9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2273 Presseschau-Absätze - Seite 50 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2023 - Ideen

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Es gibt zwar schon die "Zynischen Theorien" ("Vorgeblättert" und Perlentaucher-Notizen), die ein polemisches, aber nützliches Vademecum zum Verständnis "woker" Ideologien sind, aber die Welle von Publikationen zu diesem paradigmatischen Bruch im linken Denken reißt nicht ab. Nun veröffentlicht auch der Politologe Yascha Mounk, der seine Karriere einst in Deutschland startete, inzwischen aber in den USA ein prominenter Autor ist, ein Buch zum Thema: "The Identity Trap - A Story of Ideas and Power in Our Time". In einem langen Twitter-Thread legt Mounk seine grundsätzlichen Ideen schon mal dar. Am Ursprung steht auch für ihn Michel Foucault mit seiner Skepsis gegen die "großen Erzählungen". Während seine Nachfolger dankbar die Idee aufnahmen, dass es eine "objektive" Wahrheit nicht gibt, liegt ihr Sündenfall aber in einer Vulgarisierung des Anti-Universalismus bei Foucault. Eine der Figuren, die dies betreibt, ist für Mounk die Literaturwissenschaftlerin Gayatri Spivak, eine Gründungsfigur der "Critical Theories": "'Ich denke, wir müssen uns strategisch entscheiden', schlug sie vor, 'nicht für einen universellen Diskurs, sondern für einen essenzialistischen Diskurs ... Ich muss sagen, dass ich von Zeit zu Zeit ein Essenzialistin bin'. Diese kryptischen Bemerkungen nahmen ein Eigenleben an. Konfrontiert mit dem Problem, wie man für die Unterdrückten sprechen kann, folgten Wissenschaftler aus zahlreichen Disziplinen Spivaks Beispiel. Sie fuhren im Geiste der Postmoderne fort, den Anspruch auf wissenschaftliche Objektivität oder universelle Prinzipien in Frage zu stellen. Gleichzeitig bestanden sie darauf, weit gefasste Identitätskategorien zu verwenden und für die Unterdrückten zu sprechen, indem sie sich das zu eigen machten, was sie als 'strategischen Essenzialismus' bezeichneten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2023 - Ideen

"3.500 Baunormen sind beim Bau in Deutschland zu beachten. Das ist Weltrekord", stöhnt Gerhard Matzig, der sich in der SZ nicht wundert, dass es mit dem Wohnungsbau nicht vorangeht: "Ein Architekt aus München erzählte einem vor wenigen Tagen von einer zeitintensiven, also auch für das Büro teuren Diskussion über ein Treppenhaus in einem Gebäude mit Büronutzung ab dem zweiten Obergeschoss und Kindergarten im EG/OG1. Im Jour fixe habe man im Kreis von gut und gern zehn Fachplanern auf kafkaeske Weise geklärt, ob die sich aus diversen Regeln ergebenden Geländerhöhen (für Kinder: 60 bis 80 Zentimeter; für Behinderte: 85-90 Zentimeter; für Arbeitsstätten: 110 Zentimeter) im Ergebnis nicht zu einem Treppenlauf mit drei verschiedenen Handläufen in drei verschiedenen Höhen führen müssten. Theoretisch: ja. Nicht berücksichtigt sind hier die Abstände der Geländer-Stäbe, die unter drei Jahren maximal 8,9 Zentimeter betragen, elf Zentimeter ab drei Jahren - und zwölf Zentimeter für alle anderen offenbar vom akuten Treppentod bedrohten Passanten. Dass Deutschland vergleichsweise sicher erbaut ist gegen Feuer, Erdbeben und vergleichbare Katastrophen, ist schön. Dass Deutschland auch ein Dasein als Schilda einer komplett vollkaskohaften Baumentalität pflegt, erklärt auch die absurden Kosten, die immer dann entstehen, wenn man sich die absurden Könnte-ja-sein-in-einer-Million-Jahren-Sorgen von Versicherungen zu eigen macht."

Ebenfalls in der SZ hat sich Angelika Slavik das "Papierchen" angeschaut, das Olaf Scholz und Klara Geywitz zur Bekämpfung der Wohnungsmisere in Deutschland aufgesetzt haben: Da ist etwa "von einem 'Pakt' zur Planungsbeschleunigung die Rede und davon, dass 'Aktenberge in den Bauämtern reduziert werden' sollen. Wie das passiert, bleibt des Kanzlers Geheimnis. Ebenso ist von 'Spielräumen' für innovative Planung die Rede, die durch Änderungen in den Landesbauordnungen 'beabsichtigt' werden. Bis zum Jahresende soll es konkreter werden, steht in dem Papier. Die Menschen, die gerade versuchen, in einer deutschen Großstadt an eine bezahlbare Wohnung zu kommen, sind vermutlich nicht ganz so entspannt. Besonders übel ist, dass sich kein Wort zu Mieterschutz in dem Papier findet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2023 - Ideen

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Es häufen sich die Interventionen sich als links lesender Autoren gegen "woke" Ideologie, nach Bernd Stegemann ("Identitätspolitik") und Susan Neiman ("Links ist nicht woke") nun also Julian Nida-Rümelin ("'Cancel Culture' - Ende der Aufklärung?"). Ja, es gibt Cancel Culture, sagt er im Gespräch mit Inga Barthels und Moritz Honert vom Tagesspiegel, und zwar seit den alten Ägyptern und auch heute, und das überall: "Cancel Culture gibt es von links wie von rechts, auch in der Mitte, wobei die erfolgreichste Form im Augenblick in den USA von rechts kommt. An Universitäten passiert es vielleicht, dass eine konservative Erziehungsautorin wie die 'Tigermom' aufgrund von Protesten nicht sprechen kann, aber in Florida haben wir mit DeSantis einen Gouverneur, der Präsident werden will, und dessen Ziel es ist, Florida zur 'wokefreien Zone' zu machen. Dafür werden Schulbibliotheken und Lehrpläne von allem befreit, was er als unsittlich empfindet."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.09.2023 - Ideen

Der italienische Philosoph Gianni Vattimo ist im Alter von 87 Jahren gestorben, der Erfinder der berühmten Forderung nach einem "pensiero debole", einem "schwachen Denken. Antonio Carioti schildert das damit Gemeinte im Corriere della Sera als "Vorboten der Postmoderne, eine ikonoklastische Vision, die Letztbegründungen des Wissens in der westlichen Philosophie durch die Absicht ersetzte, es seiner Macht zu berauben, in der Überzeugung, dass das Sein nur in einer pluralen und kontingenten Form gedacht werden kann. Vattimo leugnete nicht die Wirklichkeit, wie ihm manche vorwarfen, sondern glaubte, dass sie nur innerhalb bestimmter Paradigmen erfasst werden könne, ohne dass er eine vollständige und absolute Rationalität anstrebe."

Philipp Sarasin, emeritierter Philosoph aus Zürich und Betreiber der postkolonial gesinnten Website Geschichte der Gegenwart, aus der der Perlentaucher oft zitiert, widerspricht in einem Essay auf Zeit Online der Philosophin Susan Neiman in ihrer Sicht auf Michel Foucault. In ihrem Buch erklärte sie diesen zum "Paten der woken Linken", zitiert Sarasin, was für sie heißt: Foucault sei eigentlich gar kein Linker, sondern ein "Nihilist" und "Reaktionär". Die Kritik ist nicht neu, seufzt Sarasin, aber kurzsichtig. Tatsächlich wandte sich der Philosoph spätestens seit der zweiten Hälfte sechziger Jahre von den "marxistischen Großerzählungen, Freiheitsversprechen und Revolutionshoffnungen" ab. Er "bewegte sich seit dem 1961 erschienenen Buch 'Wahnsinn und Gesellschaft' mit den Irren, den Kriminellen, den sexuell Devianten und anderen Randgruppen konsequent außerhalb der bürgerlichen wie auch der marxistischen Gesellschaftsentwürfe. Deren große historische Subjekte - 'die' Bauern, 'die' Bürger oder 'die' Arbeiter - waren für diese neuartige Linke tot. Die 'universalistische' Linke provoziert das bis heute, was auch Foucaults Beförderung zum Paten der 'Woken' erklärt. Sie bastelt sich aus seinem reichen Zitatenschatz einen Strohmann, der als Sündenbock dafür herhalten muss, dass ihr seit dem Untergang der Sowjetunion die Felle davongeschwommen sind."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 15.09.2023 - Ideen

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Bernd Stegemann, Autor von "Identitätspolitik", und Mithu Sanyal, Autorin von "Identitti" denken im Gespräch mit Michael Angele vom Freitag über ihr gemeinsames Thema, die Identitätspolitik, nach. Beide beobachten eine ungute Verabsolutierung der Opferperspektive. Stegemann: "Das Mittel des Aufschreis wird nicht nur zum Selbstzweck, sondern es ist auch kein Privileg der 'guten' Opfer. Auch die AfD stilisiert sich als Opfer einer Lügenpresse, und die Trump-Wähler fühlen sich als Opfer einer New Yorker Elite. Der Opferstatus wird als Machtmittel genutzt, weil wir eine Öffentlichkeit haben, die ein sehr großes Ohr für die Opfererzählung hat." Sanyal: "Wenn wir in einem öffentlichen Raum sprechen, haben wir aber eben auch Macht, und Macht bedeutet Verantwortung. Ein Wort wie Opfer - das ja aus einem religiösen Kontext kommt: das Opferlamm - impliziert jedoch absolute Machtlosigkeit. Das ignoriert die Dialektik von Macht. Es gibt immer Macht auf allen Seiten, egal wie klein sie manchmal ist. Das zu ignorieren, ist gefährlich."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.09.2023 - Ideen

Im Interview mit der NZZ erklärt die amerikanische Philosophin Susan Neiman noch einmal, was sie unter links versteht. In der FAZ gratuliert Christian Geyer dem Philosophen Otfried Höffe zum Achtzigsten.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.09.2023 - Ideen

Nach seiner  Steve-Jobs-Biografie und Leonardo-Biografie hat sich Walter Isaacson für eine weitere Biografie einen anderen großen Mann gesucht: Elon Musk. Im Interview mit Spon spricht er über sein Buch, das morgen erscheint, die Zeit mit Musk und über die Übernahme von Twitter, die genau in diesen Zeitraum fiel: "Anfang 2022 hatten wir ein Gespräch. Es lief da gerade ziemlich gut für ihn: Tesla hatte im Vorjahr fast eine Million Autos produziert, SpaceX hatte 30 Raketen in Folge erfolgreich gestartet und gelandet. Er sagte: Ich bin genervt, ich halte diese Ruhe nicht aus. Heimlich kaufte er da schon Twitter-Aktien. ... Unseren ersten Besuch in der Twitter-Zentrale in San Francisco, lange vor der Übernahme, fand er furchtbar. Es gab dort Yoga-Studios, Espressobars, die Mitarbeiter konnten Krankheitstage nehmen, wenn es ihnen psychisch nicht gut ging. Er fragte immer wieder: Wo ist hier der Sinn für Dringlichkeit? Er mag es nicht, wenn sich Mitarbeiter psychologisch zu sicher fühlen. Sie sollen Getriebene sein, so wie er." Das Arbeitsklima in Musks Firmen erinnere an das Zeltlager Veldskool, in das Vater Errol Musk seine Söhne schickte, um sie durch Prügel abhärten zu lassen. "Kein Mensch in der Veldskool kümmerte sich um dein psychisches Wohlbefinden", erklärt Isaacson. "Die stärkeren Kinder wurden ermutigt, die schwächeren zu verhauen und ihnen ihr Essen wegzunehmen. Elon hasste dieses Lager, aber es formte seinen Charakter."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.09.2023 - Ideen

Einem "qualifizierten" Gerücht zufolge will Indiens Regierung unter Narendra Modi den kolonialen Namen Indien ablegen und stattdessen die alte Sanskrit-Bezeichnung Bharat als einzigen offiziellen Landesnamen durchzusetzen, weiß Matthias Heine in der Welt, der im Grunde nichts einzuwenden hat, denn: "Man darf nicht vergessen, dass Hindi keineswegs die Muttersprache aller indischen Staatsbürger ist." Dennoch stellt er die grundsätzliche Frage: "Wie weit will der globale Süden bei solchen onomastischen Dekolonialisierungsprozessen gehen? Denn die gesamte Einteilung der Welt beruht auf westlicher Wissenschaft. Das fängt bei den Himmelsrichtungen an (Süden ist ein kolonialer Begriff) und geht mit den Namen der Kontinente weiter. Afrikaner, Asiaten, Australier und amerikanische Ureinwohner hatten keine Idee davon, dass die Landmassen auf denen sie wohnten 'Kontinente' sein könnten. (...) Jenseits der Ländernamen und Sprachen gibt es aber auch etliche andere westliche Systeme, die bisher noch überall stillschweigend akzeptiert werden. Dazu gehört das metrische System ebenso wie der gregorianische Kalender, die Einteilung des Tages in 24 Stunden mit 60 Minuten, die Längen- und Breitengrade oder die lateinische Schrift, die auch dem Internet und den Programmiersprachen zugrunde liegt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.09.2023 - Ideen

Über die Polarisierung auch in der intellektuellen Öffentlichkeit spricht der Cheflektor des Verlags C.H. Beck, Detlef Felken, der jetzt in den Ruhestand geht, mit Alexander Cammann von der Zeit. Er vergleicht heutige Debatten mit dem Historikerstreit, der teilweise auch unter die Gürtellinie gegangen sei: "Aber es gab damals keinen Diskussionsabbruch, zumindest so lange nicht, bis Ernst Nolte sich selbst ins Abseits katapultiert hat mit Aussagen, die nur noch für Rechtsradikale anschlussfähig waren. Diese Debattenkultur wird zunehmend durch die moralische Delegitimierung des Gegenübers ersetzt. Ich sehe auch kritisch, wenn jemand an der Universität erklärt, ein Text solle besser gar nicht behandelt werden, weil er sich bei dessen Sprache unwohl fühlt - eine Zensur auf der Grundlage von Befindlichkeiten empfinde ich als geistigen Rückschritt. Wie soll ich Hitlers Weltanschauung wissenschaftlich erforschen, wenn ich die Lektüre von 'Mein Kampf' mit all seinen Widerwärtigkeiten ablehne?"

Jürg Altwegg porträtiert für die FAZ die in Frankreich höchst umstrittene Anthropologin Florence Bergeaud-Blackler, die zu den Muslimbrüdern forscht und für deren Diskurs und Expansionsdrang den Begriff des "Frérisme" prägte. Zuletzt erschien "Le Frérisme et ses réseaux" bei Odile Jacob. In Frankreich lebt sie unter Polizeischutz. Zu Beginn ihrer Forschung begleitete sie Mädchen, die Kopftuch trugen und von Muslimbrüden darin bestärkt wurden: "Sie beobachtete, wie sie die Jugendlichen mit schockierenden Bildern und Erzählungen aus Israel indoktrinierten, um sie für die Palästinenser zu mobilisieren. Mehr als die Hälfte der französischen Muslime sind heute gegen das damals von Schulleitern verordnete Kopftuchverbot. Erst nach systematischen Provokationen wurde es in einem Gesetz verankert. Auch dass der Feminismus zum islamkompatiblen Neofeminismus mutierte, führt Bergeaud-Blackler auf die Strategie der Muslimbrüder zurück."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.09.2023 - Ideen

Die taz hat einen Essay der Politikwissenschaftlerin Veronica Anghel übernommen, der im Rahmen der Eurozine-Reihe "Lehren des Krieges" entstand. Der Widerstand der Ukraine gegen die russische Besatzung sollte Europa vor allem eines lehren: Die Überheblichkeit, mit der kleinere Länder einfach den Einflusssphären größerer zugeordnet wurden, ist out, ruft Anghel. "Den Krieg zu gewinnen ist nicht genug. Um den Frieden zu gewinnen, muss Europa seine außenpolitische Agenda der Dekolonisierung verstärken und die Existenz einer internationalen Hackordnung ablehnen. Es muss seinen Fehler eingestehen, die Theorie der 'Einflusssphären' akzeptiert zu haben, und seine geopolitische Rolle neu definieren. Eine Revision der Erweiterungspolitik ist für diese Agenda von grundlegender Bedeutung. Die jahrelange (unzureichende) Hilfe für die Republik Moldau, die Ukraine und die westlichen Balkanländer hat gezeigt, dass finanzielle Unterstützung kein Katalysator für Veränderungen ist. Die Beitrittskandidaten müssen als gleichberechtigte Partner behandelt und von Beginn der Beitrittsverhandlungen an in die Entscheidungsfindung und die Gesetzgebung der EU einbezogen werden. Die neutrale oder antiwestliche Haltung der Länder des Globalen Südens im Russland-Ukraine-Krieg ist ein weiterer Aufruf an die Europäer, ihr kolonialistisches Weltbild zu überdenken, ihre Fehler einzugestehen und ihre Absichten besser zu erklären."

Das gilt auch für die Amerikaner, meint der Historiker Oscar Clarke bei Quillette. Die Ausweitung der NATO geschah oft auch gegen deren anfänglichen Widerstand: "Dabei wurden die Ziele und Interessen der kleinen Staaten außer Acht gelassen, deren Politiker sich viel nachdrücklicher für einen NATO-Beitritt eingesetzt haben als irgendjemand in Washington, und dies oft gegen die Bedenken und Einwände der Amerikaner. Der brillanteste dieser Politiker war Václav Havel, der große moralische Führer des tschechischen Widerstands gegen die sowjetische 'Normalisierung' nach 1968, der zum ersten gewählten Präsidenten der demokratischen Tschechischen Republik nach der Samtenen Revolution wurde. (…) Wie der ältere Präsident Bush war auch Havel optimistisch, was die 'Friedensdividende' anging: die Vorstellung, dass die Militärausgaben mit dem Ende des Kalten Krieges drastisch gesenkt werden könnten und dass das eingesparte Geld für den Aufbau wohlhabenderer und blühenderer Gesellschaften verwendet werden könnte, die selbst eine Garantie für den Frieden darstellen würden. Es war eine utopische Zeit."

In der taz überlegt der Politikwissenschaftler Daniel Dettling, wie die oftmals nur noch als "Medienparteien" wahrgenommenen CDU, SPD, FDP und Grüne heutige AfD-Wähler wieder zurückgewinnen könnten. Sein Vorschlag: "mehr Personal- und Bildungspolitik, ein Demokratiedienst und flexible Finanzen. Erstens müssen die demokratischen Parteien kommunalpolitisch aufrüsten. Die besten Köpfe müssen (auch) in den Kreistagen und in den Gemeinderäten und nicht nur im Bundestag und im Europaparlament sitzen. Politische Bildungsarbeit und die Personalpolitik der demokratischen Parteien müssen gestärkt, nicht abgebaut werden. Wenn sich immer mehr Menschen ohnmächtig gegenüber den Krisen unserer Zeit fühlen und einen 'sozialen Klimawandel' fürchten, braucht es zweitens mehr demokratische Bürger. Selbstwirksamkeit und das Gefühl der eigenen Handlungsautonomie entstehen durch eigenes Engagement. Statt die Freiwilligenprogramme zu kürzen, wie es die Ampelregierung in Berlin vorhat, müssen sie massiv ausgebaut werden. Es braucht es einen 'kommunalen Demokratiedienst' und keinen 'sozialen Pflichtdienst'." Und es brauche natürlich mehr Eigenmittel und weniger Bürokratie zur Gestaltung: "Finanziell handlungsfähige Kommunen sind in Krisen systemrelevant. Das gilt auch für die Krise der Demokratie."