"Redon erzählt nicht, sondern verrätselt. Er lässt Farben und Formen klingen, aber nach einer Melodie, die nie jemand gehört hat. Man hat ihn als Symbolisten bezeichnet - doch ist er es eigentlich? ", fragt sich Maria Becker in der NZZ beim Besuch der Odilon Redon-Ausstellung "Rêve et Réalité" im Winterthurer Museum Reinhart. Unter den Zeitgenossen blieb er ein Solitär, "ein Grenzgänger zwischen den Sphären", schreibt sie: "Wer nach Symbolen sucht bei Redon, wird enttäuscht. So zeichenhaft manche Gestaltungen scheinen - sie weisen nicht über sich selbst hinaus. Näher liegt der Mikrokosmos, den Redon von Clavauds Naturwissenschaft ableitet. Der Künstler erkennt darin die bizarre Schönheit von Wimperntierchen und anderen Zellstrukturen und lässt sie in freien Ornamenten neu erstehen. Seine Blumensträuße der Reifezeit sind analoge Phantasien zur Natur. In gewissem Sinn ist Redons Bildwelt den kunstvollen Quallen- und Seeigelformationen seines Zeitgenossen Ernst Haeckel verwandt."
Diane Arbus: A Box of Ten Photographs, 1970. Bild: Marc Domage Auch die amerikanische Fotografin Diane Arbus faszinierte das Bizarre und Abseitige, wie Marc Zitzmann (FAZ) nicht erst in der umfassenden Ausstellung "Constellation" in der Fondation Luma in Arles feststellt: "So begeisterte sie sich für Krabbel- und Stabwirbel-Wettbewerbe, für Nudistencamps, Altersheime und Tanzlokale. Daneben fotografierte sie Menschen mit ihren Hunden als 'odd couples', Doppelgänger berühmter Zeitgenossen, Künstlerpartner, Zwillinge, Kleinwüchsige, Transvestiten, Oben-ohne-Tänzerinnen, nicht zu vergessen die geistig Behinderten, denen sie sich in ihren drei letzten Lebensjahren immer wieder widmete und die sie bisweilen in seltsamen Maskeraden zeigte. Der bis heute verbreiteten Auffassung, sie habe sich spezialisiert auf 'subjects perverse and queer', wie selbst ihr Bruder 1965 in seinen Memoiren schrieb, widersprach sie vehement. Es gehe ihr nicht darum, entgegnete sie, einen 'schmutzigen Katalog' zu erstellen. Vielmehr bemühe sie sich ja gerade darum, die Menschen nicht als Freaks zu zeigen, sondern als Individuen, deren Anderssein sie heraushebe, ja adele. "
Patrick & Piet & Josef (II), 1996. Foto: Kunstmuseum Winterthur Sylvie Fleury gilt als "Ärgernis" in der Kunstwelt: "Denn der Kunstklau ist bei ihr Programm", schreibt Philipp Meier, der in der NZZ daran erinnert, dass Fleurys "schamloser" Mix aus "Kunst und Kommerz" lange Zeit als "anrüchig" galt. Das hat sich inzwischen geändert, wie Meier in der aktuellen Ausstellung "Shoplifters from Venus" im Kunstmuseum Winterthur feststellt, die ihm zeigt, mit wie viel Witz Fleury den Konsum zur Kunstform erhoben hat: "Sie hat der Mode den Zugang zur Kunst ermöglicht. Sie kauft aber nicht nur ein in den Shopping-Malls der Modewelt, sondern bedient sich auch in den Museen, als wären es Warenhäuser. Dort entwendet sie ihre Bildfindungen aus dem reichen Fundus der Kunst der Moderne. Das sieht dann so aus: ein paar Pumps, weiß, rot, blau, gestaltet im Rechteck-Look à la Piet Mondrian, auf einem Sockel. Und dieser - ein Gebrauchsgegenstand, den es braucht, damit ein Kunstobjekt ein Kunstobjekt wird - wird bei Fleury ebenfalls zur Kunst...Fleury persifliert die großen Meister der Nachkriegskunst und fegt ironisch und lustvoll über Geschlechterklischees hinweg."
Ebenfalls in der NZZwirft Marion Löhndorf einen begeisterten Blick ins Innere des diesjährigen, von Lina Ghothmeh gestalteten Pavillons der Serpentine Gallery in den Londoner Kensington Gardens: "Von ausgestanztem Blattwerk durchbrochene Außenwände schirmen den Innenraum ab und lassen das Grün des Parks durchschimmern. (...) Die ornamental fließenden Linien der Blätter erinnern an Sommerkleider braver Mädchen. Innen riecht es intensiv nach Holz, das ist in diesem Jahr das Schönste an diesem Pavillon, denn alles ist aus diesem Material: die sternfömig ausgerichteten Dielen am Boden, die Wände, das Dach und ein Säulengang, der rund ums Gebäude führt."
Weitere Artikel: Im monopol-Interview mit Katharina Cichosch schildert die Leiterin des Nassauischen Kunstvereins Wiesbaden, Elke Gruhn, die Lage für Kunstschaffende in Afghanistan. Weil diese dort in Lebensgefahr schweben, zeigt die Ausstellung "Hidden Statement: Art in Afghanistan" die Werke der Beteiligten anonym: "Sie haben de facto null Einkommen, keinerlei Ausstellungsmöglichkeit, kommen an ihre Besitztümer nicht mehr heran." In der Welterinnert Henryk M. Broder an den wenig bekannten Künstler Wilhelm Ernst Beckmann, der vor den Nazis nach Island floh. Über sein Leben und Werk ist nun der Dokumentarfilm "Island: Zuflucht und Erfüllung - Der Exilkünstler Wilhelm Beckmann" erschienen. Ebenfalls in der Weltschreibt Marcus Woeller einen Nachruf auf Françoise Gilot. Die NZZberichtet über den Raubkunst-Streit zwischen den Nachfahren des Kunstsammlers Paul von Mendelssohn-Bartholdy und der bayerischen Regierung.
Besprochen werden eine Ausstellung mit Werken von Isa Genzken in der Galerie neugerriemschneider Berlin (tsp), die Ausstellung "Anna Bogouchevskaia. Shouldn't be gone" in der Werkstattgalerie Hermann Noack Berlin (tsp), die Ausstellung "Eintauchen in die Kunst" im Museum unter Tage in Bochum (monopol) und die Installation "Down to earth" von Francelle Cane und Marija Marić im Luxemburg- Pavillon der Venedig-Biennale (taz).
Die französische Malerin und Schriftstellerin Françoise Gilot ist im Alter von 101 Jahren gestorben, meldet neben vielen anderen ZeitOnline: Gilot war die einzige Frau, die es gewagt hatte Pablo Picasso zu verlassen. Die New York Times bringt schon einen Nachruf.
Chris Offili: The Swing, 2020-2023. Bild: Victoria Miro Dem Guardian-Kritiker Adrian Searle gehen die Augen über. Die Victoria Miro Gallery zeigt in London den neuen Zyklus "The Seven Deadly Sins" des britischen Künstlers Chris Ofili, und Searle kann sich an den grandiosen Bildern kaum satt sehen: "Wenn man diese neuen Gemälde betrachtet, gleitet der Blick und driftet, er versucht sich festzuhalten, rutscht aber immer weiter und wird unter die Oberfläche gezogen, von Strömungen und Unterströmungen erfasst und herumgeschleift. Ofili fängt den Blick ein und macht den Akt des Sehens bewusst. Bridget Riley tut dies ebenfalls, allerdings auf eine ganz andere Weise. Jede Markierung, jeder Punkt oder jede gewundene Linie in Ofilis Gemälde ist beabsichtigt, das Ergebnis einer bewussten Berührung oder einer Reihe von Berührungen. Jeder Zentimeter schreit nach Aufmerksamkeit. Obwohl reich und dicht, sind die meisten dieser Werke dünn, fast durchsichtig gemalt, bis sich plötzlich in einem Bild, das an Fragonards Rokoko-Schaukel erinnert, der Schwenk zu einer dick aufgetragenen, geronnenen Opazität vollzieht. 'Die Sieben Todsünden' sind Gemälde in ständigem Übergang: zwischen Oberfläche und Tiefe, Figur und Blattwerk, Licht und Dunkelheit, zwischen Mythologie und Religion, dem Sakralen und Profanen."
Weitere Artikel: FAZ-Autor Marc Zitzmann streift in der Nuit blanche durch das Paris der Kunst. In der FRschreibt Ingeborg Ruthe zum Tod des Düsseldorfer Konzeptkünstlers Hans-Peter Feldmann, in der SZ Peter Richter.
Großer Auftrieb im Haus der Kulturen der Welt in Berlin. Der neue Intendant Bonaventure Ndikung feierte seinen Einstand und die Eröffnung des "Pluriversums", in dem westliche und nicht-westliche, archaische und moderne Weltsichten und Lebenspraktiken "in Solidarität" miteinander existieren sollen, wie Jörg Häntzschel in der SZ berichtet: "Ndikung hat dafür Kuratoren aus der ganzen Welt geholt. Dass sie jetzt an einer staatlichen deutschen Institution arbeiten, ist so bereichernd für Berlin, wie es für diese selbst auch problematisch ist. Roth legte den Finger in die Wunde, als sie zu Ndikung, der längst einen deutschen Pass hat, sagt: 'Sie sind Teil einer Täternation geworden.' Ndikung will nicht nur über die Schrecken und Folgen des Kolonialismus reden, so wie am alten HKW darüber und über vieles mehr geredet wurde, er will die abgerissenen, zerstörten Traditionen hier, mitten in Berlin, wieder rekonstruieren, spielen mit ihnen, schauen, ob der Zauber auch hier wirkt."
Juan de Pareja (ca. 1608-1670), gemalt von Velázquez Als "Wiederentdeckung des Jahres" feiert Benjamin Paul in der FAZ den afrohispanischen Maler Juan de Pareta, dem das New Yorker Metropolitan Museum eine große Ausstellung widmet. Bevor Pareja eigenständiger Künstler werden konnte, musste er als Sklaven dienen, und zwar niemand anderem als Diego Velazquez. Pareta war eine Ausnahmeerscheinung, betont Paul: "Das lag gewiss auch daran, dass er bei Velázquez eine veritable Ausbildung genossen haben muss, bevor er vier Jahre nach dem gemeinsamen Romaufenthalt freigelassen wurde. Erst danach scheint er eigenständige Werke geschaffen zu haben, die er dann auch selbstbewusst signierte. Der ihm sicher zugeschriebene Corpus umfasst gerade mal vierzehn Bilder, von denen immerhin fünf im Met versammelt sind, darunter auch mit der Berufung des Matthäus (1661) und der Taufe Christi (1667) seine Hauptwerke aus dem Prado. Bei diesen gigantischen Gemälden fällt besonders auf, dass Pareja sich stilistisch eben gerade nicht an Velázquez orientierte."
Weiteres: Willi Winkler schreibt in der SZ zum Tod der Kunstkritikerin Petra Kipphoff. Ebenfalls in der SZ empfiehlt Alexander Menden nachdrücklich die Schau "Die Befreiung der Form" der Bildhauerin Barbara Hepworth im Duisburger Lehmbruck-Museum.
Endlich guckt auch mal jemand optimistisch in die Zukunft, freut sich Jörg Restorff, der bei monopol über das New Now Festival für Digitalkunst in der Essener Zeche Zollverein berichtet. Natur und Technik werden hier nicht als Gegensätze oder Bedrohung gedacht, sondern als zwei Seiten einer Medaille. Typisch für die Ausstellung, so Restorff, "sind Installationen, die um das Leitmotiv Pflanze kreisen. Was Sinn macht, wenn man sich vor Augen führt, dass Kohle über einen Zeitraum von Jahrmillionen aus abgestorbenen Pflanzen entstanden ist. So basiert Sabrina Rattés Arbeit 'Inflorescences' zwar auf Elektroschrott aus dem Ruhrgebiet - Scans der Geräte hat die kanadische Künstlerin zum Ausgangspunkt ihrer Videos und Skulpturen gemacht. Doch geht der Technikmüll mit Phantasiegebilden, die an Pflanzen oder Pilze erinnern, eine bildschöne Synthese ein. Bei 'Neophyte - an industrial opera of plants and pioneers', dem Beitrag von Jana Kerima Stolzer & Lex Rütten, spielen sogenannte Pionierpflanzen die erste Geige. Im Gepäck von Rohstoffen aus aller Welt wanderten die Samen dieser Pflanzen einst in Essen ein und eroberten das Zollverein-Areal. In seiner Multimedia-Oper, deren Gesang durch KI kreiert wurde, vergleicht das Künstlerduo diese vegetative Besiedelung mit der Migration von Menschen."
Durar Bacri, Cactus on the roof, 2021
Kommenden Donnerstag wird im Berliner Haus am Lützowplatz "Who by Fire" eröffnet - eine Ausstellung israelischer Künstler, die in Israel offenbar keine Chance auf Finanzierung mehr hätte. Dabei ist sie wichtig, versichert Boris Pofalla in der Welt. "Extrem ist die Ausstellung nicht. Die Kunstwerke sind direkt und oft privat, aber eher symbolisch als agitativ. Ein Gemälde des in Tel Aviv lebenden, arabischisraelischen Malers Durar Bacri zeigt eine Kaktusfeige vor der Skyline von Tel Aviv. Die Feige, lernen wir, steht symbolisch für die vertriebenen Araber und Araberinnern Israels, aber auch für die neuen Bürger, die in Israel geboren wurden, nachdem ihre jüdischen Eltern dorthin eingewandert waren. Ein doppeldeutiges Bild." Und eben deshalb findet Pofalla die Ausstellung wichtig: "Sie lässt sich keiner Seite eindeutig zurechnen, stellt Perspektiven aus dem Land selbst vor, nicht die Projektion von außen."
Außerdem: Sebastian Frenzel begutachtet für monopol das neue Haus der Kulturen der Welt, das Intendant Bonaventure Soh Bejeng Ndikung vom Team bis zur Außenanlage komplett umgebaut hat und dieses Wochenende eröffnet: "Glich die typische Besucherphysiognomie früherer HKW-Ausstellungen einer Laterne - tiefgebeugt über mit Theorie und historischen Abhandlungen gefüllten Glasvitrinen - bitten im neuen HKW schwungvolle Bodenzeichnungen zum Tanz, schwirren Papierdrachen von der Decke." In der tazfreut sich Julia Hubernagel schon darauf, im HKW "postkoloniale Machtverhältnisse in den Blick" zunehmen. Und der chilenischen Künstler Bernardo Oyarzún spricht im taz-Interview über seine Installation "El Medán" über die Kultur der Mapuche.
Besprochen werden noch Cindy Shermans Ausstellung "Anti-Fashion" in der Staatsgalerie Stuttgart (SZ), eine Ausstellung mit Schätzen aus Usbekistan im Neuen Museum Berlin (Tsp) und zwei Wiener Ausstellungen von Elisabeth Wild und ihrer Tochter Vivian Suter im Mumok und in der Secession (FAZ).
Im Tagesspiegelberichtet Birgit Rieger vom Eröffnungswochenende "Acts of Opening Again" des Berliner Hauses der Kulturen. In der NZZ stellt Philipp Meier den Unternehmer Charles Drenowitz und dessen Sammlung chinesischer Kunst vor, die gerade im Zürcher Museum Rietberg ausgestellt wird.
Besprochen werden eine Ausstellung von Charlotte Salomon im Münchner Lenbachhaus (Tsp) die Ausstellungen "Tilla Durieux - Eine Jahrhundertzeugin und ihre Rollen" im Kolbe-Museum (SZ), die Ausstellung "Ufo 1665 - Die Luftschlacht von Stralsund" in der Kunstbibliothek Berlin (FAZ) und Beethovenkarikaturen im Beethoven-Haus in Bonn (FAZ).
Anaconda mit Wasserschwein. Bild: Senckenberg-Museum Frankfurt Bei der Restaurierung eines riesigen Anaconda-Präparates im Senckenberg-Museum in Frankfurt "müssen Wissenschaft, Kunst und Handwerk eng zusammenarbeiten", erfahren wir von FAZ-Kritikerin Wiebke Hüster. Die besondere Herausforderung besteht darin, dass die Riesenschlange gerade dabei ist, ein Wasserschwein zu verspeisen: "Bei der ursprünglichen Präparation musste etwa an den Wangen der Schlange improvisiert werden. Die gegerbte Haut am Maul ließ sich nicht mehr so weit dehnen, wie es für das Umschlingen des Wasserschweins nötig war. Also schnitt der damalige Präparator die Wangenhaut in Streifen und kaschierte die unbedeckten Streifen dazwischen mit Wachs, das sich dann ebenfalls bemalen ließ. Im Entstehungsjahr 1926 war die Farbfotografie noch nicht verbreitet, aber auf den um 1930 gemachten Schwarz-Weiß-Aufnahmen lässt sich durchaus erkennen, dass die Bemalung der Schlange damals ganz anders aussah als heute."
Nicht sehr spezifisch wird das ganzseitige Porträt, das Zeit-Redakteur Ijoma Mangold dem neuen Leiter des Berliner Hauses der Kulturen der Welt, Bonaventure Ndikung, widmet. Irgendwann kommt zwar auch die Rede auf seine BDS-nahen Einlassungen, die er heute bedauert (Antisemitismus und Rassismus müssten gleichzeitig bekämpft werden, betont er), aber auch seine konkreten Pläne werden nicht recht benannt. Es soll körperlich und performativ sein. Erstaunlich ist, wie bei Achille Mbembe, dass das Religiöse offenbar nicht ins Sündenregister des Postkolonialismus gehört. Fröhlich bekennt sich Ndikung zu seinem Katholizismus. Er höre jeden Morgen die Morganandacht im Deutschlandfunk: "Kurz stockt das Gespräch, als wäre nicht ganz klar, wie es von hier aus weitergehen soll. Dann sagt er: 'Ich sehe das als große Performance. All diese Rituale, die Kommunion. Schon das Wort finde ich extrem wichtig: Zusammenkommen. Der performative Vorgang par excellence. Die Idee, den Körper eines Menschen zu essen und sein Blut zu trinken, ist pervers, aber das ist Performance.' Und er breitet vor Entzücken seine Arme aus, deren Hände wie durch Zauberhand wieder alle Ringe tragen."
Weiteres: In der taz interviewt Edith Kresta Norbert Martins, der seit 48 Jahren Berliner Streetart fotografiert. Besprochen wird die Sommerausstellung der Heidi Horten Collection in Wien mit Werken von Marc Chagall, Pablo Picasso und Yves Klein (Standard).
Mauerfall oder Kreuzabnahme? Daniel Richters "Phienox". Bild: Kunsthalle Tübingen Die Kunsthalle Tübingen widmet dem Maler Daniel Richter eine große Retrospektive, und in der FAZ verfolgt Stefan Trinks jubilierend, wie sich bei Richter die Kunst mit Hilfe des Punks aus der "abstrakten Unmündigkeit" befreit: "Bis Ende der Neunzigerjahre malte er ausschließlich abstrakt, Großformate mit Pop-Art-nahen Rauschenberg-Verschlingungen oder graffitiartigen Tags in grellen Farben. Welch großartig komplexe Punk-Historienbilder er seit dieser abstrakten ersten Lebenshälfte schuf, wird erst in der umfassenden Retrospektive mit fast siebzig Werken deutlich, wie sie nun die Kunsthalle Tübingen dem einundsechzigjährigen Professor für 'Erweiterten malerischen Raum' der Akademie der bildenden Künste in Wien ausrichtet. Figürlich aber malt Richter erst seit dem Jahr 1999 und in Konfrontation mit der viel länger schon figurativen Ostkunst, weil er als abstrakter Westmaler in der epochalen Wolfsburger Ausstellung 'German Open' Neo Rauch mit dessen Traumfigurenpanoptikum im selben Saal gegenübergestellt werden sollte - was er ablehnte, dabei realisierend, wie abgehalftert und leer die Gesten des abstrakten Expressionismus mittlerweile geworden waren."
In der SZ versucht Thomas Kirchner, sich einen Reim auf die Aktionen des niederländischen Kollektiv Kirac zu machen, das Michel Houellebecq mit dem berüchtigten Pornofilm vorführte. Unter dem Label Keeping it Real Art Critics stellen die beiden Kunst-Aktivisten Stefan Ruitenbeek und Kate Sinha immer wieder den Betrieb bloß, Galeristen, Kuratoren oder ihrer Meinung nach zu hoch gehandelte Künstler. Sympathisch ist ihm das nicht: "Was Kirac machen, ist beides, Kunstkritik und kritische Kunst. Die Methode ist dem Reality-TV entlehnt. Die Objekte der Kritik werden genötigt, bedrängt, Kamera und Mikrofon bleiben an, auch wenn die Betroffenen längst um Schonung gebeten haben. Es geht darum, Emotionen zu wecken; das unterhält die Zuschauer, die zudem wissen wollen, wer das nächste Mal dran ist. Man schaut und schaut, abgestoßen und angezogen. Immer bleibt ein Misstrauen: Meinen sie das ernst? Was meinen sie überhaupt?"
Im FAZ-Interview mit Marlene Grunert beschreibt Steven Lavine, der langjährige Leiter des California Institute of the Arts, wie die künstlerische Freiheit in den USA immer weiter eingeengt wird: Dem Aktivismus der einen Seite stehen von der anderen Gesetze gegen Vielfalt, Gleichberechtigung und Integration gegenüber: "Substanzielle Eingriffe kommen überwiegend von der republikanischen Rechten. Es gab aber auch schon Fälle, in denen Künstler von links angegriffen wurden. Ihnen wurde etwa vorgeworfen, die eine oder andere Minderheit nicht ausreichend zu würdigen. Es gibt einen Druck, explizit politische Kunst zu machen, der schon für sich genommen repressiv ist. Er schrumpft den unabhängigen Raum, in dem ein Künstler grundsätzlich agiert."
Besprochen wird die Ausstellung zu Tilla Durieux im Georg-Kolbe-Museum Berlin (SZ).
Im Tagesspiegelschreibt Bernhard Schulz zum Tod Ilya Kabakovs, der zusammen mit seiner Frau Emilia zu den bedeutendsten Künstlern der Sowjetunion zählte, in der Berliner Zeitungwürdigt ihn Harry Nutt als Pionier der Konzeptkunst.
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