winzige Ausschnitte kennen?" Ebenfalls in der FAZ fragt Dietmar Dath, ob sich "Big Tech" von der Politik noch wird einhegen lassen.
Warum leugnen Historiker wie Omer Bartov oder A. Dirk Moses, dass der moderne islamistische Antisemitismus in direkter Kontinuität zum eliminatorischen Judenhass der Nazis steht? Matthias Küntzelgeht dieser Frage in einem Essay für den Perlentaucher nach. Gegen alle Evidenz, so Küntzel, verteidigen diese Autoren "das Dogma der Diskontinuität - also die These, dass es zwischen Hitlers Hass auf Juden und dem islamistischen Hass auf Israel keinerlei Verbindung gibt. Fehleinschätzungen dieser Art trugen und tragen erheblich dazu bei, dass der radikale Judenhass von der Muslimbruderschaft und der Hamas auf die leichte Schulter genommen und die Katastrophe des 7. Oktober ermöglicht wurde." Küntzel vermutet, dass die Erinnerung an den Holocaust bekämpft wird, "weil dieser Aspekt die Dichotomie von zionistischer Perfidie auf der einen und palästinensischer Unschuld auf der anderen Seite untergräbt."
Bestellen Sie bei eichendorff21!Nun ist die deutsche Vergangenheitsbewältigung auch noch am aktuellen Umgang mit der AfD schuld. Politikwissenschaftler Philip Manow legt im Gespräch mit Maria Fiedler und Sebastian Fischer vom Spiegel dar, dass der starke Verfassungsschutz in Deutschland die Auseinandersetzung mit extremen Parteien wie der AfD von einer politischen auf eine rechtliche Ebene schiebt: "Wir beobachten sie, prüfen die Äußerungen ihrer Funktionäre, dann wird das in tausendseitigen Konvoluten zusammengestellt und kommt an die Gerichte. Da beugen sich Richter drüber und sagen: Ja, das ist ja wirklich alles ganz ekelig." Manow plädiert darum dafür, "Verfassungsgerichten weniger Macht zu geben. In Großbritannien hat das Parlament das letzte Wort. In solch einer Konstellation ist die Justiz weniger politisch umkämpft, weil die Justiz nicht so stark in das Politische hineinregieren kann."
Aber die Demokratie wird nicht nur von rechts sondern auch von links in Frage gestellt, zum Beispiel beim Klimaschutz, der vielen nicht schnell genug vorangetrieben wird. Dabei ist "der größte CO2-Emittent der Welt China mit einem Drittel der weltweiten Emissionen, fünfmal so viel wie die gesamte Europäische Union, dreimal so viel wie die USA", erinnert Philip Manow in der FAZ. "Zugleich sind es die liberalen Demokratien, insbesondere Europa und Nordamerika, in denen die stärksten Rückgänge des CO2-Ausstoßes zu verzeichnen sind. Über unser Klima wird in China und Indien entschieden, und durch die Antwort auf die Frage, wie der rasant wachsende Energiehunger des afrikanischen Kontinents gestillt werden wird." Gleichzeitig findet weltweit ein Ausbau der Solarenergie in unerwarteter Geschwindigkeit statt, so Manow. "Es ist angesichts dieser Dynamik nicht unwahrscheinlich, dass schon in den 2040er Jahren die Menschheit mehr als die Hälfte ihrer Primärenergie, nicht nur der Elektrizität, von der Sonne beziehen wird. ... Das ist nicht der einzige, aber ein gewichtiger unter mehreren Gründen, warum ich hoffe, dass der elektorale Responsivitäts- und Korrekturmechanismus (sprich: die demokratische Wahl)... uns weiterhin vor 'autoritärem Szientismus' (Peter Strohschneider) in der Klimadebatte schützen".
In der FAZ denkt der Schriftsteller Alexander Estis recht abstrakt über einen Formalismus nach, der jeden originellen Gedanken tötet - ganz besonders in Kunst und Literatur, die "immer öfter zu bloßen Gefäßen für ohne Weiteres extrahierbare Inhalte - und damit zu halbherzig fiktionalisierten Leitartikeln" verkommen. "Der Formalismus verabsolutiert den versteinerten Gipsabdruck eines einst lebendigen Gedankens, die Spur eines längst ausgetrockneten Inhalts. Deshalb ist er mit dem Inhaltismus hervorragend vereinbar. Mit einem Wort: Wo es auf die Sprache ankommt, herrschen die ungeformten Gedanken - und wo auf das Denken, die deformierte Sprache. In nicht wenigen Hervorbringungen des Geisteslebens finden beide zu einer befremdlichen Liaison."
Weitere Artikel: In der NZZwirft der Historiker Oliver Zimmer dem Liberalismus "Weltfremdheit" vor, weil er sich von der Lebensrealität der Bürger verabschiedet habe, indem er "Heimatlosigkeit" propagiere. Um den Liberalismus zu "retten", formuliert Zimmer ein "Manifest für einen bürgerlichen Liberalismus", das vor allem auf die Verfassung setzt.
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Ciara Greene, Gillian Murphy: Das fühlende Gedächtnis Aus dem Englischen von Jürgen Neubauer. Vergessen macht glücklicher: Wie unser Gedächtnis wirklich funktioniert. Unter Gedächtnis verstehen wir für gewöhnlich die Erlebnisse…
Felicitas Hoppe: Reisen Das Leben ist eine Reise mit unbekanntem Ziel. Aber wie leben wir auf Reisen, wie schlafen, wo wohnen, was essen wir, wie lieben, streiten und arbeiten wir, während wir,…
Sebastian M. Spitra: Kolonialismus und Recht Rechtsordnungen stehen heute unter Druck. Die globalen Krisen der Gegenwart bilden schwerwiegende Herausforderungen für eine normenbasierte Ordnung der Welt mit einer langen…
Ira Köswang: Einfach erben Die erfahrene Nachlass-Expertin Ira Kröswang (Württ. Notariatsassessorin) beleuchtet - auch anhand echter Fälle -, wie Erben gelingen kann: fair, rechtssicher und ohne familiären…
Alle aktuellen BuchLink-Leseproben finden Sie
hier