9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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2274 Presseschau-Absätze - Seite 71 von 228

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.07.2022 - Ideen

Rainer Hank, Wirtschaftsredakteur der FAS fühlt sich durch den Documenta-Gau überraschenderweise an die Finanzkrise von 2008 erinnert. In beiden Fällen hätte das Prinzip Abschieben von Verantwortung gesiegt. In der Finanzkrise hätten Banken die Kreditrisiken für Eigenheime durch gebündelte Papiere kollektiviert. Und so führte auch die Kollektivierung des kuratorischen Risikos bei der Documenta in die Katastrophe: "(Linker) Antisemitismus und (linker) Antikapitalismus sind seit dem 19. Jahrhundert Geschwister. Verbinden sie sich mit dem Kollektivismus, dann kann am Ende niemand für den Schaden der Volks- und Kapitalistenverhetzung zur Verantwortung gezogen werden. Die Künstler geben sich arglos ('wir meinen es nur gut'), die Generaldirektorin der Documenta gibt sich machtlos, die zuständige hessische Ministerin nennt sich unzuständig, und die Kulturstaatsministerin nennt sich vertrauensselig. Der deutsche Steuerzahler erfährt am Ende, dass er, ohne gefragt worden zu sein, 42 Millionen Euro zahlen muss für eine Kampagne zur Abschaffung des Kapitalismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.07.2022 - Ideen

Russland stoppt die Getreideexporte und wird statt dessen zum Exporteur von Angst, schreibt Sergej Medwedew bei Deskrussie.fr. Längst hat der Krieg globale Auswirkungen. Medwedews Reflexion über das "Dritte Imperium" (so der Titel eines Romans von Michail Jurjew, auf den sich Medwedew unter anderem bezieht) geht von einem Satz aus, der apokryph ist, aber oft Zar Nikolas I. oder Alexander III. zugeschrieben wird: "Russland ist keine Industrie-, Agrar- oder Handelsmacht; Russland ist eine Militärmacht, deren Berufung es ist, die Welt um sie herum zu bedrohen." In Medwedews Beschreibung hat Russland auch ein paar Ähnlichkeiten mit Deutschland: "Russland hat seine europäische Identität in Kriegen gegen Europa geschmiedet.  Der norwegische Politologe Iver Neumann sieht in Russland, ebenso wie in der Türkei, 'ein konstitutives Anderes' Europas. Der Philosoph Boris Groys bezeichnet Russland als 'das Unbewusste des Westens', in dem der Westen seine geheimen Ängste und Erinnerungen, seine Furcht vor dem Irrationalen und Unerklärlichen aufbewahrt."
Stichwörter: Russland, Groys, Boris, Unbewusste

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2022 - Ideen

Ausführlich antwortet Timothy Snyder in der FAS auf Jürgen Habermas' Friedensappell in der SZ, dem er vorwirft, ohne weitere Reflexion die deutsche Mentalität der "neuen Ostpolitik" fortzuführen: "Habermas erwähnt nebenbei den 'Fehler deutscher Regierungen', eine Abhängigkeit von russischem Öl und Gas nicht vermieden zu haben. Das war jedoch eine aktive deutsche Entscheidung, zu der es Alternativen gab. Der Beschluss, die Kernenergie aufzugeben, war unverständlich, die Entscheidung, nach der russischen Invasion in der Ukraine 2014 Nord Stream 2 zu bauen, skandalös. Diese Entscheidungen hatten verheerende Folgen. Politische Entscheidungen haben zur Folge, dass Deutschland selbst heute noch Russlands Vernichtungskrieg finanziert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.06.2022 - Ideen

And now to something completely different: John Stuart Mill wollte lieber als unzufriedener Mensch leben denn als zufriedenes Schwein. Im Interview mit Claudia Mäder in der NZZ widerspricht der britische Philosoph John Gray solchen Anflügen humaner Überheblichkeit: Mill verstand nichts von Katzen und nichts vom Glück: "Mill glaubte, dass das Glück für die Menschen im Bereich des Intellekts oder der Moral liegt. Er verstand Glück nicht als Gefühl oder als sinnliche Empfindung, sondern als Lebensform, in welcher der Mensch seine besten Anlagen entfaltet. Das Leben eines Schweins hat er nie gelebt, nur schon darum halte ich nichts von seiner Aussage. Zudem bin ich absolut nicht überzeugt davon, dass moralische und intellektuelle Freuden uns Menschen die meiste Zufriedenheit geben im Leben. Eher könnten wir hier einiges von den Katzen lernen: Das reine Gefühl, am Leben zu sein, das Leben zu erfahren, es zu spüren, sorgt bei ihnen für Behagen. Für uns kann Glück zwar nicht allein in diesem Gefühl bestehen. Aber mehr katzenartiges Glück könnte uns insgesamt nur guttun."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.06.2022 - Ideen

"Der deutsche Kulturbetrieb bietet in letzter Zeit immer mehr Foren für Antisemitismus, auch wenn er diesen in seiner neuesten Verkleidung hofiert - nämlich der Dämonisierung Israels unter postkolonialen Vorzeichen", konstatiert Jan Alexander Casper in der Welt, der die Tagung Hijacking Memory im Berliner Haus der Kulturen der Welt noch einmal resümiert. Dort hatte der palästinensische Aktivist Tareq Baconi die Holocaust-Debatte als "jüdisches Psychodrama" bezeichnet. (Unser Resümee) Die Kritik an dem Vortrag durch den Historiker Jan Grabowski hatte HKW-Intendant Bernd Scherer gegenüber Welt von sich gewiesen. "Scherers Amtszeit ist bald vorbei. Läuft alles, wie geplant, so übergibt er das schon unter seiner Ägide auf einen BDS-nahen Kurs eingeschwenkte Haus dann im Januar einem offen antiisraelischen Intendanten, Bonaventure Ndikung. Wäre das eine gute Entwicklung? Darf sich das Haus der Kulturen der Welt, mitten in der deutschen Hauptstadt, zum öffentlich bezahlten Thinktank für eine neue Form des Antisemitismus entwickeln? Und müsste die Kulturstaatsministerin und HKW-Aufsichtsratsvorsitzende Claudia Roth nicht einschreiten, wenn unter ihrer Aufsicht Räume für Judenhass entstehen?"

Es ist "keine Überraschung, dass sich Antisemitismus seit einiger Zeit vermehrt in politischen Kreisen artikuliert, die glauben, sich der Gerechtigkeit verschrieben zu haben", schreibt der Historiker Volker Weiß in der SZ: "Blickt der Rassismus gewöhnlich nach 'unten', so fürchtet der Antisemitismus im Juden eine bedrohliche Überlegenheit und wähnt sich selbst in der Position des Underdogs. Gerade dieses Merkmal öffnet das Feld für Themen, in denen es um Schwächere geht. Hinzu kommt, dass die Rassentheorie derzeit zumindest offiziell einen schweren Stand hat, während Fragen von Religion und Gerechtigkeit gerade angesichts gravierender Krisen das moralische Recht auf ihrer Seite reklamieren."

"Einige Vertreter postkolonialer Ansätze halten Antisemitismus für kein wesentliches Problem, er sei ein Kampf unter Weißen", sagt Meron Mendel im Tagesspiegel-Gespräch (hinter Paywall): "Sie tendieren zur eindimensionalen Betrachtung Israels als kolonialem Projekt. Das ist eine offene Flanke. Aber das diskreditiert nicht alle Verdienste postkolonialer Theorie. (…) Es wäre schon der Anfang, wenn man deutlicher zwischen Juden und Israelis unterscheidet. Dann musste man immer wieder überprüfen, ob in der Kritik an Israel auch auf judenfeindliche Narrative zurückgegriffen wird: beispielsweise, wenn Israelis als Blutsauger, Kindermörder oder als Strippenzieher dargestellt werden, die die Welt kontrollieren. Antisemitismus kann man als pathische Projektion definieren, als irrationales Denkschema. Wenn andererseits jedoch ein Palästinenser, der unter der Besatzung leidet, Israel kritisiert oder sogar hasst, ist das überhaupt nicht irrational. Wenn sich die Kritik nicht gegen Juden richtet, weil sie Juden sind, sondern gegen die Besatzer - die, wenn man so will, auch Juden sind."

Mehr zur Thematik im Documenta-Kontext natürlich in efeu.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.06.2022 - Ideen

Im Documenta-GAU (mehr in Efeu) kulminieren Debatten, die in Deutschland seit Jahren geführt werden und die von den großen Zeitungen zunächst nur zögerlich wahrgenommen wurden, etwa die Debatte um Achille Mbembe und um den Postkolonialismus: "So schnell wird der Postkolonialismus den Juden die Singularität des Holocausts nicht verzeihen", schreibt Claudius Seidl heute in der FAZ, und "dass zum postkolonialen Denken auch ein problematisches Verhältnis zum Holocaust, zu den Juden im Allgemeinen und zum Staat Israel gehört, ist allerdings eine seiner Grundlagen." Beleg dafür sind für Seidl Autoren wie Frantz Fanon oder W.E.B Dubois, der schrieb, "dass es keine Nazi-Gräuel gebe, die die Europäer nicht seit langem den Menschen anderer Hautfarbe angetan hätten. Und in den Schriften unseres Zeitgenossen, des Kameruners Achille Mbembe, liest es sich noch immer so, als ob mit dem Holocaust der Kolonialismus nur endlich auch über die Kolonialisten gekommen sei".

In den geisteswissenschaftlichen Instituten ist die postkoloniale Position allerdings Mainstream, schreibt auch Caroline Fetscher im Tagesspiegel: "Mit dem Verweis auf Israel 'als letzte Kolonialmacht' und die Palästinenser als die letzten Kolonisierten dieser Erde sind realitätsverzerrende Diskurse an Universitäten und in der Kunstszene inzwischen gang und gäbe. Protagonisten sind akademische Berühmtheiten wie Gayatri Chakravorty Spivak, Achille Mbembe, Jasbir Puar oder Judith Butler."

Außerdem: Die deutsche progressive linke Kulturelite, die sich zunächst auf der Tagung "Hijacking Memory" im Berliner Haus der Kulturen der Welt traf (Unsere Resümees), in der darüber diskutiert wurde, weshalb radikale Israelkritiker wie der BDS in Deutschland oft als antisemitisch angesehen werden, und die im Vorfeld für die Documenta fifteen einstand, gibt sich weltoffen und universalistisch, schreibt der israelische Soziologe Natan Sznaider in der Zeit.  Aber: "Es wird leicht übersehen, dass der Wunsch nach Emanzipation und Universalismus auf eine postkolonialistische Kritik trifft, die selbst universalistischen Werten des Westens ablehnend gegenübersteht".

Autokratien haben sich modernisiert und den Mechanismen der digitalen Offentlichkeit angepasst, schreibt der bekannte Politologe Jan-Werner Müller in der Zeit: "Im 20. Jahrhundert war Emigration aus den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang bekanntlich streng verboten (und endete oft tödlich). Heute können unzufriedene Ungarn sich schnell einen Job anderswo in der EU suchen; eine unbeabsichtigte Folge der Freizügigkeit des Binnenmarktes ist, dass politischer Druck auf Autokraten sinkt. Auch Putin wird sich wohl freuen, dass in diesem Frühjahr schon fast vier Millionen Bürger das Weite gesucht haben - für Russland eine Katastrophe, für den Kreml-Herrscher weniger potenzielle Opposition."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.06.2022 - Ideen

In den postkolonialistischen Debatten der letzten Jahre war zwar immer der Westen an allem Schuld, aber nun zeigt sich, das auch Russland ein kolonisierendes Imperium war, dem Aleida Assmann in Zeit online eine entsprechende Wende verordnet: "In Putins Welt fand der lange Prozess der Dekolonisierung, der das 20. Jahrhundert begleitete, nicht statt. Für ihn hat der Begriff des Imperiums nichts von seiner Strahlkraft verloren. Diese entspringt einer politischen Nostalgie, mit der er die Verlusterfahrung von Macht kompensiert. Die Anerkennung von Gewalt und Repression, die inzwischen weithin im Bewusstsein der ehemaligen Kolonialstaaten angekommen ist, ist beim russischen Präsidenten ausgeblieben. Hier zeigt sich eine eklatante geschichtspolitische Schieflage, die in den Kalten Krieg zurückgeführt und ihn in einen heißen Krieg verwandelt hat."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.06.2022 - Ideen

Was ist eigentlich der "globale Süden", der etwa von der Documenta immer als das Wunschziel unserer Solidarität beschworen wird, fragt Alan Posener in seinem Blog starke-meinungen.de: "Der 'globale Süden' ist ein ideologischer Begriff, der selbsternannte Vertreter jener Länder und Völker meint, die von linkem Kongress zu linkem Kongress oder wie die indonesische Gruppe ruangrupa, die zurzeit die Documenta - selbstverständlich ohne israelische Künstlerinnen - kuratiert, von Kunstschau zu Kunstschau jetten und aus dem schlechten Gewissen der Privilegierten ein Geschäft machen. Mit der realen Welt hat der imaginierte 'globale Süden' so viel zu tun wie Israel mit einem kolonialen Apartheidstaat, nämlich nichts." (Posener attackiert in seinem Artikel übrigens auch die französische Akvisitin Sihame Assbaque, die an einer Hamburger Konferenz des Goethe-Instituts über Rechtsextremismus teilnimmt, mehr hier und hier.)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.06.2022 - Ideen

Gerade hatte das vom Auswärtigen Amt mitgetragene Haus der Kulturen eine Konferenz zu der Frage veranstaltet, wie die Rechte den Holocaust instrumentalisiert ("Hijacking Memory", unsere Resümees), da kommt schon die nächste Konferenz des Goethe-Instituts, "Beyond the Lone Offender - Dynamiken der globalen Rechten" im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel. Die Veranstaltung beschäftigt sich mit dem dreißigsten Jahrestag der Pogrome von Rostock-Lichtenhagen, hier die Website. Schon vor der Veranstaltung kommt es zu einem kleinen Eclat, weil das Goethe-Institut den palästinensischen Dichter Mohammed El-Kurd ausgeladen hat. Das Institut begründet die Ausladung in einem Twitter-Thread: "Nach reiflicher Überlegung hat das Goethe-Institut entschieden, dass Mohammed El-Kurd als Redner für dieses Forum nicht geeignet ist: In früheren Beiträgen in den sozialen Medien hatte er sich mehrfach in einer Weise über Israel geäußert, die das Goethe-Institut nicht akzeptabel findet."

Der Moderator Senthuran Varatharajah, der das Podium mit El-Kurd leiten sollte, sagte daraufhin ebenfalls in einem langen Twitter-Thread seine Teilnahme ab, und die postkoloniale Twitter-Blase befindet sich in heller Aufregung. Varatharajah veröffentlicht auch den Brief, den er an das Goethe-Institut geschrieben hat und in dem eine Argumentationsfigur vorkommt, die neulich auch von Claudia Roth benutzt wurde (unser Resümee): Wahrheit gilt regional, was in Deutschland antisemitisch ist, ist anderswo völlig legitim. Varatharajah schreibt: "Menschen wie El-Kurd wird abverlangt zu sprechen wie Deutsche, die einen Genozid in der jüngeren Geschichte zu verantworten hatten. Ihm wird nicht zugestanden wie jemand zu sprechen, der aufgrund seiner Identität strukturell und militärisch marginalisiert wird in seinem Herkunftsland." Die Diskussionen um El-Kurd sind schon älter, wie ein Thread der Twitter-Userin Ahsera M. zeigt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.06.2022 - Ideen

Fritz Engel und Bernd Ulrich reihen in der Zeit die von ihnen diagnostizierte Untätigkeit der Menschen angesichts der Klimakrise in die Trias der Freudschen Kränkungen ein: "Unter der Oberfläche verletzt die vierte, die ökologische Kränkung den Menschen in einer Weise, die darüber hinausgeht, was Sigmund Freud vor hundert Jahren analysiert hat. Sie stellt alles infrage, was dem Menschen zu Stolz und Ehre gereicht, sie versieht fast alle Erzählungen mit einem Fragezeichen, die der moderne Mensch gern über sich selbst verbreitet. Angefangen vom Gang der Geschichte über den Sinn des eigenen Lebens bis hin zum Hochgefühl der individuellen Freiheit."

Der ukrainische Philosoph Anton Tarasyuk (einer der Mitautoren des taz-Briefs oben) antwortet in der Zeit auf Thomas Karlaufs Verteidigung Helmut Schmidts. Für ihn ist Schmidt wie Habermas ein Postvisionär, der die Welt nach dem Wüten der Geschichte wie ein Schachbrett betrachtet. Diese Art von Geopolitik ist passé, so Tarasyuk: "Wir haben keine andere Wahl, wir müssen die große europäische Vision in die Politik zurückbringen. Es gibt keinen Raum für halbherzige Schritte oder Postvisions-Konformismus. Im besten Fall werden sie zu eingefrorenen Konflikten führen, im schlimmsten Fall wird es um die gänzlich sinnlose Verschwendung von Ressourcen gehen."

Ebenfalls in der Zeit schreibt Ijoma Mangold über den Sturz der Politologin Ulrike Guérot, die eben noch auf allen Podien saß und nun als Coronaskeptikerin, Putin-Versteherin und Plagiatorin gilt.