9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.07.2022 - Ideen

Bei der Frage, ob Biologie stützende Argumente für die Idee der Geschlechterfluidität bietet, sind Evolutionsbiologen wie Axel Meyer, mit dem sich Sonja Kastilan für die FAZ unterhält, regelmäßig eine Enttäuschung! "Als Naturwissenschaftler würde ich sagen, die Sache ist klar: Es gibt zwei Geschlechter. Punkt. In unserer Art wie in den anderen rund achttausend Arten von Säugetieren. Wie jemand angesprochen wird, mit welchem Pronomen, das ist wiederum eine sehr kulturelle Sache. Natürlich bin ich dafür, dass jeder Mensch nach seiner Façon leben kann, stets mit Toleranz und Respekt behandelt wird, ganz gleich, wie das Individuum sich empfindet, ohne dass eine Wertung stattfindet. Und das sind kulturelle, politische oder gesellschaftliche Fragen, die nicht mein Arbeitsgebiet betreffen."

Auch die Philosophin Bérénice Levet beschäftigt sich in ihrem Buch "L'Ecologie ou l'ivresse de la table rase" (Editions de l'Observatoire) kritisch mit der Ideologie der Geschlechterdifferenzen. Es ist allerdings ein Buch über die Grünen in Frankreich, die nie mit ihrer Fundi-Moral gebrochen haben und einiges von ihr auf Bürgermeisterposten durchsetzen wollen. Jürg Altwegg stellt Levet heute in der FAZ vor. Die Philosophin vergleiche  den Umbruch hin zu den neuen linken Ideologien "mit der Erschütterung, die Kopernikus, Darwin und Freud auslösten. Sie nennt es die 'vierte narzisstische Verletzung' des Menschen. Die Auflösung der Geschlechter geht mit seiner Abwertung zum 'Lebewesen' einher. Die Natur ist gut und der Mensch, dessen Tod die postmodernen Philosophen verkündet hatten, ihr Feind. Die Tiere haben in die 'Konkurrenz der Opfer' Einzug gehalten. In Tours ist eine Straße nach dem Elefanten Fritz benannt worden. Fritz brach 1902 aus einem Zirkus aus und wurde auf brutale Weise getötet."

"Ist die Entkolonialisierung der russischen Kultur möglich?", fragt der Historiker Andrii Portnov in der NZZ: "Es gibt in der Ukraine eine anhaltende Diskussion über Inhalt und Bedeutung einer neuen Politik gegenüber der russischen Kultur. Interessanterweise wird in dieser Diskussion oft auf die deutschen Erfahrungen verwiesen. Der Historiker Jaroslaw Hricak merkte an, dass die Ukrainer weiterhin Puschkin und Dostojewski lesen sollten, aber sie müssten lernen, deren 'Giftigkeit' zu verstehen. (…) Aus den Äußerungen von Hricak und anderen vernünftigen Stimmen wird deutlich, dass es nicht um ein vollständiges Verbot oder die Abschaffung der russischen Kultur geht, sondern um die Überwindung einer jahrhundertelang bestehenden Asymmetrie - der Folgen der Russifizierungspolitik des russländischen Reiches sowie der Sowjetunion. Deren Politik, einschließlich der Tabuisierung von Namen unerwünschter Autoren und des Verbots der Verwendung von ukrainischen Wörtern, die sich zu sehr vom Russischen unterscheiden, ist im Westen noch weitgehend unbekannt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.07.2022 - Ideen

Im großen NZZ-Gespräch mit Paul Jandl erklärt Marlene Streeruwitz (aktuelles Buch: "Handbuch gegen den Krieg"), weshalb sie von Interventionen wie jener von Habermas (Unsere Resümees) nichts hält: "Es ist einfach Lip Service, weil der, der solche Texte schreibt, ja sonst gar nichts unternehmen muss. Die Gedankengebäude der Philosophie sind immer männlichkeitsimmanent gedacht worden und haben noch nie zu etwas beigetragen, das in irgendeiner Form Frieden sein könnte. Alle Eltern kennen aus ihrer dauernden Fürsorge für das Kind diese stete Zeitlichkeit. In der ist alles wichtig. Es gibt nicht das Einzelereignis. Die Philosophie in allen ihren Diskursen weiß nichts von dieser Zeitrechnung des Lebens. Die männlichen Wortmeldungen zum Krieg kommen alle aus derselben Entfremdung, über die man nur lachen kann. Herr Habermas schreibt auch aus der reinsten Entfremdung heraus und ist damit schon wieder ein Kriegsmitarbeiter für das Patriarchat."

Auf ZeitOnline geht Magnus Klaue der "Sektenförmigkeit" der Woke-Bewegung  - und ihrer Gegner nach: "Die 'Wachheit', zu der der Wokeness-Appell auffordert, ist das Gegenteil von Ansprechbarkeit und Erfahrungsoffenheit. Sie zielt darauf, jeden Aspekt des privaten und beruflichen Lebens an einem rigiden politmoralischen Raster zu messen und alles, was durch dieses Raster fällt, zu dokumentieren, zu melden und zu sanktionieren. Moral wird nicht als ideologischer Niederschlag einer bestimmten Gesellschaftsformation verstanden, sondern als Grundlage einer puritanisch geläuterten Zukunft, der auf allen Gebieten des Lebens entgegengekommen werden muss. (…) An die Stelle des Realitätsprinzips, des Konkurrenzprinzips, des Primats des besseren Arguments und des aufgeklärten Eigeninteresses setzen sektenförmige Gemeinschaften den ungeglaubten, aber umso blindwütigeren Glauben: Sie beruhen nicht auf der Logik von Überzeugung und Kritik, sondern von Konversion und Häresie. Wer bedingungslos mitmacht, gilt als Erweckter, wer nicht mitmachen will, als Verstockter, wer sich abwendet, als Abgefallener."

Außerdem: Im Tagesspiegel-Gespräch mit Benjamin Lassiwe spricht der evangelische Theologe Wolfgang Huber über sein neues Buch "Menschen, Götter und Maschinen", in dem er eine "Ethik der Digitalisierung" entwirft.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2022 - Ideen

Dass über der Geschlechterfluidität diskutiert wird, liegt nicht etwa daran, dass Zweigeschlechtlichkeit verteidigt wird, sondern dass es bisher nur ein Geschlecht gab, das alles bestimmte, nämlich den "alten weißen Mann", erläutert die Soziologin Paula-Irene Villa Braslavsky nach dem Streit um den Vortrag einer Biologin, die behauptet hatte, Kinder würden von zwei Geschlechtern gemacht, im Gespräch mit Carolina Schwarz von der taz: Es sei so, "dass moderne Gesellschaften mit dem Versprechen auf Individualisierung immer ein paar Dinge ausgenommen haben. Alle sollen frei, autonom und mündig sein - außer, sie sind von Natur aus anders. Und 'von Natur aus anders' sind alle außer der hetero cis-geschlechtliche, weiße, 'gesunde', bürgerliche, europäische Mann. Alle anderen gelten historisch betrachtet als unter anderem wild, pervers, behindert, weiblich, unterentwickelt, 'rassisch' - also dubios, nicht ganz zivilisiert. Weite Teile der Menschheit sind historisch also vom Versprechen auf Gleichheit ausgeschlossen."

Jared Diamond, Spezialist für den Kollaps von Gesellschaften (mehr hier), fürchtet im Gespräch mit Maja Beckers von Zeit online (hinter Paywall), dass die USA an ihren eigenen Widersprüchen scheitern werden: "Wir werden nicht von China oder Russland erobert werden, die werden nicht eines Tages mit Truppen an unseren Küsten ankommen. Wenn wir zusammenbrechen sollten, wird es daran liegen, was wir uns selbst angetan haben, etwa durch diese extreme Polarisierung."

Außerdem: Jan Grabowski und Konstanty Gebert hatten an der Konferenz von Emily Dische-Becker (mehr in efeu) organisierten "Hijacking Memory" über die Instrumentalisierung des Holocaust von der politischen Rechten im Haus der Kulturen der Welt teilgenommen, die sie in der Welt nochmal ausdrücklich loben. Kritisiert hatten sie nur den Auftritt des Palästinensers Tareq Baconi, der die Holocaust-Debatte als "jüdisches Psychodrama" abgetan hatte. In der Welt erzählen sie, wie nun wiederum ihre Kritik an Baconi in linken Medien verfälscht und instrumentalisiert wurde.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.07.2022 - Ideen

Der Schriftsteller Christian Baron legt in der SZ einen etwas wirren Essay über das Fehlen einer ordentlichen Linken vor, die sich für Frieden mit Russland und arme Menschen einsetzt. Eine interessante Beobachtung aber macht er: "So ist es im Film und am Theater in weiten Teilen nicht länger erwünscht, etwa die Rolle einer trans Person an einen Schauspieler zu vergeben, der als Cis-Mann gilt. Wer den Part eines türkischen Gemüsehändlers nicht zumindest mit einem türkeistämmigen Deutschen besetzt, der kann sich auf was gefasst machen. Interessanterweise verlangt aber niemand, dass der türkische Gemüsehändler auch von einem Gemüsehändler gespielt wird. Der Wunsch nach Echtheit endet also exakt bei der sozialen Klassenzugehörigkeit."

In der taz  spricht Nora Bossong ("Die Geschmeidigen") im Interview mit Peter Unfried episch über ihre offenbar recht uninteressante Generation.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2022 - Ideen

Wir leben in einer "Polykrise", erklärt Adam Tooze in der Zeit. Eine Polykrise sei die die gleichzeitige Verschränkung mehrerer Krisen mit möglicher gegenseitiger Verstärkung: "Diese Wechselwirkungen können durch Krisenbilder veranschaulicht werden. Ein Beispiel: Kommt es zu einer weltweiten Rezession, dürften angesichts der zu erwartenden Einkommensverluste die Gefahren für die Stabilität der amerikanischen Demokratie zunehmen. Die Spannungen im europäischen Währungsraum würden wachsen. Die Ernährungsproblematik in den Entwicklungsländern würde sich verschärfen. Und sehr wahrscheinlich würden in vielen Staaten die Investitionen in die Energiewende zurückgehen - mit Folgen für den Kampf gegen den Klimawandel."

Ebenfalls in der Zeit spricht Udo Di Fabio im Interview mit Tina Hildebrandt und Heinrich Wefing über patriotische Pflicht der Bürger und die Frage, wie weit der Staat gehen darf, um bei Knappheit den Zugang zu Gütern zu regulieren: "In echten Notlagen kann der Staat priorisieren oder zuteilen. Doch wenn es Möglichkeiten gibt, vorübergehende Engpässe unter globalen Bedingungen zu überwinden, dann macht das der Markt regelmäßig besser als der Staat, da bin ich sicher. Die Findigkeit von Unternehmen, Lieferketten neu zu gestalten, ist deutlich höher als die eines Regierungsdirektors im Wirtschaftsministerium. Deshalb bleibe ich dabei: Der Staat schafft einen Ordnungsrahmen, aber er sollte die Verteilungsentscheidungen nur im äußersten Notfall, also im Triage-Fall, übernehmen und ansonsten auf Marktmechanismen verbunden mit sozialen Kompensationen setzen. "

Scharf attackiert Omri Boehm in der Zeit die Kritiker der "Hijacking Memory"-Konferenz wie Natan Sznaider und Daniel Botmann vom Zentralrat der Juden und verteidigt de Mandarine des "Weltoffen"-Papiers, die ihre Institutionen für Anhänger des Israel-Boykotts öffnen wollen. BDS sei nicht antisemitisch, obwohl es auch BDS-Anhänger gebe die "anti-universalistisch" agierten. Bei der "Hijacking"-Konferenz seien 80 Prozent der Teilnehmer jüdisch gewesen. "Mag er sich auch noch so sehr über einen stillschweigenden BDS-Boykott gegen Juden und Israelis beklagen: Der Zentralrat ist zu einer viel mächtigeren Bedrohung für den öffentlichen Auftritt von Juden in diesem Land geworden. Die aktuellen Angriffe auf die Konferenz Hijacking Memory sind nur der Gipfel einer Serie von Vorfällen, die im Sommer 2019 mit dem Vorwurf an das Jüdische Museum Berlin begonnen haben, es sei nicht hinlänglich jüdisch. Es ist bezeichnend, dass Botmann, der inzwischen versucht, die Autorität jüdischer Personen und Institutionen, die die Politik des Zentralrats nicht teilen, systematisch zu untergraben, auch das angesehene Einstein Forum und das führende Zentrum für die Erforschung des Antisemitismus verleumdet." Boehms Artikel antwortet auf einen Sznaider-Artikel von Juni (unser Resümee). Hanno Hauenstein sieht es in der Berliner Zeitung ähnlich wie Boehm.

Und nochmals in der Zeit porträtiert Xifan Yang den Soziologen Xiang Biao, der zu den Leitern des Max-Planck-Instituts für ethnologische Forschung in Halle gehört und offenbar in China ein viel gelesener Intellektueller ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.07.2022 - Ideen

Putins Armee zerstört in der Ukraine mit Vorliebe Kultur- und Bildungsintitutionen. Klaus Englert benutzt dafür in der taz den Begriff "Urbizid" und bezieht sich dabei auf den Architekturtheoretiker Philipp Oswalt und auf den Lemberger Psychoanalytiker und Übersetzer Jurko Prochasko: "Der russische Urbizid ist eine Steigerungsform des serbischen. Während der serbische Urbizid in Städten wie Sarajevo eine ethnische Reinigung anstrebte, will der russische zunächst 'alles kaputt machen', sagt Prochasko. Der Hass auf das Ukrainische entlädt sich als Hass aufs Hybride. Doch der Feind, der einem selbst so sehr gleicht, bereitet Schwindel und Angst. Um dieser Gefahr vorzubeugen, erzeugt die Staatspropaganda klar unterscheidbare Feindbilder. Plötzlich wimmelt es in der ganzen Ukraine von Nazis, Juden und Schwulen, und überall droht der Feminismus. Ist das Bedrohungsszenario erst einmal aktiviert, werden aus den ukrainischen Brüdern und Schwestern plötzlich Extremisten, die bekämpft und vernichtet werden müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2022 - Ideen

Jean-Baptiste Jeangène Vilmer, Direktor des Institut de recherche stratégique de l'Ecole militaire in Paris wendet sich in einem Gastbeitrag für Le Monde gegen den heute wieder modischen "Realismus" in  der Betrachtung poltischer Konflikte, der von der Ukraine verlangt, sich um höherer Interessen willen zu unterwerfen. Es gebe einen echten und falschen Realismus, sagt er unter Bezug auf Raymond Aron, der sich schon im Kalten Krieg gegen den Zynismus von Realpolitik wandte: "Echte Realisten sind weit davon entfernt, moralische Erwägungen aus ihren Analysen auszuschließen, sondern achten lediglich darauf, dass diese Erwägungen nicht von den Zwängen der Realität abstrahiert werden. Die realistische Ethik ist die Ethik des geringeren Übels. 'Es ist nie der Kampf zwischen Gut und Böse', sagt Aron, 'sondern zwischen dem Vorzuziehenden und dem Verabscheuungswürdigen' - und insofern ist diese Ethik tragisch. Aber sie ist nicht weniger eine Ethik."
Stichwörter: Aron, Raymond, Realisten

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.07.2022 - Ideen

In der taz glaubt der Psychoanalytiker Daniel Strassberg, dass sich hinter der Skepsis gegenüber Künstlicher Intelligenz dieselbe Dämonisierung der Technik verberge, die seit Jahrhunderten dem Fortschritt misstraue: "Im Mittelalter galt als lebendig, was sich von selbst bewegt, also war die mechanische Uhr das Teufelswerk schlechthin; im 19. Jahrhundert galt als lebendig, was über einen Stoffwechsel verfügt, also war die Dampfmaschine die Maschine des Teufels. Im 20. Jahrhundert galt reflexives Bewusstsein als Zeichen des menschlichen Lebens, als sein Alleinstellungsmerkmal. Deshalb ist in unseren Tagen der Computer zur Maschine des Teufels geworden, zur Maschine, die alles, was der Menschen kann, auch vermag - nur viel besser, schneller und fehlerloser. Der Mensch hat das Höchste, was Gott erschaffen hat, nicht nur nachgeahmt, sondern sogar verbessert. Dafür wird die Menschheit dereinst bestraft werden: Wie sie sich einst Gott abgeschafft hat, wird sie in Zukunft von genau jenen Maschinen abgelöst werden, die sie selbst erbaut hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2022 - Ideen

Revisionistische Mächte seien stets die größte Bedrohung für den Frieden, verkündet Herfried Münkler in der Zeit. Diesen unartigen Jungs in geostrategischen Spiel könne man nur mit Appeasement, Verflechtung oder Abschreckung begegnen. Gegenüber Russland hätte man natürlich schon früher dezidierter agieren könne, aber ob das gut angekommen wäre? "Dann hätte man spätestens seit 2014 das Zwei-Prozent-Kriterium der Rüstungsausgaben übererfüllen müssen. Darauf wird es für die Zukunft hinauslaufen, und es bleibt abzuwarten, ob eine deutliche Mehrheit der Wähler diese Wohlstandseinbußen auf Dauer akzeptieren wird."

Die Konferenz "Hijacking the Memory - the Holocaust and the New Right" liegt zwar schon ein paar Tage zurück, aber ihre Teilnehmer veröffentlichen jetzt noch in der Berliner Zeitung einen öffentlichen Brief zur Verteidigung des Hauses der Kulturen und der  anderen Organisatoren, die die Konferenz ausrichteten. "Die Instrumentalisierung der Erinnerung an den Holocaust und des Kampfes gegen Antisemitismus durch rechte Akteure ist in unseren Augen ein besorgniserregendes und drängendes Problem." Es habe einen "Schwall an verleumderischen Vorwürfen aus unterschiedlichen Richtungen" gegeben. Dagegen wollten die Autoren ochmal "unterstreichen, dass die rechte Vereinnahmung und Instrumentalisierung des Holocaust-Gedenkens dem Kampf gegen Antisemitismus - aber auch dem Kampf gegen Rassismus auf der ganzen Welt - schadet".

Im Gespräch mit Vojin Saša Vukadinović kritisiert Ayaan Hirsi Ali im Schweizer Monat jenen Antirassismus, für den Ataman steht - Identitätspolitik sei an die Stelle von Religion getreten: "Ein Opfer zu sein - wie auch die Behauptung, dass andere Menschen grundsätzlich Opfer wären und deshalb nicht zur Verantwortung gezogen werden können - ist zur größten Tugend geworden. Inzwischen ist das fast wie eine neue Religion. Die Europäer haben das Christentum aufgegeben und nun diese neue Religion des Mitleids angenommen. Das verleiht ihnen eine Art Überlegenheitskomplex."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.07.2022 - Ideen

Stephan Wackwitz war auf einem Veteranentreffen des MSB Spartakus, also einer Formation der moskautreuen DKP, einer besonders unsympathischen politischen Gruppierung der frühen Siebziger (wenn man von rechtsextremen absieht), in die es ihn als Student ausgerechnet verschlagen hatte. Über den Krieg gegen die Ukraine wurde auch diskutiert, berichtet er in der taz : "Eine Genossin versuchte, Empirie zur Geltung zubringen. Die Dinge lägen doch denkbar einfach: Die Russen hätten angegriffen und müssten vertrieben werden. Doch das auf der Hand Liegende erbleichte im Licht aus gnostischen Hinterwelten. Die hier jetzt wieder vorherrschenden Sprachen tauchten die Welt in fahles Gespensterlicht. Es war die Stunde der Abstraktion, der alt gewordenen Chefideologen, der langen, gewundenen Referate über aggressiv-provokatorische Planungen 'des Westens', der dann immer öfter 'US-Imperialismus' hieß. Gegen diese lang bewährte Hauptfeinddarstellung hatte der Hinweis auf die imperialen Ansprüche der russischen Gegenseite - die doch oft und offen genug geäußert worden sind und werden - keine diskursive Überlebenschance."