Die Netflix-Serie "Fauda" "Überholt hier die Fiktion die Realität oder die Realität die Fiktion", fragt sich Joachim Huber im Tagesspiegel mit Blick auf den brutalen Angriff der Hamas auf Israel, denn "wer 'Fauda', die israelische Serie, die seit vier Staffeln bei Netflix läuft, verfolgt, der kann von den brutalen Ereignissen nicht wirklich überrascht sein. ... 'Fauda' zeigt, dass die Terrorbekämpfung dem Kampf gegen eine Hydra gleicht. Wird mit riesigem Einsatz und unter Billigung unschuldiger Opfer auf beiden Seiten ein Terroranführer eliminiert, ist schon Stunden später sein Nachfolger da. Ein Kampf im kleinen wie im großen Maßstab. Es herrschen nie allein Gut und Böse, es herrschen die Dämonen, die die Menschen in diesem Konflikt beherrschen."
Außerdem: Das Erste sollte seine Qualitätsprodukte nicht ständig im Spätprogramm versenken, sondern stolz zur Primetime präsentieren, findetTagesspiegel-Medienexperte Markus Ehrenberg nach dem Quoteneinbruch der aktuellen "BabylonBerlin"-Staffel im linearen Programm (in der ARD-Mediathek lief sie allerdings ziemlich gut). Christiane Peitz empfiehlt im Tagesspiegel dem Berliner Publikum das Menschenrechts-Filmfestival und das Kurdische Filmfestival.
Besprochen werden HeinzStrunksAmazon-Serie "Last Exit Schinkenstraße" (taz) und MikeFlanagansNetflix-Serie "Der Untergang des Hauses Usher", die die gleichnamige Vorlage von EdgarAllanPoe in die Gegenwart der Opioidkrise in den USA verlegt (online nachgereicht von der FAS).
Kapitalismuskritik mit Benedict Cumberbatch: Wes Anderson Dahl-Hommage für Netflix Hin und weg ist SZ-Kritikerin Susan Vahabzadeh von den vier Kurzfilmen nach Geschichten von RoaldDahl, die WesAnderson - vor kurzem noch mit "Asteroid City" (unsere Resümees) im Kino - für Netflix gedreht hat. "Die Filme spielen in einer merkwürdigen Vergangenheit, in einer stilisierten Nachkriegszeit, Ralph Fiennes ist in allen zu sehen, als Roald Dahl und manchmal auch in anderen Rollen. Die Kulissen werden vor unseren Augen verschoben, als seien die Filme in Puppenhäusern gedreht, und die Schauspieler erzählen eigentlich mehr, als sie spielen; die Folter in 'Der Schwan' sieht man nur als stilisierte Gesten." Und aus "Ich sehe was, was du nicht siehst" mit Benedict Cumberbatch wird "bei Wes Anderson nachgerade ein Stückchen moderne Kapitalismuskritik, spielerisch und betrachtet wie aus der Perspektive eines Kindes, das zwar unsagbar klug ist, vom Leben aber noch nicht darüber belehrt wurde, dass es meistens anders läuft, als man denkt. Vielleicht war die Vergangenheit nie so, wie sie bei Wes Anderson aussieht - aber genau so hätte sie sein sollen."
Was besseres als den deutschen Humor findest Du überall: "Last Exit Schinkenstraße" von und mit Heinz Strunk (li.) Bei Amazon ist "Last Exit Schinkenstraße" zu sehen, die neue (in der FAZbesprochene) Serie von und mit HeinzStrunk, der hier auf dem Ballermann in Mallorca einen Unterhaltungskünstler spielt, dem Fortuna kaum je einmal zuzwinkert. Das Schicksal glückloser Menschen liege ihm einfach, sagt Strunk im Gespräch mit der Welt - zugleich versteht er seine Comedy-Serie auch als Generalansage an den deutschen Humor: "Ich finde Comedy in Deutschland gerade richtig schlimm scheiße. Aber als älterer weißer Mann immer nur zu meckern, dass das nichts taugt, bringt es ja auch nicht. Besser ist zu beweisen, dass es was Gutes gibt. ... Deutsche Comedy ist für mich der ganz jährlich verlängerte Arm des rheinländischen Karnevals. Wenn ich durchs Fernsehen zappe, bin ich bestürzt über das deutsche Comedyprogramm." Aber "das Komischste ist immer das unfreiwillig Komische. Der auf Pointe konstruierte Witz ist für mich nicht so doll. Man soll dem Volk aufs Maul schauen."
Weitere Artikel: In der NZZ resümiert Andreas Scheiner das Zurich Film Festival. Besprochen werden JialingZhangs Dokumentarfilm "Total Trust" über die ÜberwachungsindustrieinChina (Tsp) und die zweite Staffel der Amazon-Serie "Loki" (Zeit).
Ihr habt keine Chance, aber nutzt sie, ruft DominikGraf dem deutschenFilmnachwuchs mit Herbert Achternbusch in seiner beim Filmfestival Hamburg gehaltenen Keynote zu, die Artechockdokumentiert: Bloß nicht aufs Fördersystem, die Öffentlich-Rechtlichen oder den Festivalzirkus schielen, da kommt man mittlerweile auch nur noch mit Selbstausbeutung durch und alle reden einem rein. "Aus dem grauenfreudlosenArthaus-Jutesack des mittelständigen deutschen Filmschaffens sollte durch euch plötzlich eine glitzernde, unverschämte, möglichst extrem politisch unkorrekte Filmwelle springen. " Denn "wenn die FunktionärInnen und AparatschikInnen bei euren Sehnsüchten nicht mitziehen, dann filmt mit dem Handy, entwickelt gleich fünf Drehbücher gleichzeitig, das beste geht ihr dann gleich mal selber an, alle Stoffe sollten erstmalsaubillig sein, am besten sollte alles auf der Straße spielen. ... Während ihr auf die Entscheidungen des Systems wartet - nehmt jetzt die Beine in die Hand und findet neue Lösungen, oder leiht euch ganz alte Lösungen aus, lernt Filmgeschichte neu, als kreativen Ratgeber, da sind die besten Ideen und Tricks für die Zukunft verborgen. Die hatten oft auch alle lange Zeit kein Geld. Und dieMöglichkeiten, mitnichtszufilmen, die sind seit meinen HFF-Zeiten deutlich besser geworden."
Weitere Artikel: In seiner wöchentlichen Artechock-Glosse ärgert sich Rüdiger Suchsland, dass ClaudiaRoths Kommission zur Findung einer neuen Berlinale-Intendanz kaumFestivalkompetenz aufweist. Außerdem liefert Suchsland auf Artechock weitere Notizen vom Filmfestival SanSebastian. Elke Eckert empfiehlt auf Artechock Filme des tourenden Festivals CinemaItalia. Besprochen werden ChloeDomonts Spielfilmdebüt "Fair Play" (Perlentaucher), Patric Chihas "Das Tier im Dschungel" (Tsp, unsere Kritik), AlexandreO. Philippes Dokumentarfilm "Leap of Faith" über WilliamFriedkin und seinen Horrorklassiker "Der Exorzist" (FD), David Gordon Greens "Exorzist"-Revival "Bekenntnis" (FD), GeorgiaOakleys Spielfilmdebüt "Blue Jean" (taz) und die koreanische Serie "Bargain" auf Paramount+ (ZeitOnline).
Kann sich nicht vergeben: Joel Edgerton ist der "Master Gardener" Paul Schraders neuer Film "Master Gardener" - der Abschluss einer losen Trilogie, dem "First Reformed" (unsere Kritik) und "The Card Counter" (unsere Kritik) vorangegangen sind - erscheint diese Woche leider nicht im Kino, sondern nur auf DVD und VOD. Erneut inszeniert der altgediente Autorenfilmer einen Mann zwischen Schuld und Reue, hier einen in einem Zeugenschutzprogramm untergebrachten Gärtner, dessen Tätowierungen beredte Auskunft geben über seine Vergangenheit als Neonazi. "Die tragischen Helden in Schraders Filmen kommen aus ihren Höllen zurück in eine Welt, die selbst nur zu gern vergisst", schreibt Daniel Kothenschulte in der FR. "Doch der Weißwaschgang funktioniert in ihren Fällen nicht, weil sie sich selber nichtvergeben können. ... In seiner geschmeidigen Form und mit einer tiefromantischen Liebesgeschichte in der Mitte unterscheidet sich 'Master Gardener' von den früheren Filmen der Trilogie. Wahrscheinlich ist 'First Reformed' der stärkere Teil und 'The Card Counter' der überraschendere, aber dies ist der sinnlichere."
Etwa, was die Gestaltung des Gartens betrifft, dessen digital eingefangene Schönheit Ekkehard Knörer in der tazbestaunt: "Fast könnte es scheinen, als habe ein Neonazi die Hintertür zurück in den Garten Eden gefunden, den er nun geduldig und kenntnisreich pflegt." Dieser Nazi ist ein "Mann, der Leben zerstört hat und dem Schrader nun in einem paradiesischen Garten Erlösung gewährt. Aus deren Gefährdung zieht der Film seine Spannung. Am Ende jedoch ist es ein Glück, dass der späte Schrader das Gegenteil eines Zynikers ist." SZ-Kritiker Fritz Göttler schwebt mit diesem Film in höheren Sphären: "Psychologie interessiert Paul Schrader nicht, nur die Dialektik von Einsamkeit und Liebe."
Weiteres: Lukas Foerster sendetcritic.de weiter Notizen vom Filmfestival in SanSebastian. Besprochen werden Jialing Zhangs Dokumentarfilm "Total Trust" über den chinesischen Überwachungsstaat (FD, taz), FlorianOpitz' Arte-Dokuserie "Capital B: Wem gehört Berlin?" (taz), AxelRanischs neue Arte-Serie "Nackt über Berlin" (FAZ), Patric Chihas "Das Tier im Dschungel" ("Brüche und Ellipsen sind von Anfang an Programm", schreibt Lukas Foerster im Perlentaucher), David Gordon Greens "Exorzist"-Revival (Tsp), Stephen Frears' "The Lost King" (Tsp, FD, FR), die Apple-Serie "Still Up" (FAZ) und die dritte Staffel von "Lupin" (Tsp). Und hier der Überblick des Filmdiensts zu allen Kinostarts dieser Woche samt Kritiken.
In der SZ schreibt Philipp Bovermann einen Nachruf auf den Synchronsprecher ThomasDanneberg, mit dessen Stimme in Deutschland ganze Generationen von Kinogängern aufgewachsen sein dürften: Er sprach den schelmenhaften TerenceHill, den brütenden SylvesterStallone, den ironischen ArnoldSchwarzenegger, aber auch JohnCleese, DanAkroyd, AdrianoCelentano, NickNolte und und und. "Für ein so enormes Pensum engagiert wird nur, wer beim Sprechen immer wieder eigene Figuren hörbar macht. Wenigen Synchronsprechern gelingt das wirklich." Seit "'Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle' (1972) war er Hills Feststimme, sein weicheres Timbre passte perfekt neben das Reibeisenorgan, das Wolf Hess Bud Spencer lieh. Ein bisschen Verzeihen und Geschmeidigkeit, dazwischen stets ein leichter Anflug von Spott, genau das braucht man, wenn man Sätze aufsagt wie: 'Hallo, ihr abgeschälten Gummiklöße, seid froh, dass ihr kein Nudelholz ins Genick kriegt.' Ach, waren das gute Zeiten und tolle Filme damals." Hier hören wir ihn nochmal als stets kecken Terence Hill:
Besprochen werden RomanPolanskis beim Zurich Film Festival gezeigter Film "The Palace" (TA), BarbaraAlberts Verfilmung von JuliaFrancksgleichnamigem Bestseller "Die Mittagsfrau" (Welt), MarcRothemunds Autismus-Komödie "Wochenendrebellen" mit FlorianDavidFitz (ZeitOnline), Christian Tafdrups Horrorfilm "Speak No Evil" (taz, unsere Kritik) und FisherStevens' Netflix-Doku "Beckham" (TA).
Hoffnungslos verknotet: "Stella. Ein Leben" mit Paula Beer Beim Zurich Film Festival hatte KilianRiedhofs "Stella. Ein Leben" Weltpremiere. Der mit PaulaBeer in der Titelrolle besetzte Film erzählt, wie zuvor Takis Würger in seinem Roman "Stella", die Geschichte von StellaGoldschlag, einer Berliner Jüdin, die mit den Nazis paktiert hat. Hanns-Georg Rodek von der Weltkann nicht verstehen, dass dieser Film von der Berlinale abgelehnt wurde. Dabei ist der auf Prozessakten basierende Film "unglaublich genau. ... Riedhof versucht, den ästhetischen Schutzfilter vor dem Dritten Reich, den wir uns aus unzähligen Filmen abgespeichert haben, aufzubrechen. So gibt es bei ihm die sonst unvermeidlichen braunen Uniformen nicht, eingeschliffene Assoziationen sollen nicht abgerufen werden. Er verzichtet auf spannungsschürende Musik, ein unruhiger Schnitt betont die Unberechenbarkeit der Lage, es gibt keine Kranfahrten, die uns wissend auf das wichtige Detail in Bild stupsen. ... Ein entscheidender neuer Begriff in der deutschen Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus: Erfahrbarkeit."
Andreas Scheiner von der NZZ hingegen packt das Entsetzen bei diesem Film: Sechs Millionen jüdische Lebensgeschichten aus dem Holocaust hätte man erzählen können - und Riedhof stürzt sich ausgerechnet auf eine jüdischeKollaborateurin? "Soll es darum gehen, dass jeder zu Nazi-Verbrechen fähig gewesen wäre? Wenn selbst eine Jüdin Juden in den Tod geschickt hat, ist der einfache Nazi entlastet." Der Regisseur selbst versteht seinen Film als Warnung vor dem erstarkenden Rechtsradikalismus. Doch "Haltung einzufordern, indem man von einer jüdischen Täterin erzählt, ist hoffnungslosverknotet. Und wer ein Wiedererstarken rechtsextremer Tendenzen befürchtet, kann sechs Millionen andere Geschichten erzählen."
Florian Bayer unterhält sich für die Zeit mit AgnieszkaHolland, die für ihr an der Grenze zu Belarus angesiedeltes Flüchtlingsdrama "Grüne Grenze" in Polen derzeit insbesondere von der PiS-Regierung derart angefeindet wird, dass sie mittlerweile um ihr Leben fürchtet, weil sich Gewalttäter von den Tiraden inspiriert fühlen könnten. Schon im Vorfeld war ihr daher klar, dass sie für diesen Film mit ihrer Regierung besser nicht ins Gespräch kommt: "Momentan ist die ökonomischeZensur sehr effektiv. Nichtkommerzielle Filme lassen sich kaum ohne Förderungen finanzieren. In Polen entscheidet darüber das polnische Filminstitut. Dessen Leiter hat so alles in der Hand, um gegen regierungskritischeFilme vorzugehen." Deshalb hatte sie Förderung auch gar nicht erst beantragt. "Ich wusste ja, dass wir sie nicht bekommen würden. Von Anfang an war mir klar: Die polnisch-belarussische Grenze ist ein Tabu. Die Regierung wollte nicht, dass Künstler und Journalisten darüber sprechen. Und es war richtig, sich nicht zu bewerben. Wenn die Regierung vom Projekt erfahren hätte, hätten sie uns von Anfang an Steine in den Weg gelegt. Jetzt haben sie erst nach Ende unserer Dreharbeiten davon erfahren."
Weitere Artikel: Thomas Abelthauser resümiert in der taz das FestivalSanSebastian, bei dem JaioneCambordas "O Corno" mit der Goldenen Muschel ausgezeichnet wurde. Jürgen Gottschlich erklärt in einer taz-Meldung, warum das traditionsreiche türkische AntalyaFestival in diesem Jahr ausfällt: Die Festivalleitung protestiert damit gegen den Druck der Politik, die die Aufführung des Dokumentarfilms "Kanun Hükme" über den Putschversuchinder Türkei2016 unterbinden will. In der SZ gratuliert Marie Schmidt der Schauspielerin GiselaSchneeberger zum 75. Geburtstag.
Besprochen werden WesAndersons aus vier Kurzfilmen bestehendes Roald-Dahl-Projekt für Netflix ("eine Hommage an jene Filme, die keine Bilder brauchen und die man gewöhnlich Bücher nennt", freut sich Wieland Freund in der Welt),GarethEdwards Science-Fiction-Film "The Creator" (Presse), die Netflix-Serie "Liebes Kind" (FAZ) und die vom ZDFonline gestellte, britische Arztserie "This Is Going To Hurt" (taz).
"Burning Days" von Emin Alper Für die tazspricht Thomas Abeltshauser mit dem türkischen Filmemacher EminAlper über dessen neuen Film "Burning Days", einen im türkischen Hinterland angesiedelten Paranoiathriller um Korruption und Wassermangel (unsere Kritik). Seinen Film hat Alper auch als Metapher über die "wirklich erdrückende" Gegenwart der Türkei angelegt, sagt er. Dort solche Filme zu produzieren, ist nicht einfach: "Es gibt eine Förderung des Kulturministeriums, aber man ringt mit einem Komitee. Das ist immer eine indirekteAuseinandersetzung, man weiß nie genau, woran man ist. Es gibt einen permanenten Druck, kein Geld zu bekommen oder das zugesagte Geld wieder zu verlieren. In unserem Fall forderten sie anschließend sogar das Geld zurück, weil der fertige Film in ihren Augen nicht dem eingereichten Drehbuch entspricht. ... Alle haben Angst, niemand will in einen Film investieren, der nicht von den Behörden abgesegnet ist." Doch "sobald ein Film fertig ist und einen Verleih hat, kann man ihn in den Kinos zeigen. Auch 'Burning Days' lief sehr erfolgreich. Es gibt keine offensichtliche Zensur in diesem Sinne. Unsere Zensur funktioniert indirekt." Homophobie "war auch die eigentliche rote Linie für die Behörden. Wenn ich in einem Film von autoritärenStrukturen erzähle, kann ich immer behaupten, es sei nur eine Metapher für etwas anderes. Aber Homophobie ist etwas anderes, es benennt ein konkretes Problem. Es gibt sie nicht nur in der türkischen Gesellschaft, sie ist in den letzten Jahren zu einer staatlichenPolitik geworden.
Die goldenen Zeiten des Streamings sind endgültig vorbei, glaubt Chris Schinke im Filmdienst-Kommentar zur Einigung im Drehbuchstreik in Hollywood: Zu offensichtlich ist die Krise des Streamings und des Geschäftsmodells dahinter, die mit dieser Einigung zutrage getreten ist: "Nach Jahren des durch Investorengelder ermöglichten Wachstums geraten die Abonnentenmodelle zusehends an ihre Grenze. Das verdonnert die Studios zum Sparen. Zuletzt wurden auch zahlreiche erfolgreich laufende Showformate gecancelt. Unter den neuverhandelten Arbeitsbedingungen steigen die Kosten derweil weiter. Für Zuschauer bedeutet das zweierlei: Die Zahl der produzierten Serien und Filme dürfte abnehmen. Die aktuellmaueHerbstsaison - traditionell Zeitpunkt vieler hochkarätiger Produktionen - gibt davon schon einen Eindruck. Zweitens dürften die Kosten für Abonnements der Streaming-Services in kommender Zeit deutlich steigen. Auch Abo-Modelle mit Werbung werden die Dienste ihren Kunden in Zukunft schmackhaft machen wollen. Die Tage, in denen das Streaming Zuschauern mehr Inhalte für weniger Geld versprach, dürften endgültig gezählt sein. Und das nicht wegen der erstreikten Zugewinne der Autoren. Vielmehr hat der Writers und Actors Strike offenbart, wie wenigtragfähig das Modell Streaming tatsächlich ist."
Weitere Artikel: Lukas Foerster berichtet auf critic.de vom Filmfestival in SanSebastian. Andreas Kilb (FAZ) und Marion Löhndorf (NZZ) schreiben zum Tod des Schauspielers MichaelGambon. Besprochen werden PabloLarraíns auf Netflix gezeigte Pinochet-Groteske "El conde" (Freitag), die vierte Staffel von "Sex Education" (Presse), die Amazon-Serie "Generation V" (FAZ), die auf RTL gezeigte True-Crime-Serie "Love & Death" (Zeit) und Cal Bunkers Animationsfilm "Paw Patrol" (SZ).
Daniel Kothenschulte wirft für die Welt einen Blick auf das Urteil im Prozess von AnikaDecker gegen TilSchweiger, in dem der Drehbuchautorin zwar eine moderate Gewinnbeteiligung zugesprochen wurde, die Kosten des Prozesses muss sie allerdings auch tragen. Es hat nämlich einen guten Grund, warum in Deutschland Künstler so selten auf Nachzahlungen pochen: "Kaum ein Kinofilm spielt seine Produktionskosten tatsächlich ein. Die Filmfördermodelle sind so aufgestellt, dass Produzierende im Extremfall auch ohne den Verkauf einer einzigen Kinokarte über die Runden kommen. Ihre 'producer's fee' errechnet sich aus den Budgets, die von ihnen geforderten Eigenanteile lassen sich mit Vorab-Verkäufen - etwa ans Fernsehen - verrechnen. Das minimiert ihr Risiko. Kommt es dann doch einmal zu Gewinnen, zahlt man die bedingt rückzahlbaren Darlehen an die Förderanstalten zurück - und der Rest ist Schweigen."
Dazu passt die aktuelle Einigung im Streik der Drehbuchautoren in Hollywood. Ein zentraler Punkt des Streiks war der Einbruch von Tantiemen im Streamingzeitalter, da kaum noch Serien lizenziert und syndiziert werden. Im früheren Modell ergaben sich daraus stets Folgezahlungen an die Autoren. Da die Streamingdienste ihre Abrufzahlen allerdings hüten wie Coca Cola sein Rezept, konnten hier bislang kaum Erfolgsbeteiligungen eingefordert werden. Hier wurde nun "ein Kompromiss erreicht, den die Writers Guild als echten Durchbruch angibt", schreibt Barbara Schweizerhof auf ZeitOnline. "Erstmals nämlich wird es Vergütungszahlungen geben, wenn 20 Prozent der Abonnenten eines Streamingportals eine Serie in den ersten 90 Tagen nach Veröffentlichung schauen. Das Zahlenspiel gibt eine Andeutung darauf, wie komplex eine Erfolgsmetrik im Streamingzeitalter werden kann, bei der die Größe eines Dienstes und womöglich auch die Kosten einer Produktion genauso wie unterschiedliche Zahlen für einzelne Folgen und womöglich verschiedene Länder einfließen können."
Außerdem: Valerie Dirk spricht für den Standard mit der Regisseurin ElisabethScharang über deren neuen Film "Wald". Rüdiger Suchsland gibt auf Artechock Tipps zum FilmfestHamburg. Pascal Blum (TA) und Andreas Scheiner (NZZ) berichten vom Auftakt des Zurich Film Festivals mit einem beglatzten NicolasCage. Außerdem ehrt das Zurich Film Festival ehrt den Filmkomponisten VolkerBertelmann, schreibt Christoph Wagner in der NZZ. Nachrufe auf den Schauspieler MichaelGambon, der einem breiten Publikum vor allem als Dumbledore aus den Harry-Potter-Filmen bekannt wurde, schreiben David Steinitz (SZ) und Katrin Nussmayr (Presse),
Besprochen werden ChristianTafdrups Horrorfilm "Speak No Evil" (Welt, unsere Kritik), Theo Montoyas Sex-Essayfilm "Anhell69" (Tsp, Zeit), Gareth Edwards' SF-Film "The Creator" (Standard) sowie Tristan Séguélas und Olivier Demangels französische Netflix-Serie "Tapie" über den Linkspopulisten Bernard Tapie (Freitag).
Blickt in den Abgrund einer enthemmten Gesellschaft: "Burning Days" Der türkische Autorenfilmer EminAlper wirft mit seinem Paranoiathriller "Burning Days" einen Blick auf die Korruption im türkischen Hinterland. Es geht um Wasserknappheit. "Es ist die treffende Ironie" des Films, schreibt Robert Wagner im Perlentaucher, "dass man als Zuschauer die Werkzeuge des Filmemachers deutlich vor sich sehen kann, dass der Film aber trotzdem wirkt." Er funktioniere in seiner "klaren Unklarheit als Verschwörungsthriller, als politische wie existenzielle Parabel und als Psychogramm, ist dicht und reichhaltig. Wenn wir einem anderen Pfad von ausgestreuten Brotkrumen folgen, dann auch als fragile, schwuleLiebesgeschichte in einem Umfeld aus Misstrauen und Homophobie. Vor allem ist es aber ein Film, der uns einlädt, in Gesichter zu schauen und zu rätseln, ob sie so einfach zu durchschauen sind, wie sie scheinen." FR-Kritiker Daniel Kothenschulte verirrt sich gerne in "Alpers modernenKafkaesken", in denen der Regisseur "metaphorische Bilder" schafft, "die an der Grenze zum Surrealen in die Abgründe einer enthemmten, nicht mehr öffentlich kontrollierbaren Gesellschaft blicken lassen." In der FASlobt Bert Rebhandl Alpers "erzählerische Intelligenz". Weitere Besprechungen im Tagesspiegel und auf Artechock.
Weiteres: AnnitaDecker hat ihren Prozess gegen TilSchweiger "im wesentlichen verloren", zitiert SZ-Kritiker David Steinitz den Richter Rolf Danckwerts aus der Urteilsverkündung: Zwar erhält die Drehbuchautorin eine moderate Nachzahlung aus den jüngsten Gewinnen der Filme, die sie mitgeschrieben hat, aber nicht aus den deutlich höheren Gewinnen der Kinoauswertung: Sie hätte ihre Ansprüche darauf innerhalb von drei Jahren geltend machen müssen. In der FAZberichtet Julia Encke von der Urteilsverkündung. In der tazsprichtGarethEdwards über seinen (auf ZeitOnline, Artechock und in der SZ besprochenen) Science-Fiction-Film "The Creator" (mehr dazu bereits hier). Auf Artechockübermittelt Rüdiger Suchsland Notizen vom Filmfestival SanSebastian. Alexander Görlach erzählt in der NZZ eine kleine Geschichte des südkoreanischenFilmwunders, dem das Zurich Film Festival in diesem Jahr einen Schwerpunkt widmet. Helgard Kemper und Katja Nicodemus plauschen für die Zeit mit WimWenders.
Besprochen werden ChristianTafdrups "Speak No Evil" (Perlentaucher), die Memoiren des Berliner Autorenfilmers Jörg Buttgereit (Filmfilter), Barbara Alberts gleichnamige Verfilmung von JuliaFrancksRoman "Die Mittagsfrau" (FR, Artechock, FAS, Filmdienst), Theo Montayas Essayfilm "Anhell69" (taz, Filmdienst), MoritzSpringers Dokumentarfilm "Das Kombinat" (Filmdienst, SZ), MarcRothemunds "Wochenendrebellen" (Artechock), Michael Steiners auf Netflix veröffentlichter Actionthriller "Early Birds" aus der Schweiz (NZZ) und die laut taz-Comicexperte Ralph Trommer ziemlich schludrige ARD-Dokuserie "BÄM - Geschichte des Comics". Hier alle Filmkritiken des Filmdiensts zur aktuellen Startwoche.
Erstklassig anarmorphotisch: "The Creator" von Gareth Edwards Gareth Edwards' Science-Fiction-Blockbuster "The Creator" hat den FAZ-SF-Spezialisten Dietmar Dath mit seiner Geschichte über den Krieg der Menschheit gegen ein KI-System mehr als überzeugt, zumal der Stoff um ein Roboterkind, das sich als tödliche Waffe entpuppen könnte, auf der Höhe der Zeit inszeniert wurde. Vorbilder dafür gibt es reichlich, doch der Film "übertrifft an Schönheit wie an Weisheit Spielberg, Lemire und Nguyen, weil Edwards erstens ambivalenteresMaterial aufbietet und es zweitens schlüssigerverdichtet. Dazu dienen ihm Aufnahmen, die er in acht südostasiatischen Ländern mit (klassizismushalber) erstklassigenanamorphotischenKameralinsen unternommen hat. Die filmnarrativen Formen, die er zur Bändigung der Eindrucksfülle in Anspruch nimmt, kennt er sichtlich in- und auswendig; er hat vermutlich sowohl die Schauplatzverwandten zwischen Coppolas 'Apocalypse Now' (1979) und Kubricks 'Full Metal Jacket' (1987) als auch die nötigen bildnarrativen Inspirationen, allen voran 'Kozure Ôkami' ('Okami - Das Schwert der Rache', 1972) von Kenji Misumi, aufmerksam studiert. Das alles eignet er sich auf eine Weise an, für die man mit einer Metapher aus der Physik das Wort 'Piezoelektrik' wählen könnte. Denn das bezeichnet die Erzeugung einer elektrischen Spannung in einem Festkörper durch elastische Verformung desselben." Weitere Besprechungen in Tagesspiegel und NZZ.
Weitere Artikel: Die iranische "Kostümbildnerin und Setdesignerin Leila Naghdipari sitzt seit dem Jahrestag von Jina Mahsa Aminis gewaltsamem Tod im Gefängnis", meldet Christiane Peitz im Tagesspiegel, nachdem JafarPanahi auf den Fall aufmerksam gemacht hatte. Susan Vahabzadeh schreibt in der SZ zum Tod des Schauspielers DavidMcCallum.
Besprochen werden mit "Emile - Erinnerungen eines Vertriebenen" und "A Boy's Life - Kind Nummer B2826" zwei neue Dokumentarfilme über Holocaust-Überlebende (Standard) und die auf Artegezeigte, französische Comedyserie "Unter Kontrolle" (taz).
BuchLink: Aktuelle Leseproben.
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