"Grüne Grenze" von Agnieszka Holland Die polnische Filmemacherin AgnieszkaHolland hat Personenschutz angeheuert, meldet Gerhard Gnauck in der FAZ: Ihr in Venedig prämiertes Flüchtlingsdrama "Grüne Grenze" über die Lage der syrischen Migranten, die aus Belarus via Polen in die EU kommen wollen, ist in ihrem Heimatland extremen Anfeindungen ausgesetzt. "Der Chef der regierenden PiS, Jarosław Kaczyński, wetterte, wer ein solches 'widerliches Pamphlet' herstelle, unterstütze oder auch nur gut aufnehme, sei 'Teil der Armee Putins' und jener Kräfte, die Polen zu einem 'Kondominium' seiner Nachbarstaaten in Ost und West machen wollten. ... Justizminister Zbigniew Ziobro verglich die 'Grüne Grenze' mit NS-Propagandafilmen und ihrer 'Darstellung der Polen als Banditen'. Holland, deren Vorfahren teils im polnischen Widerstand waren, teils Opfer des Holocausts wurden, wehrt sich. ... Ein Staatssekretär forderte von allen Studiokinos in Polen, vor Hollands Film ein zwanzig Sekunden dauerndes Gegenvideo zu zeigen. Es weist auf den von Belarus geführten 'hybriden Krieg' hin. Der Spot endet mit den Worten: 'Wir schützen die Grenze. Sicheres Polen.' Zahlreiche Kinobetreiber haben angekündigt, diese Forderung nicht zu erfüllen."
Mit der "vorläufigen Einigung" zwischen Drehbuchautoren und den Hollywood-Studios scheint zumindest dieser der beiden aktuellen Doppelstreiks beigelegt - Details des Deals liegen noch nicht vor und unter den Einigungsverträgen trocknet derzeit auch noch keine Tinte. Alles gut also? Nein, "beide Parteien haben verloren", kommentiert Claudius Seidl lakonisch in der FAZ, "wenn sie nicht längst verloren sind." Denn: In dem Streit ging es vor allem auch um den Einsatz von KünstlicherIntelligenz und weder die Autoren noch die Produzenten sollten sich sicher sein, dass in dieser Entwicklung wirklich das letzte Wort gesprochen ist: "Die Produzenten, die jetzt auf der Seite der Studios verhandelt haben, könnten sich ohnehin schon darauf gefasst machen, dass sie die nächsten sein werden, deren Job eine KI genauso gut erledigen kann. Kaum ein Arbeitsplatz in der Filmindustrie wird bleiben, wie er jetzt ist. Kaum ein Arbeitsplatzbesitzer darf sich sicher fühlen. Insofern ist, was wie der Abschluss eines Arbeitskampfs aussieht, viel eher die Vorahnung der Konflikte, die noch kommen werden - nicht nur in Hollywood, nicht nur in Amerika, sondern überall dort, wo sehr gut ausgebildete und halbwegs gut bezahlte Menschen sich für unersetzlich halten, weil sie ja über so wunderbare Produktionsmittel wie Schöpferkraft, Eigensinn, Risikobereitschaft verfügen."
Außerdem: Jakob Thaller wirft für den Standard einen Blick auf die Lage der WienerProgrammkinos. Besprochen werden HéloïsePelloquets Regiedebüt "Wild wie das Meer" (online nachgereicht von der FAZ) und die Serie "The Continental" (Presse).
Ein zu allem entschlossener Wadenbeißer: Roger Stone in "A Storm Foretold" Drei Jahre lang hat der dänische Filmemacher ChristofferGuldbrandsen den US-Politberater RogerStone mit der Kamera begleitet. Stone gilt als Bluthund und Wadenbeißer, der schon Nixon, Reagan und natürlich auch Trump zur Seite stand und dabei auch nicht davor zurückschreckt, Verschwörungstheorien zu streuen. Guldbrandsen selbst findet sich nun mit seinem Film "A Storm Foretold", der jetzt beim Zurich Film Festival zu sehen ist, in einer wahren Groteske wieder, berichten Sandro Benini und Pascal Blum im Tages-Anzeiger: "Stone behauptet, der Dokumentarfilmer habe mithilfe künstlicher Intelligenz eine Fake-Dokumentation fabriziert. Er droht mit einer 25-Millionen-Klage. Was man im Film sehe, habe gar nicht stattgefunden. Außerdem arbeite der Filmemacher für den dänischenGeheimdienst." Vielleicht sind solche verzweifelten Gegenmanöver auch kein Wunder, denn in einer Szene etwa fordert Stone, "in allen Gliedstaaten mit angeblichen Hinweisen auf Betrügereien Wahlleute aufzustellen, die bei der Ratifizierung das Ergebnis missachten und für Trump stimmen würden." In einer anderen erzählt er, "wie man Donald Trump etwas in den Mund legt. Man müsse ihn loben, in einer Rede einen so brillanten Satz gesagt zu haben, dass das Publikum in Jubel ausgebrochen sei. Ob dies zutreffe oder nicht, sei völlig egal. Es komme darauf an, Trump von seiner Genialität zu überzeugen - so werde er den Satz in einer nächsten Rede tatsächlich verwenden."
Außerdem: Die Agenturen melden eine "vorläufige Einigung" zwischen Hollywood und den Drehbuchautoren, die seit fünf Monaten streiken. Allerdings gibt es derzeit noch keine Anzeichen dafür, dass sich Hollywood und die weiterhin streikenden Schauspieler sich demnächst ebenfalls einigen. Besprochen wird NicolasPhiliberts berlinale-prämierter Dokumentarfilm "Auf der Adamant" über ein psychiatrisches Zentrum in Paris auf einem Boot ("eine Feier der Gemeinschaft der Individualität" beobachtettazler Fabian Tietke).
Orientierungslos, aber betörend schön: "Millennium Mambo" von Hou Hsiao-Hsien HouHsiao-Hsiens "Millennium Mambo" aus dem Jahr 2001 kommt wieder in die deutschen Kinos und bietet somit eine interessante Wiederbegegnung mit dem asiatischen Arthausfilm der Jahrtausendwende, schreibt Andreas Busche im Tagesspiegel. Der Film schöpft auch daraus, wie "die Twentysomethings sich ziemlich verloren fühlten in der neuen Zeit", schließlich "ignoriert der taiwanesische Meisterregisseur elegant alle zeitlichen Zusammenhänge, seine Geschichte gleitet fast wie im Halbschlaf durch die Jahre. ... Eine diffuse Orientierungslosigkeit hat nicht nur seine verschachtelte Erzählung, sondern auch seine Figuren befallen." Doch "rückblickend spricht aus den Bildern weniger ein 'Millenniumsgefühl' als vielmehr eine Idee davon, was man sich um die Jahrtausendwende unter state of the art Erzählkino vorstellte. Die affizierteLeere und emotionale Verwahrlosung, grundiert von Motiven des Genrekinos, besitzen eine betörendeSchönheit: von den durchfeierten Nächten in Taipeh, unterlegt mit einer beständig pluckernden Musik-Collage, bis ins winterliche Japan, wo Vicky im Schnee einen Abdruck ihres Gesichts hinterlässt."
Besprochen werden JørgenLeths und AndreasKoefoeds Dokumentarfilm "Music for Black Pigeons" über den Jazzmuzsiker JakobBro (taz, mehr dazu bereits hier), JanStocklassas auf Sky gezeigter Dokumentarfilm "Der Mann, der mit dem Feuer spielte" über StiegLarssons Recherchen zum Mord an OlofPalme (FAZ) und die neue Staffel der Serie "Sex Education" (Tsp, ZeitOnline, NZZ).
Auf zum Flughafen und in den nächsten Flieger nach Taipei gestiegen, ruft uns Axel Timo Purr auf Artechock entgegen. Der Wochenendausflug lohnt sich alleine schon wegen der großen Ausstellung, die dort dem taiwanesischen Autorenfilmer EdwardYang gewidmet ist. Dieser feierte um 2000 auf internationalen Festivals noch große Erfolge, ist seit seinem Tod im Jahr 2007 aber etwas in Vergessenheit geraten. Die Ausstellung balanciert zwar "chronologisch über das Leben Yangs spielerisch hinweg", fokussiert aber vor allem auf Yangs filmische Sujets, erzählt Purr, der hier erlebt, "was Filmkunst ist und wie Film entsteht. Dazu haben die Kuratoren nicht nur eine beeindruckende Sammlung an Storyboards, Filmkameras, aber auch ganz profanen Alltagsgegenständen aus Yangs Umfeld zusammengetragen, sondern beeindrucken vor allem mit klug gewählten Filmausschnitten, die über in dunklen Räumen schwebenden Projektionsflächen miteinander korrespondieren und dabei nicht nur die Entwicklung von Yangs visuellem Stil - sein bedächtiges Tempo, die langen Einstellungen, eine statische Kamera, wenige Nahaufnahmen, leere Räume und Stadtlandschaften - deutlich wird, sondern auch seine narrative Entfaltung, die sich mit jedem Film mehr der Veränderungen der taiwanesischen Gesellschaft auf die Mittelschicht annimmt und den Konflikt zwischen Moderne und Tradition, Wirtschaft und Kunst und wie Gier Kunst korrumpieren kann, so poetisch wie gnadenlos analytisch seziert." Dieser Videoessay befasst sich ausführlich mit "Yi Yi", für den Yang 2001 in Cannes den Regiepreis erhielt.
Bestellen bei eichendorff21.deAußerdem: In seiner Artechock-Wochenkolumne freut sich Rüdiger Suchsland auf das Filmfestival in SanSebastian und legt uns den Gesprächsband "Der unsichtbare Dritte" ans Herz, in dem JosefSchnelle mit deutschen Filmschaffenden über deren Blick auf Hitchock spricht (die Gespräche bilden auch die Grundlage für diese fast dreistündige Sendung zum Thema im Dlf Kultur).
Besprochen werden PaulB. Preciados Essayfilm "Orlando, meine politische Biografie" (Perlentaucher, Zeit), MichaelChaves' Horrorfilm "The Nun 2", der Perlentaucher Lukas Foerster einmal mehr beweist, dass "das Horrorgenre nach wie vor der Ort ist, an dem sich die vielleicht größte Qualität des amerikanischen Kinos, seine lebendigeNormalität, am besten bewahrt", PabloLarraíns eben noch in Venedig, aber nun schon auf Netflix gezeigte Pinochet-Groteske "El Conde" (Standard), die Wiederaufführung von HouHsiao-Hsiens "Millennium Mambo" aus dem Jahr 2001 (Filmdienst), HéloïsePelloquets "Wild wie das Meer" ("Ein feministisches Manifest für starke, unangepasste Frauen", freut sich Tatiana Moll auf Artechock), ÉricBesnards Komödie "Die einfachen Dinge" (Welt), RainerKaufmanns "Weißt Du noch" mit SentaBerger (Artechock), der Dokumentarfilm "Vergiss Meyn Nicht" über den im HambacherForst ums Leben gekommenen Filmemacher und Aktivisten SteffenMeyn (Tsp), die zweite Staffel der "Sex and the City"-Fortsetzung "And Just Like That..." (Freitag), die vierte Staffel von "Sex Education" (Welt) und die Sky-Serie "Family Law" (FAZ).
Andreas Busche vom Tagesspiegelfällt aus allen Wolken, als sein Blick auf die Zusammensetzung der Findungskommission fällt, die in den nächsten Monaten einen neuen Intendanten für die Berlinale aus dem Hut ziehen soll: Die Zusammensetzung "zeugt von einem Höchstmaß an Einfallslosigkeit", kritisiert er. "Roth sagte vergangene Woche, dass die Berlinale ihrem Anspruch gerecht werden soll, 'das größte Publikumsfestival und ein politisches Filmfestival zu sein'. Letzteres gelingt jedoch nicht per Dekret, es braucht schon eine Vorstellung davon, wie sich das Kino künftig gegenüber anderen Erzählformen mit Bewegtbildern behaupten soll. Vielmehr besteht die Gefahr, dass künftig eher inhaltliche denn künstlerische Kriterien bei der Filmauswahl angelegt werden - von 'Fachleuten', die 'Im Westen nichts Neues' schon für politisches Kino halten."
Arm ist Berlin weiterhin, aber dafür auch nicht mehr so richtig sexy: Klaus Wowereit in "Capital B" (Arte) Wie konnte die Aufbruchstimmung in Berlin unmittelbar nach der Wende derart versickern? Dieser Frage geht FlorianOpitz in seiner von Arteonline gestellten Doku-Serie "Capital B - Wem gehört Berlin?" nach, für die er nicht nur bemerkenswertes Archivmaterial zusammengestellt hat, sondern tatsächlich auch viele der Verantwortlichen für Interviews vor die Kamera bekommen hat. ZeitOnline-Kritiker Matthias Dell kann die Reihe nur empfehlen: "Die Serie führt vor Augen, wie aus der korrupten CDU-Finanzwirtschaft des Bankenskandals, in dem die steuerzahlende Allgemeinheit ein paar Investoren Gewinne garantierte, ein riesiges Haushaltsdefizit entstand. Das wurde ab 2001 unter Klaus Wowereit (SPD) und seinem Finanzsenator Thilo Sarrazin beseitigt durch harteSparpolitik, etwa in der heute als dysfunktional bekannten Verwaltung, und durch den Ausverkauf von einst landeseigenem Wohnraum. Letzterer ist seit der Finanzkrise von 2009 zum bevorzugten Spekulationsobjekt von global 'entfesselten Anlagekapital' (Stadtsoziologe Andrej Holm) geworden, der die Wohnungsfrage zu einem der drängendsten Probleme der einst so bezahlbaren Hauptstadt gemacht hat. Es ist eindrucksvoll, wie es der Serie gelingt, bei aller Komplexität der Vorgänge elegant Verbindungen zwischen dem Oben und Unten zu schaffen. Von Sarrazins Sparpolitik geht es zu einem dadurch prekär gewordenen Mädchentreff in Neukölln." Für den Tagesspiegelbespricht Claudia Reinhard die Dokuserie.
Weitere Artikel: Daniel Imwinkelried blickt für die NZZ nach Österreich auf den Wirbel, den dort eine ganze Flut von Porträtfilmen über SebastianKurz ausgelöst hat - wobei ein offenbar besonders werbeträchtig gestalteter Film auch wegen seiner ungeklärten Finanzierung Spekulationen darüber nährt, aus wessen Geldbeutel die Mittel dafür geflossen sein könnten: "Die Macher von 'Kurz. Der Film' bestreiten jedoch, dass der Film vom ehemaligen Kanzler mitfinanziert worden sei." Diese Woche geht ein weiterer Film über Kurz online, meldet außerdem Valerie Dirk im Standard. Diese spricht im Standard außerdem mit SentaBerger, die aktuell in RainerKaufmanns Ehedrama "Weißt Du noch" im Kino zu sehen ist. In der NZZstellt Urs Bühler Maja Hoffmann vor, die am Mittwoch zur neuen Präsidentin des Locarno Film Festivals gewählt wurde. In der SZ gratuliert David Steinitz dem Hollywood-Produzenten JerryBruckheimer zum 80. Geburtstag.
Besprochen werden Paul B. Preciados Essayfilm "Orlando" (Perlentaucher, Zeit), Michael Chaves' Horrorfilmsequel "The Nun" (Perlentaucher), der Dokumentarfilm "Vergiss Meyn Nicht" über den bei den Auseinandersetzungen um den Hambacher Forst ums Leben gekommenen Journalisten und Aktivisten SteffenMeyn (taz, FR), HaraldPulchs und RalfOtts Dokumentarfilm "OskarFischinger" über den deutschen Animations- und Experimentalfilmpionier (FR), die DVD-Ausgabe von ChristineKuglers und Günter Kurths "Kalle Kosmonaut" (taz), die Wiederaufführung von HouHsiao-hsiens "Millennium Mambo" aus dem Jahr 2001 (SZ), der neue Teil der Actionreihe "Expendables" (Standard), EricBesnards Komödie "Die einfachen Dinge" (SZ), und die Netflix-Serie "Liebes Kind" (FR). Außerdem informiert die SZ, welche Filme sich diese Woche lohnen und welche nicht.
Patrick Holzapfel stellt in der NZZ die avantgardistische Regisseurin Maya Deren vor, der das Filmpodium Zürich einen Filmabend widmet: "Der Stellenwert Derens für den künstlerischen Film ist ungebrochen. Trotzdem entzieht sich die 1917, im Jahr der russischen Revolution, in Kiew als Eleanora Solomonowna Derenkowskaja in eine intellektuelle jüdische Familie geborene Künstlerin und Theoretikerin den üblichen Mechanismen der Kanonisierung. Das hängt auch damit zusammen, dass ihr Werk sich dem Ungreifbaren verschrieben hat. Ihre großteils in den 1940er Jahren realisierten Filme lassen sich kaum beschreiben, entziehen sich mit verspielter, formal präziser Bewegungskunst den üblichen Modi des Kinos. Es sind filmische Choreografien, Tanzfilme und Studien des Unterbewussten. Oft ist Deren selbst darin zu sehen. Bis heute wirken die Filme unverbraucht und aufregend. Das gilt genauso für Derens theoretische Schriften, die sich einer Idee des poetischen Films nähern."
Besprochen wird Nicolas Philiberts Berlinale-Gewinner "Auf der Adamant", der jetzt in die Kinos kommt (FR, SZ und hier noch die Berlinalekritik im Perlentaucher).
Sterling K. Brown in Cord Jeffersons "American Fiction" Bert Rebhandl berichtet in der FAZ vom Filmfest Toronto, wo Cord JeffersonsVerfilmung von Percival Everetts Roman "American Fiction" den Hauptpreis gewann. Der Roman ist schon gut zwanzig Jahre alt, so Rebhandl, aber er passt sehr gut in die heutige Zeit. Hauptfigur ist der schwarze Schriftsteller, Thelonious "Monk" Ellison, der "mehr oder weniger offen Joyce nacheifert oder einem anderen alten weißen Mann" und damit "- hier beginnt schon die satirische Zuspitzung - seine Identität" verrät. "Jeffrey Wright spielt dieses Dilemma mit der Zurückhaltung, auf die 'American Fiction' dann lustvoll seine Übertreibungen bauen kann. Denn Monk reagiert auf den Erfolg von vielerlei Rollenprosa mit einem pseudonymen Machwerk, das all das erfüllt, was (weißen) Verlegern über Afroamerikaner einleuchtet. Und bald ist der Streich nicht mehr zurückzunehmen, es hilft nur die Flucht nach vorn, das gilt auch für den Film insgesamt, der dann aber mit vielen Zwischentönen seine deutliche Botschaft anreichert. Mit dem Mythos vom "großen amerikanischen Roman" muss "American Fiction" es gar nicht aufnehmen, um eine sehr präzise Bestandsaufnahme der Reste der bürgerlichen Öffentlichkeit in Amerika vorzunehmen."
Reiner Wandler berichtet in der taz über einen Streit beim Filmfestival San Sebastian um einen Dokumentarfilm über die baskische Terrororganisation ETA, der zum größten Teil aus einem Interview des Journalisten Jordi Évole mit dem 72-jährigen Josu Urrutikoetxea besteht, "Kampfname Josu Ternera, der in Frankreich lebt und unter Auflagen auf ein Verfahren wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung wartet", so Wandler: "'Weißwaschung des Terrorismus' sei der Streifen, beschweren sich 514 Unterzeichner eines Manifestes. Philosoph Fernando Savater, Schriftsteller wie Félix de Azúa oder Fernando Aramburu, Journalisten, Uniprofessoren und Angehörige von ETA-Opfern fordern die Absetzung des Dokumentarfilms. Die Festivalleitung will davon nichts wissen. ETA und Gewalt sei von jeher ein Thema auf dem Festival gewesen."
Besprochen werden Torsten Rüthers Boxerdrama "Leberhaken" (FR), Paul B. Preciados Filmessay "Orlando, meine politische Biografie" (taz) und Steffi Niederzolls Doku "Sieben Tage in Teheran" (Tsp).
Im Filmdienstführt Jörg Gerle durchs Werk der Filmkomponistin HildurGuđnadóttir, die mit ihrer düsteren Melancholie in den jüngsten Jahren viele Filme veredelt hat. Aktuell im Kino läuft KennethBranaghs "A Hauntin in Venice", den sie musikalisch untermalt hat. "Guđnadóttir lässt keine schmeichelnde Farbe in ihre Kompositionen - so düster, so brutalistisch klingt ihre Musik. Selbst wenn es darum geht, tiefe Emotionen zu ergründen, wie in Garth Davis' Bibelfilm 'Maria Magdalena'' (2018), hält sie sich mit dem Ausstatten einer bunten Orchesterpalette eigentümlich zurück. Eine Bratsche, eine Violine, ein Saxophon, ein Piano, eine Gitarre, ein von Guđnadóttir gespieltes Halldorophon und eine Variation kaum lärmenden Schlagwerks: mehr braucht es nicht, um ihre nach wie vor archaische, staubige, nichtsdestotrotz melodischste Musik bislang zu komponieren." Für ihre großartige Arbeit zu "Joker" erhielt sie einen Oscar:
Außerdem: Juliane Preiß besucht für die taz in Kassel die ältesteVideothekDeutschlands und zumindest laut Guiness-Buch auch der Welt: Bis heute ist sie im Betrieb, allerdings hat des Geschäft mittlerweile der Verein Randfilm übernommen, der dort in einem Nachbarschaftskino Abseitiges und Raritäten zeigt. Heike-Melba Fendel porträtiert für ZeitOnline die Schauspielerin BridgetFonda. Besprochen werden AkiKaurismäkis "Fallende Blätter" (Artechock, unsere Kritik hier), NicolasPhiliberts Dokumentarfilm "Auf der Adamant" (SZ) und die ARD-Serie "Tod den Lebenden" (FAZ).
Sabine Michel hat für ihre Filmdoku "Frauen in Landschaften" vier ostdeutsche Politikerinnen begleitet: Anke Domscheit-Berg (Linke), Manuela Schwesig (SPD), Yvonne Magwas (CDU) und Frauke Petry (ehemals AfD). Wer mehr über konkrete politische Themen erfahren will wie Nordstream 2 beispielsweise, wird wohl enttäuscht werden. Trotzdem findet Cornelius Pollmer (SZ) den Film sehenswert: "Michel erzählt gewohnt zurückhaltend und - verrückt, dass es das noch gibt - zeigt, statt dauernd zu urteilen, und sei es nur indirekt. Sie beginnt ihr Nachforschen mit ganz einfachen Fragen nach der jeweiligen Prägung: Hat Ihre Mutter gearbeitet? Waren Sie Pionierin? Was wollten Sie werden? Die teils ähnlichen Parameter der Herkunft machen die Unterschiedlichkeit der daraus hervorgehenden Biografien natürlich noch interessanter. Wobei die politischen Aussagen der vier Porträtierten dem weithin Bekannten wenig hinzufügen. Dennoch zeigen die vier Frauen sich Michel überwiegend so unverschlossen, dass man am Ende trotzdem glaubt, eine jede von ihnen etwas besser kennengelernt zu haben."
In der FAZ ist Ursula Scheer etwas kritischer: Es ist ein "ruhiger, zugewandter Film", schreibt sie. "Das wirkt wohltuend in Zeiten, die auf Reiz-Reaktions-Muster konditionieren. Unbequem wird die Filmemacherin nur einmal, als sie von der früheren Unternehmerin und AfD-Vorsitzende Frauke Petry mehr über deren Haltung zur Migration erfahren möchte ... Auch wenn sie über ihren Einstieg in die AfD und den Ausstieg aus der rechtspopulistischen Partei, die sich in die falsche Richtung entwickelt habe, spricht, wird eine Härte spürbar, die dem Film sonst fremd ist. Das Nordstream-Debakel, beurteilt im Wissen um Russlands Angriffskrieg auf die Ukraine, kann Manuela Schwesig weich wegmoderieren."
Weiteres: Patrick Heidmann unterhält sich für die FR mit der Filmkomponistin Hildur Guðnadóttir über ihre Arbeit im Allgemeinen und ihre Musik für die Agatha Christie-Adaption "A Haunting in Venice" im Besonderen. Besprochen werden Aki Kaurismäkis Liebesfilm "Fallende Blätter" (Zeit online) und Steffi Niederzolls Dokumentarfilm "Sieben Winter in Teheran" (Zeit online).
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