9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Ideen

2273 Presseschau-Absätze - Seite 42 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2024 - Ideen

"Degrowth"-Anhänger wie Niko Paech oder Ulrike Herrmann lesen sich als links. Aber der Linke Stefan Laurin rät bei den Ruhrbaronen von ihren Ideen ab und empfiehlt, auf Optimismus und technischen Fortschritt zu setzen: "Anstatt der reaktionären Degrowth-Doktrin zu folgen, käme es jetzt darauf an, die Rahmenbedingungen zu schaffen, die Durchbrüche neuer Technologien ermöglichen. Und diese Rahmenbedingungen sind vor allem in Europa und Deutschland nicht gegeben. Technik war immer ein Treiber auch des gesellschaftlichen des Fortschrittes. Autoritäre Ideologien, und zu denen gehört die Postwachstumsideologie, arbeiten mit Angst. Sie wollen die Menschen nicht befreien, wollen nicht, dass sie ein gutes Leben haben, sondern dass sie sich aus Furcht fügen."
Stichwörter: Degrowth

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.02.2024 - Ideen

Die Feuilletons trauern um den Ägyptologen, Religionswissenschaftler und Kulturwissenschaftler Jan Assmann, der zusammen mit seiner Frau Aleida Assmann, den intellektuellen und fachlichen Diskurs in der Bundesrepublik "am stärksten" prägte, wie Marc Reichwein in der Welt schreibt. Ihnen ist es zu verdanken, so Reichwein, dass Begriffe wie "Erinnern" oder "kollektive Identität" "Einzug in den öffentlichen Diskurs der Deutschen gefunden haben", was ihm auch gelang, so Reichwein, weil er nie nur für ein Fachpublikum schrieb. "Vor allem wusste er, dass der Tod beziehungsweise der Wunsch, ihn zu überwinden, die jahrtausendealte Gedächtniskultur am Nil überhaupt erst hervorgebracht hatte: In einem seiner schönsten Aufsätze (über den Mythos von Isis und Osiris) heißt es: 'Wir verstehen jetzt, warum in der ägyptischen Grabplastik und in der Ikonographie der Gräber der Verstorbene so oft, geradezu regelmäßig, in Gemeinschaft seiner Gattin dargestellt ist, die einen Arm um seine Schulter legt oder ihn anderweitig berührt. Wenn die ägyptische Kultur … im Grunde als ein einziger Protest gegen den Tod und als das Projekt seiner Überwindung verstanden werden kann, dann steht im Zentrum dieses Projekts die Wiederherstellung des Paares und seiner innigen Gemeinschaft, die der Tod durch erzwungene Trennung zerrissen hat.'"

In der SZ schreibt Gustav Seibt zum Tod von Assmann: "In langer Perspektive gehört Assmann in eine Reihe, die mit Herders Bibelkritik beginnt, in Nietzsches Moralgenealogie einen ersten Höhepunkt fand und in die Synthese Thomas Manns aus Mythos und Monotheismus mündete, um danach noch einmal Wissenschaft, Ausgrabung, Philologie und Kulturtheorie zu werden. Ein lang nachwirkendes Gedächtnis ist dieser gewaltigen Lebensleistung gewiss." Es ist nicht gerade eine Selbstverständlichkeit, dass Assmann als Ägyptologe zu einem der einflussreichsten Geisteswissenschafler Deutschlands wurde, schreibt Patrick Bahners in der FAZ: "Den Griechen verdanken wir die eine Hälfte der außerägyptischen Nachrichten aus Ägypten, die andere der hebräischen Bibel. Jan Assmann führten seine Untersuchungen ... zu Gedanken über die welthistorische Alternative zwischen friedlichem Polytheismus und kriegerischem Monotheismus, die Theologen und kirchenfromme, aber nicht weniger genau lesende Literaturwissenschaftler provozierten."

Jan Assmann war auch Perlentaucher-Autor. Im Januar 2013 antwortete er in einem fulminanten Essay auf einen Text des Theologen Rolf Schieder in dessen Buch "Sind Religionen gefährlich?" Natürlich ging es um Assmanns berühmte "mosaische Unterscheidung" und die Frage, ob Monotheismus eine neue Form der Gewalt in die Geschichte gebracht habe. Daraus entstand eine Debatte im Perlentaucher mit Autoren wie Bernhard Giesen, Bernhard Lang, Peter Sloterdijk, Micha Brumlik, Marcia Pally, Jan-Heiner Tück, Daniele Dell'Agli und Reinhard Schulze und ein ganzes, von Rolf Schieder herausgegebenes Buch:  "Die Gewalt des einen Gottes". Assmann legt in seinem Eröffnungsessay dar, dass es ihm nicht darum gehe, den Polytheismus gegenüber dem von Ägyptern und Juden erfundenen Monotheismus zu idealisieren: "Wir wissen natürlich, dass die Geschichte der Menschheit, soweit sie sich anhand der Quellen zurückverfolgen lässt, voller Kriege und Gewalt war. Das gilt auch für die Religionen mit ihren blutigen Opferbräuchen und grausamen Initiationsfoltern. Dieser Art von Gewalt haben die monotheistischen Religionen sogar eher entgegengewirkt. Dennoch ist mit den monotheistischen Religionen eine bestimmte Form von Gewalt zuallererst in die Welt gekommen: die Gewalt im Namen Gottes. Das ist die Gewalt, mit der die Welt - die westliche und die östliche - heute konfrontiert ist und die uns, besonders nach den Ereignissen des 11.9.2001, beschäftigt, wenn es um die Frage 'Sind Religionen gefährlich?' geht." Die ganze Monotheismus-Debatte im Perlentaucher finden Sie hier.

Vergangene Woche wollte der postkoloniale Historiker Sebastian Conrad auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ nichts von Antisemitismus in seinem Fachgebiet wissen (unser Resümee). Heute sieht Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, ebenda in der postkolonialen Theorie die Wurzel des Antisemitismus an deutschen Unis: "Wie im Fall des israelbezogenen Antisemitismus wird Judenfeindlichkeit in postkolonialen Schriften meist nicht direkt, sondern über Kritik am westlichen Kolonialismus geäußert. In diesem Schema sind Juden weiße Kolonialisten, die die nichtweißen Palästinenser unterdrücken. Die Erinnerung an den Holocaust irritiert die Anhänger der postkolonialen Theorie genauso, wie sie diejenigen stört, die eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad fordern oder die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten als Vogelschiss der Geschichte bezeichnen. Die Relativierung des Holocausts ist für die Durchsetzung des starren Täter-Opfer-Schemas elementar. Dieses Muster wird wie eine Schablone auf sämtliche Konflikte dieser Welt gelegt. Oder besser: Könnte gelegt werden, denn akademische Unmutsäußerungen oder Massendemonstrationen angesichts der staatlichen Verfolgung der Uiguren in der Volksrepublik China, der Rohingya in Myanmar oder Massaker an Christen in Nigeria gibt es in der Regel nicht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2024 - Ideen

Eine rührende Miniatur schreibt Bernard-Henri Lévy in La Règle du jeu über Raymond Aron. Seltsam eigentlich, dass Lévy, der wie Aron ein antitotalitärer Intellektueller ist, in seiner Biografie eher von Sartre kommt, der sich politisch in seinem Leben um vieles drastischer geirrt hatte, als Aron jemals hätte denken können. Aron hatte Lévy für dessen erstes Buch "L'Idéologie française" arg attackiert, erzählt Lévy. Eine Freundschaft wurde so nicht mehr draus, zumal Aron 1983 starb. "Die extreme Rechte stand damals noch nicht vor den Toren der Macht. Es gab noch keine neue, wütende und gewalttätige extreme Linke, die der antiparlamentarischen Tradition in letzter Zeit ein neues Gewand verliehen hat. Aber zahlreiche Anzeichen - paradoxerweise dieselben, die ich in dem Buch festhalten wollte, das unseren Bruch besiegeln sollte - sagten mir, dass es kommen würde. Und ich dachte daran, dass das Denken dieses Mannes, wenn es denn so kommen sollte, die beste Waffe wäre, die der republikanischen und liberalen Rechten, die neben der sozialdemokratischen Linken der andere Pfeiler der Republik ist, zur Verfügung stünde, um sich dem entgegenzustellen." Anlass für Lévys Artikel ist eine neue Biografie über Aron, "Le Penseur des prochains jours" von Alexis Lacroix.

In der NZZ fordert der Kolonialhistoriker Toni Stadler eine Reform des Völkerrechts, die sich einer "multipolaren" Welt anpasst und die Idee universaler Menschenrechte aufgibt: "Gemessen an ihrem Anspruch, globaler Standard zu werden, sind die Menschenrechte vorerst gescheitert. Wie trotzdem weiter? Ein möglicher Weg wäre, dem Beispiel der Europäischen Menschenrechtskonvention folgend andere Weltregionen einzuladen, regionale Menschenrechtserklärungen besser im Einklang mit ihren Kulturen und Werten auszuhandeln." Stadlers Kritik am Universalismus scheint in diesem Fall allerdings nicht aus Sympathie mit dem "globalen Süden" zu kommen, sondern soll der Bekämpfung von Migration dienen: "Bei der Flüchtlingskonvention von 1951 ging es um den Holocaust und die Rückkehr von 10 Millionen vertriebenen Deutschen aus Osteuropa. 1967 wurde das Abkommen, welches für 'Ereignisse in Europa vor 1950' gedacht war, mit einem Protokoll auf Unterzeichnerländer weltweit ausgedehnt. An kommerzielle Migration im Internetzeitalter dachte damals niemand."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.02.2024 - Ideen

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In ihrem 2023 erschienenen Buch "Die Durchquerung des Unmöglichen" plädiert die Philosophin Corine Pelluchon für mehr Hoffnung auf eine bessere Welt in Zeiten des Klimawandels und Demokratie-Krise. Optimismus hält sie dagegen im FR-Interview mit Michael Hesse nicht für angebracht, da dieser den Ernst der Lage durch seine bloße Fortschrittsgläubigkeit nur verschleiere: "Ich will den Begriff des Fortschritts nicht über Bord werfen, aber man kann nicht sagen, alles ist perfekt. Optimismus ist also nicht nur eine Lüge, sondern auch ein Hindernis. Er ist eine Verleugnung. Es ist so schwierig, seine eigenen Illusionen zu verlieren, dass man die Neigung hat, zu vergessen und so zu tun, als ob es keine Probleme gäbe. Die Verdrängung unserer Angst, die Verleugnung unserer Todesangst hat dramatische Folgen; sie trägt dazu bei, dass wir uns wie starke Menschen sehen, weiter konsumieren und politische Führer wählen, die dem Bild der Allmacht entsprechen. Trotz der Informationen über den Klimawandel ändern die Menschen ihre Essgewohnheiten in Bezug auf Fleisch nicht. Und weil sie sich verloren fühlen, wollen sie einem Heroismus frönen, um das zu verschleiern. Wir alle haben viele Illusionen. Wir sind enttäuscht und fühlen uns angesichts der großen Gefahren hilflos. Wir leben in einer Ungewissheit, die unser Leben kennzeichnet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.02.2024 - Ideen

In den letzten Monaten habe in der deutschsprachigen Öffentlichkeit eine "regelrechte Verteufelung postkolonialer Studien eingesetzt", klagt der postkoloniale Historiker Sebastian Conrad, der auf den Geisteswissenschaften-Seiten der FAZ nichts von Antisemitismus in seinem Fachgebiet wissen will und behauptet, der Antisemitismus-Vorwurf werde einerseits erhoben, "um gegen die arabische Einwanderung aus dem Nahen Osten Stimmung zu machen. (...) Zum anderen wird schon seit Jahren über die deutsche Erinnerungspolitik gestritten, über das Verhältnis zwischen dem Erinnerungsregime der späteren Nachkriegszeit, das von der Einzigartigkeit des Holocausts ausgeht, und dem Plädoyer dafür, die kolonialen Verbrechen der deutschen Geschichte in die kollektive Erinnerung zu integrieren. Das verstärkte Augenmerk auf Themen wie Antisemitismus, Israelkritik und postkoloniale Ansätze zielt darauf, die Erinnerungskultur der Neunzigerjahre aufrechtzuerhalten, als vom Kolonialismus noch keine Rede war und die Distanzierung vom Holocaust als das zentrale Element der deutschen Selbstverständigung galt. Es zeugt von einem Unbehagen gegenüber den raschen gesellschaftlichen Veränderungen, die mit der Globalisierung der Märkte, dem Bedeutungsverlust des Nationalstaats und der Unsteuerbarkeit der Migrationsprozesse einhergehen."

Ebenfalls in der FAZ begrüßt Thomas Thiel das an den Universitäten von Lemberg und München neu gegründete deutsch-ukrainische Zentrum zur Erforschung der ukrainischen Gewaltgeschichte im zwanzigsten Jahrhundert: "Salopp gesagt ist das Zentrum die Antwort auf die Geschichtsmythen Wladimir Putins. Seine Initiatoren begründen es mit der selbstbewussten These, eine bessere Geschichtsschreibung hätte den russischen Angriff auf die Ukraine verhindert. Wüssten die Russen mehr über die Massenverbrechen, die in den Dreißiger- und Vierzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts über die Ukraine hinwegrollten, und wären sie besser informiert über das Verhältnis der Ukrainer zu den deutschen Besatzern, dann hätten Putins Geschichtsmythen nicht verfangen, und man hätte über Putins Behauptung, er müsse die Russen vom Joch der ukrainischen Nazis erlösen, nur müde gelächelt."

Der Krieg im Gazastreifen zeigt: "Menschenrechte gelten nicht für alle Menschen gleich, auch wenn sie universell genannt werden", meint Georg Diez, der in der taz den Westen angeklagt: "Was anders ist, ist eine offensichtliche moralische Schwäche des Westens, verbunden mit einer realen Schwächung im geopolitischen Kontext. Was anders ist, ist die tiefergehende und bleibende Erschütterung des Konzepts des Universalismus. Die Bilder und Nachrichten aus dem Gazastreifen sind schwer zu ertragen, genauso wie immer noch die Bilder und Schilderungen der Hamas-Massaker vom 7. Oktober. Diese beiden Ereignisse, die so schwer zu trennen sind und die doch auch getrennt gesehen werden müssen, wenn man den jeweiligen Schrecken anerkennen will. Das ist nicht leicht für viele, und es sind Juden und Jüdinnen, die sich verraten fühlen seit dem 7. Oktober, genauso wie Palästinenser und Palästinenserinnen. (…) All die Forderungen, dass etwa Menschen, die nach Deutschland kommen, sich zu 'unseren' Werten bekennen müssen. Wie sind diese Werte zu finden in den Ruinen von Gaza, wie kann man einen universellen Zynismus zur Grundlage eines opportunistischen Wertesystems machen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.02.2024 - Ideen

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Sehr viel rezipiert wurde im vergangenen Jahr das Buch "Bleibefreiheit", in dem die Philosophin Eva von Redecker den Freiheitsbegriff weniger räumlich als zeitlich definiert. Ob es nicht zynisch sei, Bleibefreiheit einzufordern, wenn etliche Menschen etwa angesichts der Klimakrise nicht frei an ihrem Ort werden bleiben können, fragt Andrea Pollmeier im FR-Gespräch: "Wenn es tragischerweise nicht möglich ist, an einem bestimmten Ort zu bleiben, entsteht ein umso größerer Anspruch, andernorts Bleibefreiheit zu erhalten. Es geht nicht nur darum, irgendwohin zu fliehen, sondern auch darum, bleiben und sich eine Zukunft aufbauen zu können, Bleibefreiheit ist insofern auch transportabel. Aber die Migration ist nicht für alle Konflikte eine Lösung. Wo wie im Nahostkonflikt zwei exklusive Ansprüche an ein Land aufeinanderprallen, geht es vielmehr um die Bedingungen, unter denen Bleibefreiheit miteinander verwirklicht werden könnte - so utopisch das scheint."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.02.2024 - Ideen

Die FAZ bringt noch einmal Bernd Guggenheimers Essay "Wessen Held ist Sokrates" aus dem Jahr 1984, kommentiert wird er von dem China-Historiker Heiner Roetz, der auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten der FAZ über die Vereinnahmung von Konfuzius durch den chinesischen Autoritarismus nachdenkt: China "überzieht die Welt mit Instituten, die seinen Namen tragen und zwar nicht offene Propaganda, aber doch eine kulturelle Sympathiewerbung betreiben, bei der für das politische System etwas abfallen soll. Und sie appelliert zu ihrer Legitimation längst nicht mehr nur an den historischen Materialismus, sondern an die Eigentümlichkeit der chinesischen Kultur. China verfügt demnach über einen traditionsgeheiligten, namentlich vom Konfuzianismus geprägten Wertekanon, der sich von dem des liberalen Westens signifikant unterscheidet. Menschenrechte etwa sollen dann nicht primär die Freiheitsrechte des Individuums sein, sondern die des Kollektivs, das durch ökonomische Entwicklung die Subsistenz seiner Mitglieder sicherzustellen hat. Und da die Entwicklung einen Organisator benötigt, erklärt sich der Staat selbst zum obersten Rechtssubjekt - womit die Menschenrechte bei ebender Macht landen, vor der sie doch schützen sollen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.02.2024 - Ideen

Den Weg für die völkischen Pläne der Rechten bereitete der rechte Schweizer Publizist Armin Mohler, erinnert Claus Leggewie im Spiegel: "Das völkische Credo der Neuen Rechten formulierte Mohler so: 'Die Konservativen müssen in die Schicht der Wirklichkeit eintauchen, die entscheidend ist: Ich meine das Volk und die Nation. Die Todsünde des Nachkriegskonservatismus bestand darin, dass er glaubte, die Aufgabe der Wiedergewinnung nationaler Identität vernachlässigen zu können, mit Rücksicht auf Hitler und die Vergangenheit. Das ist heute buchstäblich leergeredet. Was jetzt kommt, ist nur noch: Politik.' (…) Mohlers Fixierung auf die 'Vergangenheitsbewältigung' hatte zum Ziel, die radikale Rechte zumindest an der Oberfläche von der Nähe zu Faschismus und Nationalsozialismus zu befreien; er wollte den christlich-abendländischen 'Gärtnerkonservatismus' der Nachkriegszeit hinter sich lassen, um einen antiwestlichen (und prorussischen) Kurs einzuschlagen und sich mit der Ausschlachtung des Megathemas Migration an die Macht zu bringen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2024 - Ideen

Der Historiker Jürgen Zimmerer, einer der Hauptvertreter der postkolonialen Theorie, wünschte sich im Interview mit Qantara ein neues Geschichtsbewusstsein in Deutschland. Rechts werde daran bereits eifrig gebastelt, meint er und denkt dabei an Weimar: "Auch damals wurden gesellschaftliche Gruppen als Sündenböcke konstruiert und instrumentalisiert, um von den eigentlichen Ursachen der immer häufigeren Krisen abzulenken. In der Weimarer Republik waren es vor allem Jüdinnen und Juden, die stigmatisiert wurden, einschließlich der angeblichen jüdischen Weltverschwörung, der man die Verantwortung für viele innen- wie außenpolitische Probleme in die Schuhe schob. Das schreckliche Ende im Holocaust ist bekannt. Heute sind - neben dem ebenfalls noch vorhandenen Antisemitismus - die 'Ausländer', die 'Asylanten', die 'kleinen Paschas' die Sündenböcke. Selbst am Antisemitismus sollen nun vor allem die Menschen aus dem globalen Süden, die 'Migranten' schuld sein."

In der SZ sieht der an der LMU München lehrende Judaist Michael Brenner einen Grund für den Judenhass bei antiisraelischen Demonstrationen darin, dass an deutschen Universitäten zwar Jüdische Studien, nicht aber Israel Studies gelehrt werden: "Während es mittlerweile im kleinen Israel sieben Zentren für unterschiedliche Aspekte der Deutschland-Studien gibt und diese somit an allen bedeutenden Hochschulen des Landes vertreten sind, existiert in Deutschland nur ein einziges solches Zentrum an der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität, und das ist nur mit bescheidenen Mitteln ausgestattet. Eine Professur für Israel-Studien gibt es derzeit an keiner einzigen staatlichen deutschen Universität. In der deutschen Nahostwissenschaft spielt Israel traditionell so gut wie keine Rolle (auch hier bildet die Münchner LMU eine Ausnahme), in den politischen Thinktanks gehören in der Regel Experten mit Arabisch-, Türkisch- und Persischkenntnissen zum Inventar, während Bewerber mit hebräischen Sprachkenntnissen noch immer als Exoten angesehen werden. In anderen Ländern, insbesondere den USA und Großbritannien, sind die Israel Studies mittlerweile fester Bestandteil des akademischen Systems."

Thomas Schmids Nachruf auf Oskar Negt sticht heraus, denn der Welt-Autor ist Frankfurter, und er hat die großen Zampanos der Frankfurter Schule noch alle persönlich erlebt. Und so gerät ihm der Nachruf zum liebevollen Porträt: "Die Begeisterung, mit der er das marxistische Denken erklärte, hatte etwas Ansteckendes. Er wirkte, als sei er etwas in Eile, als sei noch viel zu erledigen. Wenn er sprach, entstand eine Welt für sich. Der Gedanke schien dann abwegig, es könne auch andere geistige Zugänge zur Welt geben. Darin war er ganz Frankfurter Schule: Er öffnete ein Fenster - und schloss alle anderen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.02.2024 - Ideen

Stefan Reinecke schreibt für die taz den Nachruf auf den Soziologen Oskar Negt und attestiert ihm den "geglückten Versuch, Kritische Theorie mit Gewerkschaftsarbeit in der Bundesrepublik der sozialliberalen Ära zu verbinden, die IG Metall mit Adorno". In der FAZ schreibt Jörg Später.
Stichwörter: Negt, Oskar