9punkt - Die Debattenrundschau

Ein Schuss Gelassenheit und eine Prise Nachsicht

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
14.02.2024. In der FAZ schildert die russische Autorin Anna Narinskaya, wie Gerichte in Russland Rechtmäßigkeit inszenieren, während die Gesellschaft zermürbt wegschaut. Zeit Online fordert Deutschland und die USA auf, mit Blick auf Rafah die militärische Hilfe für Israel einzustellen. Bei Spon glaubt der Politologe Torben Lütjen, dass die Republikaner die Nato nicht mehr brauchen, weil die Nähe zu Putin größer ist. Und in der FAZ kann sich der postkoloniale Historiker Sebastian Conrad Antisemitismus-Vorwürfe gegen sein Fachgebiet nur damit erklären, dass in Deutschland die Erinnerungskultur der Neunzigerjahre aufrechterhalten werden soll.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.02.2024 finden Sie hier

Europa

Seit neun Monaten sind die Regisseurin Schenja Berkowitsch und die Dramatikerin Swetlana Petrijtschuk in Russland inhaftiert, ihnen wurde ein ebenso "brutaler" wie "absurder" Prozess gemacht, schreibt die russische Autorin Anna Narinskaya, die in der FAZ schildert, wie Rechtmäßigkeit in russischen Gerichten inszeniert wird. So haben Angeklagte ein "letztes Wort", in "dem artikuliert werden kann, was man nirgendwo sonst mehr äußern kann." Meist werden die letzten Worte durch heimliche Handyaufnahmen oder Mitschriften nach außen getragen, Berkowitschs als künstlerische Performance angelegte Rede gibt es als Musikvideo, produziert von dem in die Ukraine emigrierten Regisseur Roman Liberow, so Narinskaya, die hoffnungslos fragt: Welches Publikum hat russische Protestkunst überhaupt noch? "Die russische Gesellschaft ist derzeit gespalten. Die Mehrheit ist benebelt von staatlicher Propaganda und hält aufgrund politischer Paragraphen Beschuldigte tatsächlich für 'Verräter'. Aber auch Menschen, die gegen Putin und den Krieg eingestellt sind, entfernen sich immer mehr von der Protestgemeinde in der Emigration. Dafür gibt es technische Gründe - Facebook, Instagram und viele andere Internetquellen sind in Russland als 'extremistisch' blockiert, und nicht jedem gelingt es, die Sperren zu überwinden -, aber auch moralische: Das permanente Bewusstsein, in einem verbrecherischen Land zu leben, ist zermürbend."

Thomas Thiel schwant in der FAZ nichts Gutes mit Blick auf das neue Wahlbündnis DAVA, das sich vor allem an Deutsch-Türken richten will. Auch wenn ihm dessen Gründer Teyfik Öczan im Gespräch versichert, es ginge ihm vorrangig um die "Nöte von Migranten". Aber: "Die Verbindungen der DAVA-Spitzenkandidaten zur türkischen Regierungspartei sind schwer zu bestreiten. Fatih Zingal war Mitglied der AKP-Lobbyorganisation UID und ist aus Talkshows als glühender Erdogan-Verteidiger bekannt. Die beiden weiteren Spitzenkandidaten dienten als Funktionäre des türkischen Moscheeverbands Ditib und der nationalistisch-islamistischen Milli-Görüs-Bewegung, die von Erdogans Ziehvater Necmettin Erbakan ins Leben gerufen wurde. Ditib, Millî Görüş und AKP bilden in der Türkei heute ein enges ideelles Geflecht. Dass der Nahostkonflikt hier zuletzt immer stärker zum Reizthema geworden ist, hat nicht nur mit der antisemitischen Tradition der Millî Görüş zu tun, sondern auch mit Erdoğans Bestreben, sich als Integrationsfigur des politischen Islams zu positionieren."

Ein antisemitisches Schild im Schweizer Ferienort Davos beschäftigt die Feuilletons: ein Gasthaus hängte einen Zettel auf Hebräisch an seine Tür, auf dem zu lesen war, dass "keine Schlitten mehr an unsere jüdischen Brüder" verliehen würden. "Jüdischer Tourismus hat in der Schweizer Bergregion Tradition", schreibt Isabel Pfaff in der SZ, nicht nur in Davos. Aber vor allem dort kam es in der Vergangenheit immer wieder zu Konfrontationen mit orthodoxen jüdischen Touristen, meint Pfaff, die laut Verband gewisse Verhaltensregeln nicht einhalten würden. Die Vorwürfe reichen von zurückgelassenen Windeln, Vordrängeln beim Schlangestehen über verlorene Gästekarten und eben entwendete Sportgeräte. Ein Dialogprojekt zwischen dem Schweizerischen Israelitischen Gemeindebund (SIG) und dem Davoser Tourismusverband scheiterte. Das Schild des Wirtshauses hat nun strafrechtliche Konsequenzen: "Polizei-Ermittlungen, Strafanzeige: Mit dem aktuellen Vorfall hat die angeschlagene Beziehung zwischen dem touristischen Davos und seinen jüdischen Gästen eine neue Qualität erreicht. Und auch wenn Davos wohl mehr jüdische Touristen verzeichnet als andere Regionen, fällt auf, dass im Wallis oder anderen Bündner Orten das Miteinander deutlich geräuschärmer abläuft."

In einem kurzen Interview mit Salome Müller auf Zeit Online meldet sich Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Schweizerischen Israelitischen Gemeindebunds (SIG) in der Affäre zu Wort. Ja, es kam in der Vergangenheit zu problematischen Situationen mit orthodoxen Juden und Jüdinnen, meint Kreutner, man müsse auf Aufklärung und Vermittlung setzen und Verständnis dafür haben, "dass manche orthodoxe Juden gewisse Regeln nicht kennen und Erklärungen brauchen... Pauschal Menschen einer Religion auszuschließen, geht nicht! Das zeigt nur, dass man keine bessere Lösung finden wollte."

Einen "enormen Imageschaden" für Davos sieht Simon Hehli in der NZZ. Die Ignoranz des Wirtes ist empörend, mit ein bisschen Feingefühl hätte man die Situation anders lösen können: "Niemand spricht Restaurantbetreibern das Recht ab, Kunden, die sich nicht an die Regeln halten, im Einzelfall die Tür zu weisen. Auf den Tischen kann man Schilder anbringen: 'Picknicken verboten'. Und wenn es tatsächlich gehäuft dazu kommt, dass Schlitten verschwinden oder kaputt zurückgebracht werden, kann der Verleiher von allen das Hinterlegen eines Ausweises oder ein Depot verlangen, das potenzielle Schäden deckt."

Der Schriftsteller Christoph Brumme, der seit 2016 in der Ostukraine lebt, beschreibt in einem Gastkommentar für die NZZ, was der Krieg, der bald drei Jahre dauert, mit den Menschen macht. Das "Beste und das Übelste" bringt er zum Vorschein, so Brumme, Letzteres äußert sich zum Beispiel so: "Mordlust mit Moral gepaart ist ein Fest für Sadisten. Ein junger russischer Freiwilliger erzählt in einem Strasseninterview begeistert, dass er im Krieg ungestraft töten könne und dafür vom russischen Staat noch gut bezahlt werde. Das Video mit seinen Aussagen ging in den sozialen Netzwerken viral. Aufgrund solcher Verhaltensweisen ist der Vorschlag des Ministerkabinetts der Ukraine, für einen Zeitraum von fünfzig Jahren alle Strassen-, Schienen-, Luft- und Seeverkehrsverbindungen mit Russland zu kappen, nicht nur Symbolpolitik. Die Vorstellung, dass der Krieg vielleicht einmal enden wird, kann man gar nicht zulassen, weil das Bewusstsein, ihn jetzt und wohl noch für lange Zeit ertragen zu müssen, dann zu schmerzhaft wäre."
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