9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2015 - Religion

Jon Lee Anderson kommt in einem Nachruf im New Yorker nochmal auf die beeindruckende Lebensbilanz des Mullah Omar zurück, des "charismatischen spirituellen Führers" der Taliban, der nun angeblich tot ist: "Der internationale Konflikt, den Mullah Omar im Jahr 2001 mit initiierte, geht immer noch weiter und hat bis heute die Leben von 91.000 Afghanen gekostet, darunter 26.000 Zivilisten. 3.393 Soldaten aus 29 verschiedenen Ländern sind ebenfalls gestorben, die Mehrheit von ihnen - nämlich 2.316 - waren Amerikaner. Den amerikanischen Steuerzahler hat der Krieg bisher tausend Milliarden Dollar gekostet, weitere Milliarden stehen aus." Das war"s dann wohl mit den Jungfrauen!
Stichwörter: Taliban, Mullah Omar

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.07.2015 - Religion

In der NZZ erklärt der französische Politikwissenschaftler Olivier Roy in einem etwas vertrackten Gedankengang, dass sich die Säkularisierung weltweit durchgesetzt hat, selbst in den islamischen Theokratien und auch beim Islamischen Staat: "Menschen, die öfters konvertieren, wollen das "Eigentliche" - Religion als Kulturform interessiert sie nicht. Die Europäer, die zum Islam konvertieren und in den Jihad ziehen, nehmen sich in der Regel nicht die Mühe, Arabisch oder Türkisch zu lernen; sie bleiben bei ihrer Muttersprache und garnieren diese mit ein paar arabischen Wörtern. Auch kleiden sie sich nicht wie traditionelle Saudiaraber oder Ägypter, sondern kreieren ihren eigenen Look: Weiße Gewänder und Nike-Sportschuhe scheinen zum Kennzeichen des Konvertiten geworden zu sein. Ausländische Dschihadisten integrieren sich zudem nie in die Gesellschaften, für die zu kämpfen sie vorgeben. Wenn ihnen die lokale Bevölkerung ihre Töchter nicht freiwillig gibt, werden die Mädchen vergewaltigt oder entführt."

Der Islamwissenschaftler Stefan Weidner begrüßt in der SZ einerseits die Übersetzung eines Manifests, mit dem der "Islamische Staat" Frauen anlocken will - die britische Quilliam-Stiftung und später der Herder-Verlag brachten kommentierte Ausgaben. Aber er kritisiert zugleich, dass der Miliz durch die Übersetzung gewissermaßen Propagandarbeit abgenommen und dass Religionskritikerinnen in die Hand gespielt werde: "Schlimmer ist noch, dass sich Musliminnen im Westen nun genötigt sehen könnten, sich vom kruden Frauenbild des IS zu distanzieren, das der Islamkritik die besten Argumente in die Hände spielt. Man spürt die Not und das Bedürfnis nach Abgrenzung am gründlichen Nachwort der deutschen Herausgeberin. Doch kein Muslim, gleich welcher Herkunft und welchen Geschlechts, muss sich genötigt fühlen, Manifeste des IS zu widerlegen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 25.07.2015 - Religion

Uwe Justus Wenzel besucht für die NZZ im Jüdischen Museum Berlin eine von Saskia Boddeke und Peter Greenaway inszenierte Ausstellung zur Geschichte von Abraham und Isaak. Gut gemeint ist sie, schreibt er schließlich wenig überzeugt. "Wie es aussieht, haben sich die beiden Gastkuratoren resolut einer Reduktion der Interpretationsmöglichkeiten verschrieben. Was der Titel der multimedialen Schau lapidar als Richtschnur zur Deutung der Geschichte vorgibt: "Gehorsam", formuliert Peter Greenaway unter anderem so: "Es ist die Geschichte alter Männer, die Gehorsam fordern und junge Männer in den Krieg schicken.""

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2015 - Religion

"Der Blick in eine 2000 Jahre alte Kulturgeschichte könnte selbst Horst Seehofer sensibilisieren", glaubt Rudolf Neumaier in der SZ nach dem Besuch der Ausstellung "Caritas" zur Geschichte der Nächstenliebe im Diözesanmuseum Paderborn: "Erst praktizierten vornehmlich Klöster die caritas, später die wohltätigen Stiftungen. Einrichtungen wie der katholische deutsche Caritasverband entstanden, der den lateinischen Begriff der Nächstenliebe zu einer Marke machte. Mit der Institutionalisierung der Nächstenliebe ging ihre Entschärfung einher. Wenn sich die Gemeinschaft kümmert, kann der Einzelne seine caritas allenfalls auf ehrenamtlichem Niveau ausleben. Die radikale Nächstenliebe im urtümlichen Sinn hat sich zu einer Marktlücke für heilige Freaks entwickelt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.07.2015 - Religion

Der Vorsitzende des Bundes für Geistesfreiheit (BfG) hat gegen die Gebührenabteilung des Bayerischen Rundfunks geklagt, berichtet Martin Reichert in der taz: "Michael Wladarsch hatte vor zwei Jahren sein Büro mithilfe von Nudelwasser dem "Fliegenden Spaghettimonster" geweiht und beansprucht seitdem einen Erlass der Rundfunkgebühren. Schließlich sieht der Rundfunkstaatsvertrag vor, dass für Betriebsstätten, die gottesdienstlichen Zwecken dienen, keine Rundfunkgebühr zu entrichten sei. Der br wiederum glaubt nicht an die Weihewirkung von Nudelwasser und besteht auf einem "religionstypischen Widmungsakt"." Das Münchner Verwaltungsgericht hat die Klage abgewiesen.

Verschiedene Autoren befassen sich mit den Mechanismen der Radikalisierung, die ganz normale Mittelschicht-Jugendliche dazu bringen, bei "Daech" (um nicht "Islamischer Staat" zu sagen) Köpfe abzuschneiden. Die ersten Schritte, so schreibt Olivier Postel-Vinay in Libération, gleichen der Sinnsuche, die junge Leute dazu führt, in Sekten einzutreten. Der eigentliche Auslöser aber "kommt aus einer Begegnung in den sozialen Netzen der Dschihadisten. Erste Konstakte können im Internet entstehen, aber eine Bedingung ist, dass eine starke Freundschaft mit mindestens einem anderen jungen Menschen entsteht, der genauso empfindet. Der Rest ist eine Angelegenheit der Rekruteure, die lokal agieren, ohne dabei unbedingt von den Direktiven einer Zentrale abzuhängen." Auch Kenan Malik denkt in seinem Blog in Antwort auf eine Rede David Camerons über "Radikalisierung" nach.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2015 - Religion

Eine "Obdachlosigkeit in der eigenen Kultur" diagnostiziert Zafer Senocak in der Welt mit Blick auf den Islam. Das Symptom hat gefährliche Folgen: "Die islamische Kultur hat ihre Demut verloren, da sie einer permanenten Demütigung ausgesetzt ist. Zur Unheilbarkeit des muslimischen Komplexes gehört der feste Glaube an eine Verschwörungstheorie. An der eigenen Misere sind grundsätzlich nur andere schuld. Die USA, der Westen oder auch Israel sind beliebte Ausflugsziele der muslimischen Paranoia. Nirgendwo wird die Brüchigkeit solcher Thesen so offensichtlich wie in der Türkei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2015 - Religion

Die Chancen auf eine umfassende Reformation im Islam bemisst der in Princeton lehrende Islamwissenschaftler Simon Wolfgang Fuchs in der FAZ momentan recht gering. Dafür seien die religiösen, aber auch die staatlichen Spielräume viel zu klein: "Rundum "verknöchert" oder "erstarrt" ist das islamische Erbe keinesfalls, allerdings ist Außenstehenden oftmals die Tragweite der internen Debatten, die in solchen Kontexten geführt werden, nicht bewusst. Von Gelehrten dieser Prägung ist keine blitzschnelle "radikale Reform" oder die Schaffung eines wie auch immer gearteten "Euro-Islams" zu erwarten, wohl allerdings Flexibilität, ein Fokus auf das Gemeinwohl und das Ermöglichen eines guten Zusammenlebens von Muslimen und Nichtmuslimen, auf das alle islamischen Rechtsschulen seit jeher Wert gelegt haben."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2015 - Religion

Nichts fürchtet Chinas KP heute so sehr wie wahre Kommunisten, weiß Slavoj Zizek in der LRB und erklärt sich aus dieser Furcht vor kommunistischen Gläubigen Pekings anhaltende Aversion gegen die Religion. Einige dialektische Volten später kommt er Zizek auf folgenden Gedanken: "Man kann nicht religiös im allgemeinen Sinne sein. Man kann nur an einen bestimmten Gott glauben, oder an bestimmte Götter, zum Nachteil anderer. Das Scheitern aller Versuche, Religionen zusammenzubringen, zeigt, dass man religiös im allgemeinen Sinne nur unter dem Banner der "anonymen Religion des Atheismus" sein kann. Tatsächlich kann nur ein atheistisches Regime religiöse Toleranz garantieren: in dem Moment, da dieser atheistische Rahmen wegfällt, explodieren die Fraktionskämpfe zwischen den verschiedenen Religionen."
Stichwörter: Atheismus, Zizek, Slavoj, Kp

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2015 - Religion

Gil Mihaely unterhält sich für causeur.fr mit der ägyptisch-amerikanischen Journalistin Mona Eltahawy, die in Frankreich ihr Buch "Warum hasst ihr uns so? Für die sexuelle Revolution der Frauen in der islamischen Welt" vorlegt. Sie betont, dass die Unterdrückung der Frauen im Nahen Osten keineswegs allein eine Spezialität des Islams ist: "Genitalverstümmelung wird bei den Christen genauso praktiziert wie bei den Muslimen. Viele koptische Familien sind bei den Belangen der Frauen genauso konservativ wie die Muslime. In vielen Ländern wird das Familienrecht den Religiösen überlassen. Konkret heißt das, dass Kopten kein Scheidungsrecht haben. Nicht der Islam, die Religion ist also das Problem."

In der NZZ analysiert der Theologe Jan-Heiner Tück eine Rede, die Benedikt XVI. kürzlich über Musik gehalten hat.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.07.2015 - Religion

Indonesien ist in diesem Jahr Gastland der Buchmesse. Für ungemütlichere Debatten könnte die rapide Islamisierung des Landes sorgen, die etwa dazu führte, dass heute sehr viel mehr Frauen als früher Kopftuch tragen, berichtet Marco Stahlhut in der FAZ. Es liegt unter anderem daran, "dass der Islam bereits seit den siebziger und achtziger Jahren und dann noch einmal verstärkt seit der Demokratisierung des Landes von saudi- und golfarabischen Interpretationen der Religion beeinflusst wird. Das wiederum hat seine Ursache einerseits in den vielen, vor allem weiblichen indonesischen Gastarbeitern in Saudi-Arabien, die bei der Rückkehr in die Heimat die dortige puritanische Interpretation des Islams mitbringen. Es gibt aber auch direkte Einflussnahmen..."