Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

3754 Presseschau-Absätze - Seite 79 von 376

Efeu - Die Kulturrundschau vom 22.11.2023 - Film

Schlachten und Feldherren sind auch nicht mehr das, was sie einmal waren: Ridley Scotts "Napoleon"

Mit "Napoleon" ist Ridley Scott "als Schlachtenlenker des Kinos" wieder ganz in seinem Element, schreibt Tobias Kniebe in der SZ: Insgesamt sechs Schlachten hat sich Scott ausgesucht, um sie in diesem Biopic "in voller Breitwand-Panoramawucht" auf die Leinwand zu heben. "Doch so interessant das alles ist, es kann nicht die Seele eines großen Kinofilms sein. Genauso wie die sechs Schlachten, für sich genommen, kein Leben erzählen. Und schon gar keine Heldengeschichte, da sind die Zeiten inzwischen andere. ... Ein leichtes Unwohlsein darüber ist dem Film irgendwann anzumerken", doch "das Dilemma bleibt als Widerspruch einfach so stehen." Auch dass Joaquin Phoenix Napoleon als so frühvergreisten wie anticharismatischen Antihelden gibt, ist der Sache nicht förderlich und folgt auch nicht den historischen Überlieferungen, sodass Kniebe "einen intellektuellen Akt der Sabotage vermutet: Erzählt eure Aufstiegssaga bitte ohne mich."

Die Schlachtenszenen sind für Andreas Kilb von der FAZ "die große Enttäuschung dieses Films. Nicht weil Ridley Scott die Schlacht bei Austerlitz, die in einer sanften Hügellandschaft stattfand, ins Mittelgebirge verlegt und den sechsmonatigen Feldzug gegen Russland auf einen Kosaken-Überfall und ein paar Statistenszenen mit der Aufschrift 'Borodino' zusammenschnurren lässt (die Befreiungskriege kommen bei ihm gar nicht vor). Sondern weil er für die einzigartige Kombination von Charisma, militärischem Genie und menschenverachtender Brutalität, mit der Napoleon die Armeen Kontinentaleuropas hinwegfegte, nicht das geringste Gespür hat." Andreas Busche vom Tagesspiegel beobachtet Ähnliches: "Dramaturgisch unvorteilhaft ist der Effekt, dass Napoleon immer mickriger erscheint, desto panoramischer die Schlachtfelder werden, die er befehligt. ... Die Frage, was uns heute noch an einer selbst im Kino auserzählten Figur wie Napoleon interessieren könnte, beschäftigte auch Scott. Seinem Film nach zu urteilen, hat er keine befriedigende Antwort gefunden. ... Scott hat stattdessen einen historischen Kriegsfilm über einen rammelnden Despoten gedreht. Wenigstens adelt Joaquin Phoenix diese historische Farce, indem er kaum eine Miene verzieht."

Weitere Artikel: Patrick Heidmann resümiert in der taz das Internationale Dokumentarfilmfestival Amsterdam. Andreas Hartmann gibt in der taz Tipps zur Französischen Filmwoche in Berlin. Ursula Scheer wirft für die FAZ einen Blick auf die anstehende Auktion von Requisiten aus der Serie "The Crown". In der Presse freut sich Rosa Schmidt-Vierthaler über das 60-jährige Bestehen des BBC-Klassikers "Dr. Who". Dem Animationsstudio Aardman geht der Werkstoff Plastilin aus, meldet unter anderem Pascal Blum im Tages-Anzeiger. Besprochen werden eine dem britischen Filmkünstler Isaac Julien gewidmete Ausstellung in der Kunstsammlung NRW in Düsseldorf (FAZ), die fünfte Staffel von "Fargo" (Tsp) und die zweite Staffel von "Squid Game" (NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 21.11.2023 - Film

"Das Kino sind wir" von Livia Theuer

Mit regem Interesse sieht Lukas Foerster für den Filmdienst Livia Theuers Dokumentarfilm "Das Kino sind wir" über die Geschichte des Filmladens Kassel, einer in den frühen Achtzigern gestarteten Initiative, die mit dem Kino linke Gegenöffentlichkeit schaffen wollte, heute aber im Grunde ein gängiges Arthouse-Kino ist. Es ist ein Blick in eine vergangene Zeit: "Was vor allem verschwunden zu sein scheint, ist der direkte Zusammenhang zwischen den Filmen, ihren Sujets und den Kinos, die sie zeigen. Dieser Zusammenhang ist tatsächlich als Dreieck zu beschreiben: Die Mitglieder des Filmladen-Kollektivs sind selbst Aktivisten und Filmemacher. Das Filmladen-Publikum wiederum schaut sich im Filmladen-Kino einen Film über eine ältere Demonstration gegen die geplante Startbahn West des Frankfurter Flughafens an; wenig später findet es dann auf der Nachfolge-Demo wieder zusammen. Film nicht als Massenunterhaltung, aber auch nicht als exklusive Kunst um der Kunst willen, sondern als 'soziale Plastik' im Sinne Joseph Beuys - dieses Schlagwort des enigmatischen Großkünstlers mit Hut taucht gleich mehrmals auf."

Besprochen wird außerdem die Serie "Lucky Hank" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.11.2023 - Film

FAS-Kritiker Bert Rebhandl langweilt sich beim Festakt zum 100-jährigen Bestehen der Spitzenorganisation der deutschen Filmwirtschaft, wo sich auch Claudia Roth und Robert Habeck für kurze Grußbotschaften blicken ließen. "Wenn der hochfrequent getaktete Alltag von Spitzenpolitikern auf die Gemächlichkeit einer Lobbyorganisation trifft, die sich einen Festakt leistet, der eher nach Vertreter-Umtrunk aussieht als nach Fest, dann geht das gar nicht anders als mit ein bisschen Knirschen. Aber mit auch nur ein bisschen Beobachterdistanz war 100 Jahre SPIO doch ein recht bizarrer Moment: Man sah hier ein Deutschland der zwei Geschwindigkeiten. Einerseits eine Politik, die hinter den Herausforderungen herhetzt und sich mit fahrigen Wortspenden für 15 Minuten mal eben irgendwo einklinkt (am besten gleich bei einer ganzen Branche). Andererseits einen Betrieb, der den Eindruck erweckt, es sollte am besten einfach alles immer so bleiben wie schon lange, nur idealerweise mit deutlich mehr Geld vom Staat."

Außerdem: Jörg Taszman spricht für den Filmdienst mit Colm Bairéad über dessen (in der Welt besprochenen) Film "The Quiet Girl". Besprochen werden Oliver Parkers "In voller Blüte", mit dem sich Michael Caine von der Leinwand verabschiedet (Standard), Ridley Scotts "Napoleon" (Welt), Susanna Fogels Verfilmung von Kristen Roupenians im New Yorker veröffentlichten Kurzgeschichte "Cat Person" (ZeitOnline) und Martin Schilts Dokumentarfilm "Krähen" (Welt).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 18.11.2023 - Film

Die ARD hat Annemarie Jacirs Roadmovie "Wajib" über eine Hochzeit in Israel aus dem Programm genommen, da der bereits vor Monaten programmierte Film nicht mehr so recht zur aktuellen politischen Lage passe und am Ende gar zu "Missverständnissen" einladen könnte. Der Film nehme wohl eher Partei für die palästinenische Seite, dies Rezensionen nach zu urteilen aber wohl auf eher harmlose Weise. Als "Zensur" (wie Arno Frank im Spiegel) würde Joachim Huber vom Tagesspiegel die Entscheidung der ARD zwar nicht einschätzen, dennoch packt ihn die Sorge: "In diesen aufgeheizten, ja aufgehetzten Zeiten sind nur noch Eindeutigkeiten zugelassen. Das Ja, aber, die wesentliche Voraussetzung für jeden (gewinnbringenden) Dialog ist im Verschwinden begriffen. ... Die ARD, eine öffentlich-rechtliche Institution, hätte die Gelegenheit nutzen sollen, den Film zu zeigen und gleichzeitig in eine Diskussion einzubetten. Erst 'Wajib', dann hart aber fair. Es gilt eben die Sprachlosigkeit zu überwinden, sich an der Grenzziehung zwischen Weglassen und Zulassen zu beteiligen. Es muss doch ein mulmiges Gefühl auslösen, wenn die fluide Weltlage über die Qualität oder die Nichtqualität eines Films, eines Buchs bestimmt."

Weitere Artikel: In einem Filmdienst-Essay macht sich Morticia Zschiesche Gedanken darüber, wie moderne Formen des Wanderkinos eine Brücke zwischen klassischen Kinos und Filmfestivals bauen könnten. Besprochen werden Ridley Scotts "Napoleon" ("ein solide inszenierter Kostümschinken", schreibt ein ansonsten eher gelangweilter Fabian Tietke in der taz, NZZ), Susann Fogels Adaption von Kristen Roupenians im New Yorker veröffentlichter Kurzgeschichte "Cat Person" (Welt), David Finchers auf Netflix gezeigter Thriller "Der Killer" (Jungle World, Presse), die letzte Staffel von "The Crown" (FAZ) und Olivier Peyons Verfilmung von Philippe Bessons Roman "Hör auf zu lügen" (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 17.11.2023 - Film

"Ich Bin! Margot Friedländer" im ZDF

Hannah und Raymond Leys fürs ZDF entstandenes Dokudrama "Ich bin! Margot Friedländer" ist ein TV-Ereignis, schreibt Dietrich Leder im Filmdienst. Endlich einmal löst sich das Fernsehen von den kümmerlichen Formatvorlagen des Genres. Nicht nur der Cast ist brillant, auch "die Erzählweise des Films ist angemessen vertrackt, wechselt oft die Zeitebenen und sogar die Darstellungsformen. Das dokumentarische Material ist sehr gut ausgewählt und so bearbeitet, dass es sich in die fiktionale Darstellung einfügt, ohne seinen eigenen Charakter zu verlieren. ... Gelegentlich unterbrechen Szenen, die deutlich als Bühnenabstraktionen mit wenigen Kulissen wie einer Tür gekennzeichnet sind, die realistische Darstellung. In diesen antinaturalistischen Szenen werden die Wünsche und Projektionen der Protagonistin erfasst; ihr Leben geht in den Daten ihrer Verfolgung eben nicht auf. Man kann darüber streiten, ob es wirklich notwendig war, einige der dokumentarischen Bilder über das Gesicht der zurückhaltend spielenden Hauptdarstellerin Julia Anna Grob zu legen."

Weitere Artikel: Valerie Dirk spricht für den Standard mit Jessica Hausner über deren neuen Film "Club Zero". Kristina Jaspers wirft für den Filmdienst einen Blick aufs Produktionsdesign des neuen (im Standard besprochenen) "Tribute von Panem"-Blockbusters. In der FAZ gratuliert Claudius Seidl Lauren Hutton zum 80. Geburtstag.

Besprochen werden Eli Roths "Thanksgiving" (FD, unsere Kritik), Colm Bairéads "The Quiet Girl" (ZeitOnline), die ersten Folgen der letzten Staffel von "The Crown" (Presse, Welt), Martin Schilts Dokumentarfilm "Krähen - Die Natur beobachtet uns" (FR) und die Serie "Deutsches Haus" (taz, mehr dazu bereits hier).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 16.11.2023 - Film

Bert Rebhandl blickt in der FAZ auf die Auseinandersetzungen um Lars Henrik Gass, der nach einer Solidaritätsadresse mit Israel als Leiter der Oberhausener Kurzfilmtage nach dem Willen eines Aufrufs der "internationalen Filmcommunity" abgesetzt werden soll. "Bei den Oberhausener Kurzfilmtagen sind nun also unter umgekehrten Vorzeichen Konstellationen zu erkennen, die im Vorjahr auch die Documenta geprägt haben. Gass spricht von einem 'Fantasma des Globalen Südens', die Liste der Unterzeichnenden der gegen ihn gerichteten 'Botschaft' lässt diesen Süden hingegen konkret werden. In Oberhausen waren nicht erst unter Gass immer schon auch viele Filme zu sehen, die wie politische Flugschriften funktionieren - die Form des nicht abendfüllenden, nicht unbedingt strikt erzählerischen, sondern tendenziell auch experimentellen Films hat schon produktionsökonomisch eine Affinität zu jenem globalen Süden, der sich seit dem Ende des Kalten Krieges aber zunehmend auch mit eigenen Bemühungen um Medienhegemonien bemerkbar macht. All das sind Aspekte, über die es sich unbedingt lohnen würde, eine Debatte zu führen. Eine Expertise zur sozialen Lage in Neukölln hingegen ist weder von den Kurzfilmtagen noch von ihrem Leiter vonnöten."

"Warum gab es bislang keine öffentliche Unterstützung seitens einzelner Filmfestivals für die Kurzfilmtage", fragt sich Rüdiger Suchsland auf Artechock. Das wäre wohl auch im eigenen Interesse, denn Boykotaufruffe vergiften das Klima und "jenseits der aktuellen Streitfragen um Antisemitismus und die Haltung gegenüber Israel können auch diverse andere politische, gesellschaftliche oder kulturelle Positionierungen oder die Auswahl bestimmter Filme und Programmpunkte die selbsternannten neuen Sittenwächter der internationalen Kulturcommunity triggern. ... Es liegt nahe, von den Filmfestivals zu erwarten, dass sie dafür Sorge tragen, dass solche haltlosen Boykott-Aufrufe nicht nur für die Betroffenen Folgen haben, sondern auch für die Initiatoren und Unterzeichner. Es liegt also nahe, jene, die sie durch Boykottaufrufe bedrohen, wiederum selbst auch die Konsequenzen ihrer Handlungen spüren zu lassen."

Auch bei Festivals etwa in den Niederlanden wurden Podien von Palästina-Aktivisten gestürmt und dabei mit "From the River to the Sea"-Slogans unter dem Deckmantel des Befreiungskampfs implizit vom Genozid geträumt. Filmkritikerin Dunja Bialas von Artechock beobachtet diese Entwicklung im Festivalbetrieb mit Sorge: "Es scheint sich ein Befindlichkeitsspektrum im Westen ergeben zu haben, das sich aus der Gemengelage von Post-Kolonialismus, Siebzigerjahre-Solidarität mit der säkularen PLO, der 'cause paléstinienne', wie sie Godard in seinen Filmen immer wieder mit knarzender Stimme beschwor, zusammensetzt. Die islamistische Hamas wird da nur ungern in den Blick genommen, weil sie einen Störfaktor im Weltbild darstellt - steht sie doch für ein anderes, homophobes und misogynes Narrativ, das zur westlichen Idee von einem freien Palästina kaum noch passen kann. Jetzt ist, fast vier Wochen nach dem Berliner Aufruf zur Solidarität mit Israel, der Krieg gegen die Hamas auf einer dramatischen Eskalationsstufe angekommen, vor der niemand die Augen verschließt, auch nicht jene, die Solidarität mit Israel wollen. Aber ist das ein Grund, Kampagnen, die über jede Verhältnismäßigkeit hinausschießen, gegen Leiter von Festivals zu fahren, deren erklärtes Ziel der demokratische Austausch und die Meinungsvielfalt ist?"

Außerdem veröffentlicht Artechock ein Statement einiger dffb-Studenten, die "zutiefst erschüttert" sind über eine Pro-Palästina-Stellungnahme einiger ihrer Kommilitonen, welche sich darin zwar vordergründig für Meinungsfreiheit und gegen Rassismus aussprechen, dabei aber "einen antisemitischen, ungenauen Text" fabriziert hätten.

Weiter Artikel: Für den Freitag spricht Thomas Abeltshauser mit dem Regisseur Colm Bairéad über dessen aktuellen (in Filmdienst, FR und taz besprochenen) Film "The Quiet Girl". Filmdienst-Kritiker Wilfried Reichart legt dem Berliner Publikum eine Hommage im Kino Klick an den Kameramann Jörg Jeshel ans Herz. In der FAZ schreibt Andreas Kilb einen Nachruf auf den französischen Filmkritiker Michel Ciment.

Besprochen werden Marco Bellocchios "Die Bologna-Entführung" über die von Papst Piux IX angeordnete Entführung eines jüdischen Kindes im 19. Jahrhundert (Perlentaucher, Artechock, FAZ), Eli Roths Slasherfilm "Thanksgiving" (Perlentaucher), Susann Fogels Adaption von Kristen Roupenians im New Yorker veröffentlichter Kurzgeschichte "Cat Person" (FR, FAZ, Tsp), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (Welt), David Finchers Netflix-Thriller "The Killer" (Standard), die Disney-Serie "Deutsches Haus" (Welt, mehr dazu hier), Karim Ouelhajs "Megalomaniac" (Artechock), Christina Ebelts "Monster im Kopf" (Artechock), Philipp Jedickes "Vienna Calling" (Artechock), Francis Lawrences "Tribute von Panem: The Ballad of Songbirds and Snakes" (Artechock), Timm Krögers "Die Theorie von Allem" (Presse), eine DVD-Ausgabe von Wolfgang Staudtes "Rose Bernd" von 1957 (taz), die Marvel-Serie "Loki" (FAZ), die Serie "Spy/Master" (taz). Außerdem hier der Überblick beim Filmdienst zu den Kinostarts dieser Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.11.2023 - Film

Der Fünfteiler "Deutsches Haus"

Der auf Disney+ gezeigte Fünfteiler "Deutsches Haus" (geschrieben von Annette Hess nach ihrem gleichnamigen Roman) befasst sich mit den Folgen des ersten Frankfurter Auschwitz-Prozesses für die Bundesrepublik - und das anhand einer bewusst naiv gehaltenen Gastwirtstochter (Katharina Stark), die unversehens als Übersetzerin in dem Prozess landet. Auf ZeitOnline ist Matthias Dell nicht nur über dieses Erzählmanöver sehr verärgert, sondern auch über die "bühnenhaft-künstliche" Produktion: "Museale Räume, in denen die aus dem Ei gepellten Leute vor Mustertapeten oder zweifarbig-stylishen Wänden sitzen. Keine Gebrauchsspur stört die aseptische Ordnung dieser Inszenierung. Diese keimfreie und lustlose Routine wäre leichter zu ertragen, wenn 'Deutsches Haus' nur von erfundenen und ausgedachten Geheimnissen handelte. Und nicht gesellschaftliche Relevanz durch die realen Auschwitz-Prozesse für sich beanspruchen würde. Dies führt etwa dazu, dass die herzensgute Übersetzerin Eva im Laufe des Prozesses so stark mit den aussagenden Überlebenden der Shoah fühlt, dass die Kamera auch auf ihr Gesicht hält, um Mitleid einzufangen. Es mag überflüssig wirken, das anzumerken. Aber vor 30 Jahren hätte 'Deutsches Haus' noch zu Debatten geführt über die Darstellbarkeit des Holocaust."

Gnädiger zeigt sich Bert Rebhandl in der FAZ, zumal ihm der Moment der Tatortbegehung im Vernichtungslager Auschwitz ziemlich imponiert, wo die filmische Inszenierung an einen Nullpunkt kommt: "Kein Gegenschnitt soll hier das Innehalten erträglicher machen. Das ist ein markanter Moment in einer Serie, der man einen gewissen ruhigeren Atem beim Erzählen jedenfalls zugutehalten kann: 'Deutsches Haus' hat seine Stärken vor allem in einer Dramaturgie, die ohne überdeutliche Didaktik dem Gegenstand mit möglichst vielen Facettierungen gerecht zu werden versucht. Auf einer globalen Plattform wie Disney+ wird die Serie nun auch eine aufschlussreiche Rezeptionsgeschichte bekommen. 'Deutsches Haus' ist deutlich eine Kompromissbildung zwischen der negativen Attraktion seines Themas (die NS-Zeit als der größte Stoff, den Deutschland als Erzählnation zu bieten hat) und den Befangenheiten, die daraus entstehen."

Weitere Artikel: Jörg Taszman (Filmdienst) und Patrick Heidmann (taz) sprechen mit Marco Bellocchio, dessen neuer, im Tagesspiegel besprochener Kinofilm "Die Bologna-Entführung" davon erzählt, wie Papst Piux IX im 19. Jahrhundert einen jüdischen Jungen entführen ließ. Valerie Dirk empfiehlt im Standard eine Werkschau im Österreichischen Filmmuseum zur Arbeit der feministischen Filmemacherin und -theoretikerin Laura Mulvey. In der taz plaudert der Hörspielsprecher Jens Wawrczeck ("Die Drei ???") über seine Hitchcock-Begeisterung.

Besprochen werden Susanna Fogels Verfilmung von Kirsten Roupenians im New Yorker veröffentlichter Kurzgeschichte "Cat Person" (FD, SZ), Jimmy Chins und Elizabeth Chai Vasarhelys Netflix-Film "Nyad" über die Marathonschwimmerin Diana Nyad (FD, Presse) und die auf Disney+ gezeigte Thrillerserie "A Murder at the End of the World" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 14.11.2023 - Film

Jan Küveler spricht für die Welt mit Lars Henrik Gass, dem Leiter der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen, der seit seiner öffentlichen Solidarisierung mit Israel und der eindeutigen Verurteilung des Neuköllner Hamas-Jubels mit einer Hetzkampagne aus seiner Position gekegelt werden soll (hier und dort unsere ersten Resümees). Er sieht insbesondere in der Vehemenz dieses Angriffs einen "Stellvertreterkrieg, der auf die Meinungshoheit im Kultur- und Wissenschaftsbetrieb abzielt" - und eine Folge des Documenta-Skandals im letzten Jahr, den die BDS-Unterstützer noch nicht verkraftet hätten: "Dabei handelt es sich um eine Depression, eine Verwahrlosung eines bestimmten Teils der Linken in den letzten fünfzig Jahren, einer Gesinnungsgemeinschaft im Grunde, die nur noch um Macht kämpft, sich aber von universalistischen Ansprüchen und den sozialen Fragen, die den Marxismus noch bestimmt hatten, längst verabschiedet hat, die gesellschaftliche Spaltungsprozesse eher sogar noch beschleunigt; mit anderen Worten: Die Revolution findet nicht für alle statt, sondern nur für sie selbst, ihr Netzwerk."

Weitere Artikel: Fabian Tietke resümiert für die taz die Duisburger Filmwoche. Michaela Ott wirft für die taz einen Blick ins Programm des heute in Berlin startenden Festivals Afrikamera. Besprochen werden Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (online nachgereicht von der FAZ), Fancis Lawrences "Die Tribute von Panem - The Ballad of Songbirds & Snakes" (Tsp), Alejandro Monteverdes "Sound of Freedom" (Jungle World, unsere Kritik), Marco Bellocchios "Die Bologna-Entführung" (SZ) und die Berliner Ausstellung "Großes Kino. Filmplakate aller Zeiten" (ein "Kessel Buntes", seufzt Andreas Kilb in der FAZ).

Und ein kleiner Mediathekentipp: Bei Arte gibt es gerade zehn Filme des japanischen Meisterregisseurs Yasujiro Ozu online.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.11.2023 - Film

Weil er sich auf der Facebook-Seite der Internationalen Kurzfilmtage Oberhausen mit Israel solidarisiert hat und die Neuköllner Jubler über den Hamas-Angriff auf Israel als das bezeichnet hat, was sie sind - "Hamasfreunde und Judenhasser" -, wird Festivalleiter Lars Henrik Gass von der "internationalen Filmcommunity" mit einem Offenen Brief unter Druck gesetzt (unser Resümee). In einem zweiten Facebook-Posting hat Gass reagiert und erneut unmissverständlich klar gemacht, dass es ihm nicht um eine Verunglimpfung aller Palästinenser geht. Doch "so etwas interessiert den postmodernen Mob nicht, der auch in Deutschland dabei ist, immer weitere Teile der Kulturszene zu übernehmen", schreibt Stefan Laurin bei den Ruhrbaronen. Widerrufen werde er nicht, "sagt Gass im Gespräch mit diesem Blog, 'weil in der Sache nichts falsch ist und auch nichts missverständlich.' Teile der Filmszene haben mittlerweile damit begonnen, zum Boykott der Kurzfilmtage aufzurufen: 'Die Auswirkungen spüren wir heute schon: Filme werden für die Wettbewerbe und andere Programme zurückgezogen, eine Kooperation mit europäischen Partnern wurde bereits aufgekündigt, und eine Filmemacherin, der wir eine Werkschau widmen wollten, hat ihre Zusage zurückgezogen.' Durch den aktuellen Stand der Absagen sei das Festival jedoch nicht auf der Kippe: 'Aber es steht die Drohung von Personen und Institutionen wie Verleihern im Raum, sich zurückzuziehen. Selbst das aber wird die Durchführung des Festivals nicht gefährden.'"

Ein auf Artechock veröffentlichter Offener Brief jener deutschen Filmszene, die sich mit Israel solidarisiert, hat mittlerweile deutlich über 500 Unterzeichner. Einigkeit besteht in der hiesigen Filmszene allerdings nicht, wie Laurin in einem zweiten Ruhrbarone-Artikel schreibt. Auch durchaus namhafte Leute aus dem Betrieb haben den Aufruf gegen Gass unterschrieben, daneben gibt es eine Stellungnahme von Studierenden der Dffb, die das palästinensische Narrativ starkmachen. "Wer dazu gehören will, wer Jobs, Aufträge und Projektmittel haben möchte, tut gut daran, sich gegen Israel und die Juden zu stellen. Und genau diese Entwicklung muss mit allen Mitteln und mit Härte gestoppt und umgekehrt werden: Wer sich auf die Seite der Antisemiten stellt, muss zum Paria werden, egal welche akademischen Floskeln er benutzt."

Außerdem: Die FAZ meldet, dass Matan Meir, ein Crewmitglied der Netflix-Serie "Fauda", als Reservist bei einem Einsatz in Gaza ums Leben gekommen ist. Anke Leweke spricht für ZeitOnline mit Liv Ullmann, über die gerade ein Dokumentarfilm (allerdings noch ohne deutschen Starttermin) produziert wurde. Kathrin Hollmer porträtiert für ZeitOnline die auf extreme Rollen spezialisierte Schauspielerin Franziska Hartmann, die aktuell in Christina Ebelts Schwangerschaftsdrama "Monster im Kopf" zu sehen ist.

Besprochen werden Saim Sadiqs "Joyland" (Tsp), David Finchers Netflix-Thriller "Der Killer" (TA), die von Arte online gestellte Mystery-Serie "Schnee" (taz) und die Paramount-Serie "The Curse" (online nachgereicht von der FAS).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2023 - Film

Weit über 300 Filmschaffende aus Deutschland solidarisieren sich in einem auf Artechock veröffentlichten Offenen Brief mit Israel und "verurteilen jede Form des Antisemitismus; auch dort, wo er sich hinter der Maske angeblich emanzipatorischer Diskurse versteckt oder bewusst vage als 'Antiimperialismus' und 'Antikapitalismus' auftritt". Derweil wird Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, von der internationalen Film-Community für ein Posting auf dem Facebook-Profil des Festivals wüst angegriffen, in dem er dazu aufrief, der Welt zu zeigen, "dass die Neuköllner Hamasfreunde und Judenhasser in der Minderheit sind", wie Tim Caspar Boehme in der taz berichtet. "Die drastische Wortwahl des Briefs schießt deutlich übers Ziel hinaus. Denn Gass hat in seinem Aufruf weder Palästinenser pauschal stigmatisiert noch 'jede Person', die sich mit den Palästinensern solidarisch zeigt, dämonisiert."

Der Offene Brief der Filmschaffenden ist auch eine Reaktion darauf, wie "Filmfestivals und Hochschuldozenten von den woken Schwadronen persönlich bedroht werden", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. "Mitarbeiter, Studenten und Geldgeber werden gegen sie aufgehetzt, weil sie von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht und das Selbstverständliche gesagt haben: 'I stand with Israel' ohne Wenn und Aber, ohne Relativierung. ... Der Kulturbetrieb, auch der des Films, wird seinem Auftrag nicht gerecht, wenn ihm die Worte fehlen, und er nicht fähig ist, Propaganda zu enttarnen, und pragmatische, freiheitliche Positionen zu formulieren."

Außerdem: Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock hier das Rumänische Filmfestival München und dort das 42. Filmschoolfest Munich. Sebastian Seidler denkt im Filmdienst über die Mädchen-Bilder aktueller Kinderfilme nach.

Besprochen werden Lila Avilés' "Totem" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Mathieu Vadepieds "Mein Sohn, der Soldat" (Standard), Christina Ebelts Schwangerendrama "Das Monster im Kopf" (online nachgereicht von der FAZ), Pia Lenz' Dokumentarfilm "Für immer" (Artechock), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (Artechock), Saim Sadiqs "Joyland" (Artechock), das "Tribute von Panem"-Prequel "The Ballad of Songbirds & Snakes" (Welt), die Serie "Parlament" (Presse), die ARD-Serie "Wer wir sind" (FAZ) und Nia DaCostas neuer Superheldinnen-Blockbuster "The Marvels" (FD, SZ, NZZ).