Efeu - Die Kulturrundschau

Im Rachen eines Löwen

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11.06.2024. In der NZZ erzählt der ukrainische Dichter Andri Ljubka, wie viele Ukrainer versuchen dem drakonischen Mobilisierungsgesetz zu entgehen: Sie verlassen ihre Wohnungen nicht mehr. In Lugano vollführt die NZZ halsbrecherische Kunststücke im Miniatur-Zirkus von Alexander Calder. Die SZ stellt im Kunstmuseum Wolfsburg fest, wie prächtig ein Haus floriert, wenn es Volkswagen im Rücken hat. Die FR macht sich mit Juezhi Tang, dem Preisträger des Internationalen Wettbewerbs für Choreografie, zur Schnecke. Und Van ist froh, dass sich Dirigent Vladimir Jurowski nicht für die Elefantenblechchöre in Bruckners Siebter schämt.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.06.2024 finden Sie hier

Literatur

Paul Jandl bietet in der NZZ einen Überblick über die Lage ukrainischer Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die sich mehr und mehr fragen müssen, ob es noch reicht, mit Texten gegen den Krieg anzuschreiben - Anlass dafür bot Serhij Zhadans mittlerweile umgesetzter Entschluss, sich bei der ukrainischen Nationalgarde zu melden. Diese Form von Freiwilligkeit kommt jedoch gerade an ihr Ende, seit die Ukraine "ein neues drakonisches Mobilisierungsgesetz" verabschiedet hat, erklärt Jandl. "'Ich bin Teil jener Reserve, die als Nächstes an die Front kommt'", sagt der ukrainische Dichter Andri Ljubka. 'Viele versuchen, der Registrierung zu entgehen. Sie verlassen ihre Wohnungen nicht mehr. Militärpatrouillen sind in den Straßen unterwegs und kontrollieren die Dokumente. Wenn jemand nicht registriert ist, wird er sofort zu den Truppen geschickt.' Ljubka sieht, dass die Ukraine auch von innen zunehmend paralysiert ist. Wer sich versteckt, steht auch der Wirtschaft und der Zivilgesellschaft nicht mehr zur Verfügung. ... Es ist die Logik des aufgezwungenen Krieges, die die Ukraine zunehmend dahin bringt, einen Krieg gegen das eigene Volk zu führen." Für die Berliner Zeitung spricht Susanne Lenz mit dem ukrainischen Autor Artem Tschech, der als Soldat an der Front kämpft.

Weiteres: Der Schriftsteller Mircea Cărtărescu erzählt in der FAZ von seiner einzigen Begegnung mit dem Schriftsteller Eginald Schlattner vor ein paar Jahren, der ihn in seiner Begeisterung für seine Texte an den Paul Zsolnay Verlag vermittelt hat. Die FAZ dokumentiert Daniel Kehlmanns Rede zum Börne-Preis.

Besprochen werden unter anderem Aris Fioretos' "Die dünnen Götter" (NZZ), Saša Stanišićs Erzählband "Möchte die Witwe angesprochen werden, platziert sie auf dem Grab die Gießkanne mit dem Ausguss nach vorne" (Standard), Susan Sontags Essayband "Über Frauen" (Zeit), Murmel Clausens "Leming" (Zeit), Michael Crichtons postumer, von James Patterson fertiggestellter Thriller "Eruption" (online nachgereicht von der FAS), Stefanie Höflers und Philip Waechters Kinderbuch "Ameisen in Adas Bauch" (online nachgereicht von der FAZ), Moussa Abadis Kurzgeschichtenband "Die Königin und der Kalligraph" (FAZ) und Jos Versteegens Biografie über Hans Keilson (Welt). Mehr ab 14 Uhr in unserer aktuellen Bücherschau.
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Kunst

Installationsansicht, Lucas Cranach d. Ä., Venus, um 1530. Herzog Anton Ulrich-Museum, Braunschweig, Foto: Claus Cordes; Benedikte Bjerre, Lisa's Chicken (Farm Life / German Version) (Ausschnitt), 2016/2021. Kunstmuseum Wolfsburg. © Benedikte Bjerre, Foto: Marek Kruszewski

Das Kunstmuseum Wolfsburg feiert dreißigjähriges Bestehen und dem Haus geht es dank der Volkswagen-Connection prächtig: Dank finanziell üppiger Ausstattung umfasst die Sammlung inzwischen rund 900 Werke, von denen eine Auswahl in der Ausstellung "Welten in Bewegung" neu arrangiert wird, freut sich Alexander Menden in der SZ: "Sein niederländischer Gründungsdirektor Gijs van Tuyl, der das Museum von 1994 bis 2005 leitete, kaufte als allererstes Werk den 'Tisch der Fruchtbarkeit' (1976) von Mario Merz. Dieses Werk, eine Art Füllhorn im Querschnitt, das auf einem spiralförmigen Tisch Obst und Gemüse in zunehmender Menge zeigt, ist bei 'Welten in Bewegung' die zentrale Arbeit des Saals mit dem Themenschwerpunkt 'Formen der Natur'. Dieser abstrakte Zugang zur Natur steht in einem interessanten Gegensatz zur 'Italienischen Flusslandschaft' des Flamen Guilliam van Nieulandt. Merz' Abstrahierung, basierend auf dem Prinzip der Fibonacci-Zahlenreihe, trifft auf ein idealisiertes Barock-Capriccio. Beide Darstellungen haben weit weniger mit Natur an sich als mit dem menschlichen Blick auf sie zu tun."

Einen "luftig-leichten" Parcours unternimmt Uta Appel Tallone (NZZ) im MASI in Lugano, das dem amerikanischen Bildhauer Alexander Calder, der das Mobile in die Kunst holte, eine Retrospektive widmet. Zahlreiche Werke aus Museen in New York und Dänemark sind hier zu sehen, freut sich Tallone: Mit seinen "Objekten aus Gestänge, Drähten und ausbalancierenden Elementen hat Calder in den 1930er und 1940er Jahren die Kunstwelt revolutioniert. Er brachte die Bewegung - buchstäblich - mit ins Spiel und verblüffte mit seinen dynamischen Konstruktionen. Von seinen Zeitgenossen wurde Calder nicht selten als 'großes Kind' wahrgenommen. Im Internet kann man Kurzvideos anklicken, welche Originalaufnahmen zeigen: Alexander Calder, ein Koloss von Mann, auf dem Boden kauernd, inszeniert mit der Ernsthaftigkeit eines Buchhalters eine Miniatur-Zirkusshow vor Publikum. Er lässt seine aus Draht und rezykliertem Material gefertigten Puppen zu beschwingter Musik halsbrecherische Kunststücke vorführen, geleitet von seiner Hand. Jongleure und Akrobaten tanzen auf Seilen, vollführen Sprünge in die Luft und stecken den Kopf in den Rachen eines Löwen."



Durch Industriegebiete, über Mietshaustreppen und Parkplätze führt die Biennale Glasgow International die Guardian-Kritikerin Hettie Judah, die dennoch glücklich ist, dass die diesjährige Ausgabe weniger überfordernd ist als ihre Vorgänger. Politisch geht es dennoch zu, vor allem das Grauen in Gaza spielt eine Rolle, etwa im Werk von Cathy Wilkes: "Wilkes stellt die Frage, was es bedeutet, eher zu den Verletzten als zu den Toten zu gehören, anhand des Falles von Emma Groves, einer Frau aus Belfast, die erblindet ist, nachdem sie in ihrem Haus von einem Gummigeschoss ins Gesicht getroffen wurde. Wilkes schleudert ein Gummigeschoss - dick und stämmig - durch die Galeriewand, das in der Luft vor einer zurückweichenden weiblichen Gestalt hängen bleibt, die von einer verschnörkelten Haushaltslampe beleuchtet wird."

Weitere Artikel: Ab dem kommenden Jahr werden deutsche Galerien und Kunstkäufer wieder steuerlich entlastet, meldet Ingeborg Ruthe in der Berliner Zeitung: "Nach zehn Jahren dringlicher Forderung, den 2014 von der EU drastisch erhöhten Mehrwert-Steuersatz für Kunst-Verkauf von 19 Prozent wieder zurückzusetzen auf sieben Prozent, stimmte das Bundeskabinett der Rückkehr zum Moderaten zu."

Besprochen werden die die 40. Ausgabe des Kurzfilmfestivals Hamburg, die den künstlerischen Dokumentationen der sudanesischen Revolution unter dem Titel "Fragile Spuren: Archive im Konflikt" eine eigene Ausstellung widmet (taz), die Sommerausstellung "Frischer Wind. Impressionismus im Norden" im Museum der Westküste auf der Insel Föhr (Tsp) und Marianna Simnetts Videoinstallation "Winner" im Hamburger Bahnhof, die sich mit Gewalt im Fußball auseinandersetzt (taz).
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Film

Für den Filmdienst spricht Josef Lederle mit dem Regisseur Marcus Vetter über dessen in Jenin entstandenen Dokumentarfilmzyklus, der jetzt mit "War and Justice" fortgesetzt wird. Die Zahl der Menschen, die sich an Themis, die Vertrauensstelle für Film- und Musikschaffende zu Fragen von sexueller Belästigung und Gewalt am Arbeitsplatz, wenden, nimmt aktuell rasant zu, berichtet Christiane Peitz im Tagesspiegel. In der Presse empfiehlt Lukas Foerster die Julien-Duvivier-Retrospektive im Österreichischen Filmmuseum.

Besprochen werden die Buddy-Actionkomödie "Bad Boys 4: Ride or Die" mit Martin Lawrence und Will Smith (FAZ-Kritiker Daniel Haas fragt sich, "ob die letzten fünfzig Jahre Feminismus überhaupt stattgefunden haben") und die zweite Staffel der Netflix-Serie "Tour de France" (SZ).
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Bühne

456 Bewerbungen aus 65 Ländern wurden beim Internationalen Wettbewerb für Choreografie in Hannover eingereicht, zehn schafften es ins Finale, acht Produktionspreise wurden vergeben, resümiert Sylvia Staude (FR), die selbst mit in der Jury für den Kritikerpreis saß. Ins Halbfinale tanzten sich noch viele Duos, meist "elegisch bis leicht pathetisch". Der Hauptpreis, der Tanja Liedtke Award, aber geht nach China an den Choreografen Juezhi Tang: "'The Snail' heißt das Solo, die Schnecke, und Derui Gao war eine nuancierte, ausdrucksstarke, tänzerisch grandiose, nun ja, Menschen-Schnecke, wie er über und um sein Haus glitt, purzelte, geradezu flog, sich darin verkroch. Einerseits völlig unschneckisch in seiner Geschwindigkeit, andererseits mit manchen Bewegungen absolut schneckenähnlich und wohl genau beobachtet am lebenden Subjekt."

Szene aus Verdis "Sizilianische Vesper". Foto: Herwig Prammer

Ja, Verdis "Sizilianische Vesper" über die Liebe zwischen Todfeinden im Sizilien des Jahres 1282 gilt als Problemstück, räumt Christian Wildhagen in der NZZ ein. Aber dass Calixto Bieito daraus am Opernhaus Zürich ein "drittklassiges Splattermovie" macht, hat die Oper nicht verdient, seufzt er: "Bieito interessiert der Handlungsrahmen … nur im Hinblick auf ein zentrales Motiv: das der Gewalt gegen die Unterlegenen, namentlich gegen Frauen. Die zahlreichen Übergriffe und Vergewaltigungen, die im Libretto angedeutet sind, werden dann doch wieder, nach alter Bieito-Manier, sehr brutal und realistisch dargestellt. Es knirscht auch noch viel grundsätzlicher in seinem Konzept: Verdis Ästhetik verträgt diese Art von symbolhaft überhöhter Meta-Inszenierung nämlich nicht. Schon gar nicht 'I vespri siciliani'. ... Die Handlung wirkt konstruiert, die Charaktere erscheinen wenig glaubwürdig, der geschichtliche Hintergrund bleibt Staffage. Statt hier helfend mit den Mitteln des Theaters gegenzusteuern, stellt Bieito die Brüchigkeit erst recht aus."

Weitere Artikel: Für den Standard resümiert Colette M. Schmidt, die als Gerichtsschreiberin selbst Teil der Inszenierung war, Milo Raus zweiten Wiener Prozess, bei dem es um die Frage ging, ob die FPÖ demokratiegefährdend ist und ihr die Parteienfinanzierung gestrichen werden soll. Nachtkritiker Georg Kasch muss sich korrigieren: Entgegen seiner Behauptung in einer Kolumne muss er feststellen: Es gibt sehr wohl queeres Theater im Osten.

Besprochen werden Axel Ranischs Inszenierung der DDR-Operette "Messeschlager Gisela" im Spiegelzelt vor dem Roten Rathaus für die Komische Oper (Welt), Kathrin Mädlers Inszenierung von Kleists "Der zerbrochene Krug" am Staatstheater Mainz (FR), Bernadette Sonnenbichlers Adaption von Dana Vowinckels Roman "Gewässer im Ziplock" (SZ) und Andriy Zholdaks Inszenierung von Beethoven Fidelio an der Dutch National Opera in Amsterdam (FAZ).
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Musik

Das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin hat unter Vladimir Jurowski die Siebte von Bruckner gespielt. "Jurowski ein Dirigent des langen Atems und der weiten Bögen", schreibt Albrecht Selge in VAN. "Diese Bögen zielen hier mit bewundernswert geduldiger Disposition auf die weiträumigen Gipfel des Werks: den Abschluss des Kopfsatzes, den absoluten Höhepunkt im Adagio (inklusive 'the Beckenschlag'). Das ist in seiner Konsequenz enorm beeindruckend, auch wenn mancher Hörer gewiss etwa im Scherzo mehr Schärfe und/oder Ausgelassenheit goutieren würde. Im vierten Satz erweisen Dirigent und Orchester dem Mondstein Bruckner dann gar ihren Respekt, indem sie sich bewusst nicht schämen für dessen äußerliche Schwerfälligkeiten. Etwa diese halb tanzenden, halb marschierenden Elefantenblechchöre, die in die schlussendliche Finalerhebung führen. Jurowski und das RSB erlauben Bruckner auch, fremd und bizarr zu bleiben. Dieser Bruckner, der mit einem Lauschen auf die feldmansche Rückseite des Erdtrabanten begann, ist eine wahre Mondfeiernis."

Nach Ausflügen in Industriepop-Gefilde kehrt Charli XCX mit ihrem neuen Album "Brat" endlich wieder zum Hyperpop-Irrsinn ihrer frühen Tage zurück, jubelt Jakob Biazza in der SZ, und damit "zur Kunst oder Wahrhaftigkeit oder dem Echten oder wie auch immer man das mit zu viel Pathos nennen mag. Ein Werk von vehementem, strahlendem Eklektizismus - 19 Stile pro Song, jeder davon noch etwas greller oder anschmiegsamer oder bitzelnder als der vorherige. Alles randvoll mit jenem Zauberwahnsinn, der sie immens groß darin gemacht hat, auf keinen Fall zu groß zu werden. Anders gesagt, und nur für den Fall, dass sie doch kurz weg war: willkommen zurück."



Außerdem besprochen werden ein Auftritt von Nichtseattle (FR), das RnB-Debütalbum der Newcomerin Tems (Standard), das Eröffnungskonzert des Intonations Festivals in Berlin (Tsp), neue Podcasts (hier und dort) zu den MeToo-Vorwürfen, die Rammstein-Sänger Till Lindemann letztes Jahr gemacht wurden (Welt) und das neue, kurz nach seinem Tod veröffentlichte Album von Steve Albinis Band Shellac (taz).

Archiv: Musik