9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.10.2018 - Medien

Die Zeit erscheint aufgrund der Recherche zu einem "milliardenschweren Finanzskandal" diese Woche erst Donnerstagfrüh. Unter dem Namen Cum-Ex plünderten Banker, Anwälte und Berater öffentliche Haushalte in halb Europa, wie hier bei Zeit Online und hier in einem von dem Recherchezentrum Correctiv zusammengestellten Dossier zu lesen ist.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.10.2018 - Medien

Der Kabarettist Serdar Somuncu will seine eigenen Fernsehsendungen - vor allem Dokumentationen, unter anderem über Integration - ins Netz stellen und zahlenden Abonnenten anbieten. Auf die privaten und öffentlich-rechtlichen Sender will er nicht mehr warten, sagt er im Gespräch mit  Alexander Krei  im Medienblog dwdl.de: "Diese Struktur, die das lineare Fernsehen jetzt noch trägt, ist in Wahrheit der auslaufende Zweig einer Industrie, die noch gar nicht mitbekommt, dass sie sich nicht mehr am Bedarf der Zuschauer orientiert, sondern sich nur noch selbst am Leben erhalten will. Die Leute haben Angst, ihre Pfründe zu verlieren, die sie über Jahre hinweg gesammelt haben. Da ist ja auch viel Klüngelei im Spiel. Aufträge werden nicht nur nach Qualität vergeben, sondern auch danach, wen man am besten kennt. Da kann man nur ausscheren, indem man sich unabhängig macht und sich mit seinen eigenen Ängsten konfrontiert."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2018 - Medien

Bei Meedia verteidigt Marvin Schade die FAZ gegen den Vorwurf, mit Alexander Gaulands Gastkommentar auf ihren Seiten dem Rechtspopulismus eine Bühne gegeben zu haben: "Gaulands Kommentar blieb nicht unbeantwortet, nicht ohne kritischen Widerhall. Dies erfolgte nachdem die erste, nicht dienliche Empörungswelle verpufft war. Und er folgte aus unterschiedlichen publizistischen Lagern. Die AfD wurde nicht entzaubert, aber sie konnte ihre bisherigen rhetorischen Tricks nicht anwenden. Sie kann nicht kritisieren, nicht zu Wort gekommen, in ihren Aussagen falsch wiedergegeben worden zu sein. Statt über das AfD-Stöckchen zu springen, haben Medien ihre Arbeit gemacht. Parallelen zu einer Hitler-Rede wurden aufgedeckt, jetzt steht auch noch ein Plagiatsvorwurf im Raum. Und Gauland und die AfD sind weitgehend verstummt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.10.2018 - Medien

In Sachen Meinungsfreiheit sind die arabischen Regime so repressiv wie je, erklärt die jordanische Journalistin und Gründerin der Organisation Arab Reporters for Investigative Journalism (ARIJ) Rana Sabbagh im Interview mit Zeit online. Darüber sollte auch die gelegentlich modernere Fassade nicht täuschen: "Die Revolutionen 2011 hatten uns Hoffnung gegeben, dass es besser werden würde. Doch dann haben die gleichen autokratischen Kräfte wieder die Macht übernommen und die Fortschritte zurückgedreht. Heute werden alle abweichenden Meinungen unterdrückt. Die Herrscher stecken Kritiker ins Gefängnis oder attackieren sie. In Ägypten ist es derzeit am schlimmsten. Selbst wenn man etwas auf Facebook teilt, kann man verhaftet werden. Alle arabischen Länder, die ein Cybercrime-Gesetz verabschiedet haben, sind zu einem Freiluftgefängnis geworden. Selbst in Tunesien, wo es durchaus demokratische Entwicklungen gibt, behandelt die Polizei Reporter, die über Proteste berichten, so wie zu Zeiten von Ben Ali. Viele Geschäftsleute kaufen oder bestechen Redaktionen, damit sie in ihren Berichten Opponenten diskreditieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.10.2018 - Medien

Die Freischreiber starten eine Internetseite über Journalisten-Einkommen, meldet Andreas Maisch bei turi2. "Journalisten können anonym ihre Honorare oder Gehälter eintragen, die Seite veröffentlicht nur Mittelwerte." In der taz geht Ralf Leonhard Vorwürfen gegen rechtsextreme Sympathien im Sender Servus TV des Dosenmilliardärs Dietrich Mateschitz nach. In einem leider etwas kursorisch resümierten Gespräch des Dlf fordert der Journalist und Medienprofessor Lutz Hachmeister eine "Bundesanstalt für Medien". Sonst könnten Google und Co. mit der bisher auf Länderebene regulierten Medienlandschaft machen, was sie wollten. Hachmeister hat in der Zeitschrift Aus Politik und Zeitgeschichte ein Thesenpapier dazu vorgelegt.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.09.2018 - Medien

Netzpolitik bringt ein kleines Dossier über Google und die Presse. Das Google-Programm "Digital News Initiative" mit seinen 150 Millionen großzügig an Medienprojekte ausgeschütteten Dollar, stellt die kooperierenden Medien in ein schiefes Licht, meint Alexander Fanta: "Wer heute über Politik, Wirtschaft oder Gesellschaft berichtet, kommt an dem Internetriesen Google und seinen Mitbewerbern Facebook, Apple, Amazon und Microsoft nicht vorbei. Ob es nun um die Zukunft des Urheberrechts geht, die Entwicklung von künstlicher Intelligenz, selbstfahrenden Autos oder politischen Debatten und Wahlkämpfe im Netz: Überall sind die großen Internetfirmen relevant und ein Machtfaktor. Wer von diesen Firmen Geld nimmt, wird gegenüber der Öffentlichkeit erst noch seine Unabhängigkeit unter Beweis stellen müssen."

Dass Google mit seinem Fonds tatsächlich innovativ ist, kann man nicht behaupten, so Fanta im Hauptartikel des Dossiers: "Ein großer Teil der Google-Fördergelder geht an etablierte, alte Medienhäuser. In den ersten vier Förderrunden gingen 54 Prozent der Projekte an profitorientierte Medien und Verlage - in Deutschland waren fast alle großen Häuser dabei, DuMont, Holtzbrinck, Funke und WAZ. Wenn man aus ungefähren Angaben Googles die Summen hochrechnet, gehen sogar 70 Prozent des Geldes an kommerzielle Medien."

15 Millionen Euro aus dem Google-Geld fließen an deutsche Medien. Ingo Dachwitz schlüsselt auf, an welche: Die FAZ erhielt 500.000 Euro, Spiegel online 700.000 Euro, die taz 100.000 Euro, die Wirtschaftswoche 600.000 Euro.

In der FAZ ist Stephan Löwenstein nicht erstaunt über die Medienpolitik der FPÖ. Vorgestern wurde eine interne Mail des Innenministeriums publik, die besagte, dass nur bestimmte Medien mit Informationen versorgt werden sollen (unser Resümee). Dass die Mail aber nicht direkt vom Minister, sondern von einem untergeordneten Mitarbeiter kommt, hält Löwenstein ebenfalls für plausibel: "Nicht nur die sprachliche Unbeholfenheit, die Mischung aus bürokratischen Floskeln und Stammtischparolen, lässt vermuten, dass da keiner mehr drübergelesen hat. Hauptsächlich aber hat der Verfasser eine österreichische Weisheit missachtet: 'A Schriftl is a Giftl.' So etwas macht man vielleicht, aber man schreibt es doch nicht auf!"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.09.2018 - Medien

Lorenz Matzat fasst bei Medium noch einmal den Skandal um das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) zusammen, der in Wirklichkeit ein Skandal der Desinformation durch so seriöse Medien wie Radio Bremen, NDR und Süddeutsche Zeitung war. Die Vorwürfe gegen das Amt sind entkräftet - und wurden übrigens von vornherein von Journalisten mehr oder weniger erdacht. Aber "aus dem Rechercheverbund selbst ist keine selbstkritische Bestandsaufnahme bekannt. In der Folgeberichterstattung, etwa bei tagesschau.de oder in der SZ, wird nie erwähnt, dass man selbst anfangs fragwürdig berichtet hat. Im Gegenteil, ganz bescheiden hieß es nur noch: 'Darüber hatten unter anderem SZ und NDR berichtet …'.(...) In der Branche selbst, zumindest legt dies ein Blick in Archive der Meta-Journalismusmedien nahe, ist es auch kein Thema." Matzat kritisiert am Ende die Weigerung der meisten deutschen Medien, eigene Fehler von sich aus benennen und zu thematisieren.

Michael Sontheimer erinnert an die Gründung der taz vor vierzig Jahren. (Eigentlich erschien sie dann ab 1979.) Die ersten Initiaitiven hatte es in Frankfurt gegeben. "Christian Ströbele, der spätere Geschäftsführer Kalle Ruch und andere Berliner erklärten, nur mit den in Westberlin verfügbaren Subventionen und Steuerabschreibmöglichkeiten ließe sich das Blatt längerfristig finanzieren. In West-Berlin wäre das rund 30.000 Mark billiger im Monat als in Frankfurt. Aber sprechen das Frontstadtklima und die Insellage in der surrealen Mauerstadt nicht gegen Berlin als Standort? Umgekehrt: Sind die Frankfurter nicht zu abgehoben und ignorant gegenüber den sozialen Bewegungen und basisdemokratischer Organisation? Schließlich gingen 43 Arme hoch für Berlin, 30 für Frankfurt. Es gab Wut und Tränen bei Unterlegenen." Die heutige taz wird von Veteranen der Gründungs-taz bestritten.

Unter anderem moderieren im Jubi-Dossier Max Thomas Mehr und Hannes Winter ein Gespräch mit Daniel Cohn-Bendit und Martin Schulz. Und die taz arbeitete damals mit modernster Technik, erinnert sich der damalige Techniker Dieter Metk: "Ganz neu waren .. Telefaxgeräte. Verbunden über analoge Telefonleitungen wurde auf der sendenden Seite das Manuskript auf eine Trommel gespannt, auf der empfangenden Seite ein silbern beschichtetes Spezialpapier. Wenn beide Seiten die richtigen Tasten gedrückt hatten, gingen Piepstöne über die Leitung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.09.2018 - Medien

Stefan Niggemeier ist sich in den Uebermedien sicher: "Nun geht es mit der Kanzlerin zuende. Also, diesmal wirklich. Sie kann einpacken. Von dem Autoritätsverlust, dass die Unionsfraktion im Bundestag nicht ihren Wunschkandidaten zum Vorsitzenden gewählt hat, wird sie sich nicht mehr erholen. Gut möglich, dass es diesmal stimmt. Irgendwann muss es ja auch mal stimmen." Und listet die Abgesänge auf Merkel seit dem Jahr 2000 auf.

Der österreichische Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat zwar sein Innenministerium kritisiert, das nur ausgewählte Medien mit Information versorgen will (unser Resümee), schreibt Ralf Leonhard in der taz. Aber "Kurzs Regierung hat von Anfang an auf lückenlose 'message control' geachtet: Sie versucht, die Themen der Berichterstattung vorzugeben. Der gewünschte Spin wird bei der Präsentation von neuen Projekten gleich mitgeliefert. Selbst Fotos steuern die Ministerien so weit wie möglich. Kurz lässt auf Auslandsreisen nur offizielle Fotografen an sich heran." Im Interview mit Zeit online ist Florian Klenk, Chefredakteur des Falters, immer noch schockiert: "Ich habe das für einen Fake gehalten und auch die Polizisten, denen ich vertraue, haben mir gesagt: 'Das ist unmöglich. So etwas wäre undenkbar.' Als dann Der Standard und Der Kurier erste Auszüge aus dieser E-Mail veröffentlicht hatten, war ich wirklich baff, dass so eine Art von Kommunikationspolitik nicht nur möglich ist, sondern auch schriftlich festgehalten wird."

In der NZZ macht der Medienunternehmer Roger Schawinski einen orginellen Vorschlag für die Neuverteilung von Rundfunkgebühren in der Schweiz: 60 Prozent der Gebühren sollen weiter fest an den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gehen, den Rest soll das Publikum verteilen. Zu diesem Zweck müsse eine Liste mit Qualitätsmedien erstellt werden, aus der sich das Publikum alle drei Jahre vier Kandidaten aussuchen soll, an die die restlichen vierzig Prozent verteilt werden sollen: "Dieses Konzept vereinigt drei moderne und zentrale Prinzipien: Da ist erstens das Bilden von Communities. Medien, die Communities bilden, schaffen starke Affinitäten. Anhänger dieser Communities können sich nun erstmals durch das Ankreuzen ihrer Lieblingssender manifestieren. Von diesem Ansatz profitieren nicht nur massentaugliche Angebote, wie kritische Stimmen behaupten, sondern auch Nischenprodukte, weil dort die Nähe zwischen Medium und Publikum besonders eng ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.09.2018 - Medien

Zeit online lancierte eine Aktion namens "Deutschland spricht", die zur gesitteten politischen Diskussion anregen soll, und holte sich als erstes den Segen von Staatsoberhaupt Frank-Walter Steinmeier, der in der Eröffnungsrede die erwartbaren Wort- über Filterblasen lieferte: "Es geht um die Frage, ob wir uns in unseren Echokammern verschanzen wollen, in Filterblasen nur noch mit Gleichgesinnten kommunizieren, ob wir uns von Algorithmen am liebsten die eigene Meinung bestätigen lassen - oder ob es uns gelingt, den Dialog zu führen über Trennendes hinweg."

Im Tagesspiegel erinnert sich Gerrit Bartels an seine Zeit als taz-Kulturredakteur. Das war 1998, und er gehörte zu einer neuen Generation, die professioneller arbeiten wollte: "Ich war nicht schwul, kein Öko, kein Alternativer, kein ausgeprägter Linker. Ich war rebellisch in einem postpubertären Sinn. ... Auch bei Detlef Kuhlbrodt, der schon bei der Berlin-Kultur der späten Achtziger mitgearbeitet hatte, zu ihren seiner Meinung nach größten Zeiten, galten wir eher als 'Karrieristen'. Nicht wegen unserer Herkunft oder fehlender politischer Alternativfarben, sondern weil das Blatt insgesamt professioneller wurde. Selbst Kuhlbrodt ließ sich nach einem Kurzausflug zum Spiegel zumindest ökonomisch besser 'aufstellen', wie man heute sagt, mit einem erhöhten Zeilengeld. Und betrauerte das in einem Text, den er 2005 unter dem Titel 'Wieder scheitern, besser scheitern' schrieb: 'Leider war man von da an nicht mehr Teil eines Kollektivtexts, sondern als seriösierter Autor plötzlich vereinzelt. Es gab die Machtorientierten, die Textorientierten, die Familyorientierten und die Spezialisten für irgendwas.'"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.09.2018 - Medien

Christoph von Marschall wirft den deutschen Medien im Tagesspiegel zu viel "Haltung" in Chemnitz und zu wenig im Hambacher Forst vor: "Wo hat es mehr Rechtsbrüche und Verwundete gegeben, in Chemnitz oder im Hambacher Forst? Der Ton in vielen Medien ist umgekehrt. Chemnitz wird als verabscheungswürdige braune Stadt vorgeführt. Trotz der erschreckenden Gewalt gegen Polizisten im Hambacher Forst scheint in vielen Berichten eine unjournalistische Sympathie mit den Aktivisten durch. Die Proteste, wird betont, seien friedlich oder weitgehend friedlich verlaufen. Wäre die Überschrift 'Friedliche Proteste in Chemnitz' ebenso denkbar?"

Die taz will die Printausgabe mit Ausnahme der Wochenend-taz demnächst einstellen. Zur Lage von Zeitungen bringt sie heute ein kleines Dossier. Geschäftsführer Kalle Ruch bekräftigt seine Position nochmal.

Und ein Blick auf die anderen Medienhäuser zeigt, dass Ruch nicht ganz falsch liegen kann. Eine kleine Tour d'horizon der Zeitung resümiert zu Springer: "Während Welt und Bild noch Journalismus machen dürfen, kommen die Gewinne längst woanders her: von Immowelt und Stepstone, den digitalen Stellen- und Immobilienanzeigen. 80 Prozent der Vorsteuergewinne steuert das Digitalgeschäft bei. Und so lässt es sich vermutlich etwas besser verschmerzen, dass die verkaufte Auflage des wichtigsten Blatts des Hauses, der Bild, zurückgeht. Gewaltig zurückgeht. Lag sie im zweiten Quartal 1998 bei gut 4,6 Millionen Exemplaren täglich, waren es zehn Jahre später noch 3,4 Millionen und jetzt, im zweiten Quartal dieses Jahres, lag die gedruckte und verkaufte Auflage nur noch bei 1,643 Millionen - obwohl die B.Z. und die Fußball-Bild eingerechnet werden."

Zum Dossier gehört auch ein Interview mit Donatien Huet von Mediapart, der den großen Erfolg des rein zahlbaren Internetmediums in Frankreich erklärt.