9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.05.2017 - Internet

China baut sich seine eigene Internetenzyklopädie, um der Wikipedia Konkurrenz zu machen, berichtet Werner Pluta bei Golem: Es gibt zwar "eine chinesische Ausgabe der Wikipedia, die etwa 940.000 Artikel umfasst. Zum Vergleich: Die deutsche Ausgabe hat über zwei Millionen Einträge, die englischsprachige knapp 5,4 Millionen. Daneben betreiben einige der großen Webanbieter eigene Online-Enzyklopädien, wie die Baidu Baike der Suchmaschine Baidu. Der Zugang zur chinesischen Wikipedia ist teilweise beschränkt. Viele Artikel, vor allem aus den Bereichen Wissenschaft und Technik, sind abrufbar, Einträge wie etwa um den Dalai Lama hingegen nicht." An der neuen chinesischen Enzyklopdäie arbeiten 20.000 Autoren mit. Die Artikel dürfen selbstverständlich nicht vom Publikum verändert werden."

Constanze Kurz berichtet in ihrer FAZ-Kolumne unterdessen über Zensur an der türkischen Wikipedia: "Die türkische Zeitung Hürriyet berichtet über die Vorgeschichte der aktuellen Netzsperre: Behörden hätten Wikipedia aufgefordert, bestimmte Autoren und Links zu entfernen, die der 'Terrorunterstützung' dienten. Dem sei nicht nachgekommen worden. Das Totschlagargument 'Terror' fruchtet nicht in einer Community, die der Sammlung von Wissen und Fakten gewidmet ist." Und Wikipedia-Gründer Jimmy Wales wurde von einem türkischen Kongress ausgeladen, nachdem er die Zensur in der Türkei kritisiert hatte, berichtet afp, hier in der FR.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.05.2017 - Internet

In einem epischen Interview mit Zeit online erzählt der aus Schweinfurt stammende Informatiker und Unternehmer Florian Leibert, wie er mit zwei Kollegen ein "Betriebssystem für das 21. Jahrhundert" baut, wie es sich in Silicon Valley lebt und warum er seine Firma schlecht in Deutschland hätte gründen können: "Deutschland hat große Talente, die deutschen Unis sind super, es gibt dort eine Spitzenausbildung, die mit Amerika mithalten kann. Was in Deutschland fehlt, sind diese Riesenfirmen, in denen man Wachstum lernt. Also zum Beispiel Netflix, Twitter, Airbnb, Google, Facebook. Die Ingenieure, die dort anfangen, interessieren sich sehr schnell dafür, Infrastruktur zu bauen, die diese Millionen oder Milliarden Benutzer und somit das Wachstum der Firma unterstützen. Die Art der Softwareentwicklung hat sich krass verändert, seit man Milliarden von Nutzern und ein riesiges Datenwachstum verarbeiten muss."
Stichwörter: Netflix, Silicon Valley, Airbnb

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.04.2017 - Internet

Facebook hat in einem Bericht (hier das pdf) den Vorwurf der amerikanischen Geheimdienste bestätigt, im Präsidentschaftswahlkampf von Russland für Manipulationen und Meinungsmache missbraucht worden zu sein, berichtet Patrick Beuth auf Zeit Online. Für Beuth ein in mehrfacher Hinsicht bemerkenswerter Vorgang: "Erstens ist es immer noch ungewöhnlich, dass sich ein US-Unternehmen derart zu geopolitischen Angelegenheiten wie dem Thema Wahlbeeinflussung äußert und dabei - wenn auch nur indirekt - Namen nennt. Anders als eine Regierung, die vielleicht auf ein Zusammenrücken der Bevölkerung im eigenen Land hoffen kann, hat Facebook dabei nämlich nichts zu gewinnen. Zweitens geht mit dem Satz wie auch mit dem ganzen Dokument ein Eingeständnis einher: Facebook wird von staatlichen oder staatlich unterstützten Akteuren als geeignete Plattform für den Informationskrieg angesehen. Drittens räumt Facebook damit ein, dass es die Versuche der Wahlbeeinflussung nicht hat unterbinden können."

Den "größten Krieg um Aufmerksamkeit aller Zeiten" sieht Chris J. Anderson, Kurator der TED Talks, in der NZZ auf uns zukommen, angesichts jener fünf Milliarden Menschen, die kurz davor stehen, Zugang zum Internet zu erhalten: "Jeder globale Betrieb, jede Regierung und jede Ideologie hat ein großes Eigeninteresse in diesem Spiel. Das Ergebnis könnte viele verschiedene Formen annehmen, von denen einige hässlich sind. Das Besondere und gleichfalls Wesentliche ist dabei die Tatsache, dass wir einen Plan haben. Fest steht, dass wir die Erde nicht physisch verkabeln müssen. Satelliten, möglicherweise unterstützt von Drohnen und Ballons, sind dabei, diese Aufgabe viel schneller zu erledigen. Wir können sicher sein, dass uns eine massive Umwandlung bevorsteht. Wir sollten gut darauf vorbereitet sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.04.2017 - Internet

Adrienne LaFrance bekennt in Atlantic ihre große Skepsis gegenüber Jimmy Wales' Idee einer Wikitribune (unser Resümee): Professionelle Journalisten sollen dort recherchieren, freiwilllige, und unbezahlte Mitarbeiter sind für das Fact checking zuständig. Wales betreibt gerade Crowdfunding für die Journalisten. Die Crux für LaFrance : "jemand, der für seine journalistische Arbeit bezahlt wird, verkehrt nicht auf gleicher Ebene mit jemand, der unbezahlt ist. Und unbezahlte journalistische Arbeit würde professionellem Journalismus schaden. Der Unterschied zwischen einem Profi und einem Amateur muss nicht in der Begabung liegen, aber er ist messbar in der Zeit und in anderen Ressourcen, die gebraucht werden, um einen Job zu machen."

Der Verband der Zeitschriftenverleger hat sich gestern scharf gegen das von der Bundesregierung geplante "Netzwerkdurchsetzungsgesetz" ausgesprochen, das soziale Medien zur Feststellung und Löschung von Fake News verpflichten soll, berichtet Markus Reuter bei Netzpolitik. In der Erklärung heißt es: "Statt eines unausgegorenen Gesetzes, das vor der Wahl durch den Bundestag getrieben werden soll, sollten alle Kräfte an der konsequenten Durchsetzung des bereits geltenden Rechtes arbeiten." Hierzu werde von den Verlegern ein Fünfpunkteplan formuliert, am rätselhaftesten klinge dieser: "Es geht nicht nur darum, rechtswidrige Veröffentlichungen zu bekämpfen. Umgekehrt muss auch verhindert werden, dass Quasi-Monopolisten wie Facebook nach eigenem Gutdünken bestimmte rechtmäßige Inhalte nicht veröffentlichen. Deshalb müssen solche marktbeherrschende Plattformen allen rechtmäßigen Inhalten diskriminierungsfreien Zugang gewährleisten."

Erinnert sich noch jemand an das große Klagen der Musikindustrie, die ihr Geschäftsmodell durch die Digitalisierung und die angebliche Kostenlosmentalität ihrer Kunden ruiniert sah? Da konnte man sich den Mund fusselig reden, dass einfach nur kundengerechte Angebote fehlten, es nützte nichts. Und heute? Da schluckt selbst die FAZ: "Die Einnahmen der Musiklabels aus dem Streaminggeschäft sind im vergangenen Jahr weltweit um 60 Prozent nach oben geschnellt. Damit konnten die Musikabonnements die Einbußen aus dem mittlerweile stark schrumpfenden Geschäft mit Musikdownloads und den seit vielen Jahren bröckelnden CD-Verkäufen mehr als wettmachen."

Außerdem: FAZ-Redakteurin Hannah Bethke bezweifelt im Feuilleton, dass das Internet zu mehr Demokratie führt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.04.2017 - Internet

(Via turi2) Gerne wird über Trolle im Netz geklagt und die böse Plattform Facebook kritisiert. So gut wie nie erwähnt wird, das die Wikipedia längst Methoden entwickelt hat, die Qualität von Informationen durch Diskussionen unter den Nutzern und Autoren zu überprüfen. Jimmy Wales will nun eine per Crowdsourcing finanzierte Plattform mit professionellen Journalisten und  Fakten checkenden Nutzern gründen, Wikitribune, berichtet Laura Hazard Owen im Niemanlab. Die Überlegung dahinter: "Eine Recherche durch bloßes Crowdsourcing, ohne eine Person, die den Überblick hat und vielleicht etwas bezahlen kann, wird wahrscheinlich ins Nichts führen. Gleichzeitig ist das Vertrauen in Medien gering und Fact checking ist oft mit parteilichen Stellungnahmen verbunden. Was würde also passieren, wenn man professionellen Journalismus mit freiwilligen Fact checkern kombiniert." Mehr bei Wired.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.04.2017 - Internet

Ist es Zeit, Google zu zerschlagen?, fragt Jonathan Taplin in der New York Times und erinnert an Louis Brandeis, Richter am Supreme Court, der vor hundert Jahren half, Monopole aufzulösen: "Brandeis wollte Monopole eliminieren, weil (in den Worten seines Biografen  Melvin Urofsky) 'die Existenz großer Zentren privater Macht für die andauernde Vitalität eines freien Volks auf die Dauer schädlich ist'. Wir müssen nur auf  das Verhalten der großen Banken im Jahr 2008 oder auf die Rolle von Facebook und Google im 'Fake News'-Business schauen um zu wissen, dass Brandeis recht hatte."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.04.2017 - Internet

Höchst interessant erzählt Scott Rosenberg bei Backchannel von den zwei Toden des Google Book Search-Projekts. Den ersten starb es, nachdem gegen Google Books geklagt wurde. Den zweiten starb es, nachdem Google vor Gericht gesiegt hatte. Denn trotzdem wird das Projekt offenbar nur noch höchst halbherzig weitergeführt, und Rosenberg erzählt, wie schwer es überhaupt ist, jemand im Konzern darüber zu Auskünften zu bewegen: "Die Google-Books-'History'-Seite reißt im Jahr 2007 ab, und das Google-Books-Blog stoppte im Jahr 2012, nach dem es in das allgemeine Google-Search-Blog integriert wurde, wo Informationen über Bücher fast nicht zu finden sind. Als laufender und nützlicher Service blieb Google Books ein Anliegen. Aber als ein lebendiges Projekt mit Plänen, Ankündigungen und institutioneller Sichtbarkeit hatte es sich in Luft aufgelöst. Das fühlte sich angesichts des juristischen Siegs seltsam an."
Stichwörter: Google Books, Sichtbarkeit

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.04.2017 - Internet

Auf Zeit online berichtet Patrick Beuth zustimmend über die gemeinsame Erklärung von Bürgerrechtlern, Wirtschaftsverbänden, parteinahen Digitalvereinen, einzelnen Wissenschaftlern und Juristen, Reportern ohne Grenzen sowie dem Deutsche Journalisten-Verband DJV gegen das von Heiko Maas geplante neue Facebookgesetz: "Ihr Hauptkritikpunkt ist die durch das Gesetz erzwungene Privatisierung der Rechtsdurchsetzung: Die Betreiber der sozialen Netzwerke müssten entscheiden, was rechtswidrig oder strafbar ist und was nicht - nach Ansicht der Allianz für Meinungsfreiheit ist das aber die Aufgabe der Justiz, die dafür eben die nötigen Ressourcen benötige."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.04.2017 - Internet

In der NZZ gruselt sich Adrian Lobe vor Chatbots, die "unsterbliche Simulakren" einst wirklich Lebender verkörpern: "Die Forscher sind von der Idee beseelt, dass man mithilfe künstlicher Intelligenz alle Daten, die wir täglich generieren, und damit auch unsere Gedanken auf eine virtuelle Plattform transferieren kann. Diese würde nicht nur unser physisches Dasein überleben, sondern sie würde auch maschinell dazulernen - eine Art virtuelle Erweiterung unserer physischen Präsenz, ein digitaler Doppelgänger auf Steroiden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.04.2017 - Internet

Angesichts von Fake News, die selbst Wahlen beeinflussen, plädiert der kanadische Soziologe Philip Howard im Interview mit der SZ dafür, dass die sozialen Netzwerke ihre Algorithmen dem Staat gegenüber offen legen müssen: "Wir müssen darüber diskutieren, wie gute Gesetze für soziale Netzwerke aussehen könnten. Staatlicher Missbrauch muss natürlich verhindert werden. Gerade läuft der Missbrauch allerdings anders: Politische Akteure, die wir nicht komplett verstehen, nutzen soziale Netzwerke, um Allgemeinwissen und das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Regierung zu beschädigen. Eine weitere Möglichkeit, soziale Netzwerke zu kontrollieren, könnte darin bestehen, ihre Algorithmen einem öffentlichen Audit-Verfahren zu unterwerfen. ... Auditing-Verfahren gibt es auch in anderen Bereichen, wo sie im öffentlichen Interesse liegen: für die Algorithmen von Spielautomaten zum Beispiel oder für die Algorithmen des Finanzhandels."