9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturpolitik

1453 Presseschau-Absätze - Seite 82 von 146

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.09.2019 - Kulturpolitik

Die Kosten für das in Berlin geplante "Museum der Moderne" drohen sich zu verdreifachen. Niklas Maak mag in der FAZ den Dementis von Kulturministerin Monika Grütters nicht recht glauben und vermutet Rücksichtnahme auf den 98-jährigen Sammler Erich Marx, aus dessen Beständen das Museum maßgeblich bestehen soll und dessen große Sorge im Sparen von Erbschaftssteuer zu liegen scheint: "Nach Informationen, die dieser Zeitung vorliegen, gibt es nämlich eine Klausel im Vertrag, die Marx erlaubt, seine Sammlung abzuziehen, wenn nicht bis zum Ende dieses Jahres der Spatenstich für das neue Museum vollzogen wurde. Dreizehn Werke, darunter neun bedeutende Picassos, hat Marx bereits in die gemeinnützige, damit steuerfreie Anthax Collection Marx AG überführt und als Leihgaben an die Schweizer Fondation Beyeler gegeben; seine Liebe zu Berlin ist nicht bedingungslos."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.09.2019 - Kulturpolitik

Im Interview mit der Berliner Zeitung stellt Christian Kopp vom Verein Berlin Postkolonial ein vom Berliner Senat geplantes Fünfjahresprojekt zum Thema Dekolonisierung vor, an dem auch sein Verein beteiligt ist. Dahinter steht die Idee, "dass man sich Gedanken machen muss, welchen Umgang mit den sichtbaren und unsichtbaren kolonialen, aber auch rassistischen Strukturen der Städte man findet. ... Es fällt niemandem leicht, die Geschichte seiner Vorfahren, die ja auch seine eigene Geschichte ist, in Frage zu stellen. So wie man nicht gerne darüber spricht, dass man manchmal rassistische Sachen sagt, weil wir das verinnerlicht haben. Was nicht heißt, dass wir alle Rassisten sind, aber natürlich haben wir bestimmte Vorurteile im Kopf, die wir nur mit großer Mühe loswerden. Und so fällt es eben auch schwer anzuerkennen, dass wir fünfhundert Jahre Ausbeutung durch weiße Europäer hinter uns haben und Europa dafür Verantwortung übernehmen muss, und sei es zunächst auf symbolische Art, indem es seine Kolonialherrschaft zumindest als Unrechtsherrschaft anerkennt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.09.2019 - Kulturpolitik

Andreas Rossmann ist in der FAZ nicht begeistert von der Wiederernennung Dario Franceschinis als italienischer Kulturminister. Er stehe "für eine zentralistische, von ökonomischen Erwägungen bestimmte Kulturpolitik, die wenig Interesse für die vielfältige Museumslandschaft des Bel Paese zeigt, die nationalen Kulturgüter als Kapital evaluiert und von den großen Häusern Blockbuster-Ausstellungen erwartet."
Stichwörter: Italien, Blockbuster

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.09.2019 - Kulturpolitik

In vielen westdeutschen Städten müssen Opernhäuser saniert werden, etwa in Frankfurt, Stuttgart und Mannheim. Die Kosten könnten das ganze System in Frage stellen, fürchtet Rüdiger Soldt in der FAZ: "Sowohl in Stuttgart als auch in Mannheim lassen sich dreistellige Millionenbeträge zur Instandhaltung von Oper und Theater den Bürgern nicht einfach verkaufen - nicht jeder Mannheimer oder Stuttgarter ist regelmäßiger Theatergänger. Und in beiden Städten werden die Bürger von den Sanierungen ziemlich wenig sehen."
Stichwörter: Opernhäuser

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.08.2019 - Kulturpolitik

Dass Udo Kittelmann, Direktor der Nationalgalerie Berlin, jetzt Berlin verlässt, dürfte wohl an der notorischen Lahmarschigkeit, pardon, Langsamkeit der Berliner Kulturinstitutionen liegen, vermutet Harry Nutt in der Berliner Zeitung. "Zudem hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters bereits vor dem Antritt ihrer zweiten Amtszeit eine umfangreiche Evaluation der Stiftung Preußischer Kulturbesitz angekündigt. Wer Evaluation sagt, meint Restrukturierung, Überprüfung der Effizienz und konzeptionelle Erneuerungen, die sicher geglaubte Besitzstände und Gewohnheiten im betrieblichen Alltag zu erschüttern vermögen. Bislang ist wenig davon nach außen gedrungen, aber insgesamt erwecken die Einrichtungen des Berliner Kulturbetriebs derzeit gerade nicht den Eindruck, von großem Aufbruchsgeist durchweht zu sein." Das dürfte wohl die Untertreibung des Jahres sein.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.08.2019 - Kulturpolitik

Dass gerade so viele internationale Museumsdirektoren Italien verlassen, liegt vielleicht nicht nur am wachsenden Nationalismus, meint Dirk Schümer in der Welt. Entsprechende Mutmaßungen (mehr hier oder hier), findet er sogar etwas ungehörig: "Wenn Kulturminister Alberto Bonisoli von der Fünf-Sterne-Bewegung sagt, dass er in Zukunft lieber gut qualifizierte Italiener auf solchen Posten sehen möchte, könnte das demnach weniger mit Faschismus, sondern eher damit zu tun haben, dass manche Ausländer die prominenten Jobs in Italien für einen schnellen Sprung auf der Karriereleiter nutzen - wogegen überhaupt nichts einzuwenden ist, wenn sie wie Schmidt oder Aufreiter nobel dankend weiterziehen und nicht wie Assmann das Gastland als üblen Brutkasten des Faschismus denunzieren. In der linken Repubblica jedenfalls wurden die wegziehenden Museumsleute bereits mit Fußballtrainern verglichen, die eilig dem jeweils besten Angebot ins Ausland folgen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.08.2019 - Kulturpolitik

Vergangene Woche erklärte Thomas Steinfeld in der SZ die große Kündigungswelle in italienischen Museen, die die erst seit 2015 erstmals tätigen zahlreichen internationalen MuseumsdirektorInnen ereilte, mit dem wachsenden Nationalismus der Italiener. (Unser Resümee) Im Gespräch sagt die deutsche Historikerin Cecilie Hollberg, die als Chefin der Galleria dell'Accademia ebenfalls überraschend abberufen wurde: "Man hat den Eindruck, dass der gesamte italienische Museumsbetrieb nun mit Gewalt zentralisiert und vielleicht auch politisiert werden soll. Museen aber brauchen Beständigkeit und Freiheit, auch im Denken und Forschen." Ob die Kündigungen tatsächlich mit dem Nationalismus zu tun haben, vermag sie nicht zu sagen, aber: "Es werden allerdings in aller Eile Maßnahmen durchgeführt, die vermutlich damit zusammenhängen, dass diese Regierung befürchten muss, nicht mehr lange im Amt zu sein. Da will man vielleicht noch einmal alle Errungenschaften der Vorgänger zunichtemachen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 09.08.2019 - Kulturpolitik

Nach nur vier Jahren nehmen viele der internationalen Museumsdirektoren, die 2015 vom italienischen Kulturministerium erstmals als Leitung der größten italienischen Museen eingesetzt wurden, teils freiwillig den Hut, meldet Thomas Steinfeld in der SZ und glaubt, dass dies mit dem wachsenden Nationalismus zu tun haben könnte. Im Gegensatz zum Amt eines Museumsdirektors in Deutschland handele es sich bei dem Amt in Italien um eine hochpolitische Angelegenheit, erläutert er: Der Kulturminister verfügt "über einen Generalsekretär und ein Amt mit fast zwanzigtausend Angestellten, in dem im Bereich der 'beni culturali', der Kunst- und Kulturschätze, nahezu alle Aktivitäten von überregionalem Interesse zusammengefasst und kontrolliert werden. Auch deswegen bedeutete die Berufung von Ausländern einen radikalen Wandel: So, wie man es sich in Deutschland nicht vorstellen könnte, einen Ausländer zum Direktor einer großen Polizeibehörde zu ernennen, so erschien es in Italien als unmöglich, einen Ausländer zum Leiter eines großen Museums zu machen."
Stichwörter: Italien, Museumsdirektoren, Benin

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2019 - Kulturpolitik

Vergangene Woche erst bat die NZZ Hermann Parzinger zum Restitutions-Gespräch (unser Resümee), jetzt wiederholt Parzinger im Zeit-Interview mit Werner Bloch nochmal seinen Standpunkt - Zusammenarbeit, ja, aber "man kann nicht einfach Dinge einpacken und zur Post bringen" und verteidigt die "Sammelwut der Europäer": "Ich habe einmal die Südseeinsel Vanuatu besucht und wurde von dem dortigen Museumsdirektor ins Depot geführt. Er sagte: 'Keines dieser Objekte ist älter als 30 oder 40 Jahre. Wie gut, dass ihr in Europa das gesammelt habt und die Dinge viel weiter zurückverfolgen könnt. Wir haben das alles nicht gesammelt.' Das waren Ritualobjekte, Gebrauchsgegenstände, wenn die schadhaft waren, hat man sie durch ein Ritual entweiht und neue produziert. Dank der Sammelwut der Europäer können wir in Europa die Entwicklung bis ins 19. Jahrhundert zurückverfolgen. Was die Kollegen in der Südseeregion fordern, ist freier Zugang, auch digitaler Zugang, zu den Objekten. Dass sie nach Deutschland kommen können, um mit diesen Dingen zu arbeiten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2019 - Kulturpolitik

Amerikanische Museen mit ihrem Chor aus Förderern sind unabhängiger als europäische Museen, die immer auch vom Bürgermeister und Kulturdezernenten einer Stadt gegängelt werden können, meint Max Hollein, seit einem Jahr Direktor des Metropolitan Museum in New York, im Interview mit der SZ. Über Sponsoren wie die Sacklers müsse man natürlich reden - im Museum. An der Idee vom enzyklopädischen Museum will Hollein aber festhalten: Das heißt auch, Rückgabe von Kulturgütern nur, wenn sie illegal erworben wurden. "Prinzipiell halte ich es auch für einen wesentlichen Teil unserer kulturellen Geschichte, dass Kulturgüter nicht nur geteilt werden, sondern dass sie auch an ganz anderen Orten ihre Wirkung entfalten. Afrikanische Kunst zum Beispiel trifft in Amerika auf eine große afroamerikanische Bevölkerung und wird so auch ein Teil des kulturellen Erbes. Die Frage des Eigentums stellt sich dann noch einmal ganz anders."

Manuel Wischnewski (Welt) lernt aus einem Buch der Juristin Sophie Schönberger, "Was heilt Kunst? Die späte Rückgabe von NS-Raubkunst als Mittel der Vergangenheitspolitik", dass es nicht ausreicht, Raubkunst einfach zurückzugeben. Das sehe man deutlich bei der Rückgabe von den Nazis geraubter Kunst, die auf der Grundlage der Washingtoner Erklärung erfolge: "Die Versuche Deutschlands, die Rückgabe von NS-Raubkunst nicht mit hartem Recht, sondern mit den weichen Schlichtungsmechanismen der 'Washingtoner Prinzipien' und der lediglich 'Beratenden Kommission' umzusetzen, sieht Schönberger nicht zuletzt deswegen kritisch, weil sie keine überzeugende Erzählung haben stiften können, der sich die Erben im Zweifelsfall anschließen wollen. Die reine Berufung auf eine moralische Verpflichtung Deutschlands, deren Fundamente für selbsterklärend gehalten und scheinbar deswegen nicht mehr explizit formuliert werden, hat ein fatales gedankliches Vakuum entstehen lassen: 'Dieses Schweigen dröhnt im gegenwärtigen Restitutionsdiskurs besonders laut.'"