9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

2347 Presseschau-Absätze - Seite 163 von 235

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.02.2017 - Medien

Beim Berliner Verlag ist der Kahlschlag vollzogen - statt am Alexanderplatz müssen die Redakteure jetzt in einem "Callcenter" in einer unwirtlichen Gegend zwischen Mitte und Kreuzberg schuften. Der Dumont-Verlag hat sich für die Erhaltung der Marge ordentlich ins Zeug gelegt, berichtet Malte Göbel in der taz: "Nach Zahlen von Welt und Meedia wurden den 160 bisherigen Mitarbeiter_innen von Berliner Kurier und Berliner Zeitung 94 betriebsbedingte Kündigungen ausgesprochen." Einige Leute wurden neu eingestellt, denn es konnten sich auch Externe auf die freigewordenen Stellen bewerben. Und "die schmerzlichsten Verluste gibt es im Feuilleton. Wie man die Abgänge von Pop-Guru Jens Balzer, Anke Westphal (Film) oder Sabine Vogel (Literatur) kompensieren kann, dürfte die neue Chefredaktion ins Schwitzen bringen. Überregional zu glänzen scheint nicht mehr das Ziel der Berliner Zeitung zu sein."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.02.2017 - Medien

Die Türkei macht jetzt auch in Deutschland Medienpolitik. Das Recherchebüro Correctiv, das die in Deutschland ansässige, von dem Oppositionellen Can Dündar geleitete Onlineplattform Özgürüz eingerichtet hat, wird von türkischen Nationalisten bedroht, denen die Richtung nicht passt, meldet die Zeit laut turi2: "Die Anfeindungen richteten sich vor allem gegen die türkischen Journalisten der Website Özgürüz. Fünf Redakteure hätten bereits gekündigt, weil ihnen die Arbeit zu gefährlich wurde. Das türkische Staatsfernsehen hatte zuvor über die Exil-Redaktion berichtet."

Die Türkei selbst ist mittlerweile das größte Gefängnis der Welt für Journalisten, schreibt Zia Weise bei Zeit online und schildert Hintergründe zur Inhaftierung des deutsch-türkischen Welt-Korrespondenten Deniz Yücel, der über geleakte E-Mails des Energieministers Berat Albayrak geschrieben hatte: "Nur wenige türkische Medien trauten sich, darüber zu berichten. Kritische Texte über Erdogan und seine Familie gelten als tabu - der Präsident hat schon mehr als tausend Kritiker wegen 'Beleidigung' verklagt - und Albayrak ist Erdogans Schwiegersohn. Neben Yücel wurde nach acht anderen Journalisten aufgrund von Berichten über die gehackten E-Mails gefahndet; Fünf von ihnen sitzen in Haft."

Gestern appellierte Steven Wladman in der New York Times an Plattformkonzerne wie Facebook und Google, dass sie Gelder für investigativen Journalismus stiften (unser Resümee). Heute setzt Emily Bell in der Columbia Journalism Review nach und packt die Konzerne bei ihren Interessen: "Zuckerberg spricht sich für Lokaljournalismus aus, und die Digital News Initiative von Google tut dasselbe. Das ist zum Teil PR, um Verleger zu beruhigen. Aber es steckt mehr dahinter. Die Kritik an Filterblasen und Fake News hat wirklich getroffen. Es zeichnet sich Regulierung ab, und der moralische Imperativ, das Informations-Ökosystem zu verbessern wiegt schwer für die Plattform-Unternehmen."

In der NZZ fragt sich Angela Schader, wie wir mit den brutalen Bildern aus dem Syrien-Konflikt umgehen sollen: "Können wir sicher sein, nicht einer Art schwarzer Faszination anheimzufallen? Erlaubt der Respekt vor der Menschenwürde der Opfer, ihrer totalen Erniedrigung, ihrer Qual, ihrer Dehumanisierung zumindest mittelbar beizuwohnen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.02.2017 - Medien

Es ist ja schön und gut, dass sich Mark Zuckerberg in seinem vieldiskutierten Manifest (unsere Resümees) starke Medien wünscht, nur sind es Firmen wie Facebook und Google, die die Zeitungen ihres traditionellen Geschäftsmodells beraubt haben, indem sie den Anzeigenmarkt neu organisierten. Das ist zwar an sich nicht böse, findet Steven Waldman in der New York Times. Aber die Giganten könnten sich ja wenigstens bewegt fühlen, über ihre Stiftungen etwas an den investigativen und lokalen Journalismus zurückzugeben: "Wenn die Chefs dieser Firmen nur ein Prozent ihrer Gewinne für fünf Jahre für diese Sache festlegen, könnte sich lokaler Journalismus in Amerika fürs nächste Jahrhundert vorbereiten. Das wären 4,4 Milliarden Dollar, genug  um einen Fonds für lokalen Journalismus zu schaffen. Das Einkommen aus Zinsen betrüge 200 Millionen Dollar im Jahr, mehr als 15 mal so viel wie das aktuelle Stiftungsaufkommen für investigativen Journalismus - und genug für 50 investigative Journalisten in jedem Staat oder die Technikkosten von gemeinnützigen Medien."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 20.02.2017 - Medien

Der Computerlinguist Reinhard Karger vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz versucht in Zeit online Journalisten die Angst vor Künstlicher Intelligenz zu nehmen. Im Journalismus könne "KI lediglich die Kernkompetenzen unterstützen, aber nicht kreativ ersetzen. Recherchieren, analysieren, schreiben, redigieren gehören dazu. KI liefert Komponenten und Wissenswerkzeuge, unterstützt bei Datenauswertung und Datenaufbereitung. Stichwort digitale Kuratierung... Das Zusammenfassen von Texten hilft, die Relevanz von Inhalten schneller beurteilen zu können. Das automatische Glossar hilft, die Verwendung von Begriffen für sich, aber auch in der Redaktion zu harmonisieren. Das automatische Hyperlinking verbindet Texte mit Quellen und Begriffe mit Beispielen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.02.2017 - Medien

In der Türkei ist der Welt-Korrespondent Deniz Yücel verhaftet worden, meldet seine Zeitung. Laut seinen Anwälten werde gegen ihn wegen Mitgliedschaft in einer Terrororganisation, wegen Terrorpropaganda und wegen Datenmissbrauchs ermittelt. In anderen Ländern nennt man das schlicht Journalismus: "Yücel hatte zwei Artikel über gehackte Mails geschrieben, die vom Konto von Energieminister Berat Albayrak stammen sollen - der zugleich Erdogans Schwiegersohn ist. Gehackt haben will das Mailkonto eine Gruppe namens Redhack, die in der Türkei als Terrororganisation gilt. Yücels Artikel befassten sich nicht mit Albayraks Privatleben, sondern mit Politik. Und der Journalist hatte sich nicht selber Zugang zu den Mails verschafft: Im ersten Artikel im Oktober zitierte er regierungskritische türkische Medien, die darüber schrieben. Im zweiten Bericht vom Dezember berief er sich auf Wikileaks. Die Organisation hatte die gesammelten Mails zuvor online gestellt."
Stichwörter: Türkei, Yücel, Deniz

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.02.2017 - Medien

Sehr im Sinne der Printunternehmen resümieren Matthew Karnitschnig and Chris Spillane in politico.eu (das zum Teil dem Hauptlobbyisten Springer Verlag gehört) die europäischen Debatten um das Leistungsschutzrecht für Presseverlage: "In den vier Jahren von 2010 bis 2014 sind die Printeinnahmen europäischer Zeitungen und Magazine um 14 Milliarden Euro zurückgegangen, konstatiert eine Studie des Marktforschers PwC. Die digitalen Einnahmen sind in dieser Zeit um 4 Milliarden Euro angestiegen, so dass ein Loch von 10 Millarden Dollar in der Bilanz bleibt. Es wird erwartet, dass diese Lücke in den kommenden Jahren wieter aufspringt. Teil des Problems ist, dass Verleger über Jahre den Inhalt, den sie nun zu schützen suchen, kostenlos hergaben." (Nein, das Problem ist, dass sie dies die ganze Zeit behaupten, obwohl es nicht stimmt, und dass sie das eigentliche Problem, den Verlust der Rubrikenanzeigen, nicht benennen!)

In einem zweiten Artikel stellen die Autoren die wichtigsten Einflussagenten beim Copyright-Thema in Brüssel vor.

In der SZ berichtet Kathrin Hollmer über Dienste wie Blendle, Piqd oder reprtagen.fm (aber nicht den Perlentaucher), die Lesern längere Artikel empfehlen: "Das Kuratieren von Artikeln ist derweil in den vergangenen Jahren zum Geschäftsmodell geworden. Start-ups wie Blendle, Piqd und Pocketstory geben in Newslettern und auf ihren Websites personalisierte Leseempfehlungen samt Begründungen. Finanziert werden sie durch Einzelverkäufe von Paid-Content-Artikeln, Abo-Modelle oder Mitgliedschaften. Wie sehr sich das lohnt, darüber kann man nur spekulieren, denn konkrete Zahlen nennen die Portale nicht."

Ähnlich sieht es Christian Nürnberger bei kress.de, der zwar einerseits in einem rätselhaften Satz behauptet: "Soviel Pressefreiheit wie in Deutschland war in diesem Land noch nie." Aber andrerseits angesichts der gefährdeten Geschäftsmodelle ein Umdenken, auch in der Politik, fordert: "ich höre keinen Bundeskanzler und keinen Bundespräsidenten sagen, dass Qualität Geld kostet, journalistische Qualität für den Bestand der Demokratie lebenswichtig ist und darum von Bürgern irgendwie bezahlt werden muss, notfalls durch Steuern. Sehr viele stolze Journalisten schreien auf, wenn sie das hören. Öffentlich-rechtlich subventioniert werden möchten sie auf keinen Fall. Im Gegenteil, sie möchten auch das öffentlich-rechtliche Fernsehen am liebsten abschaffen und geben sich der Illusion hin, dass sich schon genügend Leute finden werden, die bereit sind, ihnen ihre Leitartikel, Reportagen, Feuilletons einzeln abzukaufen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.02.2017 - Medien

Im Gespräch mit Marco Bertolaso vom Deutschalndfunk plädiert Günter Wallraff gegen Facebook und für ein  Schulfach "Medienkompetenz": "Da müssen junge Lehrer rein, die computeraffin sind, und die müssen Jugendlichen erst mal zeigen, wie man das Internet wirklich nutzt und Wahnwelten, Fake News unterscheidet von seriösen Nachrichten, auch wieder Zeitung lesen lernen, und zwar vielleicht durch Geschenk-Abos. Vielleicht brauchen wir auch öffentlich-rechtliche Printmedien. Weil wenn das alles weg ist, dann haben wir demnächst auch Politiker à la Trump, die über solche Medien überhaupt gesellschaftsfähig gemacht werden. Ich sehe da höchsten Handlungsbedarf."
Stichwörter: Wallraff, Günter, Fake News

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.02.2017 - Medien

Der MDR gründet das Medienportal Medien360G, offenbar ein weiterer Versuch einer "Public Private Partnership", denn laut Björn Czieslik in turi2 soll das Portal "neben eigenen Beiträgen auch Inhalten von Kooperationspartnern wie dem NDR-Medienmagazin Zapp und Übermedien einen weiteren Ausspielweg bieten will. Das Portal soll einen 'neugierigen Blick auf die sich stetig verändernde Medienwelt werfen' und Orientierung in der digitalen Medienvielfalt leisten, sagt Boris Lochthofen, Direktor des MDR-Landesfunkhauses Thüringen." Bisher hat das Portal, das gestalterisch den Charme eines Behördenwartesaals ausstrahlt, nicht mal einen RSS-Feed und darum wenig Chancen, vom Perlentaucher wahrgenommen zu werden.

Ulrike Simon berichtet in horizont.net vom neuesten Prozess zwischen VG Media und Google um das neue Leistungsschutzrecht. Der Prozess fand allerdings gerade mal beim Landgericht Berlin statt und hat also noch ein paar Instanzen vor sich. Der Richter kritisierte das Gesetz zunächst Mal als "sehr schlecht gemacht", es enthalte "sehr viele Unschärfen und Ungenauigkeiten". Die in der VG Media zusammengeschlossenen Medien hatten sich laut Simon Auskunft über die Höhe der Einnahmen von Google in Deutschland erhofft, "doch stattdessen wurde erneut darüber diskutiert, was das Gesetz meint, wenn darin von 'einzelnen Wörtern' oder 'kleinsten Textausschnitten' die Rede ist, und auch darüber, ob der Gesetzgeber beabsichtigte, Verlagen zu einer Vergütung zu verhelfen oder vielmehr die Funktionsfähigkeit von Suchmaschinen zu erhalten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.02.2017 - Medien

Das Spiegel-Cover - Donald Trump köpft die Freiheitsstatue mit blutigem Schwert - macht viel von sich reden. Gezeichnet wurde es von dem aus Kuba stammende Künstler Edel Rodriguez, der 1980 als politischer Flüchtling in die USA gekommen war , erläutert Malte Göbel in der taz. In der Washington Post zitiert Cllum Borchers den Künstler: "Es ist eine Köpfung der Demokratie, die Köpfung eines heiligen Symbols', sagt Rodriguez, denn die Freiheitsstatue stelle die Vereinigten Staaten dar, die die Immigranten willkommen heiße. 'Und klar, zuletzt war es der 'Islamische Staat' der mit Köpfungen assoziiert war, da ist ein Vergleich... Beide Seiten sind Extremisten, darum vergleiche ich sie.'"

Göbel ist in der taz nicht einverstanden mit dem Cover: "Wie will der Spiegel aufmachen, wenn die Lage in den USA weiter eskaliert? (...) Ihren Kopf verloren hat sie ja schon. Und der Spiegel seinen offensichtlich auch." Auch Jochim Güntner sieht das Cover in der NZZ kritisch: "Es geht nicht ums Dürfen. Es geht um die publizistische Kultur und darum, ob der Spiegel gut beraten ist, mit plumpen Botschaften zur Vergiftung des politischen Denkens beizutragen." Güntner zieht das weniger brachiale Cover des New Yorker mit der verlöschenden Fackel der Freiheit vor. Streng auch Detlef Essinger in der SZ: "Wer sein Publikum mit Klötzen wie IS und Hitler zustellt, der hat keine Kapazitäten mehr, um sich gegen Trumps Bausteine zu wappnen. Er geht dessen Medientricks immer von Neuem auf den Leim. Gleichsetzungen und Dämonisierungen erleichtern ihm sogar das Handwerk." Mehr bei der Berliner Zeitung.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.02.2017 - Medien

Mit der Aktion "Kein Geld für Rechts" versucht der Werbestratege Gerald Hensel, rechtsgerichteten Onlinemedien das werbefinanzierte Standbein wegzuschlagen. Henryk Broder, der auf dem betroffenen Blog Die Achse des Guten schreibt, verglich die Aktion mit den Boykottaufrufen der Nazis gegen jüdische Geschäfte. In der NZZ fasst Joachim Güntner die Debatte zusammen und plädiert gegen den Einsatz von Werbeanzeigen als Waffe: "Es kann kein allgemeingültiges Prinzip sein, Organe, deren Meinungen einem nicht passen, vernichten zu wollen, statt ihnen mit Gegenmeinungen zu begegnen. Dem menschenfeindlichen Extremismus die Existenzgrundlage zu entziehen, ist Sache des Rechtsstaats. Der Bürger kann und sollte Stellung beziehen - im Idealfall auf zivilisierte Weise. Das würde schon reichen."

Der Kampf gegen Fake News wird nicht auf Facebook, sondern im Klassenzimmer gewonnen, meint der Medienwissenschaftler Roberto Simanowski im Tagesspiegel. Es brauche eine Medienbildung, die Schüler "befähigt, souverän zwischen dem zu unterscheiden, was wahr und falsch, was wichtig und belanglos ist. Didaktisierungen sind ohne viel Technik vorstellbar und können mit der guten alten Interpretationsübung beginnen: Welche dieser Meldungen sind falsch und warum? Welche Beiträge im Kommentarteil gehen völlig am Argument des Artikels vorbei? Das übergeordnete Erkenntnisziel aber muss ein Verständnis dafür sein, wie die neuen Medien scheinbar unaufhaltsam unsere Gesellschaft verändern."

Nachdem Trump und Brexit der New York Times und dem Guardian beträchtliche Leserzuwächse beschert haben (siehe unser 9Punkt von gestern), hofft nun auch die taz von der schlechten Weltlage zu profitieren, bekennt Andreas Bull: "Für das Verfolgen dramatischer Ereignisse genügt den Lesewilligen zunehmend der schnelle Blick ins Internet. Und zum schnöden Nachrichtenkonsum mag das ja auch ausreichen. Aber das politische und gesellschaftliche Klima ist 2017 ein anderes geworden. Es ist höchste Zeit zu intervenieren. Im März wird im Saarland ein neuer Landtag gewählt und in den Niederlanden ein neues Parlament. Im Mai sind Landtagswahlen in Nordrhein-Westfalen und Schleswig-Holstein sowie Präsidentschaftswahlen in Frankreich. Im September schließlich Bundestagswahlen. Und nicht zu vergessen: Donald Trump sitzt im Weißen Haus."