Zum einzigen Ergebnis weitergeleitet

Heute in den Feuilletons

Die armen Wagner-Regisseure

Die kommentierte Kulturpresseschau. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
02.07.2012. In der NZZ meldet György Dalos: In Ungarn werden Freiheitsplätze jetzt nach Reichsverweser Horthy umbenannt. In der Welt führt Dalos seine Vorwürfe weiter aus. In der FR nennt Claus Leggewie die Forderung Martin Mosebachs nach Wiedereinführung einer religiösen Zensur frivol und schlägt statt dessen einen freiwilligen Verzicht auf böse Gedanken vor. Die FAZ hat einen Piraten gefunden, der in der Gema ist. Und der vierte Teil der "Ice Age"-Serie mit der Oma von Faultier Sid kommt besser an als der vierte Teil des Münchner "Rings" mit Hagens Callgirls.

NZZ, 02.07.2012

Der Schriftsteller György Dalos kann berichten, wie Fidesz und Jobbik nicht nur an der Rehabilitierung faschistischer Autoren arbeiten, sondern auch vor dem Hitler-treuen Reichsverweser Miklós Horthy nicht halt machen: "Im April dieses Jahres entschied sich auf das Betreiben der rechtsextremistischen Partei Jobbik die Selbstverwaltung der Gemeinde Gyömro in der Nähe der Hauptstadt Budapest, den früheren Szabadság-tér (Freiheitsplatz) nach Horthy zu benennen. Eine Woche später wurde im südungarischen Dorf Kereki eine Holzstatue Horthys aufgestellt. Schließlich kam es Mitte Mai im Reformierten Kollegium von Debrecen zur Einweihung einer Gedenktafel für Horthy, der einst Schüler dieser Lehranstalt gewesen war."

Weiteres: Den Abschluss des "Rings" an der Bayerischen Staatsoper München findet Peter Hagmann musikalisch zwar höchst niveauvoll, szenisch aber heillos konventionell. Der Schweizer Ökonom Wolfgang Schürer würde in Universitäten gern wieder "Schulen eigenständigen Denkens" sehen und nicht bloße Ausbildungsbetriebe. Alfred Zimmerlin schreibt zum Tod des Schweizer Komponisten Eric Gaudibert.

FR/Berliner, 02.07.2012

Aus der FR, in der Kultur inzwischen unter "Weitere Ressorts" zu finden ist:



Der Politologe Claus Leggewie nennt Martin Mosebachs Forderung, um der Qualität der Kunst willen wieder eine religiöse Zensur einzuführen, frivol. Er mahnt ihn auch, nicht allzu sehr mit islamistischen Fanatikern zu kokettieren, die Mosebach für ihren Schmackes bewundert, wendet sich dann aber doch auch gegen die Mohammed-Karikaturen: "Diese waren nicht nur eine Geschmacksverletzung, die in ihrem Glauben gefestigte Muslime souverän durch Nicht-Beachtung strafen, sondern auch ein gezielter Akt populistischer Unruhestiftung, ein Zündeln am multireligiösen Pulverfass." Leggewie plädiert am Ende für einen opportunistischen Verzicht aufs Risiko: "Man darf alles sagen, was unterhalb der Gewaltschwelle angesiedelt ist, aber man muss es nicht."

Welt, 02.07.2012

Ungarn rückt immer weiter nach rechts und ungarische Politiker - nicht nur von der rechtspopulistischen Jobbik, sondern auch Fideszmitglieder wie Präsident Viktor Orbán und Parlamentspräsident László Kövér - fördern diesen Trend nach Kräften, erklärt György Dalos im Interview: László Kövér "gehörte früher zum Apparat des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei. Offensichtlich hat er ein erhöhtes Bedürfnis, seine Loyalität gegenüber dem neuen System zu beweisen. Dieser Mann hat schon bis jetzt durch seine hemmungslose Rhetorik immer wieder für böses Blut gesorgt. Er ist immerhin Mitbegründer der Fidesz, bewegt sich aber immer weiter in Richtung der rechtsextremen Jobbik." (Hier ein ausführlicher Bericht über die Lage in Ungarn, der vor zwei Wochen in der Presse erschien.)

Außerdem: Henryk M. Broder versteht nicht, dass der "sogenannte Westen" sich über ihr eigenes Kulturerbe zerstörende Islamisten in Mali wundert. Mara Delius berichtet von einer Berliner Tagung über "Kulturen des Bruchs", wo es um die Frage ging: "Was passiert mit einer Gesellschaft, wenn sie, so historisch fixiert, ihre Kultur zu einer Erhaltungskultur werden lässt, in der es statt um Zukünftiges und Nichtgekanntes nur um das Verwalten gemachter Erfahrungen geht?"

Besprochen werden Andreas Kriegenburgs Münchner Inszenierung der "Götterdämmerung" als "müde Parabel auf die Euro-Krise", so Lucas Wiegelmann, und der vierte Teil von "Ice Age" (Faultier Sid bekommt von seinen Eltern die Oma aufgehalst, erzählt Daniel Kothenschulte: "Tatsächlich erfreut sich die anstrengende Faultierdame bester Gesundheit, was nicht alle für eine gute Nachricht halten (Mammut Manni: 'Alte Zimtzicken leben am längsten')").
Anzeige

Aus den Blogs, 02.07.2012

Die Pianistin Kimiko Ishizaka hat für das Projekt Open Goldberg Variations ihre Interpretation der "Goldberg-Variationen" frei ins Netz gestellt und lädt zu Variationen und Mash-Ups ein wie dieser Interpretation der Interpretation der "Aria" durch eine Reise in in die Ornamentik des Fraktalen:



Schriftsteller und BoingBoing-Blogger Cory Doctorow, gebürtiger Kanadier, ist sehr unzufrieden mit dem neuen Einwanderungstest in Britannien. Warum soll man alle Stücke von Shakespeare aufzählen können? "It'd be far more useful, for example, to teach us that when you turn on the BBC's 'Today in Parliament' and hear the back-benchers braying a kind of well-bred, adenoidal 'hnnneagh, hnnneagh' that this is the way what antique posh people say 'hear, hear!' and not some kind of mass-poisoning."

TAZ, 02.07.2012

Volkhard Knigge beklagt die Abwicklung des Freiburg Institute for Advanced Studies, das seinen Exzellenz-Status nicht halten konnte und sieht darin einen weiteren Beleg für die von vom großen Klaus Heinrich befürchtete "Geistlosigkeit der Universitäten": "Sklerosen in Gesellschaft und Wissenschaftsbetrieb aufbrechende geisteswissenschaftliche Forschung hängt nicht zuletzt von der Bereitschaft ab, sich selbst und sein Denken zur Disposition zu stellen."

Weiteres: Thomas Groh berichtet von einer Berliner Konferenz zu David Lynch. Rudolf Walther war auf einer Tagung zur Politisierung der Wissenschaft im Nationalsozialismus.

Auf der Seite zwei berichtet Dominic Johnson von den Verwüstungen, die die Islamisten in Mali anrichten: "Seit Samstag früh sind islamistische Eiferer in der berühmtesten Stadt Malis dabei, systematisch alle 16 Mausoleen und Grabstätten zu zerstören, in denen die Heiligen Timbuktus begraben sind und verehrt werden."

Und Tom.

SZ, 02.07.2012

Jens-Christian Rabe hat sich bei Gema und Clubbetreibern genauer informiert, wie stark die Gebühren nach Umsetzung der umstrittenen, für 2013 vorgesehenen Abgabenreform steigen würden, und reibt sich verwundert die Augen angesichts der Kostenzuwächse, die schon kleinere Veranstaltungsorte hinnehmen müssten. So würden "Tariferhöhungen von 500 bis 1000 Prozent" in anderen Branchen kaum "klaglos hingenommen". Bereits "im Fall eines Clubs mit einer Größe von nur 200 Quadratmetern, einem Eintritt von 10 Euro und 200 Gästen an einem Abend" umfassen die geforderten "zehn Prozent des Eintrittserlöses oft den gesamten Tagesgewinn."

Weiteres: Niklas Hofmann berichtet von einer Debatte, ob auch für Suchmaschinen, bzw. deren Suchergebnisse verändernde Algorithmen das Recht auf freie Meinungsäußerung gilt, die Tim Wu hier in der New York Times losgetreten hat (Entgegnungen findet man hier bei Ars Technica, hier beim Cato Institute und hier von Cory Doctorow auf BoingBoing). Ira Mazzoni freut sich, dass mit dem Markgräflichen Opernhaus in Bayreuth "ein weitgehendes unbekanntes, aber gut behütetes Kleinod" zum Weltkulturerbe erklärt worden ist. Johan Schloemann glaubt, dass die Bundeskulturstiftung mit der Berliner Tagung "Kulturen des Bruchs" auch demonstrieren wollte, dass sie "die gesamte feuilletonbekannte Intelligenz des Landes aufkaufen" könne: "Eine Art Klassentreffen". Martin Z. Schröder gratuliert der Insel-Bücherei zum hundertjährigen Bestehen. Rainer Gansera sieht beim Filmfest in München neue deutsche Filme. Walter Grasskamp schreibt den Nachruf auf den Künstler Norbert Prangenberg.

Besprochen werden neue DVDs, der letzte Teil der großen "Ring"-Aufführung an der Bayerischen Staatsoper in München, eine Ausstellung mit Bastelarbeiten von Alexandra Bircken im Hamburger Kunstverein und Bücher, darunter ein Berliner Spaziergang-Tagebuch von Dieter Hoffmann-Axthelm (mehr in unserer Bücherschau um 14 Uhr).

FAZ, 02.07.2012

Nicht gerade berauschend fällt Eleonore Bünings Bilanz des Münchner "Rings" aus, der mit der "Götterdämmerung" abgeschlossen wurde: Kent Nagano bleicht die Musik aus und zerdehnt sie. "Und Andreas Kriegenburgs Regie? Ja, stimmt, alles schon mal dagewesen: das durchs Feuer galoppierende Pferd und die auf Koffern sitzenden Flüchtlinge, Hagens Callgirls, Siegfrieds Anzuganprobe... Kann sein, es liegt an der derzeitigen 'Ring'-Inflation, die uns gleich zwölf neue 'Ring'-Inszenierungen an deutschen Opernhäusern beschert, dass es zunehmend immer schwieriger wird für die armen Wagner-Regisseure, originell zu sein."

Der Realschullehrer und Musiker Peter Georg erklärt, wie er es vereinbaren kann, zugleich Mitglied der Piratenpartei und in der Gema zu sein. Sein "geistiges Eigentum" will er jedenfalls geschützt sehen und mahnt seine Partei zu Realismus. Folgendes Modell scheint ihm gangbar: "Die GEZ-Gebühr wird ja schon von jedem Bürger eingezogen und wäre eine unbürokratische Möglichkeit, Geld für legal heruntergeladene Musikinhalte einzusammeln... Der private Upload urheberrechtlich geschützter Werke bleibt natürlich verboten." (Als nächstes präsentiert uns die FAZ dann wohl einen Piraten für Leistungsschutzrecht!)

Weitere Artikel: Dieter Bartetzko begrüßt die Aufnahme der Geburtskirche von Jerusalem ins Weltkulturerbe. Andreas Platthaus gratuliert der Insel-Bücherei zum Hundertsten. Klaus Ungerer verfolgt für seine Gerichtskolumne den Prozess eines Brandstifters. Der Blogger Malte Welding wendet sich gegen ein von Mode- und Werbeindustrie vorgegebenes Schönheitsideal.

Besprochen werden Bücher, darunter Elena Gorokhovas Roman "Goodbye Leningrad" (mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr).