Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.01.2024 - Bühne

Szene aus "Justice". Bild: Carole Parodi

In einer Bergbauregion im Süden des Kongo stürzte 2019 ein Tanklaster des Schweizer Unternehmens Glencore mit Schwefelsäure auf den Marktplatz und einen Bus, 21 Menschen starben, viele weitere wurden verletzt, bis heute wurde keine Entschädigung gezahlt. Milo Rau hat sich mit dem kongolesischen Dichter Fiston Mwanza Mujila und dem spanischen Avantgarde-Komponisten Hector Parra zusammengetan, um den Opfern Parras Oper "Justice" zu widmen und auf die Bühne der Oper in Genf zu bringen. Herausgekommen ist ein "Oratorium als Fanal gegen verbrecherischen Kapitalismus", das den SZ-Kritiker Egbert Tholl so bewegt wie begeistert: "Axelle Fanyo singt die Mutter eines toten Kindes, die Schilderung dessen Sterbens ist drastisch, Fanyos Lamento zu Tränen rührend. Milo Rau entwirft ein offenes Tableau, auf der Bühne das Wrack des Tankers, eine Tischgesellschaft, die um Entschädigung streitet. Die fehlt bis heute, mit ein Anlass für die Uraufführung. Man erfährt viel über kongolesische Geschichte, Arbeitsbedingungen, internationale, verantwortungslose Ausbeutung der Böden. Rau vermeidet Wut. Was aber 'Justice' schafft, ist hochemotionale Analyse, ist szenischer Essay, ist fabelhaft gut." Auch Standard-Kritiker Ronald Pohl applaudiert Rau, der einmal mehr die "Gelüste verwöhnter Kulinariker vollauf befriedigt": "Auf dem kontaminierten Boden postkolonialen Unrechts erblühen süßeste Kantilenen: Verlustklagen, vorn an der Rampe kniend angestimmt, wo sie helfen, im Nu jedes Herz zu zerreißen. Zieht man von Raus Kunst das zivilgesellschaftliche Engagement ab, das diskursive Pathos, erhält man tadellos konventionelles (Opern-)Theater."

Zu viel der Agitation, findet hingegen Jan Brachmann in der FAZ: "Wäre die pure Dokumentation noch redlich, so benutzen die inszenierten filmischen Arrangements von zerfressenen Menschenkörpern, verstümmelten Gliedmaßen und Tierkadavern auf Händlerständen reales Elend als Rohstoff einer Ästhetisierung. Eine visuelle Pornographie der Grässlichkeit wiederholt damit die wirtschaftliche Ausbeutung der Region." Ein bisschen viel Effekt attestiert auch Marco Greif (NZZ) Raus Inszenierung, aber zum Glück gibt es die Musik von Parra und das Libretto von Mwanza Mujila, meint er.

Die staatlichen Theater in Russland erhalten seit einigen Tagen per Post Aufforderung des Kulturministeriums, ihre Stücke künftig gemäß den "traditionellen geistig-moralischen Werten" Russlands zu inszenieren, berichtet Stefan Scholl in der FR: "Ein Sammelsurium aus allgemein menschlichen oder christlichen Werten, Sowjetparolen und Worthülsen, die als Regelwerk für eine neue Theatertradition nicht wirklich taugen." Bisher verteidigten die Hauptbühnen noch ihre Freiräume, "aber jetzt wollen Putins Kulturfunktionäre auch dem ein Ende setzen, so die Kritikerin Marina Dawydowa gegenüber dem Telegram-Kanal Moschem Objasnit: 'Sie werden alles Lebendige, was auf der russischen Bühne übrig geblieben ist, suchen, finden und vernichten.' Russlands Theater droht die Rückkehr zur sowjetischen Zensur."

Weitere Artikel: Für die Zeit hat Volker Weidermann mit dem ostdeutschen Schriftsteller Lukas Rietzschel über dessen in Zittau uraufgeführtes Stück "Das beispielhafte Leben des Samuel W." und ein AfD-Verbot gesprochen. Für die taz berichtet Sophia Zessnik vom Festival Internacional Santiago a Mil in Chile, einem der wichtigsten Theaterfestivals Lateinamerikas, das, wie ihr dessen Leiterin Carmen Romero Quero erklärt, auch politisch in Chile eine große Rolle spielt. In der NZZ berichtet Ueli Bernays von schlechter Stimmung bei der Generalversammlung der Zürcher Schauspielhaus AG. Die Bilanzen sind schlecht, das Publikum bleibt aus: "140 000 Zuschauerinnen und Zuschauer wurden für die letzte Saison budgetiert, aber es sind nur 94 577 gekommen - bei insgesamt 477 Veranstaltungen. Das ergibt eine Auslastung von durchschnittlich unter 50 Prozent."

Besprochen werden Shakesspeares "Sturm", inszeniert als postkoloniale Sci-Fi-Satire durch die Gruppe Moved by the Motion am Zürcher Schauspielhaus (FAZ) und Sofie Boitens und Lorenz Noltings Inszenierung "P*RN" im Deutschen Theater in Berlin, bei der Jugendliche "unaufgeregt" über Pornos und Masturbation sinnieren, wie Jakob Hayner in der Welt schreibt.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.01.2024 - Bühne

"Kranke Hunde" am Schauspiel Basel ©Lucia Hunziker

Viel Freude hat NZZ-Kritiker Alfred Schlienger im Schauspiel Basel mit Ariane Kochs "Kranke Hunde", einer Krankenhausparabel, die in einer Hundewelt spielt. Hört sich seltsam an? Macht aber viel Spaß, versichert der Kritiker: "Das Theaterhaus als Doppelmetapher sowohl für den Spitaldschungel als auch für den labyrinthisch anmutenden menschlichen Körper. Das ergibt großartig surreale Bilder, vom übermüdeten Ärzteteam (Dominic Hartmann, Timur Özkan, Gala Othero Winter), das im Lastenaufzug im Stehen schläft, von durch kafkaeske Spitalgänge flüchtendem Personal, von der gepeinigten Patientin Poch (Marie Löcker), die sich vom OP-Schragen löst und mit ihrem hellsichtig-fiebrigen Bewusstsein durchs ganze Haus wabert. Da entwickelt die Inszenierung einen unwiderstehlichen Albtraum-Charme. Video wird hier nicht eingesetzt als modernistische Spielerei, sondern als sinnige Steigerung traumatisierender Empfindungen."

Uwe Eric Laufenberg ist nicht mehr Intendant am Staatstheater Wiesbaden. Die Entscheidung fiel wohl nach einem Gespräch des neuen hessischen Kunst- und Kulturministers Timon Gremmels (SPD) mit Laufenberg. Judith von Sternburg zieht in der FR Bilanz seines Schaffens. Künstlerisch gab es nicht viel auszusetzen an seiner Arbeit. Jedoch: "Der schwierigste Teil spielte sich hinter den Kulissen ab. Vor den Kulissen schrieb Laufenberg seinen Kritikern (und Kritikerinnen) böse Briefe (unorthodox, aber sein gutes Recht, selbstverständlich), aber im Hause selbst gab es solche Verwerfungen, dass bald selbst die Garderobendamen davon zu erzählen wussten. Mit dem Orchester geriet der Intendant ins Gehege, als es um Coronavorkehrungen ging, die der Intendant ja einerseits zähneknirschend mittragen musste, die er andererseits zugleich im Internet in seinen Corona-Monologen attackierte. Die Corona-Monologe, ein bizarres Genre, wurde später als private Meinungsäußerungen des Intendanten deklariert. Grotesk."

Ganz ausgestanden ist die Krise mit dem Abschied Laufenbergs möglicherweise noch nicht. Wie Christiane Lutz in der SZ schreibt, wurden auch gegen ein anderes Mitglied des Wiesbadener Vorstandsteams Vorwürfe laut: "Vergangenen September verfassten andererseits mehrere Mitarbeiter des Theaters, darunter Dramaturgin Anika Bárdos und Schauspieldirektor Wolfgang Behrens, einen öffentlichen Brief, in dem sie eine Zusammenarbeit nicht mit Laufenberg, sondern mit Geschäftsführer Holger von Berg, 'nicht mehr für möglich' erachteten. Sie warfen ihm unter anderem vor, Mitarbeiter mit 'offenbar willkürlichen, sich ändernden finanziellen Ergebnisprognosen' zu tyrannisieren und 'keine ordentlichen Etats zur Verfügung' zu stellen. Die Hilferufe an das hessische Ministerium seien ohne Erfolg geblieben. Berg wies über seine Anwälte die Vorwürfe als 'unzutreffend' zurück."

Weitere Artikel: Reinhard J. Brembeck trifft sich für die SZ mit dem Dirigenten Jordi Savall, der derzeit in Salzburg eine Mozartoper probt. Margarete Affenzeller stellt im Standard Alexander Giesche vor, einen popmusikaffinen Theaterregisseur, der bald am Volkstheater Wien inszeniert. Katrin Ullmann unterhält sich für die taz Nord mit Melanie Zimmermann, der künstlerischen Leiterin des Tanztheater-Festivals "Real Dance" über Diversität im Tanz. Ueli Bernais berichtet für die NZZ von der Generalversammlung des Schauspielhaus Zürich.

Besprochen wird das Programm "Das Restaurant" der beiden Schauspieler Manuel Rubey und Simon Schwarz im Wiener Stadtsaal (FAZ), die Kafka-Adaption "Die Verwandlung" am Wiener Akademietheater (FAZ), die Ingmar-Bergman-Adaption "Schande" am Hamburger Thalia-Theater (SZ), Wagners "Walküre" am La Monnaie, Brüssel (nmz) und Lydia Steiers Inszenierung der Leonard-Bernstein-Operette Candide im Wiener Museumsquartier (nmz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.01.2024 - Bühne

Szene aus "Das Portal" am Schauspiel Stuttgart. Foto: Björn Klein.

Dieser Feier des "gehobenen Trashs" wohnt Welt-Kritiker Jacob Hayner gerne bei: Herbert Fritsch hat "Das Portal" von Nis-Momme Stockmann am Schauspiel Stuttgart inszeniert und den Kritiker mit seiner Persiflage auf den Theaterbetrieb nicht enttäuscht. Im Zentrum steht ein Dramaturg, der sich als "tragischer Held" in eine Welt von ziemlich durchgeknallten Theaterleuten verirrt hat, erzählt der Kritiker, dabei bleibt die Inszenierung bei allem Spott "ihrem Objekt (dem Theater) in Zuneigung verbunden", freut sich Hayner: "Die Anzüge sind nur aufgedruckt, mehr Schein als Sein. Die Künstlerin Charlie Casanova, eine Figurine zwischen Commedia dell'Arte und Oskar Schlemmer, gibt am Flügel den Takt vor. Die Töne stolpern und purzeln herum wie die Schauspieler, die sich zu immer neuen Figuren und Bildern ordnen. Ein buntes Durcheinander, ganz ohne Video oder weiteres Bling-Bling. Dieses Theater will weder die Welt abbilden noch entschlüsseln. Es ist eine Feier des Spielerischen. Was Fritsch an den Bühnenmitteln spart, lässt er seine Truppe ins Körperliche legen. Alles ist übertrieben und exaltiert, die Gesichtszüge und Gliedmaßen sind außer Kontrolle, die Stimme flattert durch die Tonhöhen."

Auch FAZ-Kritikerin Grete Götze hat einen heillos verrückten, aber sehr unterhaltsamen Abend erlebt: "Der Abend wimmelt von Szenen, die man sich immer wieder ansehen könnte, weil Fritsch wie gewohnt aus den Schauspielern maximale Spiellust herauskitzelt und szenisch furchtlos mit den vielen abenteuerlichen Vorgaben des Textes umgeht - wenn im Text etwa Gewitterböen das Theatergebäude auseinanderreißen wollen, rennen die Schauspieler bei Fritsch mit scheppernden Blechrahmen über die Bühne." Björn Hayer stimmt in der taz in das Lob ein.

Weiteres: Christine Dössel erinnert in der SZ daran, dass Sandra Hüller, die gerade als Filmschauspielerin enorm erfolgreich ist, auch schon als Theaterschauspielerin herausragend war.

Besprochen werden Emel Aydoğdus Adaption von Gün Tanks Roman "Die Optimistinnen" am Gorki Theater in Berlin (taz), Seline Seidlers Inszenierung von Suzie Millers Monodrama "Prima Facie" am Staatstheater Hannover (taz), Claudia Bauers Inszenierung von "Der Würgeengel" am Schauspiel Frankfurt (SZ), Romeo Castellucis Inszenierung von Wagners "Walküre" in Brüssel (SZ, nmz), der Ballettabend "Time Keepers" am Opernhaus Zürich, unter anderem mit "Les noces" von Igor Strawinsky, choreografiert von Bronislawa Nijinska (NZZ), Nadja Loschkys Inszenierung von Mieczyslaw Weinbergs Oper "Die Passagierin" am Staatstheater Mainz (FR), Janina Velhorns Inszenierung von Nina Segals Zweierbeziehungsstück "Nachts (bevor die Sonne aufgeht)" am Schauspiel Frankfurt (FR), Tomas Krupas Inszenierung Pat To Yans Stück "Neometropolis" am Stadttheater Gießen (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.01.2024 - Bühne

Szene aus "Der Würgeengel" nach Luis Buñuel am Schauspiel Frankfurt. Foto: Arno Declair. 

Nachtkritiker Leopold Lippert sieht schon bald die Anzeichen dafür, was bei Claudia Bauers Inszenierung von "Der Würgeengel" am Schauspiel Frankfurt passieren wird: "Hier wird die Moralfassade der feinen Gesellschaft gleich bröckeln". Luis Buñuel hatte 1962 im gleichnamigen Film eine mondäne Abendgesellschaft zum Ausharren in einem Salon verdammt. Die Tür ist nicht verschlossen, dennoch kann keiner der Partygäste über die Schwelle treten - schnell fallen die Masken des Anstands, so Lippert. PeterLicht und SE Struck haben den Film in ihrer Bearbeitung mit Anspielungen auf Klimakrise und Krieg in die Gegenwart gerückt. Bis dahin ist alles recht vorhersehbar, meint Lippert, aber "was den Abend aber dann doch sehr besonders macht, ist der Detailreichtum und die Präzision, mit der Text und Sound dieses Nichtstun über die Zeit hinwegdehnen. Dabei hilft es, dass die Schauspieler ... Teil eines kollektiven Klangkörpers sind, der von chorischem Sprechen über sich verhärtende Wiederholungsschleifen zu zerstückeltem Smalltalk und japsenden Eskalationsspiralen tönt. Wenn der Text, der voll mit aparten Wortgebilden wie "hineindiffundierend" "Sofasavanne", oder "Weg-Champagner" ist, an einer Stelle sehr wiederholend behauptet, 'Ja genau, es stagniert so vor sich hin!', dann hat das deswegen etwas Trotziges ..."

In der FR ist Judith von Sternburg nicht völlig überzeugt, spannend ist aber zum Beispiel die Darstellung der Hausangestellten Maria als "Rächerin der Unterschicht": "Anbieten kann sie ansonsten nur noch E-Zigaretten, auch empfiehlt sie die bodenschonenden Filznoppen unter den Möbeln, die sie allerdings, wie sich zeigt, schon selbst gegessen hat. Mit Notsituationen kommt sie aus eigener Erfahrung besser zurecht als die reichen Leute. Interessant, dass das Buñuel zu vordergründig gewesen zu sein scheint. Schillernder hingegen der Einfall, dass Maria zugleich der bei Buñuel rein surrealistische kleine Bär sein könnte, der durch die Villa streunt. Sein grausiges Brummen kommt in den sparsam eingesetzten Videos aus Preuß' Mund."

Weiteres: FAZ und SZ gratulieren der Theater- und Filmschauspielerin Angela Winkler zum Geburtstag. Die 23 Gemeinden des Salzkammerguts sind dieses Jahr Europäische Kulturhauptstadt: In der SZ berichtet Reinhard J. Brembeck von einer fulminanten Eröffnung in Bad Ischl.

Besprochen werden Claudia Bossards Inszenierung von "Der Zauberberg" am Münchner Volkstheater (nachtkritik), Lucia Bihlers Adaption von Kafkas "Verwandlung" am Burgtheater Wien (nachtkritik, SZ), Ingo Putz' Adaption von Lukas Rietzschels Roman "Das beispielhafte Leben des Samuel W." am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz-Zittau (nachtkritik, FAZ), Julia Wisserts Inszenierung von Necati Öziris Stück "Der Ring des Nibelungen. Eine Machtverschiebung" am Theater Dortmund (nachtkritik), Wu Tsangs Inszenierung von Shakespeares "Der Sturm" (in Zusammenarbeit mit Moved by the motion) am Schauspielhaus Zürich (nachtkritik, NZZ), Vera Nemirovas Inszenierung der Mozart-Oper "Don Giovanni" am Staatstheater Nürnberg (nmz) und Sapir Hellers Inszenierung von "Die verlorene Ehre der Katharina Blum" nach Heinrich Böll in den Kammerspielen Frankfurt (FR), Jana Klatas Adaption von Platons "Der Staat" am Theater Krakau (SZ) und Adena Jacobs Inszenierung von "Nosferatu" am Burgtheater in Wien (SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.01.2024 - Bühne

Szene aus "Wolf unter Wölfen" am Thalia Theater. Foto © Armin Smailovic

Dreieinhalb Stunden dauert Luk Percevals Adaption von Hans Falladas Roman "Wolf unter Wölfen" am Hamburger Thalia-Theater. SZ-Kritiker Egbert Tholl hat schwer gelitten, obwohl das Thema eigentlich interessant ist: "Seit geraumer Zeit denkt man darüber nach, wie weit sich Deutschland wieder den Verhältnissen der Weimarer Republik annähert, sei es in den politischen Verhältnissen, den pekuniären oder einfach nur denen eines trübseligen Lebensgefühls. Immer bleibt die Frage, was man von damals fürs Heute lernen könnte, und Falladas Roman ist da nicht die schlechteste Diskussionsgrundlage. Weil er voll ist mit grandiosen Personenbildern, weil er ein umfassendes Gesellschaftstableau ist. Voll mit Irren, Verrückten, Kaputten. Das Irritierende nun nach dieser Premiere am Hamburger Thalia-Theater ist, dass sich Regisseur Luk Perceval für die Gegenwart nicht zu interessieren scheint. Seine Inszenierung von 'Wolf unter Wölfen' ist hermetisches Kunstgewerbe."

Man muss ja nicht immer mit dem Zaunpfahl winken, denkt sich dagegen nachtkritiker Andreas Schnell und bewundert das abstrakte Bühnenbild von Annette Kurz: "zeitlos schöne Bilder, große weiße Kugeln, die symbolträchtig für das Roulettespiel stehen, dem Falladas Protagonist verfallen ist. Aber auch für den Wettbewerb, den nur einer (oder eine) gewinnen kann: als nur noch eine Kugel übrig bleibt, die von langen Stangen umringt ist. Billard-Queues vielleicht, aus denen später der Wald um das Gut Neulohe wird, wo der wesentliche Teil der Handlung spielt, während die verbliebene Kugel zum Mond wird."

Weitere Artikel: Friedrich Dieckmann singt in der FAZ (Bilder und Zeiten) dem Bühnenbildner und Regisseur Achim Freyer ein Loblied.

Besprochen werden außerdem Sebastian Nüblings Inszenierung von Ariane Kochs "Kranke Hunde" am Theater Basel (nachtkritik), die Uraufführung von "Split" des Autorenduos Ivana Sokola und Jona Spreter in der Inszenierung von Pablo Lawall am Theater Münster (nachtkritik), Emel Aydoğdus Adaption von Gün Tanks Roman "Die Optimistinnen" am Berliner Gorki Studio Я (ein schöner "Feel-Good-Abend", lobt nachtkritiker Georg Kasch) und Rachid Ouramdanes Choreographie "Corps Extrèmes im Haus der Berliner Festspiele (Lebensgefährliche Akrobatik wird hier gezeigt, beeindruckend, aber "hat das irgendeine Aussagekraft für künstlerische Praktiken und Ästhetiken?" fragt sich Wiebke Hüster in der FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 19.01.2024 - Bühne

"Geheimplan gegen Deutschland" am Berliner Ensemble


Als Correctiv vor einigen Tagen aufdeckte, dass sich bei Potsdam AfD-Politiker mit Rechtsextremen getroffen hatten, um über die Deportation von Flüchtlingen zu diskutieren, setzte sich hierzulande plötzlich etwas in Bewegung: In vielen Städten Deutschlands fanden und finden immer noch Demonstrationen gegen die AfD statt. Am Mittwoch veranstaltete das Berliner Ensemble unter dem Titel "Geheimplan gegen Deutschland" eine szenische Lesung der Correctiv-Recherche (hier das Script). Das hat sich natürlich keine Zeitung entgehen lassen, die Meinungen dazu gehen aber auseinander. Clara Löffler wünscht sich in der taz, dass die Ergebnisse der Recherche "nicht nur dem ausgewählten Publikum im Theater vorbehalten bleiben. Warum nicht investigative Recherchen im Fernsehen präsentieren? In der Halbzeitpause eines Fußballspiels zum Beispiel. Oder anstelle von Werbeblöcken im Abendprogramm? Schließlich ist das Skript der szenischen Lesung für jede*n im Internet frei zugänglich." Weniger von der Breitenwirkung des Abends überzeugt ist Jens Winter, ebenfalls taz, für ihn handelt es sich um eine "Selbstinszenierung von Correctiv als James-Bond-mäßige Agenten, die mit kamerabestückten Uhren Geheimtreffen von Rechtsextremisten und deren Unterstützern auffliegen lassen."

Auch Deniz Yücel ist in der Welt kritisch eingestellt, er sieht "kein relevantes Theater, sondern die Verramschung einer journalistischen Recherche" und befürchtet Übles: "so verdienstvoll diese Recherche auch war, so murks ist das Theater dazu. Denn so verwandelt man einen aufgedeckten Skandal, der der AfD in kommenden Landtagswahlen womöglich geschadet hätte, in einen Akt des Kulturkampfs. Und der hat der AfD noch nie geschadet, ganz im Gegenteil." Patrick Wildermann insistiert im Tagesspiegel hingegen: "Diese szenische Lesung ist im Theater am richtigen Platz. Schließlich, und daran erinnern auch die Polizeiwagen vor der Tür, sind die Theater Orte, an denen eine demokratische Zivilgesellschaft ihre Anliegen frei verhandeln können sollte. Nicht zuletzt die Bedrohung der Demokratie, mit der wir gegenwärtig konfrontiert sind."

Peter Laudenbach (SZ) fühlt sich in aller Irrsinnigkeit an Elfriede Jelinek und Thomas Bernhard erinnert: "Kay Voges inszeniert die Potsdamer Gesellschaft am Berliner Ensemble als heitere Tafelszene: ein langer Tisch, dahinter vier Herren (Andreas Beck, Max Gindorff, Oliver Kraushaar, Veit Schubert) und eine Dame (Constanze Becker) in schwarzen Anzügen und weißen Hemden. Neigt die Correctiv-Rhetorik zur Dämonisierung und Sensationalisierung der konspirativ einberufenen Versammlung freidrehender Deutschnationaler, macht Voges genau das Gegenteil: Er entdeckt die latente Komik der aufgeblasenen Runde."

Hier kann man die Lesung im Live Stream verfolgen:



Weiteres: Irene Bazinger gratuliert Katharina Thalbach in der FAZ zum 70. Geburtstag. Besprochen werden eine Aufführung von Augusta Holmès' Oper "La Montagne Noire" in der Inszenierung von Emily Hehl am Theater Dortmund (Van Magazin) und "Das beispielhafte Leben des Samuel W." von Lukas Rietzschel am Gerhart-Hauptmann-Theater in Zittau (Welt und SZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.01.2024 - Bühne

Szene aus "Geheimplan gegen Deutschland". Foto: Kolja Zinngrebe

Gestern Abend brachte Correctiv seine AfD-Recherche inszeniert von Kay Voges unter dem Titel "Geheimplan gegen Deutschland" auf die Bühne des Berliner Ensembles, die nachtkritik übertrug per Livestream. In der Welt ist Jakob Hayner befremdet: Zu viel Sensation auf der Bühne, zu viel moralisches Wohlgefühl im Publikum - so wird man der Rechten nicht Herr, meint er. Zumindest gab es noch ein paar Neuigkeiten: "Da brüstet sich die Bühnenfigur Mario Müller, ein wissenschaftlicher Mitarbeiter des AfD-Abgeordneten Jan Wenzel Schmidt im Bundestag, einen Schlägertrupp auf einen Aussteiger aus der linken Szene angesetzt zu haben. Der soll danach der wichtige Kronzeuge in dem Antifa-Ost-Prozess um Lina E. geworden sein. Müller (wieder die Bühnenfigur, der reale Müller dementiert) hält einen Vortrag, wie man Exekutive und Judikative zusammendenken, ja fusionieren kann: 'Historisch gibt es dafür ein Beispiel: die Gestapo.' Müller will das fürs digitale Zeitalter optimieren: mit einer Plattform, auf Daten von Linken veröffentlicht werden, um sie der Verfolgung auszusetzen. Mit einem Kollegen habe Müller bereits eine solche Plattform gegründet."

Julian Warner
, seit 2013 Leiter des Brechtfestivals in Augsburg, hatte 2020 einen offenen Brief unterzeichnet, der den BDS-Beschluss des Bundestages kritisiert. Ein Lokaljournalist der Augsburger Zeitung hatte Warner in einer Polemik gegen das Festival auf die Unterschrift bezogen Antisemitismus vorgeworfen und die städtische Kulturpolitik dafür kritisiert, Warner überhaupt verpflichtet zu haben, schreibt Ulrich Seidler in der FR, der in dem Vorfall erkennen will, welche "hetzerischen Blüten" der BDS-Beschluss inzwischen treibe: "Es reicht auch nicht, dass Warner sein Mitgefühl und seine Solidarität bekennt: für 'Jüdinnen und Juden, hier, in Israel und weltweit, die tagtäglich mit Antisemitismus konfrontiert sind und durch den verbrecherischen Angriff der Hamas um Leib und Leben fürchten'. Ein weiteres Statement muss her, in dem er sich schließlich von seiner Unterschrift distanziert. Ihm sei nach der Documenta 15 und dem 7. Oktober klar geworden, dass die 'Initiative Weltoffenheit' und der Unterstützerbrief eher zu einer Normalisierung von israelbezogenem Antisemitismus beigetragen hätten. Das Argument ist schwach. Schlecht ist, dass Warners Statement unter politischem Druck zustande kam und jetzt als neuer Standard in der Diskussion gilt. Der Antisemitismusvorwurf sitzt immer lockerer."

Reiner Wandler (taz) berichtet von der Zensur in der spanischen Kultur im Zuge des Rechtsrucks. Seit den Regionalwahlen im vergangenen Mai sind in verschiedenen Kommunen und Regionen die rechte PP oder die Vox-Partei an der Macht: "Mancherorts nimmt die Zensurwut skurrile Züge an. In einem Dorf in Nordspanien traf es den Zeichentrickfilm 'Lightyear' aus dem Hause Walt Disney, weil sich darin zwei Frauen küssen. Und in einem Ort unweit von Madrid wurde das Theaterstück 'Orlando' von Virginia Woolf abgesetzt. Doch nicht nur politische Bedenken gegen alles, was nicht heteronormativ zu sein scheint, führen zur Zensur, sondern Moral und Anstand ganz allgemein. In Toledo wurde eine Theatergruppe ausgeladen, weil in einer Szene mehrere Schauspieler in Unterhosen auftreten. 'Das könnte empören', heißt es aus der Stadtverwaltung. Wohlgemerkt, die Schauspieler tragen nicht etwa sexy Boxershorts oder gar Tangaschlüpfer, nein, es sind weiße Riesen wie aus Opas Kleiderschrank."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung schreibt Ulrich Seidler den Nachruf auf den Volksbühnenschauspieler Ulrich Voß, in der Zeit erinnert Peter Kümmel an die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar.

Besprochen werden das Tanztheaterstück "I need a hero" des inklusiven Netzwerks "Making a difference" im Berliner Podewil (taz) und das Stück "Corps extrêmes" des französischen Choreografen Rachid Ouramdaneim im Haus der Berliner Festspiele (SZ, Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.01.2024 - Bühne

Die Correctiv-Recherche zum Potsdamer Treffen von AfD-Politikern und Rechtsextremen kommt auf die Bühne. Und zwar heute Abend als szenische Lesung am Berliner Ensemble. Für die nachtkritik, die die Veranstaltung per livestream übertragen wird, kommentiert Janis El-Bira. Er notiert einige Einwände gegen das Event, etwa von Seiten der Theatermacherin Simone Dede Ayiyi, die die Ankündigung der Lesung "sensationsgeil" nennt und sich um die "langfristige Glaubwürdigkeit" des Theaters sorgt. El-Bira selbst kommt jedoch zu einem anderen Urteil: "Ich bin froh darüber. Weil die skandalöse Landhaus-Kungelei von AfD-Leuten, Werteunionlern und rechtem Wohlstandsbürgertum mit Neonazis und Identitären gar nicht genug Aufmerksamkeit bekommen kann. Weil es gut ist, wenn ein Theater zum Fokuspunkt gesamtgesellschaftlicher Debatten wird. Und durchaus auch, weil sich dabei sicherlich manche Menschen auf unseren Seiten einfinden werden, die zwar am Inhalt der Recherche, ansonsten aber eher weniger am Theatergeschehen interessiert sind. Wäre schön, wenn sie gleich hierblieben - so eigennützig wird man doch noch denken dürfen."

"The Hills Are Alive" am Deutschen Theater. V.l: Nikolaus Habjan, Neville Tranter, © Thomas Aurin

Puppentheater ist nur etwas für Kinder? Wer das glaubt, wird von Jakob Haytner eines besseren belehrt. Der Welt-Kritiker hat eine Aufführung der Österreich-Satire "The Hills Are Alive" (mehr hier) der beiden Puppenspiel-Großmeister Neville Tranter und Nikolaus Habjan am Deutschen Theater besucht - und ist hellauf begeistert: "Zwischen österreichischen Paradeflaggen thront der Beamte hinter seinem Schreibtisch und vor einem Alpenpanorama. Unter fröhlichem Gegacker lässt Frickl - 'Magister Norbert Frickl!', der Name erinnert an den FPÖ-Politiker und Möchtegern-'Volkskanzler' Herbert Kickl -, Stempel auf Formulare niedersausen. Er will das Vaterland verteidigen, bei seinem Englisch - 'my Faserländ' - klingt es eher nach dem berühmten Roman von Christian Kracht. (...) Doch mehr als die leicht verworrene Handlung bleiben von diesem Abend die Puppen, der rasante Slapstick und die überschäumende Spielfreude in Erinnerung. Es ist eine Reise ins Herz des Theaters, wo die lustvolle Verwandlung und die künstlerische Beseelung der Dingwelt hausen, die auf eigene Weise über das Menschliche aufklären."

Inklusion im Theater: Darum geht es im "All Abled Arts Festival" an den Münchner Kammerspielen. Wie sensibel das Thema ist, bekommt die FAZ-Kritikerin Teresa Grenzmann während einer Aufführung der vom Zürcher Theater HORA erarbeiteten Splatter-Collage "Horror und andere Sachen" höchstpersönlich zu spüren: "Als Katharina Bach als Nosferatu-Schatten durch die Zuschauerränge steigt, der Autorin dieses Artikels den Block ent- und zerreißt und die Blätter effektvoll aufs Publikum segeln lässt, ist das Spiel ganz klar eskaliert, alle Träume von Inklusion und Sensibilität für den Moment ausgeträumt. Privatheit gerät unfreiwillig zur Öffentlichkeit. Wer zieht hier die Grenzen? Für wen? Die Atmosphäre sei bei solch besonderen Produktionen bei allen Beteiligten emotional sehr aufgeladen, entschuldigt Chefdramaturgin Viola Hasselberg den unwillkommenen Zwischenfall." Eine neue Spiralblockaffäre? Wo ist der Münchner OB?

Seitdem Elfriede Jelinek, als Reaktion auf den Hamas-Terror vom 7. Oktober (siehe hier), fast alle eigenen Texte von ihrer Website entfernt hatte, ist es deutlich schwieriger geworden, im Internet Jelinek-Prosa aufzutreiben. Nun gratuliert sie auf der Website des Suhrkamp Verlags dem Theaterregisseur Einar Schleef zum 80. Geburtstag: "Schleef hat seinen sinnlichen Körper also zum Anschauen, aber auch wieder zum Denken (beide waren für ihn untrennbar) vorgestellt, auch vor meine Texte gestellt, die dadurch zum Glühen gebracht wurden und auf einmal mit Licht geworfen haben. Man kann zwar sagen, sie seien unterschiedliche Weisen des Vorstellens, aber welches Vorstellen, welche Sinnlichkeit, wo treffen wir uns da, ich und Schleef? Sprache kann ich nicht anders als sinnlich denken, selbst wenn ich antike Dramatiker zitiere. Es soll sein wie zum Anfassen. Marmorblöcke werden umgewälzt und zeigen ihr Geschlecht, jeder das seine."

Weiteres: In der FR berichtet Walter H. Krämer, Leiter des Theaterseminars an der Frankfurter Volkshochschule, von seinen Erfahrungen als Theatergänger. Christine Schachinger schreibt im Standard über die Ankündigung einer 75-stündigen Performance der Band Fuckhead im Wiener Theater am Werk. Daniel Kothenschulte erinnert in der FR an die verstorbene Schauspielerin Elisabeth Trissenaar (siehe auch hier). Besprochen wird "piece of love" des Frauenkollektivs ZAK am Wiener Theater Drachengasse (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.01.2024 - Bühne

Elisabeth Trissenaar. Standbild aus Rainer Werner Fassbinders Serie nach "Berlin Alexanderplatz".





Die Kritiker trauern um die Schauspielerin Elisabeth Trissenaar, die "große Tragödin des deutschen Theaters", wie Irene Bazinger in der FAZ schreibt: "Von 1972 bis 1978 prägten sie beide das legendäre Mitbestimmungsmodell am Schauspiel Frankfurt. 'Ich will denkende Menschen auf der Bühne sehen', betonte Elisabeth Trissenaar stets, und sie hat genau solche analytisch bis in die abgründigsten Seelen- und Hirnwindungen durchdrungene Grenzgängerinnen der Ratio und Extremistinnen der Leidenschaft gestaltet: Antike Heroinen wie Medea und Elektra, Ibsens Nora und Hedda Gabler, Goethes Iphigenie..."

Weiteres: Sabine Leucht berichtet vom inklusiven "All Abled Arts Festival" in München, bei dem "Menschen mit anderen Lernmöglichkeiten oder körperlichen Behinderungen als Künstler und Zuschauer integriert" werden.

Besprochen werden Max Lindemanns Inszenierung von Brechts "Mann ist Mann" im Neuen Haus des Berliner Ensembles (taz), Eckhard Preuß' Solostück "Ostwestfälische Leidenschaft" (SZ), Ran Chai Bar-zvis Adaption von Kim de l'Horizons Roman "Blutbuch" am Staatstheater Hannover (taz), die Oper "Sleepless" von Péter Eötvös nach Jon Fosse an der Oper Graz (FAZ), Stephanie Mohrs Inszenierung von Peter Turrinis  Stück "Es muß geschieden sein" am Theater in der Josefstadt (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.01.2024 - Bühne

Aude Extrémo als Yamina in "La montagne noire" an der Oper Dortmund. Foto: Björn Hickmann. 

FAZ-Kritiker Jan Brachmann ist entzückt von Emily Hehls Inszenierung der seit 126 Jahren nicht mehr aufgeführten Oper "La Montage Noire" an der Oper Dortmund. Er kann nicht umhin, erst einmal ein wenig über die Komponistin Augusta Holmès zu erzählen: eine "femme flamboyante" der Belle Epoque, Zeit ihre Lebens unverheiratet und unabhängig - und eine der wenigen Frauen, die es mit ihrem Werk an die Opéra Garnier in Paris schaffte. Auch in ihrem im 17. Jahrhundert angesiedelten Stück gibt es eine starke Frau, die Türkin Yamina, die zwei montenegrische Krieger ins Unglück stürzt: "Die Mezzosopranistin Aude Extrémo bringt in Dortmund für diese Rolle gurrende Sinnlichkeit, schwarzschlundige Tiefe und tänzerische Gewandtheit mit. Sergey Radchenko ist ein ebenso strahlender wie verwundbarer Heldentenor, Mandla Mndebele ein chromglänzender, echter Ritter von Bariton. Der wehrbereite Mezzosopran von Alisa Kolosova als Dara beweist, wie groß der Anteil der Mütter auch postnatal an jedem Heldensohn ist." Auch Joachim Lange begeistert sich in der NZZ für die Protagonistin, die, im Gegensatz zu den Männern, am Ende sogar überlebt: "Sie schafft es auch mit einer ihrer schönsten Arien, den Frauen des Dorfes zumindest eine Ahnung von Selbstwertgefühl gegenüber den sie beherrschenden Männern zu vermitteln. ... Das kommt auch heute noch glaubwürdig rüber, weil Holmès dieser Carmenfigur die schönste, melodisch sinnlichste Musik der Oper in die Mezzokehle geschrieben hat." Judith von Sternburg bespricht das Stück in der FR.

Weitere Artikel: FR-Kritikerin Judith von Sternburg sieht nach den neuesten Entwicklungen am Staatstheater Wiesbaden (unser Resümee) Anzeichen für eine vorzeitige Beendigung der Intendanz von Uwe Eric Laufenberg. Die Dirigentin Simone Young wird Philippe Jordan bei den Bayreuther Festspielen ersetzen, meldet Manuel Brug in der Welt.

Besprochen werden außerdem Marie Bues Inszenierung von "Nora oder Wie man das Herrenhaus kompostiert" nach Henrik Ibsen am Staatstheater Hannover (nachtkritik), Philipp Preuß' Inszenierung von Wolfgang Borchardts Stück "Draußen vor der Tür" am Staatstheater Saarbrücken (nachtkritik), Hans-Ulrich Beckers Inszenierung von Maya Arad Yasurs Stück "Gott wartet an der Haltestelle" (unter Verwendung von "Wie man nach einem Massaker humanistisch bleibt in 17 Schritten") am Theater Heilbronn (nachtkritik), Emre Akals Inszenierung seines Stückes "Goldie - ein digitales Requiem" am Schauspiel Leipzig (nachtkritik), Heiko Raulins' Inszenierung von Henrik Ibsens "Peer Gynt" am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ), die Performance "The Top Five Letters of Liaisons Dangereuses" von Showcase Beat Le Mot im Hebbel am Ufer Berlin (taz), Sahar Rahimis Inszenierung von Mazlum Nergiz' Stück "1000 Eyes" am Wiener Schauspielhaus (taz, Standard), Ebru Tartici Borchers Adaption von Zülfü Livanelis Roman "Serenade für Nadja" am Theater Oberhausen (SZ), Johannes Böhringers Zirkus-Solodebüt "The Paper People Paradox" im Münchner Theater HochX (SZ) und Max Lindemanns Inszenierung von Brechts "Mann ist Mann" im Neuen Haus des Berliner Ensembles (BlZ).