Jacopo Godani hat als Chef der Dresden Frankfurt Dance Company mit "Symptoms of Development" seine letzte Premiere gehabt. In der FRerinnert Sylvia Staude mit Bitterkeit an die Ruinierung der Tanzstadt Frankfurt zur Jahrtausendwende, als William Forsythe' Ballett, der Mousonturm, das S.O.A.P. Dance Theatre oder die Kompagnien von Marie Luise Thiele und Vivienne Newport nicht mehr finanziert wurden. Dass Godani jetzt geht, kann Staude allerdings nicht mehr betrüben, seine Ernennung war ein Fehler, meint sie: "Stück um Stück, so haben wir es in Erinnerung, arbeitete sich das Ensemble ab, die Beine wie Zirkel, bei den Frauen überdehnt, die Arme unermüdlich wirbelnd, die Hüfte sich verschiebend, der Oberkörper sich wellend. Oft schien am Rücken nur die Schraube zum Aufziehen zu fehlen. Dabei konnte das Thema der Choreografien nicht groß und wichtig genug sein - die Entwicklung des Menschen, die Zukunft des Menschen, nichts weniger -, doch da das Bewegungsmaterial mehr oder weniger das gleiche blieb, waren die Choreografien bald schwer zu unterscheiden."
Besprochen werden Milo Raus "Antigone in the Amazon" und Stas Zhyrkovs "Antigone in Butscha" (die Welt-Kritiker Jakob Hayner auch als hoch politisierte Aktualisierungen beeindrucken), Peter Konwitschnys "Siegfried" an der Oper Dortmund (SZ, FAZ), weitere Inszenierungen vom Berliner Theatertreffen (taz), Andreas Kriegenburgs unterhaltsame Inszenierung von Beaumarchais' Komödienklassiker "Figaros Hochzeit" für das Düsseldorfer Schauspielhaus (Nachtkritik), Christa Winsloes "Sylvia und Sybille" am Staatsschauspiel Dresden (Nachtkritik) und Sidi Larbi Cherkaouis Doppelabend "Faun/VIA" bei den Maifestspielen in Wiesbaden (FR).
Wenig Freude hatte Doris Meierhenrich (Berliner Zeitung) bisher beim Begleitprogramm des Berliner Theatertreffens. Kunst findet man hier nicht, erklärt sie, im Gegenteil: Sie kann "in dem nun '10 Treffen' betitelten Beiprogramm kaum etwas anderes erkennen als dezidiert antiästhetische Gegenentwürfe zu der ambitionierten Zehner-Auswahl der Kritikerjury. Dabei war eine Frontstellung dieser Art nie Absicht der drei neuen Leiterinnen, denen es gerade im Gegenteil um den Ausbau des 'Sich Treffens', der Begegnungen ging, wie Co-Leiterin Joanna Nuckowska betont." In der nachtkritikberichtet Christine Wahl vom Theatertreffen.
Weitere Artikel: Antonio Fian hat sich für den Standard ein kleines Dramolett über künstliche Intelligenzausgedacht. In der FRtrauert Judith von Sternburg um das Fritz Rémond Theater, das schließt, weil Claus Helmer offenbar keinen Nachfolger gefunden hat. Obwohl eine Mehrheit der Studenten im Fach Musiktheaterregie weiblich ist, werden immer noch kaum Stücke von Frauen inszeniert. Intendantinnen gibt es noch weniger, berichtet Anna Schors im van Magazin.
Besprochen werden Alban Bergs Oper "Lulu" als kapverdisches Tanztheater, choreografiert von Marlene Monteiro Freitas, bei den Wiener Festwochen (Standard), Keyvan Sarreshtehs Performances "Timescape" bei den Wiener Festwochen (nachtkritik), Robert Gerloffs Inszenierung von Svenja Viola Bungartens Eastern "Garland" am Oldenburgischen Staatstheater (nachtkritik), De Warme Winkels Inszenierung von "Der Bus nach Dachau" beim Berliner Theatertreffen (nachtkritik), drei große Premieren an der Bayerischen Staatsoper (die NZZ-Kritiker Marco Frei zeigen, dass die "führende Bühne in der Opernwelt endlich wieder ein starkes und klares Profil" hat), Florian Zellers "Die Kehrseite der Medaille" in der Frankfurter Komödie (FR) und Felix Kriegers Inszenierung der "Dalinda" von Donizetti im Berliner Konzerthaus mit einer hinreißenden Lidia Fridmann in der Titelrolle ("Die Stimme der erst 27-jährigen Sopranistin aus Samara mit dem betörend gutturalen Tiefenregister hat ein Aroma von Harz und karfunkelt in faszinierenden Rubinfarben). Fridman erinnert ein bisschen an die junge Iano Tamar, hat vibrierende Nervenspannung wie früher Leontyne Price und kommt in edler Schönheit einem vokalen Urerlebnis ziemlich nahe", schwärmt Roland H. Dippel in der nmz).
Gleich vierJelinek-Stücke an einem Abend hat das Wiener Werk X aufgeführt, bevor es geschlossen wird. Nun ja, "wen könnte man für die Schlussparty besser als verbale Abrissbirne verwenden als Elfriede Jelinek?", denkt sich Welt-Kritiker Joachim Lottmann, der den Abend genossen zu haben scheint, auch wenn nicht immer alles gleich gut gelungen war. Miloš Lolićs Inszenierung von Jelineks Langtext "Aber sicher!" zum Beispiel: Die Schauspieler schreien sich an und ziehen sich dabei aus. Nicht so originell, findet Lottmann. "Da das aber in waghalsiger, verdammt gekonnter Artistik geschieht, wirkt es alles andere als peinlich. Überhaupt muss man anerkennen, dass kein anderer Autor der Gegenwart es wie Elfriede Jelinek schafft, ein so abstraktes Thema wie die internationalen Finanzströme (und ihre Auswirkungen beim 'Endverbraucher') in konkrete Vorstellungen zu transformieren. Sie tut es mit einem Bombardement von Sprachfetzen. Das macht ihre Genialität aus. Und selbst hier, wo man die meisten Worte akustisch gar nicht versteht, ahnt man noch die Wirkung des Originaltextes."
Szene aus Knausgards "Der Morgenstern". Foto: Thomas Aurin
So ganz überzeugt ist Klaus Irler in der taz nicht von der Inszenierung und gleichzeitigen Live-Verfilmung von Karl Ove Knausgards für die Bühne vielleicht zu vielschichtigem Roman "Der Morgenstern" am Hamburger Schauspielhaus, verantwortet von Armin Kerber. Das können auch die technischen Raffinessen nicht mehr rausreißen: "Das Konzept der Live-Verfilmung schadet nicht, liefert aber auch keinen Mehrwert. Von Zeit zu Zeit hält der Budenzauber Lücken bereit für schauspielerische Soli auf leerer Bühne; Monologe, die die Oberfläche verlassen und das Innere der Figuren zur Sprache bringen. Da wird es ernst - und schwer nachvollziehbar: Zu viel Material, textlich und technisch, ist zuvor die Bühne rauf- und runtergegangen; schwierig, sich einzufühlen, nichts durcheinanderzubringen, zu folgen. Der Weltuntergang, er bleibt am Ende letztlich eine Show im Schauspielhaus. Alles ist nur Theater, nur Film, nichts, das man allzu ernst nehmen muss. Es ist ein Abend, der beeindruckt durch das Viele, das er zu bieten hat. Aber was ihm fehlt, ist eine suggestive Kraft, um fortzuwirken."
Weiteres: Ulrich Khuon wird für ein Jahr Intendant des Zürcher Schauspielhauses, meldenBerliner Zeitung und NZZ. Besprochen werden Felicia Zellers "Antrag auf größtmögliche Entfernung von Gewalt" im Theater Oberhausen (nachtkritik), und die Inszenierungen "Beautiful Thing" und "Total!Normal?" an den Theatern Parkaue und Strahl (Tsp).
Besprochen werden die politisch auf die Ukraine und Belarus ausgerichtete Nebensparte "10 Treffen" beim Berliner Theatertreffen (taz), Damiano Michielettos Inszenierung von Verdis Kriegsoper "Aida" (die Helmut Mauró in der SZ ausgesprochen dröge fand, aber die Gesangspartien fand er großartig), Johan Simons' "Macbeth"-Inszenierung mit Jens Harzer in Bochum (Zeit) und der Abend "Ein Fisch wird nur so groß wie sein Aquarium" im Jungen Staatstheater Wiesbaden (FR).
Mili Raus Re-enactment und Performance "Antigone in the Amazon" FAZ-Kritiker Simon Strauss hat jede Menge Spott übrig für Milo Rau und dessen Eigenmarketing: Ob er ein später Nachkomme Pasolinis sei oder eher der "Stuckrad-Barre des politischen Gegenwartstheaters", fragt der Kritiker. Aber er muss auch zugeben, dass ihn Raus Schuldtheater immer wieder erschüttert. Jetzt mit der "Antigone in the Amazon" in Gent, ein Recenactment eines Massakers an Mitgliedern der brasilianischen Landlosenbewegung im Jahr 1995: "Es sind ergreifende Szenen, die man zu sehen bekommt: Als Militärpolizisten verkleidete belgische Schauspieler zerren junge Frauen an den Haaren über die Straße, schmeißen sie nebeneinander in den Staub, schießen ihnen mit Plastikpistolen aus nächster Nähe in den Kopf. Beobachtet wird das Ganze von mehreren Hundert Menschen, darunter auch einige Polizistinnen und Polizisten, die den korrekten Ablauf des Re-enactments überwachen. Die Kamera fängt den angewiderten Ausdruck auf ihren Gesichtern ein. Fassungslos beobachten sie das Geschehen. Fassungslos worüber? Über die angerichteten Verbrechen ihrer früheren Kollegen? Oder fassungslos über die europäischen Theatermacher, die sie anklagen?"
In der Weltfühlt sich Jakob Hayner geradezu vor den Kopf geschlagen von der Eröffnung des Berliner Theatertreffens, bei dem sich die Leitung in gnadenlosem Selbstlob erging: "Das auf dem Vorplatz versammelte Publikum muss dieser Selbstfeier zuschauen, ohne wirklich angesprochen zu sein. Es ist eine unwürdige Rolle, die man da abbekommen hat. Hat niemand von den Verantwortlichen etwas zu sagen? Keine Meinung zum Theater oder zur Gesellschaft, in der es gemacht wird? Die aggressive Anspruchslosigkeit der Veranstaltung ist beispielhaft für die sich im Kulturbetrieb ausbreitende Selbstgefälligkeit, die sich mit Parolen schmückt, aber keine Substanz hat." In der NZZbezweifelt Bernd Noack, dass allein Diversität dem Berliner Theatertreffen den Weg zum Glück bescheren wird. Bei Matthew Lopez' biederem Schwulendrama "Das Vermächtnis" hat er sich jedenfalls ganz schön gelangweilt.
Besprochen werden die Uraufführung von Sarah Nemtsovs "höchst anspruchsvoller" Oper "Ophelia" in Saarbrücken (FAZ), zwei Uraufführungen von Thomas Köck, ""Keeping Up With the Penthesileas" in Zürich und "Forecast: Ödipus" in Stuttgart (SZ), Puccinis "Tosca" mit einem sensationellen Bryn Terfel an der Wiener Staatsoper (Standard), Benjamin Brittens "Peter Grimes" an der Oper Leipzig (NMZ) und das Stück "Nichts als die Wahrheit" des Frankfurter Theaterkollektivs Monstra (FR).
Marina Galic und Jens Harzer in "Macbeth. Foto: Armin Smailovic / Schauspielhaus Bochum Am Bochumer Schauspielhaus hat Johan Simons Shakespeares "Macbeth" inszeniert, jedoch nicht als grausiges Mordstücks, sondern als komödiantische Parodie. Nachtkritiker Gerhard Preußer verfolgt gebannt das heitere Spiel: "Schrecklich ist lustig und lustig ist schrecklich. Ein radikal invertierter und reduzierter 'Macbeth'. Zwei Schauspieler und eine Schauspielerin nur: da kommt kein mitfühlender Schauder oder Jammer auf. Jens Harzer, Stefan Hunstein und Marina Galic spielen alles: Hexen, Könige, Feldherren, Frauen, Kinder. In makellosen schwarzen Anzügen wechseln sie die Rollen mit einem Wort, einer Bewegung oder einer Geste. Hunstein ist meist Hexe, Harzer Macbeth und Galic seine Lady, aber nicht immer. Schnell muss man schalten, will man verstehen, wer hier wann wer ist."
In der FAZ bleibt Simon Strauß verhalten: "Die Hexen sind Schicksalsschwestern ohne Schicksal, aber dafür mit viel Unterhaltungswert. Das Haus johlt wiederholt. Nur wirkt Shakespeare hier nicht doch ein wenig zu simpel? Zu simplifiziert? In jedem Fall ist es riskant, ein so explizites Stück von vorne bis hinten in Anführungszeichen zu setzen. Entgegen kommt der Aufführung dabei ihre Textfassung. Die Übersetzung von Angela Schanelec und Jürgen Gosch wirkt - anders etwa als die von Thomas Brasch - mit ihrem bemühten Understatement seltsam antiquiert. Die Sätze klingen im Moment gut, aber wirken kaum nach." Urkomisch findet SZ-Kritiker Martin Krumbholz das Spiel von Galic und besonders Harzer: "Wenn das Publikum über Jens Harzer sehr viel lacht, dann nicht nur, weil er herumkaspert, sondern vor allem, weil kaum einer den Wechsel zwischen kalkuliertem Understatement und dramatischem Exzess so virtuos beherrscht wie er. "
Besprochen werden außerdem Stefan Puchers Inszenierung von Thomas Köcks "Ödipus"-Variation in Stuttgart (die Nachtkritiker Steffen Becker freudig als "slapping our Kapitalisten-Fressen, Theater-Bitches" goutiert), Konstanze Kappensteins Recherche "563" zu Mahlers "Kindertotenlieder" am Schauspiel Leipzig (Nachtkritik), Nina Spijkers' Inszenierung von Otto Nicolais "Die lustigen Weiber von Windsor" an der Wiener Volksoper ("Hinreißend komisch" findet Miriam Damev im Standard die Parodie und das Ensemble fantastisch), Camille Saint-Saëns' Oper "Henry VIII" am Théâtre de la Monnaie in Brüssel (FAZ), Viktor Bodos Inszenierung von Karl Ove Knausgards Roman "Der Morgenstern" im Hamburger Schauspielhaus (SZ), Philip Stölzls Münchner Inszenierung von Matthew Lopez' Aidsdrama "Das Vermächtnis" beim Theatertreffen (taz), und ein bilanzierender Band zur Frauenquote beim Theatertreffen "Status Quote" (taz).
Im Tagesspiegelannonciert Patrick Wildermann das Theatertreffen, das heute in Berlin mit Philipp Stölzls Inszenierung "Das Vermächtnis" für das Münchner Residenztheaters eröffnet: zehn Aufführungen aus dem deutschsprachigen Raum, die inzwischen von zehn weiteren "Treffen" umfasst werden. Wozu das gut sein soll? "Die Rede war von 'Austauschformaten', die das Hauptprogramm 'umgarnen, umrahmen und umarmen'. Seltsam bereits. Als handelte es sich bei den ausgewählten Produktionen um linkische Mauerblümchen, die lost neben der Tanzfläche stehen und mal feste gedrückt werden müssen. Diese 'Treffen' tragen Beinamen wie Responsibility, Solidarity, Herstory, Transfeminist, Diversity, Reflection oder Emptiness". Für Wildermann stehen sie vor allem für eins: ein Theater, das offenbar Angst hat vor "der Fiktion als Raum auch des Uneindeutigen".
In der FAZ ist Hubert Spiegel noch vollkommen mitgenommen von einer Aufführung bei den Ruhrfestspielen in Recklinghausen: "Pah-Lak" ist ein Stück des indischen Autors Abhishek Majumdar, das von der Tragödie der Tibeter unter chinesischer Herrschaft erzählt. Inszeniert haben Harry Fuhrmann und Lhakpa Tsering, die Schauspieler waren Tibeter. "Pah-Lak" erzählt von einer jungen Nonne, die einen chinesischen Polizisten geschlagen hat, und die fürchterlichen Folgen für ihr Kloster und sie selbst. Bei einem Bühnengespräch nach der Aufführung steht der Mönch und Menschenrechtsaktivist Golog Jigme auf, um über ein Bühnenrequisit zu sprechen: "Dann tritt Jigme an den Folterstuhl, auf dem kurz zuvor die junge Schauspielerin Kalsang Dolma von ihren chinesischen Peinigern fixiert, verhört und gequält worden war. Und nun erläutert der Mönch aus Tibet mit größter Ruhe, auf welche verschiedenen Arten man ihn 2008 während seiner zweimonatigen Inhaftierung unter Verwendung eines solchen Stuhls gefoltert habe, um ihn zu Falschaussagen und Verleumdungen zu zwingen. Das Bühnenrequisit, sagt der Mönch bedächtig, sei zwar recht realistisch, aber das Original sei doch schlimmer gewesen. Dann setzt sich Golog Jigme, einer der Schirmherren der Europa-Tournee von 'Pah-Lak', wieder zu den Ensemblemitgliedern, schaut freundlich ins Publikum, schweigt, lächelt und lauscht."
Weiteres: Jakob Hayner trifft sich für die Welt mit dem Schauspieler Fabian Hinrichs, um über die interessant gescheiterte Premiere seines Stücks "Sardanapal" nach Lord Byron an der Volksbühne zu sprechen.
Besprochen werden Oliver Pys Inszenierung von Camille Saint-Saëns' Oper "Heinrich VIII" an der Brüssler Oper La Monnaie (nmz), Viktor Bodós Adaption von Karl Ove Knausgårds Roman "Der Morgenstern" am Deutschen Schauspielhaus Hamburg ("Ästhetisches Überwältigungstheater", jedoch mit feiner Ensemblearbeit, meint nachtkritikerin Katrin Ullmann), Tuğsal Moğuls "And now Hanau" bei den Ruhrfestspiele Recklinghausen (da könnten die Behörden noch was lernen, meint nachtkritiker Max Florian Kühlem), Lorraine Hansberrys Theaterstück "The Sign in Sidney Brustein's Window" am Broadway (SZ), Wilfried Fiebigs "Monolog einer Zwiebel" nach Neruda im Gallus-Theater (FR) und Petipas Choreografie "Le Corsaire" mit dem Koreanischen Nationalballett (sehenswert, meint in der FR Sylvia Staude, die bemerkt, dass auch die zeitgenössischen Stücke des Repertoires aus dem Westen kommen: "Werfen besorgte Koreanerinnen und Koreaner ihrem Nationalballett vor, kulturelle Aneignung zu betreiben? Oder sind sie stolz, dass man in dieser Kunst mithalten kann?", fragt sie maliziös)
Fulminant bespricht Eleonore Büning im Van MagazinMieczsylaw Weinbergs Oper "Der Idiot", aufgeführt am Theater an der Wien. Für sie ist völlig unverständlich, dass die Weinberg-Rezeption nur so schleppend vorankommt und immer nur die kleinen Bühnen sich an das Werk des 1996 gestorbenen polnischen Komponisten heranwagen: "Wieso erst jetzt? Woher kommt diese machtvolle, erinnerungstrunkene Musik? Ist so was erlaubt, wem ist das zumutbar? Oder: Warum gehört dieses Stück nicht ganz selbstverständlich zum Kanon der Musik des zwanzigsten Jahrhunderts?" Allerdings, schreibt sie, gilt auch für Weinberg, der "Der Idiot" 1986/87 schrieb, "zu diesem späten Zeitpunkt seines Lebens, wie für den jungen Fürst Myschkin im Roman, dass er exterritorial bleibt und sich außerhalb der weltlich und gesellschaftlich auszufechtenden Begehrlichkeiten und Normen bewegt, in einer von Irrationalismen geprägten, von widerstreitenden Kräften zerrissenen Zeit. Weinbergs Empathie, bereit zur Selbstaufgabe, machte ihn freilich immun gegenüber '-ismen' aller Art, sei es Nationalismus, Antisemitismus, Sozialismus oder Stalinismus." Büning bescheinigt den kleinen Opernhäusern bedeutend mehr Mut als den großen, wenn es darum geht, Abweichendes, Anderes, vielleicht auch Unbequemes auf die Bühne zu bringen: "Ein Traum wäre, wenn eines der großen Festivals mit Signalfunktion, Salzburg oder Aix, endlich mal in die Hufe kommen könnte."
Anlässlich des 60. Jubiläums des Berliner Theatertreffens macht sich Rüdiger Schaper im TagesspiegelGedanken zum Verhältnis von Theater und Kritik, das sich nicht nur durch Marco Goeckes Hundekot-Attacke verschlechtert zu haben scheint; Verrisse haben es zunehmend schwer: "Theater ist die moralische Anstalt des 21. Jahrhunderts. Über ästhetische Fragen wird nicht gern debattiert, obwohl in Gesprächen mit Zuschauern und auch Theaterleuten ein tiefes Bedürfnis nach künstlerischen Fragen zu spüren ist. Im Theater arbeiten vielerorts die Guten mit der richtigen Botschaft, und Kritik steckt häufig in dem Dilemma, Gesinnung beurteilen zu sollen, und da gerät man schnell auf die falschen Seite, wenn man den missionarischen Eifer nicht teilt: Was die jüngere Kritikergeneration auch schon meist mit Überzeugung tut. Und womöglich steht der Mediendarwinismus erst am Anfang. Das Theater kümmert sich um alle möglichen gesellschaftlichen Themen, aber der eigene Spielplatz ist kleiner geworden. Theater und Kritik, ein altes Paar, misstrauen einander, weil sie den Mangel und den Verlust spüren. Kritik kann à la longue doch auch nur so gut sein wie ihr Gegenüber."
Im Interview mit der Welt erklärt der Kabarettist Serdar Somuncu, warum die anstehende Tournee seine letzte ist: "Ich habe keine Lust mehr, auf eine Bühne zu gehen, während im Publikum Leute sitzen, die alles mitschreiben und sofort auf einer Scheiß-Social-Plattform posten, wenn sie Erregungspotenzial erkennen. Danach habe ich dann fünf Wochen Ärger - nur weil ich genau den Job gemacht habe, den ich seit Jahrzehnten mache. ... Kunst ist nicht Realität, sondern ein Abbild der Realität. Und jetzt sind wir so nah an die Realität gerückt, dass jemand wie ich sich den Vorwurf gefallen lassen muss, es seien große Anteile von mir selbst in meinen Bühnenfiguren enthalten. Das ist perfide. Das nimmt mir jegliche Kraft und zerstört alle meine Mittel, weil ich dann nicht mehr naturalistisch sein kann, sondern immer artifiziell bleiben muss, um als Kunstfigur erkennbar zu sein."
Die Zeiten der "Künstlerfürsten mit despotischer Allmacht" mögen auch am Theater vorbei sein. Doch immerhin erweisen Birgit Minichmayr als Emanuel Striese in "Der Raub der Sabinerinnen" am Wiener Akademietheater und Stephanie Reinsperger als Buscon in "Theatermacher" am Berliner Ensemble den "alten, weißen Männern" nochmal die letzte Ehre, schreibt ein amüsierter Bernd Noack in der NZZ: "Zwei klassische Figuren der dramatischen Literatur dürfen derzeit auf deutschsprachigen Bühnen wüten, toben und leiden. Und zwei Schauspielerinnen zeigen dabei bravourös, was in diesen Männern steckt: Machtgeilheit gepaart mit purer Leidenschaft. ... Und auf einmal, für jeweils zwei Stunden, ist es egal, welchen Geschlechts diese Besessenen sind: Stefanie Reinsperger und Birgit Minichmayr sind ganz einfach und doch auf eine perfide altmodische Art 'Fallensteller', wie es bei Thomas Bernhard einmal heißt, die durch Irritation zu Einsichten führen."
Matthias Pees, neuer Intendanten der Berliner Festspiele, skizziert im Gespräch mit der SZ, wo das Theatertreffen künftig hin will. Den Vorwurf, dass das Festival stelle eine "abgeschlossene Bubble" dar, weist er zurück: "Das Festival und seine öffentliche Wahrnehmung sind viel zu groß, als dass es sich nur an ein paar Eingeweihte richten würde. Außerdem arbeiten wir aktiv daran, es weiter zu diversifizieren ... Aber mich interessiert eine stärkere Öffnung des Festivals in Richtung Mittel- und Osteuropa. Wir teilen mit unseren östlichen Nachbarn dieses lokal oder regional ausrichtete Stadttheatersystem mit festen Ensembles und Repertoireprogramm. Den Aspekt des ernsthaften Einbezugs mittel- und osteuropäischer Perspektiven und Erfahrungen in unsere Auseinandersetzung mit Geschichte, Gegenwart und Zukunft finde ich eigentlich seit mindestens 20 Jahren wichtig. Spätestens seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine ist das noch einmal dringlicher geworden."
Weitere Artikel: In der Zeit kommentiert Christine Lemke-Matwey den umstrittenen, musikalisch aber brillanten Auftritt Anna Netrebkos im Rahmen der Maifestspiele in Wiesbaden und erinnert daran, dass "eine einzelne Künstlerin Kriege weder führen kann noch beenden". Ein Teil des Hessischen Staatsorchesters war anderer Meinung und spielte auf einer Protestveranstaltung die ukrainische Nationalhymne, bevor es im Staatstheater seine Pflicht erfüllte, berichtet bei van Hartmut Welscher, der auch lang mit dem ersten Solo-Hornisten sprach. Doris Meierheinrich berichtet in der Berliner Zeitung von den Autorentheatertagen am Deutschen Theater.
Besprochen werden die Fassbinder-Adaption "Die bitteren Tränen der Petra von Kant" am Theater Basel, für die nach dem Ausfall von Emilie Charriot Anna Bergmann sehr kurzfristig die Regie übernahm (FAZ), Stephanie Mohrs Inszenierung von Arthur Schnitzlers "Professor Bernhardi" am Landestheater Linz (Standard), die deutsche Erstaufführung von Missy Mazzolis Oper "Breaking the waves" (nach dem gleichnamigen Film von Lars von Trier) in der Inszenierung von Toni Burkhardt am Stadttheater Bremerhaven (nmz) und in einer Mehrfachbesprechung unter anderen Nicolas Stemanns Inszenierung von Elfriede Jelineks Stück "Sonne, los jetzt" und Rafael Sanchez Inszenierung von Thomas Melles Diskursstück "Ode" im Rahmen der "Autor:innentheatertage" am Deutschen Theater Berlin (BlZ).
Manuela Infantes "Wie alles endet" beim Heidelberger Stückemarkt. Foto: Ingo Höhn Echte Begeisterung weckt der Heidelberger Stückemarkt in diesem Jahr bei FAZ-Kritiker Jan Wiele, der die "Rohfassungsästhetik" der Lesungen ebenso genoss wie Diskurstheater. Besonders begeisterte ihn Manuela Infantes Basler Inszenierung "Wie alles endet", das er als groteskes Metatheater voller Anspielungen auf die Theatergeschichte preist: "Wie Elmira Bahrami, Marie Löcker und Gala Othero Winter darin perfekt eingespielt Sprechtheaterpointen abfeuern, mitunter auch tänzerisches und pantomimisches Talent offenbarend, ist an sich schon stark; wie sie dann noch an Mikrofonen ihre Sprache in durch 'Autotune' erzeugten Harmoniegesang verwandeln, ist angesichts der drastischen Weltuntergangstexte so überraschend wie überwältigend."
Besprochen werden die Autor:innentage am Deutschen Theater in Berlin (die FAZ-Kritikerin Irene Bazinger Unterkomplexes und Überkandideltes bescherten), Christopher Rüpings Verbindung von Monteverdis "Ulisse" und Joan Didions Bestseller "Das Jahr des magischen Denkens" beim "Ja, Mai"-Festival in München (FAZ) sowie die Ausstellung zu Sarah Bernhardt im Musée du Petit Palais (NZZ).
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Unglücklicherweise ist uns gestern der Tod der großen Grace Bumbry durchgerutscht. Dabei trauerten die Opernkritiker aufrichtig um die große Sängerin, die 1961 als erste Schwarze in Bayreuth sang, die Venus in Wagners "Tannhäuser", was Jürgen Kesting in der FAZ auch Wieland Wagner hoch anrechnet: "Dem Zetern der Zeloten hielt der Herr des neuen Bayreuths entgegen: 'Mein Großvater hat für Stimmfarben geschrieben, nicht für Hautfarben.'" Bumbry war eine Sensation war, sie sah brillant aus und spielte hinreißend, schwärmt Reinhard Brembeck in der SZ. Selbst ihr Wechsel vom Mezzo zum Sopran gelang ihr: "Das Strahlen ihrer Stimme wurde noch beeindruckender, die Dringlichkeit ihrer Menschenporträts noch intensiver." In der NZZgerät heute Michael Stallknecht über ihre erotische Ausstrahlung ins Schwärmen: "Etwas von einem Vulkan, der jederzeit ausbrechen kann, liegt in der unverkennbaren Mischung aus üppigem Schillern und kontrollierter Linienführung, kraftvoller Tiefe und erstaunlich leichter Höhe."
Hier Grace Bumbry als Carmen, ebenfalls eine ihrer Paraderollen:
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