Auch jene
Feuilletondebatten, die die letzten Jahre dominierten, also die
Mbembe-Debatte, die
Moses-Debatte, die Debatte um das "
Weltoffen"-Papier (siehe weiter unten in Kulturpolitik) und die
Documenta-Debatte stehen durch die Hamas-Pogrome in neuem Licht. Kann es sein, dass die "Weltoffenheit"
genozidalen Diskursen galt? Die
Protagonisten dieser Debatten haben sich bisher kaum zu Wort gemeldet - sie arbeiten sicher noch an ihren Argumenten. In einigen Zeitungen beginnt heute die Aufarbeitung.
Da ist etwa der beliebte
Apartheid-Vorwurf gegen Israel. Dass jemand an einem "Centre for Transcultural Studies" lehrt und nicht ihn glaubt, ist eine Auffäligkeit.
Tom Würdemann, der als Nahostwissenschaftler am Institut dieses Namens in Heidelberg forscht, ist so ein Fall. "Der Vorwurf der 'Apartheid' ist seit Jahrzehnten ein
Favorit linker Feinde des jüdischen Staates", schreibt er in der
FAZ. "Nicht nur, aber insbesondere diejenigen Kräfte greifen auf ihn zurück, die in den vergangenen Tagen die genozidale Gewalt der Hamas als
angeblichen '
Befreiungskampf' legitimiert haben… Die Milieus der 'Palästina-Solidarität' um die BDS-Bewegung schlagen unisono den Bogen vom Apartheidvorwurf zum Ruf nach dem
Verschwinden des Staates Israel 'from the River to the Sea'. Dass damit ein säkulares Palästina 'für alle' gemeint sei, wird dann entlarvt, wenn das gleiche Milieu die
Gräueltaten der Hamas rechtfertigt oder bejubelt. Den Worten derjenigen, die Israel als Apartheidstaat delegitimieren, folgen also auch Taten. Solange das so ist, wird und muss die Offenheit für Kompromisse in Israel gering sein."
Die
akademische Linke konnte eliminatorischen Hass und legitime politische Freiheitsbestrebungen allzu oft nicht auseinanderhalten. Und nebenbei stellt sich heraus, dass nicht nur Deutsche den Juden den Holocaust nicht verzeihen konnten. Auf einen der Ursprünge dieses Denkens kommt Jan Küveler in der
Welt zurück,
Edward Saids berühmtes
Orientalismus-Buch. "Im Juli 2000 besuchte Said den Süd-Libanon, von wo sich Israel nach vielen Jahren gewaltvoller Auseinandersetzungen, provoziert von der erstarkenden Hisbollah, soeben zurückgezogen hatte, und
schleuderte einen Stein auf einen verlassenen israelischen Wachturm. Es habe sich um einen Kieselstein gehandelt, rechtfertigte er sich später, und um eine rein symbolische
Geste der Freude. Die Wiener Freud-Gesellschaft, die um die Kraft symbolischer Gesten weiß, lud ihn daraufhin von einem Vortrag aus. Said schrieb entrüstet: 'Freud wurde aus Wien vertrieben, weil er ein Jude war. Jetzt werde ich vertrieben, weil ich Palästinenser bin.' Ein scharf konturierter Moment
grotesk übersteigerter Selbst-Viktimisierung, wie sie seither allgegenwärtig geworden ist."
=========== Konservatismus ist jene Doktrin, die sich nicht als solche benennt, weil sie sonst zugeben muss, dass es Alternativen geben könnte. Lange Zeit konnte
die CDU so agieren, als brauchte sie kein Programm, sagt der Soziologe
Armin Nassehi im
Gespräch mit Jan Feddersen von der
taz: "Sie war als Regierungspartei, als die sie sich verstand, die
pure Inklusion. Es ist ja gerade das Besondere des Konservativen, auf Begründungsprobleme verzichten zu wollen, um mit
Kontinuitätsunterstellungen arbeiten zu können. Die Konservativen müssen nach ihrem Selbstverständnis nichts gegen irgendjemanden durchsetzen, weil sie quasi die
Kontinuität der Welt verkörpern."