9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.01.2020 - Medien

Andreas Platthaus berichtet für die FAZ aus Paris über die Gedenkfeiern zum fünften Jahrestag des Attentats auf Charlie Hebdo: "Zwei Gedenktafeln sind seit einiger Zeit an den Todesorten angebracht, doch heute wird nur dem Gedenken der Familien Raum eingeräumt - einer martialisch durch Maschinengewehre und Gitter bewehrten Trauer, von denen ein Bruchteil vor fünf Jahren ausgereicht hätte, das Verbrechen zu verhindern."

Selbst im gut versorgten Schweden ist die Lokalpresse in der Krise, berichtet Reinhard Wolff in der taz: "Und das großzügige System staatlicher Presseförderung, das sich Schweden seit über fünf Jahrzehnten leistet? Es hat mit dieser Entwicklung nicht Schritt gehalten. Womöglich war es sogar eher kontraproduktiv, weil es erforderliche Anpassungen beim Kostenkostüm zu lange hinauszögerte. Ein aktuelles Problem ist die mangelnde finanzielle Ausstattung bei gleichzeitig immer mehr Förderberechtigten. Zeitungen haben Anspruch auf Produktionskosten, wenn in ihrem Verbreitungsgebiet ihre Haushaltsdeckung unter 30 Prozent liegt. Selbst ehemalige Monopolzeitungen landen mittlerweile unter diese Grenze." Und also landet zu wenig bei der einzelnen Zeitung.

Spiegel online gibt es nicht mehr. Es gibt nur noch Der Spiegel. Die Website überrascht mit der allseits üblichen Kachel-Ästhetik. Chefredakteur Steffen Klusmann, ehemals Financial Times Deutschland, "hat den Webauftritt radikal umgebaut, um mehr Digitalabos zu erzielen", berichtet Gregory Lipinski bei Meedia. Bisher gebe es 125.000 digitale Abos: "Dauerhaft sollen es deutlich mehr werden, um den Verlag stärker von der Reichweitenvermarktung der Seite unabhängiger zu machen. Denn das Werbegeschäft ist hart umkämpft, obwohl das Printhaus mit der zu Bertelsmann gehörenden Ad Alliance einen großen Vermarkter im Rücken hat. Immer mehr gesetzliche Anforderungen und Wettbewerber wie Google, Facebook & Co. erschweren den Verlagen, ihre Anzeigenerlöse zu steigern."

Auf Zeit online fordern über vierzig Satire-AutorInnen des WDR und anderer Sender den Rücktritt des Intendanten Tom Buhrow, weil er mit seiner Entschuldigung für die "Umweltsau"-Satire seine Mitarbeiter im Regen stehen lasse. Und weil "alle Hinweise, der ursprüngliche Shitstorm - mutmaßlich auch signifikante Teile des analogen, der über telefonische Beschwerden in den Sender kam - sei von rechten Netzwerken organisiert worden, eifrig ignoriert". Laut Christian Meier (Welt) verteidigte sich Buhrow gegen diese Vorwürfe in einer Redakteursversammlung: "'Wir können doch nicht einfach so tun, als ob es nicht zählt, wenn sich ein großer Teil unseres Publikums zu Unrecht angegriffen fühlt.' Es mache für ihn darum auch keinen Unterschied, dass das 'Umweltsau'-Lied schnell nach der Veröffentlichung von Fundamentalkritikern der Öffentlich-Rechtlichen auch aus dem rechtsextremen Spektrum instrumentalisiert worden war, um Stimmung gegen den beitragsfinanzierten Rundfunk zu machen. Denn daneben habe es eben 'echte Gefühlsäußerungen' von Hörern gegeben, die mit einer orchestrierten Kampagne nichts zu tun gehabt hätten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.01.2020 - Medien

Fünf Jahre ist das Attentat auf Charlie hebdo her. Die Solidaritätswelle unter dem Motto "Je suis Charlie" ist längst abgeklungen, die Zeitschrift macht wacker weiter, aber in der Isolation und unter scharfen Sicherheitsvorkehrungen. Der Säkularismus hat sich in Frankreich zwar behauptet, aber er muss sich identitärer Angriffe von rechts und von links erwehren, schreibt Laurent Joffrin in Libération: "Als ob das Recht nicht seine Vorkehrungen getroffen und die Frage geklärt hätte - verboten sind Attacken gegen Personen aufgrund ihrer ethnischen oder religiösen Zugehörigkeit. Aber nicht Attacken auf ihre Überzeugungen, ihre Meinungen, ihre Dogmen. Man belustigt sich nicht über Gläubige, aber über Glauben. Eine entscheidende Nuance. Die identitäre Pathologie bezweckt eine Vermischung der beiden und will die Sache der Opfer von Diskriminierung und Vorurteilen zum Zweck der Zensur ausbeuten. Meinungsfreiheit hat keinen Sinn, wenn sie nur dazu dient, einen Konsens zu beschützen."

In der Berliner Zeitung ruft Birgit Holzer die Ereignisse in Erinnerung - zu ihnen gehörte auch die Attacke auf einen jüdischen Supermarkt, der in Frankreich eine ganze Reihe antisemitischer Attacken einleitete. Harry Nutt, ebenfalls Berliner Zeitung, ergänzt: "Charlie Hebdo gehörte zu den wenigen Medien, die nach 2005 das Wagnis eingegangen waren, die umstrittenen Mohammed-Karikaturen der dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten nachzudrucken. Die Unterstützung der dänischen Kollegen war eine professionelle Selbstverständlichkeit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.01.2020 - Medien

Im Tagesspiegel findet Caroline Fetscher die Kritik an den öffentlich-rechtlichen Sender, wie sie etwa von Uwe Tellkamp oder Ulf Poschardt geäußert wurde oder von Trollen zu Richard Gutjahr, völlig überzogen. Selbst Gutjahr, der nach Drohungen gegen ihn in einem offenen Brief beklagt hatte, dass der Bayerische Rundfunk ihn nicht genug schütze, hat nie die Abschaffung des Senders gefordert, so Fetscher. "Wo eine im Kern völkisch gesonnene Trollarmee gegen die Sender zu Felde zieht und vom 'Schwarzen Kanal' oder von 'Gleichschaltung' und 'Umvolkung' schwadroniert, offenbart sie indirekt dahinterliegende Wünsche. ... In Wahrheit träumen viele Protest-Trolle und deren nicht mehr klammheimliche, trollbürgerliche Begleiter selber von Gleichschaltung, von 'Volk', Volksempfängern und Volksliedsängern, die alle anderen Stimmen übertönen - eine für die Demokratie überaus gefährliche Fantasie."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.01.2020 - Medien

Mehrfach sind Journalisten öffentlich-rechtlicher Sender jüngst von Rechtsextremisten angegriffen worden und wurden von den Sendern nur halbherzig unterstützt, mit dem Argument, dass sie ja "Freie" seien (unser Resümee). Peter Weissenburger schreibt dazu in der taz: "Das ist nicht nur deshalb bitter, weil die Sender offenbar weiter die Geschwindigkeit unterschätzen, in der Hass auf Einzelne niedergehen kann. Sondern weil freie Journalist*innen wesentlich angreifbarer sind als fest angestellte. Zwei Drittel der Beschäftigten im Programmbereich der Sender sind 'frei', schätzt die Gewerkschaft Verdi. Die Sender sparen, weil die Landesregierungen den Rundfunkbeitrag niedrig halten. Dieser wird zwar bald wohl um 86 Cent angehoben, doch liegt das unter der Teuerungsrate. Gleichzeitig stecken die Sender mitten in der Digitalisierung und brauchen mehr Personal; schließlich gilt es mehr Kanäle zu bespielen." (Verstehen wir das richtig: Die Sender lassen die Freien im Regen stehen, weil sie zu wenig Gebühren bekommen?)

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.01.2020 - Medien

Mit einer Auflage von gut 300 000 Exemplaren verkauft die Super Illu in Ostdeutschland mehr Hefte als Spiegel, Stern und Focus zusammen, schreibt Hansjörg Müller in der NZZ. Im Gespräch erklärt Chefredakteur Stefan Kobus den Erfolg: "Nach der Wende gab die Super Illu ihren Lesern ein Stück von deren Lebenswelt zurück. 'Wenn du mit jemandem groß wirst, den du ständig im Fernsehen siehst, schaust du in der Zeitung automatisch hin', erklärt Kobus. 'Die anderen Zeitschriften sind bei den Peter Kraus dieser Welt geblieben, was ja auch okay ist, aber der Ossi wollte halt wissen, was sein Frank Schöbel macht, der früher einmal der größte Hero im Variététheater Friedrichstadtpalast war.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.01.2020 - Medien

Der Moderator und Reporter Richard Gutjahr verlässt den Bayerischen Rundfunk, wie er in einem zornigen offenen Brief auf seinem Blog bekundet. Gutjahr und seine Familie sind immer wieder von Rechtsextremisten bedroht worden, auch antisemitisch. In seinem Brief an den Intendanten des BR, Ulrich Wilhelm, beklagt er ein komplettes Fehlen von Solidarität seitens des Senders: Und das obwohl sich die "Drohungen, wohlgemerkt, nicht gegen mich als Privatperson, sondern gegen Richard Gutjahr, den ARD-Mitarbeiter und Abgesandten des 'Staatsfunks' (richteten). Noch beim Verlassen Ihres Büros hatte ich an Ihr Mitgefühl appelliert, Sie gebeten, mich bei der Bekämpfung dieser Kräfte aktiv zu unterstützen. Meine Bitte blieb ungehört. Stattdessen verwiesen Sie persönlich und Ihre juristische Direktion immer wieder darauf, dass der BR freien Mitarbeitern keine Rechtsberatung geben dürfe." Gutjahr war zufällig bei den Attentaten von Nizza und München anwesend, über die er auch berichtete, und wurde seitdem zu einem Lieblingsziel von Verschwörungstheoretikern, unsere Resümees.

"Die Kritik sei im Kern nicht zutreffend", antwortete der BR auf SZ-Nachfrage von Laura Hertreiter. Gutjahr habe zudem - entgegen seiner Behauptung - Unterstützung für die Prozesskosten erhalten. Hertreiter erkennt - auch mit Blick auf den freien WDR-Mitarbeiter Danny Hollek, von dem sich der Sender nach der "#Umweltsau"-Debatte auf Twitter distanzierte (hier ein FR-Überblick aller Ereignisse dieser vom Perlentaucher vornehm ignorierten Debatte), ein grundsätzliches Problem: "Der Brief Richard Gutjahrs, eines Pioniers der digitalen Debattenkultur, und die Stellungnahme des öffentlich-rechtlichen BR dokumentieren die Hilflosigkeit, die - selbst unter Profis - im Umgang mit Online-Hetze herrscht. Wie mächtig anonyme, oft konzertierte Aktionen gegen Einzelne sein können. Und wie spalterisch sie wirken können, selbst innerhalb einer Redaktion."

In gleichem Wortlaut antwortete der BR auch auf Spiegel-Nachfrage, wie Sonja Peterandl schreibt: "Es sei bereits im März 2019 mit Richard Gutjahr zu einem Aufhebungsvertrag in gegenseitigem Einvernehmen gekommen; seitdem sei er nicht mehr für den BR tätig gewesen. Gutjahr bestätigte dem Spiegel nach der Stellungnahme des BR nochmals, dass er bei seinen Schilderungen bleibe."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.12.2019 - Medien

In der New York Times denkt David Brooks darüber nach, warum amerikanischen Medien mit ihrer Berichterstattung kaum noch Einfluss auf das Wahlverhalten haben. Das Trump-Impeachment wird sie so wenig kümmern wie der Mueller-Report oder Kavanaugh-Anhörungen. Sie wollen wissen, wie jemand wählen wird? Dann stellen sie eine einfache Frage: Lebt sie in der Stadt oder auf dem Land? Geografische und psycho-soziale Muster legen sich über Ereignisse, wenn es um politische Loyalitäten und nationale Wahlergebnisse geht. Demografie ist Schicksal... Aus Gründen, die ich nicht verstehe, ereignete sich über die vergangenen Dekaden ein grundlegender epistemischer Wandel. Verschiedene amerikanische Regionen und Subkulturen erkennen Realität nicht mehr durch dieselbe Linse. Sie schaffen Bedeutung in völlig unterschiedlichen Weisen. Psycho-soziale Kategorien haben sich verhärtet."

In Russland, betont SZ-Korrespondentin Silke Bigalke, steht die unabhängige Berichterstattung nicht nur unterm Druck des Kreml, sondern auch der Geheimdienste, Behörden oder Oligarchen. Aber der kritische Journalismus ist nicht verschwunden, macht sie Hoffnung, sondern nur umgezogen: "Das russische Internet ist voll von Regierungskritik. Man findet Berichte darüber, wie in russischen Gefängnissen gefoltert wird, wie Putins Vertraute sich bereichern, über die verdeckten Militäreinsätze der Regierung. Die etablierten Medien dagegen haben sich immer weiter angepasst, oft notgedrungen. Das Fernsehen ist längst eine Propagandamaschine. Viele Verlage gehören inzwischen kremlnahen Oligarchen."

Last but not least: Die Journalistenorganisation OCCRP hat Maltas Regieurngschef Josph Muscat zur Person des Jahres in Korruption und Organisierter Kriminalität gekürt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.12.2019 - Medien

Der Recherchedienst Bellingcat ist Perlentaucher-Lesern seit langem ein Begriff (unsere Resümees). Ronald Düker erzählt in der Zeit, wie der britische Blogger Eliot Higgins zunächst allein arbeitete und dann Bellingcat gründete, um mit Internetrecherche und Geolocation Kriegsverbrechen auf die Spur zu kommen. "Mit Bellingcat mischte sich Higgins endgültig in Staatsaffären ein. Als am 17. Juli 2014 die Passagiermaschine MH17 auf ihrem Weg von Amsterdam nach Singapur abgeschossen wurde, war seine Organisation genau drei Tage alt. Als Bellingcat nicht bloß die Russen beschuldigte, das Flugzeug abgeschossen zu haben, sondern dann auch die Namen der dafür verantwortlichen Kommandeure nannte, war es berüchtigt. Und im Fadenkreuz der Macht." Düker verweist auch auf den Dokumentarfilm "Bellingcat - Truth in a Post-Truth World", der den Emmy für den besten Dokumentarfilm erhalten hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.12.2019 - Medien

Hermann L. Gremliza, Herausgeber der altlinken Postille konkret, und einer, den man gern klischeehaft einen begnadeten (oder wahlweise gnadenlosen) Polemiker nennt, ist im Alter von 79 Jahren gestorben. Alexander Nabert würdigt ihn in der taz: "Dass Gremliza die konkret konsequent gegen den virulenten Israelhass vieler ehemaliger Leser positionierte, ist ein nicht zu unterschätzendes Verdienst. Dass konkret sich tendenziell auf die Seite von Putins Russland schlug, verweist zugleich darauf, dass das Magazin nicht immer Stimme der progressiven und modernen Linken war."

Willi Winkler erzählt in der SZ ein wenig die Geschichte der konkret, die "bis 1964  von der DDR subventioniert und von den illegalen KPD-Mitgliedern Ulrike Meinhof und Klaus Rainer Röhl betreut wurde". Seine Bewunderung für Gremliza kann Winkler nicht verhehlen: "Wie Ulrike Meinhof brillierte Gremliza als Kolumnist und mähte mit seinem messerscharfen Verstand alles nieder, was rechts von ihm stand und dumm genug war, sich öffentlich zu äußern." In der FAZ schreibt Dietmar Dath und in Zeit online David Hugendick. Martin Krauss nennt ihn in der Jüdischen Allgemeinen gar den "größten Stilisten, den die Bundesrepublik hervorgebracht hatte".

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.12.2019 - Medien

Boris Johnson will die eigentlich gar nicht so aufmüpfige BBC durch Drohungen gefügig machen, fürchtet Steffen Grimberg in der taz: "Wie in seinem höchst selektiven Umgang mit den Medien im Wahlkampf hält sich der gelernte Skandaljournalist Johnson hier alle Optionen offen. Zwar ist die BBC als 'Gesamtkunstwerk' bis 2027 durch ihre 'Royal Charter' gesichert. Doch auch die ließe sich ändern, und vorher gibt es genügend Mechanismen, um Druck auf den Sender auszuüben: 2022 entscheidet das Parlament, in dem Johnsons Tories eine haushohe Mehrheit haben, beispielsweise über die künftige Höhe der Rundfunkgebühr."