Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Film

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 11.11.2023 - Film

Weit über 300 Filmschaffende aus Deutschland solidarisieren sich in einem auf Artechock veröffentlichten Offenen Brief mit Israel und "verurteilen jede Form des Antisemitismus; auch dort, wo er sich hinter der Maske angeblich emanzipatorischer Diskurse versteckt oder bewusst vage als 'Antiimperialismus' und 'Antikapitalismus' auftritt". Derweil wird Lars Henrik Gass, Leiter der Kurzfilmtage Oberhausen, von der internationalen Film-Community für ein Posting auf dem Facebook-Profil des Festivals wüst angegriffen, in dem er dazu aufrief, der Welt zu zeigen, "dass die Neuköllner Hamasfreunde und Judenhasser in der Minderheit sind", wie Tim Caspar Boehme in der taz berichtet. "Die drastische Wortwahl des Briefs schießt deutlich übers Ziel hinaus. Denn Gass hat in seinem Aufruf weder Palästinenser pauschal stigmatisiert noch 'jede Person', die sich mit den Palästinensern solidarisch zeigt, dämonisiert."

Der Offene Brief der Filmschaffenden ist auch eine Reaktion darauf, wie "Filmfestivals und Hochschuldozenten von den woken Schwadronen persönlich bedroht werden", schreibt Rüdiger Suchsland auf Artechock. "Mitarbeiter, Studenten und Geldgeber werden gegen sie aufgehetzt, weil sie von ihrer Meinungsfreiheit Gebrauch gemacht und das Selbstverständliche gesagt haben: 'I stand with Israel' ohne Wenn und Aber, ohne Relativierung. ... Der Kulturbetrieb, auch der des Films, wird seinem Auftrag nicht gerecht, wenn ihm die Worte fehlen, und er nicht fähig ist, Propaganda zu enttarnen, und pragmatische, freiheitliche Positionen zu formulieren."

Außerdem: Dunja Bialas empfiehlt auf Artechock hier das Rumänische Filmfestival München und dort das 42. Filmschoolfest Munich. Sebastian Seidler denkt im Filmdienst über die Mädchen-Bilder aktueller Kinderfilme nach.

Besprochen werden Lila Avilés' "Totem" (Artechock, mehr dazu bereits hier), Mathieu Vadepieds "Mein Sohn, der Soldat" (Standard), Christina Ebelts Schwangerendrama "Das Monster im Kopf" (online nachgereicht von der FAZ), Pia Lenz' Dokumentarfilm "Für immer" (Artechock), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (Artechock), Saim Sadiqs "Joyland" (Artechock), das "Tribute von Panem"-Prequel "The Ballad of Songbirds & Snakes" (Welt), die Serie "Parlament" (Presse), die ARD-Serie "Wer wir sind" (FAZ) und Nia DaCostas neuer Superheldinnen-Blockbuster "The Marvels" (FD, SZ, NZZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.11.2023 - Film

Der Schauspieler-Streik in Hollywood ist nach einer Einigung der Gewerkschaft SAG-AFTRA mit den Studios beigelegt. Die genauen Details werden erst heute bekanntgegeben, doch "sicher ist: Der Streik geht in die Geschichte Hollywoods ein, und er wird von SAG-AFTRA als großer Erfolg verbucht", schreibt Valerie Dirk im Standard. Im Hinblick auf den Einsatz von KI biete der für drei Jahre gültige Vertrag wohl zunächst mal eine Verschnaufpause. "Anzunehmen ist jedenfalls, dass sich Studios nun nicht, wie geplant, die uneingeschränkten Rechte an einem digitalen Scan von Hintergrunddarstellern sichern können - zum geringen Preis von einem Tag Arbeit. ... Neben der KI-Regelung enthält diese auch eine historische Steigerung der Mindestlöhne um sieben Prozent - das entspricht zwei Prozent mehr als die Erhöhung, die die Drehbuchgewerkschaft erhalten hat. Des Weiteren können die Schauspieler und Schauspielerinnen mit einer 'Streaming-Beteiligungsprämie' rechnen, ebenso mit einer Erhöhung der Gesundheits- und Pensionsbeiträge."

Claudius Seidl ist im FAZ-Kommentar nicht zu feiern zumute: "Hollywoods Krise kommt eben erst richtig in Fahrt." Denn schon vor dem Streik zeigte sich die US-Filmbranche nach erheblichen Fehlinvestitionen ins Streaming im freien Fall: "Die Aktienkurse brachen ein, die Investoren zwangen die Studios zum Sparen." Der Streik tat sein übriges: "Noch hat niemand ausgerechnet, wie hoch der Schaden ist, den der Streik angerichtet hat; es wird aber eine furchterregende Summe sein, ein Verlust, von dem sich die Studios und Streamingdienste so schnell nicht erholen werden. Und jetzt kommen die Kosten jener Einigung hinzu. ... Die Studios und Streamer müssen ihre Produktion reduzieren - was zur Folge haben wird, dass die Kunden ihre Abos kündigen und weniger Kinokarten kaufen." Auch Leon Igel sieht in der NZZ Hollywood taumeln: "Die Filmstudios versuchen, an alte Erfolge anzuschließen. An frischen Ideen mangelt es. Dabei braucht Hollywood genau das: ein Modell für die Zukunft." Jan Küveler von der Welt glaubt nicht, dass die US-Filmindustrie einfach zum Tagesgeschäft zurückkehren kann: "Die gegenseitige Verbitterung war zuletzt erheblich, und eine so gigantische Industrie wie Hollywood mit Millionen an Zulieferern wieder zum Laufen zu bringen, dürfte Wochen bis Monate dauern."

Besprochen werden Pia Lenz' Dokumentarfilm "Für immer" über ein alterndes Liebespaar (FR), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (Standard), die Netflix-Dokuserie "Beckham" (Freitag), die ARD-Serie "Wer wir sind" (ZOn), die Serie "Lawmen: Bass Reeves" (Zeit) und Marko Doringers Doku "Dein Leben - mein Leben" über Väter und Kinder (Standard).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.11.2023 - Film

Bleibt lakonisch in schönstem Jim-Jarmusch-Schwarzweiß: "Fremont" von Babak Jalali

Der iranisch-britische Regisseur Babak Jalali dreht Filme wie einst Jim Jarmusch in jungen Jahren, gerade so als hätte es die letzten 30 Jahre nicht gegeben, freut sich Benjamin Moldenhauer im Perlentaucher nach der Sichtung von "Fremont", einem Film über eine auf ihrer Flucht in der Bay Area gelandeten Afghanin. Die Stilmittel liegen offen zutage: "Jim-Jarmusch-Schwarzweiß, Fokus auf die Menschen, die er zeigt, und nicht auf etwaige Herausforderungen, die bestanden werden müssen, eine ausgeprägt lakonische Haltung zur Welt." Zwar kann einem der Film damit hier und da auch mal "potenziell auf den Glückskeks gehen", doch in seiner "erzählerischen Offenheit, die verstärkt wird durch das ersatzlose Streichen jeder schematischen Figurenpsychologie (die dann aber nicht durch eine komplexere ersetzt würde, sondern einfach Leerstelle bleibt), gelingen den durchkomponiert-spartanischen Bildern viele wunderschöne Momente."
 
Weitere Artikel: Birgit Roschy wirft für epdFilm einen Blick auf die Filme von Sandra Hüller, die aktuell in "Anatomie eines Falls" (unsere Kritik) zu sehen ist. Patrick Heidmann porträtiert für epdFilm die Schauspielerin America Ferrera. Und die Agenturen melden, dass der für seine Science-Fiction-Arbeiten bekannte Filmemacher Rainer Erler gestorben ist. Außerdem melden sie, dass sich die Schauspieler-Gewerkschaft SAG-AFTRA und die Hollywood-Studios nach vier Monaten Streik über neue Arbeitsbedingungen geeinigt haben.

Besprochen werden Saim Sadiqs "Joyland" über Transfeindlichkeit in Pakistan (taz, FD, epd), Suzanne Raes' "Vermeer - Reise ins Licht" (taz, FD), Hans Steinbichlers Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben" (FD, SZ), Carter Smiths auf DVD erschienener Film "Swallowed" (Perlentaucher) und Nia DaCostas neuer Blockbuster "The Marvels" (Standard, FR, Welt, Presse). Hier außerdem der Überblick beim Filmdienst über alle Filmstarts der Woche.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.11.2023 - Film

Labyrinthisch und polyphon: "Tótem" von Lila Avilés

Lila Avilés Film "Tótem" hatte die Kritiker bereits bei der Berlinale bestrickt (unser Resümee), jetzt startet der für Mexiko ins Oscarrennen gehende Film auch bei uns in den Kinos. Avilés entwirft in diesem "polyphonen Kunstwerk" rund um ein Familienfest und ein kleines Mädchen eine ganze "Kosmologie", schreibt Bert Rebhandl online nachgereicht in der FAS. "Der intime Raum, ein labyrinthisches Haus mit Garten hinter Mauern, ist offen für die vielen Dimensionen, von denen Lila Avilés erzählt. Es sind die Dimensionen der mexikanischen Kultur, von indigener Mythologie bis zu moderner Kunst. ... Von den blutigen Ritualen der Azteken bis zu den genozidalen Konquistadoren ist die ganze mexikanische Geschichte latent gegenwärtig." Hier unsere Berlinale-Kritik zum Film. Thomas Abeltshauser hat für die taz mit der Regisseurin gesprochen.

Außerdem: Oskar Paul gibt im ZeitMagazin deutschen Firmen Tipps, welche Filme sie sponsern könnten. Besprochen werden Raymond Leys vom ZDF online gestelltes Doku-Drama "Ich bin! Margot Friedländer" (FAZ), Alejandro Monteverdes "Sound of Freedom" (Perlentaucher) und eine Filmplakate-Ausstellung im Kulturforum in Berlin (Tsp).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.11.2023 - Film

Wir freuen uns und sind stolz: Rajko Burchardt wurde für seine im Perlentaucher veröffentlichte Filmkritik zu Steven Spielbergs "The Fabelmans" vom Verband der deutschen Filmkritik für den Siegfried-Kracauer-Preis für die beste Filmkritik des Jahres nominiert. Der Gewinner wird am 3. Dezember bekanntgegeben. Wir wünschen unserem Autor viel Erfolg!

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Der aus über 1.400 Firmen zusammengesetzte und entsprechend einflussreiche Dachverband "Spitzenorganisation der Filmwirtschaft", kurz Spio, feiert 2023 sein hundertjähriges Bestehen. Dass der Verband bei der Gleichschaltung der Filmindustrie in Nazi-Deutschland eine große Rolle spielte, ist zwar bekannt. Die persönlichen Verstrickungen während der NS-Zeit aber seien bislang kaum erforscht, merkt Valentin Herleth online nachgereicht in der Zeit an. Dabei gibt es "mindestens drei Fälle von Spio-Funktionären mit NS-Vergangenheit. Zwei von ihnen stehen auf der Liste der Ehrenmedaillen auf der Website des Verbandes": Der Jurist Horst von Hartlieb und der Produzent Alexander Grüter, der "mitverantwortlich war für einen Teil der vom Rüstungsministerium aufgeführten sieben Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter. ... Die seit 1961 verliehene Ehrenmedaille der Spio wurde höchstwahrscheinlich von Ernst Erich Strassl miterfunden", der seit 1933 NSDAP-Mitglied war, als Nazi-Propagandist arbeitete und aktiv an den Novemberpogromen 1938 beteiligt war: "Von 1960 bis 1966 war er zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit des Verbandes - und zuvor in den Fünfzigerjahren langjähriger Redaktionsleiter der Filmbranchenzeitschrift Der neue Film. Später arbeitete er in der Filmabteilung von BASF und war bis in die Achtzigerjahre als Prüfer bei der Freiwilligen Selbstkontrolle tätig."

Weitere Artikel: Der Standard spricht mit Justine Triet über ihren in Cannes ausgezeichneten (und in der Jungle World besprochenen) Film "Anatomie eines Falls" (unsere Kritik). Philipp Krohn folgt dem deutschen Fernsehmacher Gert Müntefering für die FAZ auf dessen Reise nach Tschechien, wo er für seine Verdienste um die deutsch-tschechische Filmzusammenarbeit gewürdigt wurde. Pascal Blum fragt sich im Tages-Anzeiger, ob es in Orndung ist, wenn Naturfilmer immer häufiger in die Geschicke der von ihnen gezeigten Tiere eingreifen. Stefan Brändle wirft für den Standard einen Blick auf die aktuellen Skandale von Gérard Depardieu.

Besprochen werden Mathieu Vadepieds "Mein Sohn, der Soldat" (online nachgereicht von der FAZ), Craig Gillespies "Dumb Money" (online nachgereicht von der FAZ, mehr dazu hier) und die Serie "Parlament", die laut NZZ-Kritiker Andres Herzog "zum Pointiertesten gehört, was die europäische Fernsehförderung in den letzten Jahren hervorgebracht hat".

Efeu - Die Kulturrundschau vom 04.11.2023 - Film

Für "Bilder und Zeiten" der FAZ schreibt die iranische Schriftstellerin Shiva Rahbaran über den kürzlich ermordet aufgefundenen, iranischen Autorenfilmer Dariush Mehrjui, der in der Diaspora durchaus umstritten war, wie wir erfahren: Die Herausforderung, sich zwischen Zensur und künstlerischer Freiheit zu verorten, "war und ist extrem schwierig in einem System, das die Kunst nicht nur einschränkt, sondern auch als Propagandainstrument einsetzt. Dadurch wurden Künstler wie Mehrjui zur Zielscheibe für Verfechter des islamischen Regimes wie auch für dessen Gegner. Beide Gruppen kritisierten ihn und seine Kollegen, weil sie weiterhin in Iran blieben und arbeiteten. Er wurde gleichermaßen beschuldigt, ein Nonkonformist und ein Relativierer zu sein. Mehrjui sagte mir, das sei eine der Taktiken des Regimes, nämlich beide Empfindungen zu nutzen, um eine 'doppelte' Spaltung herbeizuführen - zwischen den Künstlern und ihren Werken wie auch zwischen ihnen und dem Publikum. Diese Spaltung ist die größte Tragödie, von der die Filmindustrie in Iran nach der Islamischen Revolution getroffen wurde. Und im Kontext der Frau-Leben-Freiheit-Proteste ist diese tragische Spaltung nicht nur schädlich für die Filmindustrie, sondern auch für die Einheit der Opposition gegen das islamische Regime."

Weitere Artikel: Im Filmdienst spricht der Regisseur Hans Steinbichler über seine Verfilmung von Robert Seethalers Roman "Ein ganzes Leben". Der Tages-Anzeiger hat Tobias Kniebes SZ-Gespräch mit Martin Scorsese online nachgereicht. Valerie Dirk blickt für den Standard auf die Karriere von Sandra Hüller, die aktuell in "Anatomie eines Falls" (unsere Kritik und gleich drei auf einmal bei Artechock) im Kino zu sehen ist. Nora Moschuering wirft für Artechock einen Blick auf die Dokumentarfilme im November. Christel Strobel resümiert für Artechock die zweite Ausgabe des DOXS-Ruhr-Festivals. Und critic.de meldet, dass es ab morgen mit dem zweiwöchigen Filmpodcast Framing an den Start geht - wir wünschen gutes Gelingen.

Besprochen werden die große Ausstellung zur deutschen Filmgeschichte in der Völklinger Hütte (Artechock), Craig Gillespies "Dumb Money" (Artechock, Presse, Standard, mehr dazu bereits hier), Khavns "Love Is a Dog from Hell" mit Lilith Stangenberg (FD, Artechock, mehr dazu bereits hier), Mathieu Vadepieds "Mein Sohn, der Soldat" (Tsp, Artechock), Hannes Hirschs Debütfilm "Drifter" (FAZ), Christian Werners Satire "Kommt ein Vogel geflogen" (Welt), Elizabeth Chai Vasarhelyis und Jimmy Chins Netflix-Film "Nyad" (FAZ), die Netflix-Serie "Alles Licht, das wir nicht sehen" (Zeit, Welt) und die Amazon-Serie "Mandy" (Presse).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 03.11.2023 - Film

Der Filmemacher Ari Folman hat mit "Bring them Home" ein minimalistisch gestaltetes Interviewprojekt mit den Angehörigen der von der Hamas entführten Geiseln gedreht. Keine "Opfershow" ist so entstanden, schreibt Sandra Kegel in der FAZ, sondern es gelinge Folman, "vor den Augen der Zuschauer einen Raum nur aus Worten entstehen zu lassen, dessen schmerzliche Intensität die kurzen Sequenzen zusammenbinden zu einem großen Dokument der Trauer." Zu sehen ist etwa "wie die junge Lior Katz Natanzon mit ihren Worten die Präsenz ihrer abwesenden Familie geradezu herbeizubeschwören sucht, wenn sie über ihre Mutter spricht, die sich ebenso in der Hamas-Gewalt befindet wie deren Freund und wie Liors Schwester, der Bruder, die beiden Nichten. Es erfordert Liors ganze Kraft und Konzentration, den Faden nicht abreißen zu lassen, den sie selbst dann noch fortspinnt, als sie berichtet, wie sie von der Hamas eine Aufnahme zugeschickt bekommt, die die Mutter mit den Nichten zeigt. 'Ein Horrorfilm', sagt die junge Frau und wiederholt es noch einmal, dann bricht sie ab."

Aktionistische Sinnlichkeit: "Love is a Dog from Hell"

Wenn Lilith Stangenberg erneut vor der Kamera des philippinischen Punk-Auteurs Khavn als Orphea durch die Straßen Manilas irrlichtert (was sie mit "Orphea" 2020 schon einmal getan hat), dann geht FR-Kritiker Daniel Kothenschulte bei dieser Reise gerne mit: "Love Is a Dog From Hell" heißt dieser Film und "ist eine Ode an die Finsternis. Und eine One-Woman-Opera für eine der seltenen deutschen Doppelbegabungen in Gesang und Schauspiel seit Hildegard Knef. Und wenn man schon mit Vergleichen anfängt, dann ist der Filmemacher und Komponist Khavn ein philippinischer Christoph Schlingensief." Gedreht wurde auf zahlreichen Kameras und Formaten, "dazu gibt es Animationsszenen des Künstlers Rox Lee, die manchmal die Szenen selbst durch malerische Eingriffe in Bewegung setzen oder Found-Footage-Material aus einem medizinischen Lehrfilm über russische Operationstechniken. All das führt in aktionistischer Sinnlichkeit an die Grenzen von Leben und Tod - und weckt Erinnerungen an Experimentalfilmklassiker von Kenneth Angers 'Lucifer Rising' bis Kurt Krens Filmdokumenten von Hermann Nitsch."

Besprochen werden Justine Triets "Anatomie eines Falls" mit Sandra Hüller (Welt, FR, Perlentaucher), Hannes Hirschs Spielfilmdebüt "Drifter" (Tsp), die auf Paramount gezeigte Serie "Fellow Travellers" (Freitag) und die Netflix-Serie "Alles Licht, das wir nicht sehen" nach dem gleichnamigen Roman von Anthony Doerr (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.11.2023 - Film

Billige Schadenfreude: Paul Dano in "Dumb Money"

Craig Gillespies "Dumb Money" erinnert an eine der kurioseren Geschichten im ersten Coronjahr, als Trolle, Finanz-Idioten und sehr viele Naivlinge auf die Videos von "Roaring Kitty" abgingen, im Zuge die an sich völlig wertlose Gamestop-Aktie gigantisch nach oben ging und der Aktienmarkt für eine kurze Zeit völlig Kopf stand, Außenseiter die große Kohle machten und alteingesessene Aktienfuchse geradezu geplündert wurden. Mit Paul Dano, Seth Rogen und Nick Offerman ist der Film hochkarätig besetzt. Darin "werden die Finanz-Protagonisten kümmer- und lächerlicher, je näher die Kamera an sie herantritt", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Helden, wenn es sie denn in dieser Geschichte überhaupt gibt, sind neben Paul Danos naivem Aktien-Aktivisten Keith die vielen Privatanleger, die sich als Teil einer Revolution wähnen - und darum an ihren Gamestop-Anteilen festhalten, als der Kurs durch die Decke geht. Womit sie Leerverkäufer wie Plotkin und Griffin an den Rand des Ruins bringen. Die Schadenfreude ist in 'Dumb Money' billig zu haben." Für taz-Kritikerin Barbara Schweizerhof steht der Film in der Tradition der großen US-Filme übers große Geld und die große Gier. Toll findet Schweizerhof, wie genau die Kultur der Message Boards hier dargestellt wird - und "ganz nebenbei funktioniert 'Dumb Money' auch noch als eine der bislang besten Schilderungen der Corona-Epoche als solche. ... Der Film zeichnet ein erschreckend präzises Soziogramm davon nach, wer von Lockdown und Covid am stärksten betroffen war und wie sich die gesellschaftliche Ungleichheit währenddessen auf direkte Weise in die Gesichter schrieb."

Weitere Artikel: Thomas Abeltshauser spricht für den Freitag mit Justine Triet über deren in Cannes mit der Goldenen Palme ausgezeichnetes (und aktuell in der Zeit und bei uns besprochenes) Gerichtsdrama "Anatomie eines Falls" (mehr dazu bereits hier). Außerdem spricht Abeltshauser für die taz mit dem Regisseur Christos Nikou über dessen Science-Fiction-Liebeskomödie "Fingernails". Auf Zeit Online erinnert sich die Filmemacherin Doris Dörrie an ihre gemeinsame Arbeit mit dem verstorbenen Schauspieler Elmar Wepper (unser Resümee). Die Film-Community Letterboxd verkauft ihre Daten an die Filmindustrie, berichtet Mathis Raabe in der taz. Immer mehr Streamingdienste durchsetzen ihr Angebot mit Werbung und nähern sich damit dem (damals allerdings deutlich günstigeren...) Privatfernsehen der Neunziger an, berichtet Christian Meier in der Welt. Friedhöfe sind in Filmen selten friedlich, beobachtet Presse-Kritiker Andrey Arnold.

Besprochen werden Sudabeh Mortezais "Europa", der auf der Viennale den Spezialpreis der Jury gewonnen hat (Standard), die DVD-Ausgabe von Roman Nemecs "Die Höhle" (taz), die Netflix-Adaption von Anthony Doerrs Roman "Alles Licht, das wir nicht sehen" (Tsp) und die DVD-Ausgabe von Wolfgang Staudtes Hauptmann-Adaption "Rose Bernd" von 1957 ("In diesem unscheinbaren idyllischen Stück Deutschland wird ein solcher Grad von wunderschön gefilmter Unannehmlichkeit erreicht, der schon hier in Richtung des Kinos von Rainer Werner Fassbinder weist", staunt Robert Wagner auf critic.de).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.11.2023 - Film

Keine Verklärung der Revolution: "El Realismo socialista" von Raúl Ruiz

Philipp Stadelmaier widmet sich in der SZ dem chilenischen Schwerpunkt der soeben zu Ende gegangenen Viennale (hier Valerie Dirks Festival-Resümee im Standard). Gezeigt wurden dabei Filme, die im Vorfeld und nach dem Pinochet-Putsch entstanden sind oder sich mit den Langzeitfolgen des Putsches befassen. Auch Raúl Ruiz "El Realismo socialista" aus dem Jahr 1973 wurde gezeigt - das Rohmaterial des lange verschollen geglaubten Films wurde erst kürzlich wiederentdeckt und in Form gebracht. Er "behandelt auf kritisch-ironische Art innersozialistische Probleme. Eine Fabrik soll besetzt werden: Gehört sie nicht allen Arbeiterinnen und Arbeitern? Wer ist ein Kleinbürger, wer ein wahrer Revolutionär? Und ist die Position der Partei immer die richtige? Es wird, wie immer bei Ruiz, viel diskutiert, oft ohne konkretes Ergebnis. Jenseits jeder romantischen Verklärung der Revolution folgt die dynamische, zugleich nervig-beharrliche Kamera diesen Aushandlungsprozessen. ... Der Massensuizid der Genossinnen und Genossen am Ende des Films verheißt nichts Gutes. Ruiz will allegorisch das Scheitern der Revolution aufgrund von zu viel Streit vorwegnehmen. Doch im Nachhinein erscheinen die Bilder als düstere Vorahnung einer anderen Katastrophe." Dazu passend spricht der Filmdienst ausführlich mit Eva Sangiorgi und Paolo Calamita, dem Leitungs-Duo der Viennale.

Elmar Wepper ist tot. Er war ein "unterschätzter Schauspieler", schreibt Christoph Schröder auf Zeit Online. Im Kino kannte man Wepper als die deutsche Stimme von Mel Gibson, im Fernsehen hingegen war er vor allem auf den gemütlichen Vorabend bayerischer Prägart abonniert. Doch "immer, wenn Elmar Wepper zu sehen war, sah man ihn gerne. Er hatte Charme und Charisma" und spielte sich in Doris Dörries "Kirschblüten" im Jahr 2008 endgültig in die Kritikerherzen: "Wenn man Elmar Wepper dabei zuschaut, wie er gemeinsam mit einer jungen Japanerin seinem eigenen Schatten beim Tanzen zuschaut, wie er dem Schatten seiner verstorbenen Frau hinterhertanzt, dann hat das nichts Selbstparodistisches und schon gar nichts Lächerliches, selbst dann nicht, wenn herauskommt, dass er unter seinem langen Mantel die Kleidung seiner Frau trägt." Anders als sein Bruder Fritz Wepper, dessen Spezialität die Pointe ist, war "Elmar derjenige für die etwas leiseren Töne", schreibt Michael Hanfeld in der FAZ. "Er war, wie es in einer Kritik einmal hieß, dafür prädestiniert, den 'sentimentalen Bayern' zu spielen." Weitere Nachrufe schreiben Cosima Lutz (Welt) und Paul Jandl (NZZ). In den Feuilletons leider ungewürdigt bliebt Elmar Weppers großartiger Auftritt in Dominik Grafs Thriller "Das unsichtbare Mädchen".

Weitere Artikel: Ein "Geschenk" ist es, dass Justine Triets (heute auch in der taz besprochene) "Anatomie eines Falls" (unser Resümee) und Margarethe von Trottas "Ingeborg Bachmann - Reise in die Wüste" in zeitlicher Nähe in die Kinos kommen, findet Andreas Kilb in der FAZ: Letztgenannter Film mache mit seinen Defiziten noch einmal ganz besonders die Güte des ersten Films deutlich. Lukas Wilhelmi schreibt in der taz einen Nachruf auf den Schauspieler Matthew Perry.

Besprochen werden Hettie MacDonalds "Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry" (Welt), eine neue Folge "South Park", die Disneys Diversitätspolitik veräppelt (Welt), die Sky-Serie "The Lovers" (Tsp), die ARD-Serie "Parlament" (FAZ) und die ZDF-Serie "Füxe" (FAZ).

Efeu - Die Kulturrundschau vom 31.10.2023 - Film

Schuldige und Unschuldige zugleich: Sandra Hüller in "Anatomie eines Falls"

In Cannes hat Justine Triet mit "Anatomie eines Falls" die Goldene Palme gewonnen, jetzt startet der Film in den Kinos. Die großartige Sandra Hüller spielt hier eine Frau, die wegen Mordes an ihrem Ehemann angeklagt wird, ohne dass dem Publikum klar wäre, ob sie die Tat auch wirklich begangen hat. "Von nun an analysieren wir jede noch so winzige Regung dieser Frau, jedes Zucken eines Mundwinkels, jeden müden Blick", schreibt Philipp Bovermann in der SZ. "Dass Sandra Hüller die Rolle übernommen hat, ist ein großes Glück für alle Beteiligten. Denn die Herausforderung ist schwindelerregend: eine Frau zu spielen, die sich verstellt, vielleicht aber auch nicht. Ein Vexierbild zu sein. Beide Frauen zugleich zu sein, die Schuldige und die Unschuldige. Die Täterin und das Opfer. Das Monster und die hilflos Entstellte. ... Hüller spielt herausragend, selbst für ihre Verhältnisse. In der nun anstehenden Awards Season ist mit ihr zu rechnen. Sie ist eine Naturgewalt, zart und verletzlich, berechnend und reserviert, irgendwie geht das bei ihr alles gleichzeitig."

Zu sehen "ist ein Film der Worte, der gesprochenen wie geschriebenen", schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. "Doch die Sprache ist nicht das zentrale Medium, in dem sich bei Triet und ihrem Ko-Autor Arthur Harari ein Urteil (über eine Tat, einen Menschen) artikuliert. Die französische Regisseurin (...) stellt in der Konvention des Gerichtsdramas - darin weist ihr Film auf prozessualer Ebene große Ähnlichkeiten mit dem Spielfilmdebüt 'Saint Omer' ihrer Kollegin Alice Diop auf -, verschiedene Sprechakte einander gegenüber." Dieser Film ist "ebenso ein Meta-Krimi wie ungeschöntes Beziehungsdrama", beobachtet Michael Kienzl im Filmdienst.