Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Bühne

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.06.2023 - Bühne

Besprochen werden Tilo Nests "mitreißende" Adaption von Anthony Burgess' Roman "Clockwork Orange" am Berliner Ensemble, mit Maeve Metelka in der Rolle des vergewaltigenden und mordenden Alex ("zeitlos gut", schwärmt in der FR Marc Hairapetian, der sich für seinen Artikel mit Nest, Kubricks Nachlassverwalter Jan Harlan und dem Film-Alex Malcolm McDowell unterhalten hat), Milo Raus Inszenierung von "Antigone in the Amazon" im Frankfurter Mousonturm (FR) und die Uraufführung von Salvatore Sciarrinos neuer Oper "Venere e Adone" in Hamburg (FAZ-Kritiker Jürgen Kesting hört ein "glänzend vorbereitetes Orchester unter Kent Nagano, das "feinste Klanggespinste" produziert, "bei denen selbst Anblasgeräusche einen Eigenwert bekommen".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.06.2023 - Bühne

Sciarrino: Venere e Adone, Szenerie. ©Brinkhoff/Mögenburg.



Eine virtuose, so abstrakte wie atmosphärisch dichte Uraufführung von Salvatore Sciarrinos Oper "Venere e Adone", inszeniert von Georges Delnon und dirigiert von Kent Nagano, erlebte SZ-Kritiker Wolfgang Schreiber an der Staatsoper Hamburg, "eine Tonwelt des unaufhörlich Leisen, Stockenden, jeden musikalischen Fluss Aufbrechenden am Rande des Schweigens. Um sich, mit seinen Worten, dem 'Prinzip der variierenden Wiederholung einzelner klar definierter Elemente' auszuliefern. Der Ökonomie radikal begrenzter, um sich kreisender Klänge und Klangbewegungen. Auch in der Venus-Adonis-Oper also: Pochende, an- und abschwellende Tongebilde, entwickelt aus ummantelten Einzeltönen im Vokalen und Instrumentalen, graben sich ein ins Ohr, entfalten ein hermetisch 'eintöniges' Gewebe, den irrlichternden Sog der Reduktion. Und erzwingen die höchste Anspannung des Hörens, der Beobachtung. Das ist nicht minimal music, Sciarrinos Musik meint etwas Anderes: 'Poco succede, quasi niente' - Wenig geschieht, fast nichts." Auch Florian Zinnecker nimmt diese Oper in der Zeit als große Kompositionsleistung wahr und ergänzt, die Erzählperspektive gebe ein Wildschwein: "Im Moment von Adonis' Tod tauschen Mensch und Kreatur dann auch noch ihre Seelen, Venus beweint das Tier im Menschenleib, während Adonis, ungeliebt, im Schweinsgalopp davonjagt."

Händel: Serse, Szenerie. © Anna Kolata.

Ein herrliches Vergnügen erlebt FAZ-Kritiker Gerald Felber bei den Hallenser Händel-Festspielen mit Händels Oper "Serse" in der Inszenierung von Louisa Proske. Klamaukig, aber dennoch mit ernsten und ernstzunehmenden Untertönen, besonders überzeugend dabei die Mezzosopranistin Anna Bonitatibus, findet Felber: Sie interpretiert "das Largo, unerachtet der skurrilen Situation, mit einer in dieser Szenerie fast verstörend innigen und berührungsempfindlichen Menschlichkeit. Auch später verleiht sie ihrer eigentlich à la Trump hyperaktiven und großkotzigen Rollenprägung immer wieder Momente zerbrechlicher Infragestellung, entfaltet eine enorme emotional-vokale Palette zwischen rustikal auftrumpfender Selbstüberredung und zerbrechlicher Lyrik. Hierin liegt sie auf der Linie einer Inszenierung, die bei aller Freude am hellen Klamauk (nicht ganz ohne Zeigefinger: dreinprügelnde Polizisten) nie vergisst, nach den Verletzungen ihrer Protagonisten und den daraus folgenden Motivationen zu fragen."

Ein wenig spöttelnd beobachtet Jakob Hayner für die Welt Iris Laufenbergs erste Pressekonferenz als neue Intendantin des Deutschen Theaters: "Das Spielzeitheft im Neunziger-Look bietet das Gimmick, dass man sich wie beim Rubbellos die Füllwörter zum neongrün auf violett leuchtenden 'Theater' freirubbeln kann. Zum Beispiel: dynamisches, drahtloses, duftes, denkwürdiges Deutsches Theater. Eine Variation in D-Dur mit einem Anflug von Beliebigkeit?" Beeindruckt ist er aber dann doch von der Ankündigung einer Rainald-Goetz-Uraufführung Ende September - "ein Coup. Angekündigt wird 'Baracke' vielversprechend als Stück über den NSU, die RAF, den Osten, den Westen und die Faszination des Bösen. Mit der großen Goetz-Überraschung unterstreicht Laufenberg zudem ihren Anspruch, der Gegenwartsdramatik eine Bühne zu geben." Ob das reicht für ein interessantes Programm? Hayner bleibt skeptisch, da Laufenberg ansonsten vor allem auf die "Generation der Halbetablierten" und Beständigkeit setze. "Es ist schon eine Mischung aus Risiko und Sicherheit, die sich da ankündigt", meint auch Rüdiger Schaper im Im Tagesspiegel.

Außerdem: Im Interview mit der SZ spricht Sophie Rois, die demnächst an der Volksbühne in einem Pollesch-Stück mit dem Titel "Mein Gott, Herr Pfarrer!" zu sehen ist, über ihren Glauben und den Katholizismus als großes Theater.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.06.2023 - Bühne

Die Repressionen gegen Theaterschaffende in Russland werden immer extremer, erfahren wir von Nachtkritikerin Alla Shenderova: Jüngst wurden die Regisseurin Schenja Berkowitsch und die Dramatikerin Swetlana Petrijtschuk verhaftet. Das Regime geht mit bizarren Begründungen gegen das Theater vor. Das war vorhersehbar, meint Shenderova, allerdings herrsche auch unter den Zuschauern eine "florierende Praxis der Denunziation": "Kürzlich gefiel einem Zuschauer im St. Petersburger Alexandrinsky Theater die Inszenierung 'Cyrano de Bergerac' nach Edmond Rostand nicht. Er sah darin einen Versuch, die russischen Streitkräfte zu diskreditieren, und legte Beschwerde ein. Die Inszenierung wurde vom Spielplan genommen."

Szene aus "Hérodiade" in Düsseldorf.© Jo Alexander Berg

Mit Lorenzo Fioronis Inszenierung von Jules Massenets selten gespielter Oper "Hérodiade" hat die Deutsche Oper am Rhein in Düsseldorf "alles aufgeboten, womit ein Haus Selbstbewusstsein demonstrieren kann", freut sich Joachim Lange in der nmz. Gekonnt springt das Stück zwischen Belle Époque und Gegenwart hin und her: "Wir begleiten das Schauspieler Alter Ego des Hérode, wie er in bourgeoiser Mode der Entstehungszeit durch das Paris von heute schlendert. Durch die Straßen, hinauf zur Sacré-Cœur de Montmartre und dann in den Louvre. Hier ist die Suche nach der Relevanz für heute, die noch jede Operninszenierung mehr oder weniger betreibt, das Prinzip. So werden die streitenden Kaufleute vor den Toren Jerusalems zu einer Ausflugsgesellschaft in der Wüste, denen der Sturm zu schaffen macht und ihren prachtvollen Roben einen Hauch von windflüchtigen Kunstwerken verpasst. Salomé ist eine Tramperin von heute mit Rucksack und Sterndeuter Phanuel ein Penner, bei dem sich die Damen der besseren Gesellschaft die Taschentücher vor die Nase halten, wenn er ihnen zu nahe kommt."

Im Interview mit der SZ spricht Iris Laufenberg, die als erste Frau die Intendanz am Deutschen Theater Berlin übernehmen wird, über ihre Pläne für die kommende Spielzeit, ihr Selbstverständnis als Vorsitzende und den Begriff "feministisches Theater", den sie zu plakativ findet: "Ich persönlich bin feministisch geschult. Die Gleichberechtigung steht im Gesetz. Die erst mal zu verstehen und zu leben, ist das eine. Der andere Aspekt ist: Welche Geschichten erzählen wir und welche nicht mehr? Die alten Heldengeschichten sind noch fest in unserer DNA. Wie bricht man das auf? Das Matriarchat ist vielleicht auch keine Lösung. Ich glaube an das Miteinander. Nicht an das einzelne Genie. Wir schaffen das Bestmögliche, wenn jede, jeder das beisteuert, was sie oder er richtig gut kann."

Weitere Artikel: taz-Kritikerin Dorothea Marcus berichtet über das "Theatrium"-Festival in Litauen. In der FAZ zieht Reinhard Karger Bilanz zum bisherigen Verlauf der Wiener Festwochen. Sein Fazit: Zu viel Politisierung, zu wenig künstlerische Qualität: "Nicht alles, was auf dem Papier interessant erscheint, löst ästhetisch ein, was es verspricht. Das lässt sich leider bereits zur Halbzeit des Festivals konstatieren, dessen Produktionen auf unterschiedlichen Irrwegen scheitern." In der NZZ erzählen die Intendantinnen des Züricher Neumarkttheaters Hayat Erdogan, Tine Milz und Julia Reichert, wie sie sich zu dritt die Intendanz teilen. Und Ueli Bernays teilt Eindrücke aus dem aktuellen Programm.

Besprochen werden Georges Delnons Inszenierung von Salvatore Sciarrinos Oper "Venere et Adone" an der Hamburger Staatsoper (Zeit, nmz), Christof Loys Inszenierung von Christoph Willibald Glucks Oper "Orfeo ed Euridice" bei den Salzburger Pfingstfestspielen (Zeit), Franz Schuberts "Schöne Millerin" in der Inszenierung von Nikolaus Habjan an der Staatsoper Berlin (Zeit), Herbert Fritschs Stück "Vergeigt!" am Theater Basel (Zeit), Kirill Serebrennikows Stück "Barocco" am Thalia Theater in Hamburg (Zeit), Axel Ranischs Inszenierung vom szenischen Händel-Oratorium "Saul" an der Komischen Oper Berlin (taz), Martin Grubers Stück "Morbus Hysteria" in Kooperation mit dem Aktionstheater Ensemble im Werk X in Wien (Standard) und der Auftakt der Potsdamer Tanztage mit Mette Ingvartsens Choreografie "Moving in Concert" (tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.05.2023 - Bühne

Peter Simonischek in seiner berühmtesten Rolle. Mit Sandra Hülle in Maren Ades Film "Toni Erdmann".

Der große Peter Simonischek ist in Wien im Alter von 76 Jahren gestorben. International berühmt wurde er durch seine Rolle in Maren Ades "Toni Erdmann", doch war er vor allem Theaterschauspieler, wie die Kritiker in ihren Nachrufen betonen: "Ein Bild von einem Mann und ein Schwergewicht von einem Schauspieler, im Theater einer der großen, vielseitigen Charakterdarsteller", seufzt Christine Dössel in der SZ: "So bärenstark er wirkte mit seinen Einsneunzig und der vollen Silbermähne, ein Kraftlackl, Macho und Hoppla-hier-komm-ich-Spieler war Simonischek nicht. Er hatte immer etwas Weiches, Sensibles, Gefühlsdurchlässiges." Ähnlich sieht das Peter von Becker im Tagesspiegel: "Da war immer seine Mischung aus Grandiosität und Grazie, aus Pathos und subtiler Ironie." Simon Strauss preist ihn in der FAZ als "wunderbaren Wandelschauspieler". Er war ein durch und durch ein Burgschauspieler, wie Margarete Affenzeller im Standard beteuert: "Simonischek gehörte zu jenen eher raren Schauspielern, die sich auch selber gern ins Parkett begeben, um denen auf der Bühne zuzusehen und damit den Kolleginnen und Kollegen Respekt zu zollen. Ein schöner Zug." Aber natürlich war er in "Toni Erdmann" einfach umwerfend, schwärmt Paul Jandl in der NZZ: "In seiner berühmtesten Rolle mutiert er vom einsam alternden Musiklehrer zum Virtuosen der Peinlichkeit. Falschgebiss, Perücke, Zottelfell und dumme Sprüche. Da macht sich ein deutscher Altachtundsechziger ausgerechnet zum Affen, weil er die ins internationale Karrieremilieu der Consultingfirmen abgerutschte Tochter für sich zurückgewinnen möchte." In der FR schreibt Harry Nutt.

Weiteres: In der taz resümiert Katrin Bettina Müller das Berliner Theatertreffen eigentlich ganz positiv: Sie hat erzählstarkes Theater und großartige Ensemble-Leistungen erlebt, und besonders imponiert hat ihr Lucia Bihlers Wiener Inszenierung "Die Eingeborenen von Maria Blut". Auf der Abschlussdiskussion musste sich die Jury viel Kritik von AktivistInnen anhören, denen die Auswahl zu unpolitisch oder zu undivers war und den Klimawandel nicht genug in Rechnung stellte. In der Welt winkt Jakob Hayner müde ab: "Dass das Politische in der Kunst als ästhetische Frage erscheint, ist dem Aktivismus fremd. Der Einwand der Jury, dass Statements weder Kunstfertigkeit ersetzen noch eine Einladung rechtfertigen, scheint nicht anzukommen.

Besprochen werden Cecilia Bartolis Auftritte in den Rollen von Orpheus und Eurydike bei den Salzburger Pfingstfestspielen (NZZ) und ein Duo von Marco Goecke am Hessischen Staatsballett in Wiesbaden (FR).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.05.2023 - Bühne

Susanne Kennedys "Angela" bei den Wiener Festwochen. Foto: Julian Roeder

Bei den Wiener Festwochen wurde Susanne Kennedys neue, wieder hyperartifizielle und verstörende Produktion "Angela (a strange loop") gezeigt. Nachtkritiker Martin Thomas Pesl nimmt immerhin einen schauerlichen Albtraum mit nach Hause und erkennt in Kennedy den David Lynch des Theaters: "Sie will, dass wir ihr weiter und weiter in absonderliche Abgründe folgen, weil wir meinen, noch nicht ganz verstanden zu haben. Bis wir merken, dass es nichts mehr zu verstehen gibt, ist es zu spät." Worum es geht, kann SZ-Kritiker Egbert Tholl auch nicht unbedingt sagen, aber er fand das nur am Anfang nervig: "Doch dann wird's toll. Angela (Ixchel Mendoza Hernández) hat eine mysteriöse Krankheit, vielleicht Long Covid, vielleicht eine Art Internet-Autoimmunitätsstörung, auf jeden Fall ist ihr, influenced, die Realität abhanden gekommen. Die Wohnung hermetisch, die Einrichtung einschließlich Einbauküche digital, die Besucher - Freund, Freundin, Mama - somnambule Worthülsenträger. Ein digitales Plüschtier weiß im Bildschirm mehr als alle anderen, eine seltsame Besucherin (Diamanda La Berge Dramm) kommt, bleibt und macht auf ihrer Elektrogeige Musik, sie singt auch sehr schön." Verstörend schön findet Ronald Pohl im Standard die ontologische Rätsel, die ihm Kennedy mitgibt. 

Außerdem bilanzieren die Kritiker das Berliner Theatertreffen, das mit Mateja Koležniks Bochumer Gorki-Inszenierung "Kinder der Sonne" zu Ende gegangen ist. Die Inszenierung hat Doris Meierhenrich in der Berliner Zeitung umgehauen: "Wir hocken im Theater und hoffen auf gesellschaftliche Relevanz, doch hier schlägt uns eine Inszenierung genau diese selbstgefällige, rein akademische Hoffnung demonstrativ um die Ohren. Ein kalter Hieb." Auch für SZ-Kritiker Peter Laudenbach war das Stück ein Highlight, das ihn über Tiefpunkte wie Stefanie Dvoraks Wiener Nazi-Katholizismus-Folklore "Die Eingeborenen von Maria Blut" und die Performance "Bus nach Dachau" hinwegtrösten musste. Sein Fazit: "Von solch unerfreulichen Ausnahmen abgesehen scheint die verrätselte Konzeptkunst-Hermetik, die das Festival im vergangenen Jahr über weite Strecken zu einer Trendstreber- und Insider-Angelegenheit gemacht hatte, für's Erste abgehakt. Nimmt man diese Theatertreffen-Ausgabe als Gradmesser, zielen die Bühnen mit großen Geschichten und kraftvollem Schauspieler-Theater energisch auf ein breiteres Publikum - wohl auch, um nach dem Pandemie-Einbruch ihre Zuschauer von Netflix zu entwöhnen und für das Theater zurückzugewinnen." Im Tagesspiegel teilt Rüdiger Schaper ordentlich aus und bezeichnet das Gesamtbild als "alarmierend trostlos": "Das Theatertreffen lahmt bedenklich. Dieser Eindruck wurde durch das Extraprogramm "10 Treffen" nur verstärkt. Hier ging es in seltsamen Performances um die ganz großen Probleme der Welt. Fatal: So spricht das immer noch beliebte Festival seiner eigenen Auswahl das Misstrauen aus."

Besprochen werden Cecilia Bartolis Salzburger Pfingstfestspiele, bei denen die Operndiva als Orpheus in Glucks Oper "Orfeo ed Euridice" und als Eurydike in Haydns "L'anima del filosofo" betört, wie Jan Brachmann in der FAZ jubelt, Schostakowitschs "Lady Macbeth von Mzensk" an der Wiener Staatsoper (Standard), Franz Schuberts "Schöne Müllerin" an der Berliner Staatsoper in einer "experimentellen Zurichtung" der Musicbanda Franui aus Osttirol (taz), Milo Raus "Antigone im Amazonas" bei den Wiener Festwochen (taz), Thomas Manns "Zauberberg" im Wuppertaler Theater am Engelgarten (FAZ), André-Ernest-Modeste Grétrys Oper "Zemira e Azor" in Schwetzingen (FR), und Axel Ranischs Inszenierung von Händels "Saul" an der Komischen Oper (BlZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 27.05.2023 - Bühne

Szene aus "Barocco". Foto: Fabian Hammerl

2018 noch in Moskau aufgeführt, hat der russische Regisseur Kirill Serebrennikow am Hamburger Thalia Theater sein Stück "Barocco" nun neu inszeniert, aber so ganz wird Till Briegleb in der SZ nicht klar, worauf Serebrennikow hinauswill, wenn er Barockmusik von Monteverdi, Purcell, Rameau oder Bach mit den Vorgängen im Protestjahr 1968 kurzschließt: "Ein begeisterndes Gesangsensemble um die russische Sopranistin Nadezhda Pavlova und den Countertenor Odin Biron überwältigt die Emotionen mit tragischen Arien. Die politischen Spielszenen leiden aber vielfach an einem Grundproblem von Serebrennikovs Regiestil, dem Hang zum Plakativen und Pathetischen. Da werden viele Statisten mit den Parolen der 'Letzten Generation' aufgestellt, während das Ensemble die Sponti-Sprüche der 68er aufsagt."

"Der Abend ist bewegend, großartig und aufrüttelnd", jubelt indes Wiebke Hüster in der FAZ, die hier auch einen "Schrei nach Freiheit" zu vernehmen meint: "Das Körperliche, die musikalisch phrasierte Bewegung in Serebrennikows 'Barocco' ist konstitutiv für das Organisationsprinzip des Abends als einer prachtvollen assoziativen Entfaltung. Hier kommt Andy Warhol ebenso vor wie die Pariser Studentenrevolten und die Klima-Aktivisten der Gegenwart. Bereits William Forsythe entlehnte seine Ideen der choreographischen Bewegungsorganisation seinem inneren Bild barocker Fülle und ihrer Ausbreitung im Raum. Die atemberaubenden neuen Perspektiven des postmodernen Tanzes von Forsythe hatten mitunter etwas Blendendes. Serebrennikows Choreografen Ivan Estegneev und Evgeny Kulagin gelangen vom selben Ausgangspunkt zu ganz anderen, viel inklusiveren, anschaulicheren Körperbildern." Zu einer "Flucht in die Schönheit" lässt sich hingegen Nachtkritiker Stefan Forth hinreißen, auch wenn es ihm gelegentlich an "Tiefenbohrung" mangelt.

Außerdem: Nach allerhand Skandalen und identitätspolitischen Debatte fragt René Hamann in der taz nach der Daseinsberechtigung des Theaters: "Bleibt das Theater im Erstarrungsmodus? Ist der Weg der radikalen Repolitisierung der Richtige, wenn eh immer nur dieselben sich das anschauen, ein reines Bestätigungs- und Selbstbestätigungstheater?" In der taz stellt Anna Schors den Verein Bühnenmütter e. V. vor, der sich für Künstlerinnen mit Kind am Theater einsetzt.

Besprochen werden das Tanzfestival "Leisure & Pleasure" in den Berliner Sophiensälen (Tsp), Stefan Bachmanns Inszenierung von Lion Feuchtwangers Roman "Erfolg" am Residenztheater (FAZ), Milo Raus Inszenierung der nach Brasilien verlegten "Antigone" bei den Wiener Festwochen (SZ, Standard), George Petrous Inszenierungen "Semele" und "Hercules" bei den Händel-Festspielen in Göttingen (FAZ) und Christoph Mehlers Inszenierung von Finegan Kruckemeyers Stück "Der lange Schlaf" am Theater Oberhausen (nachtkritik).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 26.05.2023 - Bühne

"Erfolg" am Münchner Residentheater. © Birgit Hupfeld


Trotz kleinerer Schwächen verbringt SZ-Kritikerin Christine Dössel einen "finster strahlenden" Abend im Münchner Residenztheater mit Stefan Bachmanns Adaption von Lion Feuchtwangers imposantem 800-Seiten-Roman "Erfolg": "Wer eine Nacherzählung des Romans, zünftiges bayerisches Lokalkolorit oder hartes München- und Politik-Bashing erwartet, eine zornige, schmerzende Abrechnung, wird von dieser Inszenierung enttäuscht sein. Weh tut sie nicht. Sie ist auch nicht wutgetrieben und nicht politisch-progressiv. Aber sie erzeugt Unbehagen, eine albtraumhaft gespenstische Atmosphäre, die auch uns Heutige aufschrecken kann. Und sie schafft etwas, woran andere Romanadaptionen auf der Bühne oft scheitern: künstlerische Eigenständigkeit und Verdichtung. Bachmann und sein hervorragendes Ensemble tanzen auf der Vorlage, drehen darauf Pirouetten, machen daraus ihr eigenes ästhetisches Ding: eine dunkel dräuende Zwanziger-Jahre-Revue mit Grusical-Charakter und Anleihen bei Cabaret, Kabarett, Stummfilm und Expressionismus, bisschen auch bei 'Babylon Berlin'."

Auf dem Bild: Saskia Wagner und Publikum. Foto: Melanie Zanin

Regisseur Bassam Ghazi hat für das Schauspielhaus Düsseldorf eine "theatrale Busreise" nach Solingen organisiert, zu Erinnerungsorten für die Opfer der rassistischen Anschläge 1993. taz-Kritiker  Volkan Agar ist mitgefahren und versucht sich dabei so zu erinnern, dass es ihm wirklich weh tut: "Wird ein Gedenken den Opfern gerecht, von dem aus man geschmeidig zum Tagesgeschäft zurückkehren kann? Oder muss sich gerechtes Gedenken auch körperlich spürbar machen, weil einem ein kalter Schauer über den Rücken läuft, der Hals sich zuzieht und ganz trocken wird, die Augen nass? So wie bei einigen Teilnehmenden dieser Zeitreise, bei denen mit türkischen, aber auch bei solchen mit deutschen Namen. Vermutlich muss Gedenken wehtun, einem selbst und den anderen, wenn man nicht bei der ritualisierten Wohlfühl-Sorte des Gedenkens landen möchte, die in der Hitlist der deutschen Vergangenheitsbewältigung auf Platz 1 steht." Wie bitte?

Besprochen werden: Ein "theatralischer TED-Talk" von Isabella Rosselini bei den Ruhrfestspielen (Welt, FAZ), die Oper "Lessons in Love and Violence" von George Benjamin, inszeniert von Evgeny Titov am Opernhaus Zürich (SZ), Kirill Serebrennikovs Inszenierung "Barocco" am Thalia Theater Hamburg (nachtkritik), Milo Raus Inszenierung der nach Brasilien verlegten "Antigone" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik) und die Performance "Parasite Parking" des Aktivisten Jakob Wirth, der verschiedene Berliner Parkplätze besetzt - ohne Genehmigung (taz).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.05.2023 - Bühne

Das Berliner Gorki Theater will mit dem Festival "Gezi - Ten Years After" den freiheitlichen Geist der Gezi-Proteste in Istanbul weitertragen, erklären Gorki-Intendantin Shermin Langhoff und der Kurator Erden Kosova im Interview in der taz. Langhoff erzählt, warum die Proteste gegen die Regierung Recep Tayyip Erdoğans 2013 einen Wendepunkt darstellten: "In den 1980er Jahren war durch den Militärputsch alles auf Stillstand gestellt. Ich gehöre zu der Generation, die sich in den 1990er Jahren nochmals politisierte. Aber wir waren nicht so revolutionär wie die Menschen der 1970er Jahre. Wir haben uns an die traditionelle Linke und deren Ästhetik, Rhetorik und Diskurs angeschlossen und auch gekämpft, den Taksim-Platz zu okkupieren, mit 1.-Mai-Protesten und Ähnlichem. Aber wir haben nie gedacht, dass wir das schaffen könnten. Gezi aber machte das in einer sehr spontanen Gegenbewegung möglich. Und diese Sprache war für uns total neu."

Weitere Artikel: In der Berliner Zeitung blickt Ulrich Khuon im Gespräch mit Ulrich Seidler zurück auf seine Intendanz am Deutschen Theater Berlin und erklärt, warum Theater nicht laut sein muss: "Es gibt schon genug Aggressionen in den sozialen Medien und in der Gesellschaft, da ist es schon ganz gut, wenn einem nicht auch noch das Theater an die Gurgel springt oder auf den Kopf haut. Andererseits gibt es Theater und auch Stadtgesellschaften, in denen die Konflikte schön überdeckt sind und in denen eine Scheinharmonie herrscht. Da fehlt dann eine laute Stimme, um die Probleme erkennbar zu machen." Im Standard annonciert Stefan Weiss das Freiluftfestival "Theater im Park" in Wien.

Besprochen werden die Performance der brasilianischen Künstlerin Anna Maria Maiolino in der Neuen Nationalgalerie Berlin (tsp), Lucia Bihlers Adaption des Romans "Die Eingeborenen von Maria Blut" von Maria Lazar beim Berliner Theatertreffen (BlZ), Riccardo Zandonais Oper "Francesca da Rimini" an der Deutschen Oper Berlin (nmz), Franz Schrekers "Der singende Teufel" an der Oper Bonn (nmz) und Andreas Kriegenburgs Inszenierung von Beaumarchais' "Figaros Hochzeit" am Düsseldorfer Schauspielhaus (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 24.05.2023 - Bühne

Peter Laudenbach windet sich in der SZ vor Scham angesichts der Peinlichkeiten, die das Berliner Theatertreffen in diesem Jahr von der ersten Minute an begleiteten, als die Leiterinnen das Publikum baten, den blühenden Kastanien zu applaudieren (und dann auch noch einige dieser Bitte folgten). Verheerend findet er aber, dass das traditionelle Begleitprogramm mit Osteuropa-Schwerpunkt quasi als eigenes Festivals abgekoppelt wurde: "Das ist nicht besonders klug, schließlich ist die Jury-Auswahl die Geschäftsgrundlage des Theatertreffens, die es zu einem Gradmesser des deutschsprachigen Gegenwartstheaters macht. Diese Tollpatschigkeit ist zwar unhöflich, wäre aber nicht weiter schlimm, wenn das Rahmenprogramm zumindest halbwegs interessante Veranstaltungen bieten könnte. Doch davon kann keine Rede sein. Zu den Peinlichkeiten gehört etwa ein 'Emptiness Treffen' mit dem verlockenden Angebot, einfach mal gar nichts zu machen und 'gemeinsam alleine zu sein'."

Besprochen werden Peter Konwitschnys "Siegfried"-Inszenierung an der Oper Dortmund (FR) und Franz Schrekers Oper "Der singende Teufel" an der Oper Bonn (die Welt-Kritiker Manuel Brug arg fad erschien, auch wenn er die Reihe "Fokus 33" ausgesprochen verdienstvoll findet, die sich untergegangenen Werken verschrieben hat).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 23.05.2023 - Bühne

George Benjamins "Lessons in Love and Violence. Foto: Herwig Prammer / Opernhaus Zürich

Großereignis in Zürich mit George Benjamins Oper "Lessons in Love and Violence". Angelehnt an Christopher Marlowes Geschichtsdrama "Edward II." erzählt sie von Macht und Missbrauch, wie Marco Frei in der NZZ erklärt: Während das Volk hungert, vergnügt sich der König mit seinem Günstling Gaveston, bis beide vom Liebhaber der König grausam ermordet werden. Die sängerische Leistung sei überragend und Dirigent Ilan Volkov mache die Höĺlenfahrt geradezu körperlich spürbar, jubelt Frei. Und dann dann die Musik: "Benjamin ist ein Meister der Orchestrierung, der ohne austauschbare 'Deko-Klänge' auskommt; er zählt ohnehin nicht zu den Vielschreibern, die stets mit denselben Versatzstücken jonglieren. Benjamin sucht in seinem Schaffen immer schon nach sehr individuellen und bezwingenden Lösungen für jedes einzelne Werk. Er verfolgt dabei seit langem beharrlich einen ganz eigenen Weg, ohne irgendwelchen Moden und Trends zu erliegen. In seiner Musik hat der heute 63 Jahre alte Brite nie mit seriellen Techniken, Elektroakustik oder Geräuschaktionen gearbeitet. Das avanciert Moderne erreicht Benjamin durch die Erneuerung der Instrumentation und einen staunenswerten Umgang mit Klangfarben. Das mag er einst von seinem großen Lehrmeister Olivier Messiaen gelernt haben, seine Lösungen aber sind ureigen."

Katja Kolllmann berichtet in der taz von der Reihe 10 Treffen, das im Rahmen des Theatertreffens ukrainischen und belarussischen Künstlern eine Bühne gibt. Besonders bedrückt erzählt sie von Igor Shugaleevs Performance "375 0908 2334 The body you are calling is currently not available": "Besonders bewegend ist der Teil des Textes, in dem er erklärt, dass man als Belarusse/Belarussin von Schuldgefühlen geplagt wird, weil es einem besser geht als anderen. Zum Beispiel: Man wurde (noch nicht) verhaftet, man wurde in der Haft nicht so schlimm gefoltert wie andere und vor allem, man ist im Exil in Sicherheit. Ein Schuldsyndrom, das bei Holocaust-Überlebenden das erste Mal umfassend analysiert wurde. Shugaleev erläutert, dass die Haltung, die er einnimmt, typisch ist für eine Zwangsstellung, die die in Belarus Verhafteten in der Regel über Stunden einnehmen müssen. Er illustriert das durch ein kurzes Video aus einem belarussischen Polizeigewahrsam und kommt nun auf die symbolische Telefonnummer im Titel seiner Performance zu sprechen: 375 ist die Landesvorwahl von Belarus, 0908 steht für den 9. August 2020, den Tag der Präsidentschaftswahl und den Beginn der Proteste, 2334 bezeichnet ein Gesetz in Belarus, nachdem Demonstrierende strafrechtlich verfolgt werden können. (Bis heute wurden so über 40.000 Belaruss*innen verurteilt.)"

Besprochen werden Damiano Michielettos Inszenierung von Verdis "Aida" an der Bayerischen Staatsoper (die bei Welt-Kritiker Manuel Brug keine Opernstimmung aufkommen lassen wollte: "Wieder so eine dieser "Ja mei geht scho"-Premieren, wie sie sich in München gegenwärtig häufen"), Antú Romero Nunes' Zürcher Inszenierung von Shakespeares "Sommernachtstraum" beim Berliner Theatertreffen (Tsp), Francis Poulencs düstere Oper "Dialogues des Carmélites" an der Wiener Staatsoper (Standard) und Heike Goetzes Bühnenfassung von Jovana Reisingers Roman "Spitzenreiterinnen" am Staatstheater Kassel (FR).