Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.02.2024 - Bühne

Szene aus "Die Soldaten" an der Elbphilharmonie. Foto: Daniel Dittus.

Berthold Seliger ist im ND hin und weg von Calixto Bieitos Inszenierung der Oper "Die Soldaten" von Alois Zimmermann an der Elbphilharmonie in Hamburg. Ein "faszinierendes Monster" habe Bieito da erschaffen, ein Drama über das Militär als moralisch verkommenem und übermächtigem Teil der Gesellschaft. Zimmermann folgte dem Ideal des "totalen Theaters", weiß Seliger, das alle Kunstformen miteinander verbinden will und einer ungeheuer komplizierten Partitur folgt, die ursprünglich als "unspielbar" galt: "Es ertönt eine aggressive, durch alle Instrumentengruppen stürmende, wilde Zwölftonmusik, die Holzbläser kreischen, die Streicher spielen verrückte Akkorde, die sich vom zweifachen zu einem dreifachen Fortissimo steigern, und wenn diese kakophonischen Klänge einmal abgedimmt werden, durchbrechen Vibraphon und Glocken mit Fortissimo-Aufschreien den Sound, der sich immer wieder aufs Neue auf- und abschwingt in einem furiosen Preludio. Hier wird die Fährte gelegt, die in den folgenden zwei Stunden zu harscher Brutalität führt: Diese Soldaten sind nicht nur wie bei Tucholsky 'alle Mörder', sondern sie sind ein entgleister, roher, bigotter Haufen jenseits aller Zivilität - eine barbarische Truppe eigenen Rechts, nicht nur im Krieg, sondern gerade auch im 'zivilen' Dasein." Seliger weist dankend daraufhin, dass die Veranstalter die komplette Oper in einem Stream zu Verfügung stellen.

Weiteres: Manuel Brug stellt in der Welt fest, dass in deutschen Theatern Operette, Musical und Musiktheater den Publikumsgeschmack treffen, obwohl sich die Feuilletons für diese Genres wenig interessieren.

Besprochen werden Benedict Andrews Inszenierung von Tschaikowskys Oper "Pique Dame" in der Bayerischen Staatsoper (FAZ, SZ), Kornél Mundruczós Inszenierung von Dvořáks Oper "Rusalka" an der Berliner Staatsoper (tsp) und Guntbert Warns Inszenierung von Molières "Tartuffe" am Renaissance-Theater in Berlin (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.02.2024 - Bühne

Szene aus "Valuschka" am Theater Regensburg. © Marie Liebig

FAZ-Kritiker Jan Brachmann kommt mit Sebastian Ritschels Inszenierung von Peter Eötvös' neuer Oper "Valuschka" am Theater Regensburg in den Genuss eines "der witzigsten und pointiertesten" Libretti, die "in den letzten Jahren für die zeitgenössische Oper geschrieben wurden". Eötvös' Groteske ist eine Adaption von László Krasznahorkais Roman 'Melancholie des Widerstands'. Im Mittelpunkt steht der naive János Valuschka - nur der Professor Hagelmayer erkennt, was wirklich in ihm steckt. Dann ist da noch Frau Tünde, erzählt der Kritiker: "Einen Wanderzirkus mit einem ausgestopften Blauwal sowie einen mysteriösen 'Prinzen', zwergwüchsig, mit drei Augen, benutzt Frau Tünde, um Unruhe in der Stadt zu schüren, das Militär zu stationieren und eine Diktatur zu errichten, die wenig kommod wirkt." Musikalisch findet Brachmann nicht alles gut, trotzdem hat er einen interessanten Abend verbracht: "Der überwiegend melodramatische Stil - ein ausnotierter Sprechgesang zu einem symmetrisch aufgeteilten Orchester, das zart, aber pausenlos rumst, rasselt, faucht, schnarrt, rülpst, grunzt, pfeift und furzt - knüpft mit erweiterten Mitteln an den kabarettistischen Stil des 'Pierrot lunaire' von Arnold Schönberg an. ...Bezeichnenderweise lässt Eötvös zwei Figuren aus dem sprechsingenden Mischmasch der Uneigentlichkeit herausragen: den klar denkenden Hagelmayer, der nur spricht, und den klar fühlenden Valuschka, der nur singt." In der nmz lobt Juan Martin Koch das "fantastische Ensemble", sieht musikalisch aber auch einige Schwächen.

In der FAZ macht sich Sophie Kliieisen Gedanken über das Verhältnis zwischen Intendanz und Geschäftsführung an Deutschen Theatern. Die kürzlichen Personalwechsel am Deutschen Theater in Berlin und am Staatstheater Wiesbaden zeigen, dass man sich mit der Vereinbarkeit von wirtschaftlichem Kalkül und künstlerischer Freiheit schwer tut: "Welche Eigenschaft soll ein Theater prägen, wenn beides zugleich so schwer umzusetzen ist: eine ausgeglichene Bilanz und eine gewisse künstlerische Unberechenbarkeit? Ein Vorschlag zur Güte: Man unterwerfe Geschäftsführungen einer ähnlichen Auswahlprozedur wie künstlerisch Verantwortliche und ermögliche der Kunst eine Mitsprache. Selbst Dream-Teams sollen schon gescheitert sein. Setzen sich aber die Ambivalenzintoleranz und ihre Neigung zum Dreisatz als Modell zur Bewältigung des menschlichen Makels durch, verliert nicht nur das Theater."

Die jüdische Schauspielerin Anouk Elias spielte am Würzburger Bahnhof in einer Solo-Inszenierung Anne Frank und wurde Opfer antisemitischer Anfeindungen, berichtet Christiane Lutz in der SZ. Das Theater Würzburg reagierte erst sehr spät: "Wie dringlich Anouk Elias sich immer wieder um Gespräche und bessere Sicherheitsmaßnahmen bemühte, ist gut dokumentiert. Als das Theater nichts änderte, suchte sie Hilfe bei der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger, bei den Antidiskriminierungsstellen B.U.D. und der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (RIAS). Eine Mitarbeiterin von RIAS fuhr daraufhin zu einigen Vorstellungen nach Würzburg an den Bahnhof und dokumentierte antisemitische Zwischenfälle."

Besprochen werden Anaïs Durand-Mauptits Inszenierung von "Die Kunst der Freude" nach dem Roman von Goliarda Sapienza am Theater Aachen (nachtkritik), Doris Uhlichs Choreografie "In Ordnung" an den Münchner Kammerspielen (FAZ, nachtkritik), Alexander Eisenachs Inszenierung seines Stücks "Zonenrandgebiet. Deutsch-deutsche Grenzerfahrung" am Staatstheater Kassel (nachtkritik), das Tanzstück "Queen Blood" Ousmane Sy im Mousonturm in Frankfurt (FR), Lorenzo Fioronis Inszenierung von Modest Mussorgskys "Boris Godunow" am Nationaltheater Mannheim (FR), Anna Webers Inszenierung von Eduard Künnekes Operette "Der Tenor der Herzogin" an der Oper Chemnitz (nmz), Karin Henkels Inszenierung von Kafkas "Das Schloss" am Münchner Residenztheater (SZ), Claude De Demos und Jorinde Dröses Solo-Stück "Motherfuckinghood" am Berliner Ensemble (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.02.2024 - Bühne

Szene aus Daniil Charms' "Jelisaweta Bam" am Theater Zwickau-Plauen. Foto: André Leischner


In der nachtkritik freut sich Michael Bartsch über die Ausgrabung von Daniil Charms' Stalinismus-Komödie "Jelisaweta Bam". Carlos Manuel hat es am Theater Zwickau-Plauen inszeniert. Tragischer Stoff, aber Bartsch muss immer wieder lachen, wie Charms das ins Absurde dreht. "Was unser gegenwärtiges, eher zu Schwermut und sublimierter Empörung neigendes Theater lernen kann, ist auf jeden Fall der spielerisch-offensive Umgang mit Nöten, das im Halse stecken gebliebene und sich dennoch befreiende Lachen. Den Glauben an die überwindende Kraft von Esprit, Fantasie und Jonglage mit den Weltproblemen. Denn im Vergleich mit unserem heutigen, meist autosuggerierten Elend waren die damaligen Verhältnisse wirklich existenzbedrohend. Regisseur Carlos Manuel bringt Witz und Charme mit, inszeniert aber ohne billige Lacherköder." Und er hilft auf der Bühne aus, ebenso eine Inspizientin und eine Regieassistentin, die das fehlende Darstellerpersonal an dem kleinen Theater bravourös ergänzten. "Eine Offenbarung in Plauen, wie Theater schon mal ging und auch heute wieder anders gehen könnte", findet Bartsch.

Weitere Artikel: Ronald Pohl unterhält sich für den Standard mit der Schauspielerin und Biologin Isabella Rosselini über ihre One-Woman-Show "Darwin's Smile" im Landestheater St. Pölten. "Ich erwarte von Tieren nicht, dass sie mir beibringen, wie ich mich verhalten soll. Mein Interesse an Tieren gleicht dem eines Biologen an Zellstrukturen", erklärt sie ihm. In der FAZ (Bilder und Zeiten) plädiert der Literaturwissenschaftler Mathias Meyer dafür, auf deutschen Bühnen nicht nur Shakespeares "Hamlet" sondern auch mal Konrad Ekhofs "Der Bestrafte Brudermord" aus dem Jahr 1781 zu spielen. Wiebke Hüster berichtet in der FAZ von Hannovers neuem Real Dance Festival.

Besprochen werden Claude De Demos und Jorinde Dröses "#Motherfuckinghood" am Berliner Ensemble (nachtkritik) und Thomas Jonigks Inszenierung von Ibsens "Gespenstern" am Schauspiel Köln (nachtkritk).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.02.2024 - Bühne

Susann Thiede in "Alles" von Alistair McDowall am Theater Cottbus. Foto: Bernd Schönberger


Dramatiker wissen auch nicht immer, was am besten für ihre Texte ist, denkt sich FAZ-Kritiker Christoph Weissermel bei der Aufführung von Alistair McDowalls "Alles" am Theater Cottbus: Das Stück "führt als Monolog durch das unspektakuläre Leben einer betont durchschnittlichen Frau der Gegenwart. Nur zwei Regieanweisungen sieht der Originaltext vor: Eine einzelne Person soll den Text sprechen, und sie soll dies zügig tun. Im Gegensatz zur Uraufführung am Londoner Royal Court Theatre 2020 ignoriert in Cottbus Regisseur Rafael Ossami Saidy gleich beide - zum Glück. Denn dadurch, dass vier Schauspielerinnen die namenlose Protagonistin in unterschiedlichen Lebensphasen geben, gelingt es, Stimmungsverschiebungen des Textes besser zur Geltung kommen zu lassen. Anstelle den Text herunterzurasen, gibt ihm Saidy auch im wörtlichen Sinne Raum: 'Alles' wird als Theaterrundgang inszeniert".

Die Sopranistin Asmik Gregorian hat gerade zwei Aufnahmen der "Vier letzten Lieder" von Richard Strauss vorgelegt, die SZ-Kritiker Helmut Mauro beide empfehlen kann (vor allem aber die Aufnahme mit dem Orchestre Philharmonique de Radio France unter Leitung von Mikko Franck). Außerdem ist sie am Sonntag in München als Lisa in Tschaikowskys "Pique Dame" zu hören. Spielen tut sie aber nicht, erklärt sie Egbert Tholl im SZ-Interview: "Ich bringe mich selbst in der Situation zum Ausdruck. ... Ein Beispiel: Ich machte gerade Turandot. Davor gab es viele Gespräche, warum macht Turandot dies oder das, überlebt sie oder nicht. Danach kommen die Kommentare dazu: Sie ist keine Turandot oder keine Salome oder was auch immer. Da denke ich mir: Ich habe nie versucht, eine Turandot zu sein oder eine Salome. Ich benutze die Rolle und die Musik, um mich selbst auszudrücken, meine Nöte, mein Leben. Ich kann mir nicht einmal vorstellen, was Puccini mit Turandot wollte oder Strauss mit der Salome."

Besprochen werden außerdem die Uraufführung von Nis-Momme Stockmanns "Das Portal" in der Inszenierung von Herbert Fritsch am Schauspiel Stuttgart (FR) und die Netflix-Serie "Stranger Things" als Bühnenspektakel in London (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.02.2024 - Bühne

Postkarten aus dem Osten, Foto: © Gianmarco Bresadola, 2024


An der Berliner Schaubühne versenden die ukrainischen Theatermacher Pavlo Arie und Stas Zhyrkov Postkarten aus dem Osten, oder eigentlich eher die Gäste des Einweihungsdinners in einer Berliner Altbauwohnung, zwei Deutsche, zwei Ukrainer, die sich aus Mariupol kennen. Man plaudert über Kunst und Krieg. Es ist eine "große Leistung des Abends" dass man danach sofort weiterdiskutieren kann, meint in der taz Katja Kollmann. "Alle vier verbindet eine jahrelange Freundschaft, die Liebe zur Ukraine und der Schmerz um den möglichen Verlust von Mischa, Ehemann von Nastja und enger Freund der anderen. Er kämpft an der Front. Immer wieder spielen die vier wie im Stakkato. Akustisch wird dieses entfesselte Spiel begleitet durch ein Geräusch, das an eine Videokassette im Vorspulmodus erinnert. Regisseur Stas Zhyrkov setzt dieses Stilmittel ein, wenn die Figuren sich gegenseitig Normalität vorspielen. Denn Maria, Lukas, Nastja und Orest können ihre Ohnmacht, Trauer und Verzweiflung nicht in Gesellschaft ausdrücken. Nur wenn sie alleine sind, bricht es aus ihnen heraus. So entstehen vier Szenen mit einer bedrückenden Intimität, in der die Bühne einer einzelnen Figur gehört."

Und da nun mal zwei Deutsche dabei sind, kommt auch die Kollaboration der ukrainischen Nationalisten mit der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg zu Sprache, erzählt nachtkritikerin Esther Slevogt, "von der sie sich nationale Unabhängigkeit von der Sowjetunion erhofften. Verbrechen ukrainischer Nationalisten an der polnischen und jüdischen Bevölkerung. Hier wird bald auch zwischen den beiden ukrainischen Mitgliedern des Freundesquartetts ein Riss unübersehbar: Während Orest sich stärker mit ukrainisch-nationalistischen Positionen identifiziert, Holodomor oder die Ausrottung der ukrainischen Eliten durch Stalin thematisiert, rückt Anastasia die jüdisch-ukrainische Perspektive ins den Vordergrund. Erzählt, wie mörderisch sich der ukrainische Nationalismus auf das Schicksal der Juden ausgewirkt hat." Auch SZ-Kritiker Peter Laudenbach fand den Abend anregend: "Dass der Text dabei etwas überkonstruiert wirkt, dass das Spiel ab und zu die Grenze zum Kabarett streift, schmälert die Härte und bittere Komik dieses tiefenscharfen Blicks auf die Widersprüche einer vom Krieg veränderten Wirklichkeit nur geringfügig."

Weitere Artikel: Simon Strauß unterhält sich für die FAZ mit dem belgischen Regisseur Ivo Van Hove, neuer Leiter der Ruhrtriennale: "Es wird unter meiner Leitung kein aktivistisches Festival sein", versichert Hove. "Jeder kann denken, was er will. Aber beim Festival geht es um das, was uns verbindet." In der Berliner Zeitung arbeitet Birgit Walter nochmal die skandalösen Vorgänge um die Staatliche Ballettschule Berlin auf.

Besprochen werden Brigitte Fassbaenders Inszenierung der Strauss-Oper "Elektra" an der Oper Lübeck (FAZ) und Tatjana Gürbacas Inszenierung von Louise Bertins Oper "Fausto" in Essen (van, NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.01.2024 - Bühne

Die Rollstühle - Elisabeth Löffler und Cornelia Scheuer, © Sandra Fockenberger

Eugène Ionescos "Die Stühle" werden in Yosi Wanunus im Wiener Theater am Werk uraufgeführtem Stück zu "Die Rollstühle". Die Modernisierung gelingt, findet Michael Wurmitzer im Standard, nicht zuletzt dank der beiden hervorragenden Schauspielerinnen Elisabeth Löffler und Cornelia Scheuer. Die beiden brillieren "[n]icht nur mit Witz, auch mit ebenso viel Grazie, etwa wenn Scheuer ihren Rollstuhl zur Drehbühne umfunktioniert, wird hier gegen die Alltagslangeweile angekämpft. Wenn man nicht mehr weiterweiß, dreht man sich im Kreis. Um Längen schlagen dann auch die Gäste der auf ihren fahrbaren Untersätzen versammelten Freundinnen die des Stückvorbilds. Nicht nur, weil sie illuster als 'Olympiasiegerin im Kurzstreckengehen', 'Person, die nur rückwärtsgeht' oder 'Madame Bein, Oberbefehlshaberin der marschierenden Truppen' vorgestellt werden."

Jakob Hayner freut sich in der Welt über die vielversprechende Auswahl des diesjährigen Theatertreffen: "Auffällig ist, dass in der Auswahl Gegenwartskommentar und Eigenlogik der Kunst zusammenkommen. So zeigt Ulrich Rasches düsterer 'Nathan' von den Salzburger Festspielen den Judenhass als Grenze der Aufklärung. Und 'Bucket List' von der Berliner Schaubühne ist zwar nicht Yael Ronens bester, aber ein wichtiger Abend, geprägt vom Schock der Hamas-Massaker in Israel."

Weiteres: Margarete Affenzeller rekonstruiert im Standard einen Streit zwischen dem Regisseur Paul Manker und den Theatergastspielen am Semmering. Besprochen werden Jezz Butterworths Stück "Hills of California" in der Inszenierung von Sam Mendes am Harold Pinter Theater, London (NZZ), Sivan Ben Yoishais Ibsen-Inszenierung "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" am Deutschen Theater in Berlin ("erstaunlich verzopft", FAZ) und Pina Bauschs "Nelken" in Boris Charmatz' Inszenierung am Tanztheater Wuppertal ("ein Desaster, und das in mehrfacher Hinsicht", FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.01.2024 - Bühne

"Der goldene Hahn" an der Komischen Oper Berlin. Foto: Monika Rittershaus. 

Bitterböse ist Nikolai Rimski-Korsakows schaurig-schöne Oper "Der goldene Hahn", freut sich Egbert Tholl in der SZ: Der Zar war bei der Uraufführung überhaupt nicht erfreut - und auch heute würde dieses Stück, das auf einem Puschkin Märchen basiert, wohl kaum Anklang bei den russischen Eliten finden. Es geht, erzählt Tholl, um einen unfähigen Herrscher, der von einem zweifelhaften Astrologen zum Geschenk einen goldenen Hahn erhält, der bei Gefahr kräht. Aber der Zar hat nur die Königin Proshina im Kopf und stürzt sich ins Verderben, sein Volk gleich mit. Barrie Koskys Inszenierung an der Komischen Oper in Berlin ist "stupende präzis", staunt Tholl, und erst die Musik!: "Die Musik zehrt, malt eine Sehnsucht, eine Begierde, eine Lust an der Begierde, gegen die die "Salome" von Richard Strauss - ein anderes, zur gleichen Zeit entstandenes Opern-Erotikon - fast schon familientauglich ist. Der Dirigent James Gaffigan wirkt, als habe er sich vollkommen in diese Musik verknallt, er umsorgt jedes kleinste Detail, er schildert plastisch, aufregend, elegant. Proshina und Ulyanov müssten gar nichts singen, die Musik erzählte alles, bohrende Neugierde am anderen, von ihr ironisch, spielerisch, verführerisch dargeboten. Proshinas Stimme ist ein Geschenk, federleicht und doch glühend, sie ist die Spielführerin, sie bestimmt die Regeln. Aus Liebe wird der Zar morden, sie schmeißt ihn dann weg wie irgendetwas sehr lästig Gewordenes."

Im VAN-Magazin ist Albrecht Selge ebenfalls begeistert: "Barrie Kosky konstruiert keine direkten Bezüge, die sich zwar nicht aufdrängen, aber irgendwie möglich wären. Stattdessen serviert er uns einen stringenten Albtraum im dichten Steppengras und zugleich ein unterhaltsames Varieté, in dem auch anregend getanzt wird. Der Hofstaat - sowohl Nebenfiguren als auch Chor - tritt als umgekehrte Zentauren auf: oben Pferdekopf, unten bestrapste Beine. Zar Dodons Kriegspferd aber wird eine zentaurische Schindmähre anderen Kalibers sein, nämlich ein hübsch gekurbelter Apparat, vorne Rosskopf, hinten Gerippe." Im Tagesspiegel bespricht Ulrich Amling das Stück.

Weiteres: Im Tagesspiegel betont Rüdiger Schaper die Wichtigkeit des Theaters im Kampf gegen Rechtsextremismus und gibt einen kleinen historischen Abriss bedeutender Theaterereignisse. In der FAZ gratuliert Jürgen Kesting dem Counter-Tenor Jochen Kowalski zum Siebzigsten.

Besprochen werden Katharina Thomas Inszenierung von Jaques Offenbachs Oper "Banditen" an der Oper Frankfurt (FR, FAZ), Michael Schachermaiers Inszenierung von Wagners "Tristan und Isolde" am Anhaltischen Theater Dessau (nmz), Augusta Holmès' Oper "La Montagne Noire" in der Inszenierung von Emily Hehl am Theater Dortmund (Welt), Tatjana Gürbacas Inszenierung von Louise Bertins Faust-Oper am Aalto-Theater in Essen (Welt), Jossi Wielers Inszenierung von Virginia Woolfs "Orlando" am Hamburger Schauspielhaus (SZ), Katie Mitchells Inszenierung von George Benjamins Oper "Written on skin" an der Deutschen Oper Berlin (VAN) und Moritz Sostmanns Adaption von Serhij Zhadans Roman "Internat" am Theater Münster (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 29.01.2024 - Bühne

Szene aus "Written on skin", Deutsche Oper Berlin. Foto: Bernd Uhlig.

"Nicht ganz von dieser Welt" erscheint Tazlerin Katharina Granzin George Benjamins Oper "Written on Skin", die, von Katie Mitchell in ihrer Ur-Form inszeniert, an der Deutschen Oper Berlin zu sehen ist. Die Handlung basiert auf einer mittelalterlichen Legende, erfahren wir, eine Liebesgeschichte zwischen einem Jungen und einer Frau, mit schrecklichen Ausgang. Besonders freut sich die Kritikerin über einige überaschende Highlights in der Musik: "Die kammermusikalische Besetzung der Singenden - außer den drei Hauptrollen gibt es ein paar wenige Nebenparts mit geringem Anteil am Geschehen - wird unterfüttert durch einen vielstimmigen dramatischen Kommentar aus dem Orchestergraben. Benjamin reizt nicht nur die Klangfarben- und Artikulationsmöglichkeiten des herkömmlichen Orchesterapparats nach allen Regeln der Kunst aus, sondern fügt noch weitere hinzu. Eine Glasharmonika und eine Gambe setzen immer wieder überraschende Akzente und ergänzen das musikalische Erleben um eine ganze klangliche Assoziationsebene: Die Anmutung von etwas, das sich in weiter Ferne abspielt, wird dadurch musikalisch kongenial abgebildet. Marc Albrecht und das Orchester der Deutschen Oper lassen die komplexe Partitur mit hörbarer Lust an deren musikalischer Vielgestaltigkeit lebendig werden."

Besprochen werden Mateja Koležniks Inszenierung von Sartres Stück "Die schmutzigen Hände" am Berliner Ensemble (FAZ, tsp), Anica Tomićs Inszenierung von Ibsens "Nora oder wie man das Herrenhaus kompostiert" am DT Berlin (nachtkritik), Jan Friedrichs Adaption von Kim de l'Horizons Roman "Blutbuch" am Theater Magdeburg (nachtkritik), K.D. Schmidts Inszenierung von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf am Staatstheater Mainz (FR), Noah L. Perktolds Inszenierung von Arthur Schnitzlers Stücks "Komödie der Worte" am Staatstheater Wiesbaden (FR), Trisha Browns Choreografie "Twelve Ton Roses", getanzt vom Ballett de Lorraine, in der Bundeskunsthalle Bonn (FAZ), Tatjana Gürbacas Inszenierung von Louise Bertins Faust-Oper am Aalto-Theater in Essen (FAZ), Stefan Kaegis Inszenierung von "Das ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" im Haus der Berliner Festspiele (taz), Boris Charmatz' Neuinszenierung von Pina Bauschs "Nelken" am Staatstheater Wuppertal (tsp), Sandra Strunz Inszenierung von A. L. Kennedys "Als lebten wir in einem barmherzigen Land" Münchner Kammerspielen (SZ), Nina Mattenklotz' Inszenierung von "Antigone" nach Sophokles (nachtkritik) und Sebastian Hartmanns Inszenierung von "Atlantis - Die Welt als Wille und Vorstellung" (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.01.2024 - Bühne

Peter Laudenbach freut sich in der SZ nach der Bekanntgabe des Programms endlich mal wieder auf das diesjährige Berliner Theatertreffen. Das wird eine "Feier des Theaters und seiner Mittel", jubelt er: "Mit der Bekanntgabe der Auswahl weicht die schulterzuckende bis genervte Gleichgültigkeit vergangener Jahre der Vorfreude auf ein Theaterfest, mit dem das Treffen wieder das werden könnte, was es über Jahrzehnte war: schlicht das wichtigste, Maßstäbe setzende, in die Gesellschaft ausstrahlende und die Bedeutung der gottlob nicht totzukriegenden Bühnenkunst manifestierende Theaterfestival
des Landes."

Weiteres: Die Kritiker trauern um den Regisseur Frank-Patrick Steckel.

Besprochen werden das Stück "Mauern" vom feministischen Theaterkollektive She She Pop im Mousonturm Frankfurt (FR), das Tanzsolo "Scarbo" von Ioannis Mandafounis im Bockenheimer Depot in Frankfurt (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.01.2024 - Bühne

Das ist keine Botschaft (Made in Taiwan). Bild: Claudia Ndebele.

"Die Bühne wird zum Politikum", konstatiert SZ-Kritiker Peter Laudenbach angesichts des Theaterabends "Das ist keine Botschaft (Made in Taiwan)" im Haus der Berliner Festspiele: "Der Regisseur Stefan Kaegi hat das Stück mit seinen Protagonisten entwickelt, die sich auf der Bühne selbst spielen. Geprobt wurde die internationale Koproduktion vor Ort in Taiwan, im Nationaltheater Taipeh. Der Titel der Inszenierung ist natürlich eine ironische Falle und mindestens doppelbödig: 'Das ist keine Botschaft (Made in Taiwan)'. Denn natürlich soll die Inszenierung genau das sein, eine Botschaft an den Rest der Welt, den kleinen Inselstaat vor der chinesischen Küste nicht zu vergessen. Aber die Aufführung ist gleichzeitig auch die temporäre Simulation einer staatlichen Institution, die Theatervariante einer diplomatischen Vertretung, wenn Taiwan zum Beispiel in Berlin schon keine Botschaft, sondern nur eine Ständige Repräsentanz unterhalten darf."

Eine Interpretation, der sich auch nachtkritiker Michael Wolf anschließt, allerdings weniger überzeugt: Der Abend kompensiere "die offizielle diplomatischen Vertretung mit der unmittelbaren Begegnung. Persönlich und politisch ist das folgerichtig, ästhetisch aber enttäuscht es. Ausgerechnet Stefan Kaegi lässt seine Protagonisten jene Eigenheit des Theaters beschwören, die auch Bühnenvereins-Funktionären regelmäßig das Herz erwärmt: das Hier und Jetzt, die Kopräsenz aller Beteiligten. Schade! Arbeiten der Rimini-Protokoll-Mitglieder sind meist auch kleine Fluchten aus der Konvention, sind Entwürfe dessen, was Theater noch sein könnte. Hier jedoch fällt diese Neuentdeckung aus, hier begnügt sich die Kunst damit, das zu sein, was sie angeblich schon immer war."

Mit gemischten Gefühlen kommt FAZ-Kritikerin Teresa Grenzmann aus Claudia Bossards Inszenierung von Thomas Manns "Zauberberg" am Münchner Volkstheater: "Ein Bildungsroman? Ein Anti-Bildungsroman? Darüber scheiden sich nicht nur die Geister - auch Claudia Bossard und ihr Dramaturg Leon Frisch vermögen sich nicht zu entscheiden zwischen einem tief diskursiv inhalierten Ernst aus Geist und Materie, Menschsein und Kranksein, Intellekt und Affekt, Leben, Lieben oder Tod und einem eher flach geatmeten, pointenreichen Spaß". Das geht nicht immer ganz reibungslos auf, erfahren wir: "Gleichzeitigkeit ist Programm in dieser Inszenierung. (…) Wahlweise gute Ohren oder starke Nerven braucht das Publikum etwa in der 'Walpurgisnacht': Während auf der Hinterbühne der Faschingsrave tobt, kann Liv Stapelfeldts Madame Chauchat, die hier völlig unbeeindruckt von der Männerwelt ihr Ding durchzieht, vorn mit dem spröden Hamburger Gast anbandeln."

Besprochen werden außerdem die szenische Lesung "Schreiben über die Situation" über das Danach des Hamas-Massakers an den Münchner Kammerspielen (taz), die von Milo Rau inszenierte Oper "Justice" im Grand Théâtre de Genève (Welt) und die sehr freie Neuinterpretation von Goethes "Torquato Tasso" im Wiener Theater Bronski & Grünberg (Standard).