9punkt - Die Debattenrundschau

Initiative für das eigene Leben

Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
28.09.2019. Die Deutschen verbringen inzwischen mehr Zeit mit Netflix als mit RTL oder dem ZDF, behauptet eine Studie, die Spiegel online vorstellt. The Daily Beast recherchiert zu dem Mord an dem Asylbewerber Zelimkhan Khangoshvili in Berlin. Meedia weiß, warum der Zeit-Redakteur Bernd Ulrich nicht auf Kreuzfahrt geht. In der FAZ spricht die Historikerin Irina Scherbakowa über Vergangenheitsbewältigung in Deutschland und Russland.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 28.09.2019 finden Sie hier

Europa

Während deutsche Medien offenbar nicht das geringste Interesse für den wahrscheinlichen Geheimdienstmord an dem tschetschenischen Asylbewerber Zelimkhan Khangoshvili in Berlin aufbringen, gibt es immer mal wieder Recherchen in amerikanischen und britischen Medien (unser Resümee). Für The Daily Beast berichtet jetzt Michael Weiss über ein Treffen mit dem georgischen Geheimdienstmann "Levan", der Zelimkhan Khangoshvili als einen Agenten schildert, der sich Verdienste um die Aufdeckung dschihadistischer Komplotte erworben hat. Der deutschen Regierung macht Weiss Vorwürfe. Berlin hätte Khangoshvili nach russischen Einflüsterungen als Extremisten behandelt: "Levan lacht über die deutschen Unterstellungen, die er dem Wunsch Angela Merkels zuschreibt, nicht wegen eines toten Asylbewerbers Zoff mit Moskau zu bekommen. Der Mann, auf den sich Levan stützte, um Georgien vor religiösem und Staatsterror zu schützen, sei ein Frauenheld, der sich von seiner Frau habe scheiden lassen und deutsches Bier liebte. 'Der war so dschihadistisch wie ich', beharrt Levan."

Die russische Historikerin Irina Scherbakowa spricht mit FAZ-Redakteurin Kerstin Holm über die Bewältigung der Stasi-Vergangenheit in Deutschland und die (Nicht-)Bewältigung in Russland: "Eine Lustration, die natürlich immer traumatisch und für viele Leute ungerecht ist, aber ohne die eine Wiedervereinigung unmöglich gewesen wäre, gab es bei uns nicht. Dass es ohne sie aber keine Erneuerung gibt, sieht man am Beispiel Russlands. Wenn die Mitarbeiter der Staatssicherheit kenntlich gemacht worden wären, hätte es einen Rückfall, wie er bei uns stattfand, nicht gegeben."

Ebenfalls in der FAZ erinnert sich der Schriftsteller Wolfgang Hegewald, der 1983 die DDR verließ, an seine Flucht: "Und ich frage mich gelegentlich, welche Bedeutung unserer Rolle und Lebensleistung im gesamtdeutschen Mentalitätsstoffwechsel zukommen mag. Wir haben auf höchst unterschiedliche Weise das Weite gesucht und die Initiative für das eigene Leben ergriffen."
Archiv: Europa

Gesellschaft

Bevor in Berlin ein Mietendeckel eingeführt wird, müsste erstmal die Verwaltung der Stadt für so etwas qualifiziert werden. Ulf Heitmann, Vorstand einer gemeinwohlorientierten Wohnungsgenossenschaft in Berlin, äußert bei den Salonkolumnisten Zweifel: "Berlin ist nicht in der Lage, die Einhaltung und Umsetzung des im Juli 2016 (!) in Kraft getretenen Hundegesetzes zu kontrollieren. Die Bäume in Parks und an Straßen haben erhebliche Schäden, da die Grünflächenämter aus personellen Gründen nicht in der Lage sind, ihren gesetzlichen Aufgaben nachzukommen. Der Zustand der Berliner Parks wird sich verschlechtern, da im nächsten Jahr die Haushaltsmittel auf circa 37 Millionen Euro reduziert werden sollen. Die Senatsverkehrsverwaltung hat keinen Überblick darüber, wie viele Radwege wo in Berlin gebaut werden. Die Bezirke haben nicht die Kapazität, dies dem Senat auch nur zu übermitteln."
Archiv: Gesellschaft
Stichwörter: Berlin, Mietendeckel

Internet

Der Streit um Äußerungen des Free-Software-Mitbegründers Richard Stallman hält an (Stallman hatte den MIT-Kollegen Marvin Minsky verteidigt, dem wiederum vorgeworfen wird, Sex mit Mädchen aus dem Epstein-Prostitutionsring gehabt zu haben, unsere Resümees). Stallman will Vorsitzender der von ihm ins Leben gerufenen GNU-Stiftung bleiben, berichtet Sebastian Grüner bei golem.de. Aber viele wollen das nicht: "Auch die eng mit den Idealen der Free-Software-Bewegung verbundene Organisation Software Freedom Conservancy fordert Stallman auf, von 'allen Führungspositionen in unserer Bewegung' zurückzutreten, was offensichtlich auch das GNU-Projekt betrifft. Der aktuelle Präsident der SFConservancy, Bradley Kuhn, ist derzeit auch im Vorstand der Free Software foundation und war früher bei der Organisation angestellt. Auch das ehemalige FSF-Vorstandsmitglied Matthew Garrett fordert die gesamte Free-Software-Bewegung dazu auf, eine Zukunft ohne Stallman zu gestalten."
Anzeige
Archiv: Internet

Medien

Seltsam, dass es so eine Studie vorher noch nicht gab. Die Unternehmensberatung Roland Berger und die Westfälische Wilhelms-Universität Münster haben gemeinsam untersucht, wieviel Zeit Konsumenten mit welchen Sendern und Streamingdiensten verbringen. Die Ergebnisse sind ziemlich Aufsehen erregend, schreibt Christian Buß bei Spiegel online: "Nur noch etwa die Hälfte der Sehzeit (54 Prozent) verbringt das Publikum demnach heute mit linearem Fernsehen, Tendenz fallend. In den Top 5 bei der Gesamtsehzeit ringen die drei großen linearen deutschen Fernsehanbieter mit den beiden großen Streamingplattformen: 10,3 Prozent des Zeitbudgets für audiovisuelle Medien des deutschen Gesamtpublikums kommen der Erhebung zufolge Netflix zugute. Auf den Plätzen danach folgen RTL (10,0 Prozent), ZDF (9,8 Prozent) und ARD (8,8 Prozent), dann Amazon (8,7 Prozent)." Hier der Link zur Studie. Die Öffentlich-Rechtlichen werfen der Studie handwerkliche Mängel vor.

Zeit-Vzechefredakteur Bernd Ulrich, ein großer Kritiker der Klimapolitik (der "SUV unter den Moralisten", sagt Martin Sonneborn), sollte eine Leserreise der Zeit moderieren. Das Problem dabei: Es handelt sich um eine Kreuzfahrt, die übrigens bereits ausgebucht ist. Nach Kritik bei Twitter hat Ulrich abgesagt. Stefan Winterbauer berichtet bei Meedia.de: Nun "gehen Zeit-Vize-Chefin Sabine Rückert sowie die Redakteure Martin Klingst und Jochen Bittner als Vertreter der Redaktion an Bord. Vermutlich ohne Gewissenskonflikte im Gepäck. Die Zeit-Reisen haben übrigens eine ganze Unterkategorie nur für Kreuzfahrten und auch im Blatt wurden durchaus schon des öfteren Werbe-Anzeigen von Kreuzfahrt-Unternehmen gesichtet. Die Zeit lesen und auf Kreuzfahrt gehen, das scheint zu passen."
Archiv: Medien

Kulturpolitik

Das Goethe-Institut veranstaltete im namibischen Windhuk eine Tagung zu Restitution von Kulturgütern und hat auch die taz-Autorin Nina Apin eingeladen. Da keine französischen und britischen Vertreter zugegen waren, bekamen die deutschen Museumsleute den Zorn der afirkanischen Kollegen exklusiv ab. Wie schwierig es mit der Rückgabe ist, erzählt Nina Apin auch: "Im Fall der Ende Februar von Baden-Württemberg zurückgegebenen Witbooi-Bibel und -Peitsche sei die Frage gewesen, ob man an die Nachkommen aus der Nama-Community restituiere - oder an die Regierung. Heute lagern Bibel und Peitsche, unerreichbar für die Öffentlichkeit, im Depot des namibischen Nationalmuseums, dessen naturwissenschaftlich-zoologischer Standort sich schlecht gepflegt und unterfinanziert zeigt."
Stichwörter: Restitution, Kolonialkunst

Politik

"Die Volksrepublik China gibt es inzwischen länger mit Kapitalismus als ohne", schreibt der ehemalige taz-Korrespondent Felix Lee und lotet den Widerspruch aus, in dem das Land heute lebt: "Jedes Jahr im Frühling, wenn die rund 3.000 Delegierten des Nationalen Volkskongresses in der Großen Halle des Volkes zu ihrer Jahressitzung zusammenkommen, (wird) an den kommunistischen Ritualen festgehalten, als würde es das moderne China mit den glitzernden Wolkenkratzern und den Gucci-Läden in den Luxuskaufhäusern ein paar hundert Meter weiter nicht geben... Politisch altbacken und starr, wirtschaftlich jederzeit wandlungsfähig - das ist das, was Chinas kommunistische Führung und das Riesenreich insgesamt heute auszeichnet."
Archiv: Politik
Stichwörter: Volksrepublik China, China