9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

2342 Presseschau-Absätze - Seite 128 von 235

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.11.2018 - Medien

Im Guardian denkt Paul Chadwick über neueste Wendungen im Kampf zwischen religiöser Empfindlichkeit und freier Rede nach: Im erzkatholischen Irland hat man gerade per Volksabstimmung den Blasphemieparagrafen abgeschafft. In Pakistan wurde eine Christin vom Vorwurf der Gotteslästerung freigesprochen, ein Urteil, für das die Richter beträchtliche Risiken eingingen. In Europa dagegen hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte gerade ein Urteil österreichischer Gerichte bestätigt, die eine Frau wegen "Herabwürdigung religiöser Lehren" zu einer Geldstrafe verurteilt hatten. Die Frau hatte in einem Seminar indirekt den Propheten Mohammed als pädophil bezeichnet (mehr zu dem Urteil bei Juris). Chadwick findet dieses Urteil erstaunlich: "In der Vergangenheit war ein ausdrücklicher Grund für Blasphemiedelikte, Aufstachelungen zu begrenzen und den Frieden zu wahren. Ein Seminar mit 30 selbstgewählten Teilnehmern erscheint nicht als potentieller Mob. Kein Massenpublikum von Muslimen war dem ausgesetzt, was die Angeklagte sagte. An dem Seminar nahm verdeckt auch eine Journalistin teil. Ihr Arbeitgeber, ein vom Gericht als N bezeichnetes Wochenblatt, informierte den Staatsanwalt. Journalisten arbeiten manchmal auf mysteriöse Weise."

"Was also tun, in Zeiten, in den vor allem in strukturschwachen Regionen die Tageszeitungen verschwinden", fragt Lorenz Matzat bei Medium.com in einem breiteren Hintergrundartikel über den immer kümmerlicheren Lokaljournalismus in Deutschland. "Das Schwinden des klassischen Lokaljournalismus wäre insgesamt kein großes Drama, wäre in den letzten 15 Jahren im Internet eine Alternative erwachsen. .. Zwar finden sich Ansätze neuer Formen - etwa Bürgerjournalismus und Lokalblogger - doch keiner davon hat sich flächendeckend und nachhaltig etabliert noch die grundlegende Frage geklärt: Wie lässt sich das finanzieren?"

Interessante "Zahl des Tages", die turi2 aus einem Bericht von Werben & Verkaufen übernimmt: "Gigantische 25,4 Milliarden Euro verdient Google in einem Quartal mit Werbung und damit mehr als die gesamte deutsche Medienwirtschaft in einem Jahr, schreibt Werben & Verkaufen. Auch Facebook kommt in nur drei Monaten schon fast auf den prognostizierten Werbeumsatz der deutschen Medienwirtschaft heran, der 2018 bei 20,5 Mrd Euro liegen soll." Da allerdings neulich gemeldet wurde, dass Google im letzten Quartal einen Nettogewinn von 9,2 Millarden Dollar erwirtschaftet hat (hier in der FAZ), ist nicht ganz klar, was mit "Verdienen" gemeint ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.11.2018 - Medien

Fact-Checking, also das Nachprüfen von Tatsachenbehauptungen, ist ein wichtiges Instrument im Kampf gegen Fake News. Aber es hat auch seine Schattenseiten, erklärt der Kommunikationswissenschaftler Christian Hoffmann, der mehrere Studien zum Thema durchforstet hat, in der NZZ: "Wie fehlbar Journalisten in der Erstellung von Fact-Checks sind, zeigt ... das 'Fact Check Review' der politisch unabhängigen Plattform RealClearPolitics. Diese Analyse dokumentiert, wie häufig Journalisten dazu neigen, nicht etwa Fakten, sondern bloße Meinungsäußerungen einem Fact-Check zu unterziehen. Der Fact-Check gleicht dann einem Kommentar im falschen Gewand. Nicht minder problematisch ist der Agenda-Setting-Charakter des Fact-Checking, also die Frage, welche Äußerungen einem Fact-Check unterzogen werden - und welche nicht. Alleine durch die Selektion der Berichtigungsobjekte kann der Eindruck erweckt werden, eine Seite eines Diskurses neige in besonderem Maße zur Unwahrheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 02.11.2018 - Medien

"Spiegel, Stern und Zeit nehmen ihre Entscheidung zurück, aus den heftbezogenen Auflagenmeldungen auszusteigen", meldet Horizont.net. In einer Erklärung der Medien heißt es: "Wir hören damit auf das laute und kritische Echo aus dem Markt und von unseren Kunden und entschuldigen uns für die Verwirrung. Es stand für uns immer außer Frage, dass transparente und neutral gemessene Leistungswerte sehr wichtig sind." Die Entscheidung, die IVW-Zahlen nicht mehr zu melden (unser Resümee), war auf heftige Kritik in der Werbebranche gestoßen. Der New York Times geht's unterdessen mit ihren digitalen Abos prächtig, meldet Joshua Benton in niemanlab.org. Die Zeitung meldet 600 Millionen Dollar jährliche Einnahmen aus Digitalabos.

In Berlin betreiben von Russland finanzierte Onlinekanäle wie "Redfish" oder "In the Now" eine neue Art von Propaganda über Facebook - englischsprachig, vorgeblich links und kosmopolitisch, oft Falschmeldungen verbreitend und ohne Russlandkritik versuchen sie liberale Demokratien zu schwächen (mehr hier), schreibt Thorsten Schmitz, der vergeblich versuchte, ein Interview mit den Machern zu führen, auf der Medienseite der SZ. Ingo Mannteufel, Leiter der Russisch-Redaktion der Deutschen Welle, erklärt Schmitz diese Form von"Info-Aktivismus": "Es handle sich um eine 'hybride Kriegsführung'. Mit den Videos sollten demnach westliche Gesellschaften 'polarisiert und gespalten und die Konsensfähigkeit demokratischer Gesellschaften paralysiert werden'. Juristisch ist man dagegen machtlos. Die Plattformen genießen das deutsche Recht auf freie Meinungsäußerung - und die unbegrenzten Möglichkeiten der digitalen Verbreitung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.10.2018 - Medien

Diese Meldung wird in der Branche als eine kleine Sensation einschlagen: "Spiegel, Stern, Focus und Zeit wollen ab 2019 keine heftbezogenen Auflagen mehr veröffentlichen", meldet Andreas Grieß unter Bezug auf horizont.net in turi2: "Kurz hintereinander hätten die vier Verlage der Wochentitel der IVW entsprechende Kündigungen eingereicht. Künftig wollen sich die Titel auf Quartalszahlen beschränken. Sie begründen, die Veröffentlichungen brächten keinen Mehrwert, sorgten aber regelmäßig für Negativschlagzeilen. Agenturen und Werbekunden kritisieren die Entscheidung." Die Zahlen werden von der IVW (Informationsgemeinschaft zur Feststellung der Verbreitung von Werbeträgern) gemessen und gelten als der objektivste Gradmesser der Auflage.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.10.2018 - Medien

In der NZZ berichtet der Medienwissenschaftler Stephan Russ-Mohl von einer Untersuchung, derzufolge gerade einmal vier Prozent aller Wissenschaftler in Medien vorkommen: "Die Daten bestätigen somit auch den Verdacht, dass sich Journalisten auf der Suche nach geeigneten Quellen gerne stets derselben Forscher mit bereits erwiesener Medienkompetenz bedienen."

Die taz listet all die 73 Journalisten auf, die in diesem Jahr bereits getötet wurden, zwei davon in der vorigen Woche in Afghanistan, also nach der grausigen Ermordung Jamal Khashoggis.

Stichwörter: Khashoggi, Jamal

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.10.2018 - Medien

Wer ist Daniel Kretinsky, der tschechische Milliardär, der die renommierteste französische Tageszeitung Le Monde kaufen will, fragt ein ganzes Reporteam in Libération. Als Presseboss scheint er einen guten Ruf zu genießen. Als Unternehmer ist er Spezialist für schmutzige Energie: "In weniger als zehn Jahren hat er sich mit seiner Unternehmensgruppe EPH - Energeticky a prumyslovy holding ein kleines Imperium aus Kohlekraftwerken und Braunkohleminen aufgebaut - im Widerspruch zu den ökologischen Pressionen. Er ist auch fest mit dem russischen Bär Gazprom verbunden: Er kontrolliert Eustream, das letzte, strategisch wichtige Stück der Gas-Pipline, die über die Ukraine in die Slowakei führt, um russisches Gas nach ganz Europa zu transportieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.10.2018 - Medien

Die Süddeutsche Zeitung ist von den Freischreibern mal wieder für einen Negativpreis nominiert worden, meldet die Meedia-Redaktion und zitiert die Begründung. Diese Zeitung habe sich zwar Verdienste bei den Machenschaften anderer Kapitalisten erworben: "Wenn es aber darum geht, die Arbeitsbedingungen mit freien Journalistinnen und Journalisten zu gestalten, schreckt die Süddeutsche Zeitung nicht vor kalter Enteignung zurück. So gibt die SZ die bei ihr erschienenen Texte an den Schweizer Verlag Tamedia weiter und wird dafür gut bezahlt. Die Beteiligung der Autoren an diesem Deal? NULL. Um diese Unverschämtheit zu zementieren, verschickte der Süddeutsche Verlag neue Autorenverträge. Wer mit der Unterschrift zögerte, wurde als Autor zunächst einmal gesperrt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.10.2018 - Medien

Die französische Zeitung Le Monde, einst eines der renommiertesten Institute der Welt, ist heute im Besitz einiger Milliardäre. Einer von ihnen, Matthieu Pigasse, hat nun Anteile an den weithin unbekannten tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky verkauft. Aber Jérôme Lefilliâtre versichert in Libération, gestützt auf eine in Le Monde selbst zitierte anonyme Quelle, "dass Kretinsky gekommen ist, um die Tageszeitung ganz zu kaufen, und nicht um eine Statistenrolle zu spielen. Diese Quelle ist nicht auf die leichte Schulter zu nehmen: Nach unseren Informationen handelt es sich um niemand anderen als den tschechischen Premierminister Andrej Babis, den großen Rivalen Kretinskys in seinem Land. Der Regierungschef soll diese Vertraulichkeit gegenüber einem Korrespondenten von Le Monde geäußert haben. Übrigens hat Kretinsky nicht den Ruf, in das Kapital von Unternehmen einzutreten, um dort die Büropflanzen zu gießen." Dem Milliardär gehören in Frankreich bereits das Meinungsblatt Marianne und die Modezeitschrift Elle.

In der FAZ reibt sich Michael Hanfeld die Hände: Grund ist ein Gutachten des Verfassungsrechtlers Hubertus Gersdorf, der den öffentlich-rechtlichen Sendern ein "Grundrecht auf Quotenorientierung" abspricht. Um für Qualität zu sorgen, dürfe der Gesetzgeber den Sendern sogar inhaltliche Programmschwerpunkte vorgeben. "Das reiche bis zu Sendezeitvorgaben, da zur 'Unzeit' (etwa mitten in der Nacht) gesendete Programme den Versorgungsauftrag der Sender nur in geringem Maß erfüllten. Informationssendungen zur besten Sendezeit hingegen stellten sicher, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk unabhängig von Einschaltquoten ein Programm biete, das - an dieser Stelle zitiert Gersdorf das Bundesverfassungsgericht -, Sendungen enthalte, 'die über die Standardformate von Sendungen für das Massenpublikum hinausgehen'."

Auf DWDL weist Uwe Mantel ausdrücklich darauf hin, dass der Dokumentarfilmer-Lobbyverband AG DOK, den Hanfeld in seinem Artikel so eifrig zitiert, Auftraggeber des Gutachtens von Gersdorf ist und hier "Lobbyarbeit in eigener Sache" macht: "Ziel sei es, das Argument, der Gesetzgeber könne keinen Einfluss auf die Schwerpunktsetzung des Programms nehmen, zu entkräften. 'Mit diesem Scheinargument haben die Sender bisher immer den Weg zu einem besseren Fernsehprogramm blockiert. Wir sind sehr froh, dass Professor Gersdorf es jetzt zum Einsturz gebracht hat', kommentiert der AG-DOK-Vorsitzende Thomas Frickel und verweist auf die Schweiz, wo in Folge der No-Billag-Initiative festgelegt wurde, dass künftig 50 Prozent des Programmbudgets für Informationsprogramme ausgegeben werden müssen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.10.2018 - Medien

In der Politik kursiert die Forderung, die Rundfunkbeitäge nach dem Inflationsindex zu erhöhen - das würde den Sendern künftig Diskussionen über ihren Sinn und Zweck ersparen, schreibt René Martens in der taz. Kritik  an den Sendern scheint demnach ohnehin nur aus Richtung der AfD kommen zu können: "Nicht zuletzt wäre es vorbei mit den ständigen Pseudodebatten darüber, wie die Öffentlichkeit reagierte, wenn der Beitrag irgendwann erhöht werden würde. Stiege infolge des Indexmodells der Beitrag automatisch, würden zwar Springer und FAZ ein paar verbale Kurzstreckenraketen abfeuern, aber vielleicht wäre danach Ruhe im Karton."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.10.2018 - Medien

Die taz bildet mit mehreren europäischen Zeitungen (etwa der Libération, der ungarischen HVG und der Gazeta Wyborcza) einen  Rechercheverbund, um den Aktivitäten europäischer Rechtspopulisten vor der als entscheidend geltenden Europawahl im Mai 2019 zu beobachten. Im Editorial heißt es: "Europa ist RechtspopulistInnen dabei negativer und positiver Bezugspunkt zugleich: Sie dämonisieren die EU als Angriff auf die nationale Souveränität - und bilden gleichzeitig auf europäischer Ebene Allianzen. Eine Internationale der NationalistInnen mag in der Vergangenheit selten gut funktioniert haben. Heute aber gibt es mehr als nur Parallelen unter den rechten Parteien Europas: Es gibt Synergien, Kooperationen, Koordination. Teils ist dies erst in Ansätzen spürbar, wie bei der Verbindung zwischen AfD und dem französischen Rassemblement National, der früher Front National hieß. Teils haben sich schon klare Achsen gebildet, wie jene zwischen der FPÖ in Österreich und Fidesz in Ungarn." Ein ausführlicher Artikel des Dossiers widmet sich der Medienpolitik dieser Parteien, die etwa die öffentlich-rechtlichen Sender gleichschalten und Zeitungen schließen oder mit Staatsanzeigen gefügig machen.

(Via turi2) Russland versucht mit einigen Medien Einfluss auf die linke Szene in Deutschland zu gewinnen, berichtet Jan-Henrik Wiebe bei t-online.de. Unter anderem erregte ein Medium namens Redfish jüngst Aufsehen mit der Dokumentation eines Polizeieinsatzes gegen einen Schwarzen, der sich der Festnahme widersetzte und dessen Festnahme zu Flaschenwürfen des umstehenden Kreuzberger Publikums führte: "Was nur wenige User, die auf den Clip reagieren, ihn kommentieren und weiterverbreiten, wissen dürften: Redfish ist Teil des staatlichen russischen Medienbetriebs Rossija Sewodnja. Nach Aussage der Chefin Lizzie Phelan gegenüber t-online.de ist es eine hunderprozentige Tochter der Videoagentur Ruptly, die wiederum zu RT, ehemals Russia Today, gehört. Sender und Agentur gehören dem staatlichen russischen Rundfunk. Weder im Impressum noch in der Selbstbeschreibung wird diese Verbindung öffentlich gemacht."

Der schöne Sommer war Gift für die Medien, berichtet Dirk Stascheit bei turi2 mit Blick auf die neuesten IVW-Zahlen (mit denen die Auflage einigermaßen objektiv gemessen wird): Die Zeitungen und Zeitschriften in Deutschland bluten bei der verkauften Auflage auch im 3. Quartal mehrheitlich rote Tinte. Die Platzhirsche an der Spitze leiden am meisten: Bild verliert fast 10 Prozent und verkauft mit 1,52 Millionen Zeitungen 166.000 weniger. Fußball Bild, die eigentlich die Auflage steigern sollte, ist da schon eingerechnet. Die Bild am Sonntag rutscht sogar um fast 11 Prozent auf 831.717 ab. Nicht besser ergeht es den aktuellen Magazinen: Der Spiegel sackt um 6,7 Prozent auf 716.663 verkaufte Exemplare ab, der Stern büßt 12,8 Prozent ein und verkauft nur noch 514.889 Hefte."