"Der
deutsche Kulturbetrieb bietet in letzter Zeit immer mehr
Foren für Antisemitismus, auch wenn er diesen in seiner neuesten Verkleidung hofiert - nämlich der
Dämonisierung Israels unter postkolonialen Vorzeichen", konstatiert Jan Alexander Casper in der
Welt, der die Tagung Hijacking Memory im Berliner Haus der Kulturen der Welt noch einmal resümiert. Dort hatte der palästinensische Aktivist
Tareq Baconi die Holocaust-Debatte als "jüdisches Psychodrama" bezeichnet. (
Unser Resümee) Die Kritik an dem Vortrag durch den Historiker
Jan Grabowski hatte HKW-Intendant
Bernd Scherer gegenüber
Welt von sich gewiesen. "Scherers Amtszeit ist bald vorbei. Läuft alles, wie geplant, so übergibt er das schon unter seiner Ägide auf einen BDS-nahen Kurs eingeschwenkte Haus dann im Januar einem
offen antiisraelischen Intendanten, Bonaventure Ndikung. Wäre das eine gute Entwicklung? Darf sich das Haus der Kulturen der Welt, mitten in der deutschen Hauptstadt, zum öffentlich bezahlten Thinktank für eine
neue Form des Antisemitismus entwickeln? Und müsste die Kulturstaatsministerin und HKW-Aufsichtsratsvorsitzende Claudia Roth nicht einschreiten, wenn unter ihrer Aufsicht
Räume für Judenhass entstehen?"
Es ist "keine Überraschung, dass sich Antisemitismus seit einiger Zeit vermehrt in politischen Kreisen artikuliert, die glauben,
sich der Gerechtigkeit verschrieben zu haben", schreibt der Historiker
Volker Weiß in der
SZ: "Blickt der Rassismus gewöhnlich nach 'unten', so fürchtet der Antisemitismus im Juden eine bedrohliche Überlegenheit und wähnt sich selbst in der
Position des Underdogs. Gerade dieses Merkmal öffnet das Feld für Themen, in denen es um Schwächere geht. Hinzu kommt, dass die
Rassentheorie derzeit zumindest offiziell einen schweren Stand hat, während Fragen von Religion und Gerechtigkeit gerade angesichts gravierender Krisen das moralische Recht auf ihrer Seite reklamieren."
"Einige Vertreter
postkolonialer Ansätze halten Antisemitismus für kein wesentliches Problem, er sei ein
Kampf unter Weißen", sagt
Meron Mendel im
Tagesspiegel-Gespräch (hinter Paywall): "Sie tendieren zur eindimensionalen Betrachtung Israels als kolonialem Projekt. Das ist eine offene Flanke. Aber das diskreditiert nicht alle Verdienste postkolonialer Theorie. (…) Es wäre schon der Anfang, wenn man deutlicher zwischen
Juden und Israelis unterscheidet. Dann musste man immer wieder überprüfen, ob in der Kritik an Israel auch auf judenfeindliche Narrative zurückgegriffen wird: beispielsweise, wenn Israelis als Blutsauger,
Kindermörder oder als Strippenzieher dargestellt werden, die die Welt kontrollieren. Antisemitismus kann man als
pathische Projektion definieren, als irrationales Denkschema. Wenn andererseits jedoch ein Palästinenser, der unter der Besatzung leidet, Israel kritisiert oder sogar hasst, ist das überhaupt nicht irrational. Wenn sich die Kritik nicht gegen Juden richtet, weil sie Juden sind, sondern gegen die Besatzer - die, wenn man so will, auch Juden sind."
Mehr zur Thematik im Documenta-Kontext
natürlich in efeu.