Heute in den Feuilletons
Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.08.2010. In der NZZ erzählt Azar Nafisi die Geschichte der Sakineh Mohammadi Ashtiani, die gesteinigt werden soll. In der Jungle World meint Jeffrey Herf, dass die neuen Forschungen über den Mufti von Jerusalem geeignet sind, den Blick auf Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt zu verändern. Laut SZ diskutiert Italien über das Ende der Ära Berlusconi, für den es dummerweise keine Alternative gibt.
31.07.2010. Die taz empfiehlt ignorierten Literaturübersetzern, sich an eine bewährte Putzfrauenhypothese zu halten. In der NZZ stellt Hannelore Schlaffer fest: Frauen lesen Romane, Männer Zeitschriften. Die FAZ studiert in Stuttgart den Widerstand der Sechzigjährigen gegen einen neuen Bahnhof. Die SZ erschrickt vor einem parallelen Rechtssystem in hiesigen Migrantenmilieus. Im Guardian erklärt Gabriel Josipovici britische Autoren wie Rushdie, McEwan oder Barnes für zunehmend irrelevant.
30.07.2010. Im Namen des Meeres klagt Michel Serres in der taz gegen BP. In Blogs und Medien wird weiter über Bezahlinhalte gestritten: Ohne öffentlich-rechtliche Inhalte im Netz könnten die Verleger ihre Angebote endlich zahlbar machen, hofft der Zeitschriftenlobbyist Wolfgang Fürstner im Tagesspiegel. Die SZ erklärt ihre Solidarität mit den Gentrifizierungsverlierern. Die FAZ sammelt öffentlich zugängliche Informationen zu Google und der CIA.
29.07.2010. Jon Stewart bringt die Enthüllung von Wikileaks auf den Punkt. In der Berliner Zeitung isst Liv Ullmann Fleischklopse mit einem stummen Ingmar Bergman und einem stummen Woody Allen. Die Zeit fordert von den Öffentlich-Rechtlichen: Gebühren oder Quote. Und die Feuilletons sind hin und weg von Wolfgang Rihms "Dionysos"-Oper.
28.07.2010. Mit offenem Mund verfolgten die Kritiker Peter Steins Inszenierung des "Ödipus auf Kolonos". Die einen staunten. Die anderen gähnten. Im Guardian trauert Tom McCarthy mit dem Telefon um die Toten. In der NZZ wappnet sich Leopold Federmair für den japanischen Winter. In der SZ zerlegt Andrea Camilleri den Berlusconismus mit Besteck des Kommunismus. Käufern des Ipad wird zu unerotischer Lektüre geraten.
27.07.2010. Die alten Medien sind nicht tot, schwärmt die taz: Denn sie durften im Internet verbreitete Enthüllungen zuerst aufarbeiten. Auch die Blogs setzen sich intensiv mit den Wikileaks-Enthüllungen und der Aufbereitung in den drei Primärmedien auseinander. Auch die Loveparade-Katastrophe spielt eine Rolle: Wäre die Loveparade als offene Veranstaltung konzipiert worden, so der einstige Veranstalter Dr. Motte in der Berliner Zeitung, dann wäre nichts passiert. Außerdem: Was sollen die Ratten im "Lohengrin"?
26.07.2010. Die FAZ liest "Das Ende der Geduld" der Jugendrichterin Kirsten Heisig. In der taz porträtiert Gabriele Goettle den Münzgestalter Heinz Hoyer. Die NZZ diagnostiziert Depression bei den Spaniern, die zum großen Teil wieder zu ihren Eltern gezogen sind. In der FR will der Philosoph Michael Pauen trotz Hirnforschung an der Willensfreiheit festhalten. Die Blogs denken über das Programm Flipboard nach, das für das Ipad Medieninhalte in sehr hübscher Weise aggregiert.
24.07.2010. In der FR rät Seyla Benhabib Israel zur demokratischen Selbstauflösung. In der NZZ sieht Richard Herzinger Israel als potenziellen Turbo für einen demokraischen und wirtschaftlichen Aufschwung in der Region. Für die SZ besucht Ralf Bönt die Killing Fields von Kambodscha. Die Welt lauscht dem 80-jährigen Grass, der dem 50-jährigen Grass lauscht. Im Blog des Literaturagenten Andy Ross erklärt die New Yorker-Redakteurin Mary Norris, was ein O.K.er ist. In der FAZ porträtiert Jan Wagner den amerikanischen Lyriker Wallace Stevens: "Ohoyaho, / Ohoo".
23.07.2010. Nichts ist teurer als die Zeitung von gestern: Telepolis erklärt, was mit dem Springer Verlag, der 27.000 Euro für einen digitalen Zugang zur Vossischen Zeitung will, in Brasilien passieren würde. In der SZ schildert der Internetpionier Ethan Zuckerman das Problem der durch das Netz fragmentierten Öffentlichkeit. Das Ideal der "bürgerlichen Öffentlichkeit" funktioniert aber auch nicht, meint Carta. Fast alle Zeitungen feiern Mieczylaw Weinbergs wiederentdeckte Oper "Die Passagierin" in Bregenz: Musiktheater über Auschwitz.
22.07.2010. In Slate schimpft Christopher Hitchens auf Mel Gibson. Jungle World bringt ein Dossier zur Burka-Debatte und fragt nach Nebenwirkungen. Die FAZ fragt mit Martha Nussbaum: Was stört uns der Niqab, solange die so Verhüllte uns noch anblickt? Life Science untersucht einen prähistorischen Dildo. Die Zeit hat festgestellt, dass noch gelesen wird, und dies sogar im Internet. Und die ARD wehrt sich mit aller Entschiedenheit gegen die FAZ.