9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Internet

1332 Presseschau-Absätze - Seite 39 von 134

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2020 - Internet

Ross LaJeunesse ehemals Leiter der Abteilung für Auslandsbeziehungen bei Google, erzählt bei Medium, warum er Google verlassen hat. Ausschlaggebend waren unter anderem die Diskussionen um "DragonFly", das Projekt einer chinesischen Google-Suche, die die Zensurbestimmungen der chinesischen Machthaber respektiert. Die Firma, so LaJeunesses Vorwurf, ist nicht nur intern frauenfeindlich, homophob und rassistisch, sie hat auch ihr Bekenntnis zur Beachtung der Menschenrechte bei ihrer Expansion in Ländern wie China und Saudi Arabien aufgegeben. Er habe vorgeschlagen, die Menschenrechte in der Firmenpolitik offizieller zu verankern, aber man habe mit juristischen Bedenken geantwortet: "Wir haben die Meinung von externen Experten vorgelegt, die erneut bestätigten, dass diese Befürchtungen unbegründet sind. Zu diesem Zeitpunkt wurde plötzlich ein Kollege damit beauftragt, die Diskussionen des Policy-Teams für Dragonfly zu leiten. Als jemand, der sich konsequent für einen menschenrechtsbasierten Ansatz eingesetzt hatte, wurde ich von den laufenden Gesprächen über den Start von Dragonfly ausgeschlossen. Dann wurde mir klar, dass das Unternehmen nie die Absicht hatte, Menschenrechtsprinzipien in seine Geschäfts- und Produktentscheidungen zu integrieren. Gerade als Google sein Engagement für die Menschenrechte hätte verdoppeln müssen, entschied man sich für größere Gewinne und einen noch höheren Aktienkurs."

In der taz berichtet Ulf Schleth unterdessen, wie er persönlich mit Google gebrochen hat. Aber sein Text zeigt auch, wie umständlich es in vielen Bereichen inzwischen ist, ohne Google auszukommen. Und er macht auf ein andere Problem aufmerksam: "Google versucht Bedenken zu zerstreuen. Es stellt viel Geld bereit, um Schulen zu 'fördern', und schleimt sich mit der 'Digital News Initiative' bei den Medien ein. Auch die taz hat Geld von Google angenommen. Man nennt das deep lobbying. Konzerne machen keine Geschenke, sie agieren in Gewinnabsicht. Das können Daten sein, aber auch ein Imagegewinn. Das ist wie Blumen verschenken, wenn man seinen Partner betrogen hat. Es hat meine Beziehung zu Google nachhaltig gestört."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2020 - Internet

Ein Datenschutzbeauftragter ganz allein gegen die sozialen Medien. Stefan Brink, Datenschutzbeauftragter des Landes Baden-Württermberg, löscht sein Konto mit mageren 5.400 Followern mit Verweis auf das DSGVO, berichtet Christiane Schulzki-Haddouti bei golem.de. Hintergrund seien Urteile des EuGH, das auch Nutzern Verantwortung für die Datensammelei der Konzerne zuschreibt: "Laut Brink sei nach den Urteilen eine Abstinenz von sozialen Netzwerken nicht nur für ihn als Datenschutzbeauftragten zwingend, 'sondern für alle Behörden und auch Privatunternehmen, die soziale Medien nutzen'. Für Privatpersonen gilt die Datenschutzgrundverordnung nicht. Er werde daher in diesem Jahr Gespräche zunächst mit Behörden, vor allem Ministerien, und dann auch mit Unternehmen führen. Diese könnten dazu führen, 'dass wir möglicherweise von unseren Aufsichtsbefugnissen Gebrauch machen und anordnen, dass zum Beispiel Behörden soziale Medien verlassen.'" Brink schlägt vor, europäische Alternativen zu Twitter und Facebook aufzubauen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2019 - Internet

Das Silicon Valley hat seine beste Zeit hinter sich, die Köpfe sind "gleichgeschaltet", sagt im großen NZZ-Interview mit Rene Scheu der Physiker Andreas Hieke, der im Silicon Valley lebt: "Der Sündenfall geschah 2004, als Google nach dem Platzen der Dotcom-Blase an die Börse ging. Noch in den 1990er Jahren hatten die Suchmaschinen und sozialen Netzwerke die besten Intentionen, sie wollten Menschen verbinden, Wissen teilen, Gemeinsamkeit schaffen und damit Geld verdienen. Schematisch gesprochen: Es ging um das Indizieren von Websites, unter Wahrung der informationellen Selbstbestimmung des Individuums. Dann zeigte sich, dass sich damit wenig Geld verdienen lässt. Und so begann die Indizierung - das Profiling - von Usern, also von Menschen in Fleisch und Blut. Die neuen Software-Firmen sammeln ganz einfach alle Daten über unser Such- und Kaufverhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2019 - Internet

Der Softwareentwickler Tim O'Reilly glaubt immer noch an das Gute von Algorithmen, und ja, auch Regierungen und Staatsvölker können davon profitieren, erklärt er in einem sehr konstruktiven Interview mit Zeit online: "Wenn wir uns eine bessere Regierung vorstellen, wäre sie datengetrieben und würde eindeutige Ziele formulieren. Stattdessen haben wir diesen Vetternwirtschaftskapitalismus, in dem einzelne Interessengruppen zu viel Einfluss haben. Das ist, als würde sich Google mit den Spammern an einen Tisch setzen und mit ihnen verhandeln, welches Stück vom Kuchen sie abbekommen. Ich denke nicht, dass wir 'das Internet' reparieren müssen, sondern wir müssen etwas an der Tatsache ändern, dass es Gruppen von Menschen mit sehr engen Partikularinteressen gibt, die die Welt als Geisel halten und uns daran hindern, die Probleme anzugehen, die für den Rest der Menschheit sehr bedeutend sind. Offen gestanden, wir brauchen eine Regierung, die sich genauso am öffentlichen Interesse orientiert wie die Techfirmen in ihren besseren Tagen am Wohl ihrer Nutzer."

In der NZZ warnt der emeritierte Literaturwissenschaftler Manfred Schneider vor Facebook, das für ihn alles Übel der modernen Welt zu verkörpern scheint: "Politisch gesehen, ist Facebook ein Übel, weil es die größte und zugleich empfindlichste Einrichtung der aufgeklärten Moderne, die kritische freie Öffentlichkeit, aus kommerziellen Motiven in den Ruin treibt. Die Stoiker-Philosophen haben diese Institutionen einst begründet. Die schwierige Einhegung der Macht, davon waren erst recht die Gründungsväter der USA überzeugt, kann nur durch den freien, chancengleichen Austausch vernünftiger Argumente erfolgen. Wenn jetzt aber über die Social Media präzise personenbezogene politische Werbung lanciert wird, die nicht mehr der öffentlichen Kritik von wahr und falsch ausgesetzt ist, sondern an eine fiktive menschliche Lügennatur appelliert, so ist an die Stelle der vom Willen zur Vernunft und Toleranz getragenen Einrichtungen ein wahrheitsgleichgültiges und überzeugungsloses technisches Netzwerk getreten."

Heute wird das russische Internet erstmals versuchsweise vom internationalen Netz gelöst, berichtet "Sunny" bei tarnkappe.info: "Ähnlich wie Chinas Firewall will man ein eigenes System schaffen, wodurch sich das Land auch längerfristig vom Internet der restlichen Welt abkoppeln kann. Ab 2020 will die Regierung den gesamten Traffic bereits über die lokale Infrastruktur abwickeln können. Kritiker von RuNet sehen in dem neuen Gesetz allerdings auch einen Grundstein für noch mehr Zensur und Überwachung in Russland. Auch eine sehr umfangreiche und gründliche Vorratsdatenspeicherung soll zu dem neuen Sovereign Internet Gesetz dazugehören."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.12.2019 - Internet

Laut Recherchen von SZ, NDR und WDR sollen knapp 90.000 deutsche Facebook-, Instagram- und Youtube-Accounts, darunter solche von Politikern und Verbänden aller großen politischen Parteien, Likes von der Magdeburger Firma "Paid Likes" gekauft haben, meldet die SZ: "Auch die Bundeswehr taucht in den Daten auf. Demnach wurden im vergangenen Jahr Likes und Views für das Youtube-Video 'Platz da, jetzt kommen die Girls!' gekauft. Der Clip wirbt für eine Karriere bei der Bundeswehr und wurde mehr als eine Million Mal angeschaut. 'Das Bundesministerium der Verteidigung und die für uns tätige Agentur haben keine Likes gegen Bezahlung generiert', sagt eine Sprecherin des Verteidigungsministeriums."
Stichwörter: WDR, NDR, Bundeswehr, Instagram

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.12.2019 - Internet

Der türkisch-französische Digitalaktivist Aral Balkan schimpft im Interview mit der SZ über Google und Co, die die Daten der Menschen absaugten. Er will dagegen eine "ethisch unbedenkliche Software" entwickeln. Wie die aussehen soll, sagt er aber nicht (oder Interviewer Jannis Brühl interessiert sich nicht dafür, das Google-Bashing abzufragen, ist ja so viel einfacher.)
Stichwörter: Balkan

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.12.2019 - Internet

Vielleicht sollte man aber auch mal über die Chancen der Digitalisierung reden, meint in der Welt der Technologie-Investor David Rosskamp. Er fordert "eine Vervielfachung der bisherigen Töpfe, einen gigantischen neuen Marshallplan zur Umgestaltung und Anpassung der europäischen Wirtschaftsstruktur" auf europäischer Ebene. Denn Europa ist wegen seiner pessimistische und zögerliche Haltung zur Digitalisierung total abgehängt: "Wir hängen am Tropf von amerikanischen oder asiatischen Geldgebern. Die Schwere dieser Situation ist wohl nur den wenigsten bewusst, und eine größtenteils apathische Öffentlichkeit vermeidet eine tiefere Auseinandersetzung. Der darunter liegende Kerngrund der europäischen und deutschen Misere ist allerdings auch ein kultureller. Akademisch und kulturell erleben wir eine abgehängte, insulare Welt, die in altem Industriedenken verharrt und folglich dem 'Haptischen' der Maschine mehr zumisst als der intellektuellen Kombinatorik."
Stichwörter: Digitalisierung

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.12.2019 - Internet

Sebastian Meineck berichtet auf Vice über ein Experiment, das er auf dem immer populäreren sozialen Netzwerk TikTok angestellt hat. Unter jungen Nutzern wird TikTok, das von einer chinesischen Firma betrieben wird, immer populärer. (Allein in Deutschland nutzen 5,5 Millionen Menschen die Plattform, meldet heute das Wiwo-Blog). Meineck hat einige China-kritische Videos bei TikTok eingestellt, die total floppten. Nun könnte das natürlich an allgemeinem Desinteresse liegen: "Es lässt sich nicht überprüfen, ob TikTok-Moderatoren unsere Videos gezielt herabgestuft haben - oder ob schlicht wenige Menschen sie interessant fanden. Eine seltsame Beobachtung haben wir aber gemacht: Unsere Videos sind in mindestens neun Fällen aus den Hashtag-Suchergebnissen der App verschwunden. Nutzerinnen und Nutzer können ihre TikTok-Videos ähnlich wie auf Twitter und Instagram mit Hashtags versehen, damit sie für andere auffindbar sind. Von diesen Hashtags handelte auch unser erster Upload auf TikTok. Wir hatten uns gewundert, warum wir am 26. November nur zwei Videos unter dem Hashtag #freexinjiang finden konnten und nur ein einziges unter dem Hashtag #chinacables." Auf Nachfrage hat TikTok auf einen "Bug" verwiesen. Hyperallergic berichtete vorgestern von ähnlichen Ausreden.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.12.2019 - Internet

Die Idee des offenen Internets (die sich in Deutschland nie recht herumgesprochen hat), wird verkauft, schreibt Sebastian Grüner in einem Golem-Artikel, der sich zugleich kompliziert und spannend liest. Verkauft wird ausgerechnet die .org-Domain, die bisher gemeinnützig verwaltet wurde und unter der sich vor allem gemeinnützige Organisationen registrieren. Beteiligt sind die "Internetbehörde" ICANN und die Internet Society (ISOC). Grüner stellt undurchsichtige Personalkonstellationen von Käufern und Verkäufern dar. Der Kaufpreis soll bei 1,135 Milliarden US-Dollar liegen: "Diese Summe mag auf den ersten Blick groß erscheinen, ist aber eigentlich lächerlich klein und sicherlich deutlich unter Wert. So gibt es derzeit mehr als 10 Millionen .org-Domains. Mit den nun möglichen Preissteigerungen und eventuell neuen Registrierungen könnte die .org-Registry wohl nach einigen Jahren 200 Millionen US-Dollar im Jahr einnehmen. Ebenso könnten die neuen Eigner die Registry einfach zu einem höheren Preis weiterverkaufen."

Der Webtheoretiker und -Aktivist Ethan Zuckerman macht sich in der Columbia Journalism Review unterdessen Gedanken über die Frage, ob sich die Idee des offenen Internets auch auf soziale Medien übertragen lässt. Sein Modell für ein "public service"-Angebot wäre die Wikipedia, die immerhin gezeigt hat, dass ein kollektiver Aufbau eines gesicherten Wissens möglich ist: "Ein gemeinnütziges Web erlaubt uns, Dienste zu imaginieren, die es jetzt nicht gibt, weil sie nicht kommerziell tragfähig sind, die aber womöglich zu unserem Nutzen, zum Nutzen der Bürger in einer Demokratie, existieren sollten. Wir haben eine Welle von Innovationen bei Tools gesehen, die uns unterhalten sollen, aber sehr viel weniger Innovation um Tools, die uns erziehen und unseren Wirkungskreis erweitern oder die marginalisierte Stimmen verstärken."

Statt von einer Zerschlagung Googles zu träumen, sollte Europa lieber eine eigene Suchmaschine bauen, meint Adrian Lobe in der Welt. Wie die aussehen soll in einer Gesellschaft, die lieber über das redet, was sie nicht zu finden wünscht, als über neue Möglichkeiten, die sich eröffnen, sagt Lobe nicht. Man versteht auch nicht, wer diese Suchmaschine bauen soll: die Staaten? Abgesehen davon, dass die Idee einer staatlich kontrollierten Suche doch eher nach Russland oder China klingt, hat das bis jetzt ja auch nicht geklappt: "2006 versuchten Deutschland und Frankreich mit dem gemeinsamen Suchmaschinenprojekt Quaero eine Konkurrenz zu Google aufzubauen. Quaero hätte eine europäische Antwort auf Google sein sollen, ein binationaler Champion nach dem Vorbild von Airbus. Doch das Projekt, das von Frankreichs damaligem Staatspräsidenten Jacques Chirac angetrieben wurde, scheiterte an der Finanzierung - und daran, dass Deutschland mit der Suchmaschine Theseus einen nationalen Alleingang wagte. Es wäre interessant gewesen zu beobachten, wie sich eine Euro-Suchmaschine gegenüber der US-Konkurrenz entwickelt hätte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.12.2019 - Internet

Frankreich ist das erste EU-Land, das die EU-Urheberrechtsreform national umsetzt. Die EU-Abgeordnete Julia Reda liest die Paragrafen zu den Uploadfiltern und äußert sich in ihrem Blog entsetzt: Frankreich hatte sich schon während der EU-Debatte als zuverlässigster Partner der Copyright-Industrien betätigt und tut dies nun wieder. So sind die Ausführungen zu den Nutzerrechten in dem Entwurf für die Umsetzung des Artikels 17 (vormals 13) äußerst rudimentär geraten, kritisiert Reda. Denn es gibt einige Ausnahmen vom Urheberrecht, etwa wenn Videos zitiert oder zu Parodien eingesetzt werden: "Anstatt sicherzustellen, dass Plattformen bestehende Urheberrechtsausnahmen in ihren Bedingungen nicht außer Kraft setzen, wie es die Richtlinie vorschreibt, fordert der französische Vorschlag die Plattformen lediglich auf, die Nutzer über das Bestehen von Urheberrechtsausnahmen nach nationalem Recht zu informieren. Die entscheidenden Teile von Artikel 17, in denen es heißt, dass Plattformen den Nutzern ermöglichen müssen, tatsächlich von diesen Ausnahmen zu profitieren, und dass solche rechtlichen Inhalte überhaupt nicht blockiert werden dürfen, fehlen völlig."