Die Feuilletons trauern um den Ägyptologen, Religionswissenschaftler und Kulturwissenschaftler
Jan Assmann, der zusammen mit seiner Frau
Aleida Assmann, den intellektuellen und fachlichen Diskurs in der Bundesrepublik "am stärksten" prägte, wie Marc Reichwein in der
Welt schreibt. Ihnen ist es zu verdanken, so Reichwein, dass Begriffe wie "
Erinnern" oder "
kollektive Identität" "Einzug in den öffentlichen Diskurs der Deutschen gefunden haben", was ihm auch gelang, so Reichwein, weil er nie nur für ein Fachpublikum schrieb. "Vor allem wusste er, dass der Tod beziehungsweise der Wunsch, ihn zu überwinden,
die jahrtausendealte Gedächtniskultur am Nil überhaupt erst hervorgebracht hatte: In einem seiner schönsten Aufsätze (über den Mythos von Isis und Osiris) heißt es: 'Wir verstehen jetzt, warum in der ägyptischen Grabplastik und in der Ikonographie der Gräber der Verstorbene so oft, geradezu regelmäßig, in Gemeinschaft seiner Gattin dargestellt ist, die einen Arm um seine Schulter legt oder ihn anderweitig berührt. Wenn die ägyptische Kultur … im Grunde als ein einziger Protest gegen den Tod und als das Projekt seiner Überwindung verstanden werden kann, dann steht im Zentrum dieses Projekts die Wiederherstellung des Paares und seiner innigen Gemeinschaft, die der Tod durch erzwungene Trennung zerrissen hat.'"
In der
SZ schreibt
Gustav Seibt zum Tod von Assmann: "In langer Perspektive gehört Assmann in eine Reihe, die mit Herders Bibelkritik beginnt, in Nietzsches Moralgenealogie einen ersten Höhepunkt fand und in die Synthese Thomas Manns aus Mythos und Monotheismus mündete, um danach noch einmal Wissenschaft, Ausgrabung, Philologie und Kulturtheorie zu werden. Ein
lang nachwirkendes Gedächtnis ist dieser gewaltigen Lebensleistung gewiss." Es ist nicht gerade eine Selbstverständlichkeit, dass Assmann als Ägyptologe zu einem der einflussreichsten Geisteswissenschafler Deutschlands wurde, schreibt Patrick Bahners in der
FAZ: "Den Griechen verdanken wir die eine Hälfte der außerägyptischen Nachrichten aus Ägypten, die andere der hebräischen Bibel. Jan Assmann führten seine Untersuchungen ... zu Gedanken über die welthistorische Alternative zwischen
friedlichem Polytheismus und
kriegerischem Monotheismus, die Theologen und kirchenfromme, aber nicht weniger genau lesende Literaturwissenschaftler provozierten."
Jan Assmann war auch
Perlentaucher-Autor. Im Januar 2013 antwortete er in einem
fulminanten Essay auf einen Text des Theologen
Rolf Schieder in dessen Buch "Sind Religionen gefährlich?" Natürlich ging es um Assmanns berühmte "
mosaische Unterscheidung" und die Frage, ob
Monotheismus eine neue Form der Gewalt in die Geschichte gebracht habe. Daraus entstand eine Debatte im
Perlentaucher mit Autoren wie Bernhard Giesen, Bernhard Lang, Peter Sloterdijk, Micha Brumlik, Marcia Pally, Jan-Heiner Tück, Daniele Dell'Agli und Reinhard Schulze und ein ganzes, von Rolf Schieder
herausgegebenes Buch: "Die Gewalt des
einen Gottes". Assmann legt in seinem Eröffnungsessay dar, dass es ihm nicht darum gehe, den Polytheismus gegenüber dem von Ägyptern und Juden erfundenen Monotheismus zu idealisieren: "Wir wissen natürlich, dass die Geschichte der Menschheit, soweit sie sich anhand der Quellen zurückverfolgen lässt, voller Kriege und Gewalt war. Das gilt auch für die Religionen mit ihren blutigen Opferbräuchen und grausamen Initiationsfoltern. Dieser Art von Gewalt haben die monotheistischen Religionen sogar
eher entgegengewirkt. Dennoch ist mit den monotheistischen Religionen eine bestimmte Form von Gewalt zuallererst in die Welt gekommen: die
Gewalt im Namen Gottes. Das ist die Gewalt, mit der die Welt - die westliche und die östliche - heute konfrontiert ist und die uns, besonders nach den Ereignissen des 11.9.2001, beschäftigt, wenn es um die Frage 'Sind Religionen gefährlich?' geht." Die ganze Monotheismus-Debatte im
Perlentaucher finden Sie
hier.
Vergangene Woche wollte der postkoloniale Historiker
Sebastian Conrad auf den Geisteswissenschaften-Seiten der
FAZ nichts von Antisemitismus in seinem Fachgebiet wissen (
unser Resümee). Heute sieht
Felix Klein, Antisemitismusbeauftragter der Bundesregierung, ebenda in der
postkolonialen Theorie die Wurzel des Antisemitismus an deutschen Unis: "Wie im Fall des israelbezogenen Antisemitismus wird
Judenfeindlichkeit in postkolonialen Schriften meist nicht direkt, sondern über Kritik am westlichen Kolonialismus geäußert. In diesem Schema sind Juden weiße Kolonialisten, die die nichtweißen Palästinenser unterdrücken. Die
Erinnerung an den Holocaust irritiert die Anhänger der postkolonialen Theorie genauso, wie sie diejenigen stört, die eine erinnerungspolitische Wende um 180 Grad fordern oder die Terrorherrschaft der Nationalsozialisten als Vogelschiss der Geschichte bezeichnen. Die
Relativierung des Holocausts ist für die Durchsetzung des
starren Täter-
Opfer-
Schemas elementar. Dieses Muster wird wie eine Schablone auf sämtliche Konflikte dieser Welt gelegt. Oder besser: Könnte gelegt werden, denn akademische Unmutsäußerungen oder Massendemonstrationen angesichts der staatlichen Verfolgung der
Uiguren in der Volksrepublik China, der
Rohingya in Myanmar oder Massaker an
Christen in Nigeria gibt es in der Regel nicht."